Kontext gratuliert den Freunden vom Bodensee. Foto: Omar Wazir/Flickr, CC BY-SA 2.0

Ausgabe 318
Medien

Nur den eigenen Flausen verantwortlich

Von Pit Wuhrer
Datum: 03.05.2017
Heraus zum 1. Mai: Vor zehn Jahre erschien zum ersten Mal das Bodensee-Onlinemagazin "seemoz". In dieser Zeit haben die Macher mit ihrer Berichterstattung einiges bewegt in der Region. Und sie haben noch viel vor.

Es sollte eine große Sache werden, eine sehr große sogar: eine Monatszeitung für den westlichen Bodenseeraum, mit Reportagen, Analysen, Interviews, frechen Kommentaren, Veranstaltungskalender, mehrere Dutzend Seiten stark. Ein bisschen wie das "Nebelhorn", das während der 1980er Jahre der linken Ökoszene in der Region rund um Konstanz eine Stimme verliehen hatte. Und natürlich mit einer Website, das gehörte auch 2007 schon dazu.

Doch lange hielt der Traum nicht. Es gab keine Vertriebsstrukturen, auf die man hätte zurückgreifen können. Nicht genügend Leute, die verbindlich und regelmäßig die Artikel geschrieben und auch noch die Seiten gestaltet hätten. Und schon gar nicht das Geld für den Druck. Aber deswegen aufgeben? Das kam für Holger Reile und Hans-Peter Koch nicht in Frage. Und so entschieden sie sich, zunächst einmal mit der Website zu beginnen, die den Namen bekam, den das Gesamtprojekt hätte tragen sollte: See-Monatszeitung, kurz "seemoz.de". Das war vor zehn Jahren.

Keine Bodenseezeitung berichtet, was wirklich relevant ist

Was trieb die beiden dazu, so ein Projekt anzugehen? Die große Zeit, als überall in der Republik lokale Piratenradios und Stadtzeitungen entstanden, lag schließlich über ein Vierteljahrhundert zurück. "Wir wollten hier am See eine Gegenöffentlichkeit schaffen", sagt Koch. Der heute 71-Jährige war damals nach Konstanz gekommen und entsetzt über das, was die Medienlandschaft bot. "Da gab es den konservativen 'Südkurier', die nicht minder reaktionäre 'Schwäbische Zeitung' und ein paar Anzeigenblätter", erinnert sich der frühere Wirtschaftsredakteur, PR-Manager, langjährige Betriebsratsvorsitzende bei Unilever und Sachbuchautor, der zehn Jahre auf den Kanarischen Inseln verbracht hatte. "Und keine dieser Zeitungen berichtete, was vor Ort wirklich relevant war."

Also tat er sich mit Holger Reile zusammen, "der sich in der Region richtig gut auskannte". In der Tat: Reile, heute 63, hatte in den 70er Jahren die Konstanzer Szenekneipe S'beese Miggle betrieben, war Mitbegründer des Regionalmagazins "Nebelhorn" gewesen, einige Jahre für die Grünen im Kreistag gesessen und hatte sich ab 1985 als Reporter für Radio-, TV- und Printmedien einen Namen gemacht. Zu den beiden stieß noch der Mediendesigner Andreas Danielowski, der die Gestaltung übernahm.

Die Anfänge waren mühsam. Ohne jede Bezahlung setzte die "seemoz"-Redaktion täglich ein, zwei Beiträge ins Web. "Niemand gab uns eine Chance", erinnert sich Reile, "'das erste Jahr überlebt ihr nicht', hatte es oft geheißen." Wie sollte so ein Freizeitprojekt auch jemals auf die Beine kommen? Doch es gab Unterstützung. Je länger sich der "Südkurier" weigerte, Initiativen, Aktionen, Demos oder Veranstaltungen des linksökologischen Spektrums wahrzunehmen, desto wichtiger wurde die Alternative. Dass sich das Monopolblatt am westlichen Bodensee in zentralen lokal- und regionalpolitischen Belangen wie dem geplanten Bau eines überdimensionierten Konstanzer Kongresszentrums, bei Stuttgart 21 oder den Arbeitsbedingungen am Konstanzer Klinikum offen auf die Seite der Mächtigen schlug, tat ein übriges.

"Seemoz" wurde wahrgenommen. Die Klickraten nahmen zu, die Bannerwerbung auf den Seiten brachte anfangs wenig, später etwas mehr Geld, eine Spendenkampagne stockte das Budget auf. Bald schon erschienen werktags mindestens drei Artikel oder Veranstaltungshinweise, manchmal fünf. Und es entstand ein Förderkreis, der Aufkleber anfertigen ließ, Flyer produzierte, Plakate aufhängte (Slogan: "Weil die Stadt uns allen gehört") und LeserInnen um Statements bat, die veröffentlicht wurden. Die Zahl der Mitarbeitenden wuchs. Auch aus der Schweiz mehrten sich Beiträge über Entwicklungen im "befreundeten Ausland". Es gab ja auch immer mehr zu berichten. Über die Umtriebe der extremen Rechten, über die Rüstungsindustrie am See, über voreilige Baumrodungen am Seerhein, über die Nazi-Vergangenheit regionaler Größen, über die unrechtmäßige Entlassung eines Chefarzts, über OB-Wahlen oder über das geplante ECE-Einkaufszentrum in Singen am Hohentwiel.

