Ausgabe 357
Editorial

Kopf im Gully

Von unserer Redaktion
Datum: 31.01.2018

Walter Sittler ist "zum Verzweifeln" zumute. Was ist los? Zu viel Dreh, zu wenig Yoga? Weder noch. Stuttgart 21 setzt ihm zu, dem Schwabenstreicherfinder. Keine überregionale Zeitung berichte über Alternativen zum "Weiter so", klagt der prominente Schauspieler, die Stuttgarter Blätter nicht und der SWR auch nicht. Und er fragt, warum die Journalisten nur wiederholen und wiederholen, was die Bahn behauptet. Dass ein Abbruch teurer käme als ein Weiterbau – "durch nichts untermauert". Eine Verschwörung mag er nicht sehen, nur "Schlamperei und Unlust", aber eine Antwort hätte er schon gerne auf die Frage, wie man Journalisten dazu bringen könne, "wenigstens ansatzweise alle Seiten zu betrachten". Dem Mann sollte geholfen werden.

Wenn der "Stern"-Autor Arno Luik in diesen Tagen schreibt, der unterirdische Bahnhof sei "rational nicht mehr erklärbar", dann hat das auch mit der Berichterstattung darüber zu tun. Lange, viel zu lange haben sich die baden-württembergischen Altmedien (nicht nur die Stuttgarter) darin gefallen, das Projekt zu preisen. Keine Lüge der Betreiber war zu dämlich, um nicht verbreitet zu werden, unhinterfragt und vorgeblich zum Wohl der BürgerInnen, die ganz schnell von Oberschwaben zum Stuttgarter Flughafen kommen (Ivo Gönner) beziehungsweise den Kopf in den Gully stecken sollten, um von den Bautätigkeiten etwas mitzubekommen (Hartmut Mehdorn). Gewollt haben das die Verleger und Chefredakteure, nachdem ihnen die Herren Teufel, Oettinger, Mappus et. al. weisgemacht haben, dass das Jahrhundertprojekt eine Jahrhundertchance für das Land sei. Das journalistische Fußvolk hat im Wesentlichen mitgespielt. Manchen hat es Freude bereitet, manchen Grimm, manchen hat es eine neue Berufsperspektive (bei der Bahn) gebracht, manchen eine blutige Nase (von der Zensur durch den Chefredakteur).

Erst in den vergangenen Jahren, als der Käs gessa war, ist die Kritik lauter geworden. Nicht zuletzt auch ausgelöst durch den S-21-Sprecher Wolfgang Dietrich (heute VfB-Abstiegspräsident), der die Stuttgarter Blätter als seine Verkündigungsorgane betrachtet hat, und völlig perplex war, als die StZ behauptete, der Bahnhof werde 2021 nicht fertig. Es dauere bis 2022, schrieb die Zeitung und fing sich eine Klage ein. Heute sind wir bei 2025, und wir würden uns nicht wundern, wenn die Stuttgarter Zeitungsnachrichten irgendwann die Sprachregelung der Parkschützer übernehmen würden: LGNPCK.

Lieber Walter Sittler, Sie sehen: Es gibt noch Hoffnung. Selbst JournalistInnen sind nicht grenzenlos leidensfähig und ständig unter Niveau zu belügen. Manchmal machen sie sogar ihren Job. Also nicht verzweifeln, an die Kraft der Aufklärung glauben – und weiter Kontext lesen.

***

Muhterem Aras beim Neuen Montagskreis

Ja, was könnte es wohl sein, was die Gesellschaft zusammen hält? Eine Gesellschaft, die immer weiter auseinander driftet: arm und reich, Verdruss an der Politik, Rutsch nach rechts, Gerechtigkeitslücke. Trotzdem, sagt die neueste Studie der Bertelsmann-Stiftung zum "Kitt der Gesellschaft", sei Deutschland kein Land der Egoisten.

Das wird die Landtagspräsidentin Muhterem Aras (Grüne) gerne hören, die vom Neuen Montagskreis eingeladen ist, zum Thema "Der Kitt bröckelt" zu sprechen. Sie kann dabei auf ihre Erfahrungen aus ihrer Veranstaltungsreihe "Wertsachen" zurückgreifen, die sich seit einem Jahr mit dem gesellschaftlichen Zusammenhalt beschäftigt.

Die Ergebnisse der Bertelsmann-Studie wird Klaus Boehnke von der Jacobs University Bremen vorstellen. Moderieren wird Michael Zeiß. Die Veranstaltung findet am Montag, 5. Februar, 19.30 Uhr, im Stuttgarter Theaterhaus statt. Anmeldungen per E-Mail.

***

Ike hat sich in den Hundehimmel verabschiedet

Seinen großen Auftritt hatte Ike im Stuttgarter Theaterhaus. Als hätte er nie etwas anderes gemacht, trug er die Werbetafel ("Kauft dieses Buch") für unser Opus "Kontext! Fünf Jahre couragierter Journalismus" über die Bühne, von rechts nach links und von links nach rechts. Ike tat es in aller Ruhe, wie es sich für einen älteren Herrn gehört, ließ aber nie einen Zweifel daran, dass er die Strecke zielsicher bewältigen würde.

Das war am 1. Mai 2016, beim fünften Geburtstag von Kontext, und neben dem Auftritt von Max Uthoff gewiss ein Höhepunkt. Ike war schon damals zwölf Jahre alt, also eigentlich 80, und wurde danach nicht jünger. In der Redaktion lag er meistens flach auf seiner Decke. Und wenn er seiner Chefin Anna Hunger folgte, was er bis zuletzt probierte, schnaufte er schon ziemlich schwer. Insofern verstehen wir seinen Abgang in den Hundehimmel. Aber hier unten fehlt er halt.


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9 Kommentare verfügbar

  • BB - 8
    am 05.02.2018
    Machs gut, Ike <3
  • Schwa be
    am 05.02.2018
    Kopf im Gully - "Eine Verschwörung mag er nicht sehen, nur "Schlamperei und Unlust",...".
    In diesem Satz bzw. in dieser Formulierung steckt m.E. eine erschreckende Botschaft/Offenbarung von/über Walter Sittler.

    Walter Sittler versteht anscheinend nicht warum so einseitig berichtet wird und kommt offensichtlich zu dem Ergebnis das es mit "Schlamperei und Unlust" zu tun haben muss. In diesem Zusammenhang das Wort "Verschwörung" zu benutzen unterstreicht seine Einschätzung von "Schlamperei und Unlust" und diskreditiert gleichzeitig jeglichen anderen Lösungsansatz für die einseitige Berichterstattung von vorne herein als unseriös. Das benutzen des Wortes "Verschwörung" lässt nämlich m.E. für den unbedarften Leser in diesem Zusammenhang den Schluss zu, dass es sich bei der persönlichen Erkenntnis von Sittler - "Schlamperei und Unlust" in den Redaktionsstuben - um die einzig mögliche, also um eine "alternativlose" handelt.
    Eine aufklärende Diskussion hinsichtlich m.E. bewusster Manipulation der öffentlichen Meinung wird durch solch fatale Verbindungen von Begriffen erschwert bis fast unmöglich gemacht. Die Aussagen von Sittler halte ich deshalb für naiv und gefährlich!

    Doch KONTEXT wäre nicht KONTEXT (und darüber bin ich immer wieder froh) gäbe Sie Walter Sittler nicht eine (m.E. KONTEXT-typische) Antwort für seine Ahnungslosigkeit mit auf