Maultaschenpreis für beschäftigtenfeindliche Unternehmen

Es fehlte auch nicht an Erfolgen. So lehnten die KonstanzerInnen – nicht zuletzt dank seemoz – das Kongresshausprojekt am See ab. Die katholische Kirche entschied – auch aufgrund der "seemoz"-Berichterstattung – gegen den geplanten Abriss eines denkmalgeschützten Gebäudes. Der Skandal um den Anfang 2011 geschassten Chefarzt zog weite Kreise. Und als der Südkurier im April 2016 den lokalen Kulturredakteur Michael Lünstroth wegen eines Kommentars, der die Verwaltungsspitze kritisierte, mit Schreibverbot belegte, wurde das auch wegen "seemoz" zu einem Politikum, das weite Kreise zog.

Die Lünstroth-Geschichte hat dem Onlinemagazin die vielleicht höchste Clickrate seiner Geschichte beschert. "Bis zu 6000 Leute wollten damals täglich wissen, was Sache ist", sagt Reile. Andere Berichte aus der Arbeitswelt stoßen – wie eine LeserInnenumfrage Ende 2015 ergab – zwar nicht auf dasselbe Interesse, sind aber fester Bestandteil der Berichterstattung. So reportiert seemoz regelmässig über den Konstanzer Maultaschenpreis für besonders beschäftigtenfeindliche Unternehmen – den der Südkurier auch deswegen nicht erwähnt, weil er selber mal den zweiten Platz belegte.

Aber verstellt die dezidiert linke Orientierung des Magazins nicht den Zugang zu breiteren Kreisen? Immerhin sitzt Reile seit 2009 für die Linke Liste Konstanz im Gemeinderat, Koch ist Vertreter der Linken im Kreistag. Offenbar nicht. Die rund 140 Unterstützer-Statements, die auf seemoz in der Rubrik "Testimonials" nachzulesen sind, kommen aus vielen Bereichen. Sie sind nicht nur von Betriebsratsvorsitzenden, aktiven Gewerkschafterinnen, links-grünen Aktivisten und grünen LokalpolitikerInnen verfasst. Sondern auch von den Intendanten von Philharmonie und Stadttheater, vom Leiter der Konstanzer Museen und der kommunalen Kulturmanagerin, von Anwältinnen und Uni-Professoren, von Ärzten, Schriftstellerinnen sowie einem Fasnachter.

"'Seemoz' redet nicht kaptialkräftigen Strippenziehern das Wort"

Und nicht zuletzt von ehemaligen "Südkurier"-Redakteuren. Tenor: Wir sind zwar nicht mit allem einverstanden, aber "seemoz" ist unverzichtar. O-Ton: Man könne sich "darauf verlassen, dass 'seemoz' nicht den kapitalkräftigen Strippenziehern in Konstanz das Wort redet" (der frühere "Südkurier"-Sportredakteur Lutz Rauschnick), dass das Magazin "nicht dem Zeitgeist hinterher rennt" (der langjährige "Südkurier"-Chef-vom-Dienst Dieter Seewald), dass es gefährlich ist, "wenn ein einziger Verlag bestimmt, was zur Nachricht wird und was nicht" (der ehemalige Lokalredakteur Lünstroth).

Ist also alles bestens? Natürlich nicht. Zwar schreibt inzwischen der Journalist Harald Borges mit feiner Ironie über die Konstanzer Ratssitzungen, zwar erscheinen auf "seemoz" regelmäßig ausgezeichnete Kulturbeiträge (unter anderem von Jochen Kelter) – aber es fehlt weiter an MitarbeiterInnen, vor allem in den anderen Städten der Region. Frühere Vorhaben, jüngere Leute heranzuführen und auszubilden, sind im Alltagsgeschäft versandet. Analoge Öffentlichkeitsarbeit, auf die auch digitale Medien angewiesen sind (und die es einst etwa in Form von Infoständen gab), ist momentan kaum vorhanden. Und für ihre tägliche Arbeit können sich die beiden "seemoz"-Macher Reile und Koch trotz Spenden und gestiegener Banner-Einnahmen immer noch nur 500 Euro monatlich auszahlen.

Aber vielleicht wird jetzt manches besser. Im vergangenen Jahr gründete sich ein "seemoz"-Verein, der die Herausgabe übernehmen und – so ein Beschluss der Mitgliederversammlung am vergangenen Mittwoch, 26. April 2017 – die Gemeinnützigkeit beantragen will. Vieles könnte dadurch professioneller organisiert werden: die Budgetplanung zum Beispiel, die Anzeigenakquise, die Eigenwerbung. Und die Öffentlichkeitsarbeit – etwa in Form von Bildungs-, Kultur- und Polit-Veranstaltungen. "Damit werden wir ebenfalls zur Gegenöffentlichkeit im Bodenseeraum beitragen", sagt Hans-Peter Koch.

Dennoch wird wohl eine Weile lang bleiben, was die "seemoz"-Redaktion bereits zum ersten Jahrestag am 1. Mai 2008 so formulierte: "Wir sind unabhängig, frei und unterbezahlt, nur unseren eigenen Flausen verantwortlich."

 

Pit Wuhrer schreibt gelegentlich für "seemoz".


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3 Kommentare verfügbar

  • Holger Reile
    am 07.05.2017
    Werter Herr Neidhart,
    Wenn Sie uns schon der "Linkszensur" bezichtigen, dazu doch einige Anmerkungen. Wäre das wirklich so, würden Sie nicht zu unseren eifrigsten Kommentarschreibern zählen, und das seit langen Jahren. In der Region sind Sie ja bekannt als ein reger Geist, der mit seinen Kommentaren nahezu alle Redaktionen zuschüttet. Auf seemoz befinden sich viele Einschätzungen Ihrerseits, die wir auch immer veröffentlicht haben, wenn Sie etwas mit dem jeweiligen Text zu tun hatten. Allerdings pflegten Sie in den zurückliegenden Monaten die Unsitte, das nochmal zu formulieren, was andere schon geschrieben haben, und das brauchts ja nun wirklich nicht. Mit Verlaub: Kämpfen Sie gegen ein Aufmerksamkeitsdefizit? Was bei unseren LeserInnen auch nicht gut ankommt, ist Ihre Art, anderen Kommentarschreibern, die Sie als unsere "Schreibequippe" bezeichnen, zu erklären, sie hätten ja sowieso keine Ahnung. Schön wäre, bei Ihnen griffe alsbald ein klein wenig Selbstkritik. Das soll bisweilen helfen.
    Mit freundlichen Grüßen
    Der "alternde" seemoz-Redakteur
    Holger Reile
  • Bruno Neidhart
    am 04.05.2017
    Man muss schon wissen, dass diese elektronische Postille aus Konstanz sehr links-zensiert ist. Macht nichts. Mit: "was wirklich relevant ist" im Uni-Städtchen - und etwas darüber hinaus in der schönen Bodenseelandschaft - wird bereits ultimativ darauf hingewiesen. Damit vebunden ist verständlich auch die Suche nach "Feinden", welche dieser "Relevanz" nicht unbedingt viel abgewinnen können, auch wenn einige hübsche und wichtige Beiträge eine offene "Gegenöffentlichkeit" finden mögen. Dass die hiesige Tagespresse und weitere Standardblätter der Region in das Feindbild passen ("konservativ" und/oder "reaktionär"), erklärt sich von selbst. Zur angepeilten feindlichen Zielgruppe gehört derzeit besonders auch der Konstanzer OB. Auf Dauer eine ewig langweilige Posse. Auch die "Hochkultur" wird trotz sinnvoller Borges-Beiträge für die beiden alternden Macher dann zum Problem, wenn es zum Beispiel tatsächlich - über "S'beese Miggle" hinaus! - ernst wird, der erfolgreichen hiesigen Philharmonie (und anderen Musik-Kulturnutzern) endlich ein zweckmässiges Haus zu bauen. Das derzeit erklärte Konzerthaus stammt tatsächlich noch aus der Konstanzer Konzilszeit (1414-18!). Und somit müsste auch über das Verhältnis zur Kirche geschrieben werden. Da läuft die Redaktion jeweils zur Höchstform auf. Na ja, ist halt so, nicht schlimm. Grundsätzlich erscheint so ziemlich alles schlecht zu sei und zu laufen, was sich in Konstanz abspielt. Prädikat: "Nicht lebenswert". Es ist dies die Krux der Postille. Und schade. Auf diese Aussage springt dann noch regelmässig eine bekannte Schreibequippe auf, die der anvisierten "Relevanz" tüchtig - manchmal haaresträubend - beipflichtet. Damit unterscheidet sich das kleine Internetblättchen allerdings nicht von den so arg bescholtenen grossen Medien. Die Frage könnte vielleicht noch gestellt werden, wo mehr zensiert wird, um die "erklärte eigene Relevanz" nicht zu gefährden, um sich zu positionieren. Ist sogar verständlich. So gesehen sitzen Koch+Reile wahrlich nicht in der letzten Reihe. Was für den aufmerksamen Leser bleibt, ist das selbständige Finden gesellschaftsbezogener Inhalte aus ganz verschiedenen Medien unterschiedlicher Relevanz für den persönlichen Gebrauch, letztlich für ein positives Engagement in die Gesellschaft hinein. Einseitigkeit macht blind (Ein Verein zementiert das noch).
    • Bruno Neidhart
      am 08.05.2017
      Ich meine nicht, dass ich H.R.+Co. in den vergangenen Monaten unsinnig "zugeschüttet" habe. Wer Sie hingegen in Ihrem Interesse "zuschütten" darf, wissen Sie selbst. Nicht verboten. Dass Sie "zensieren", auch nicht. Ist Ihre Sache. Mehr ist dazu nicht zu vermelden. Das Vorliegende schrieb ich übrigens an "KONTEXT".

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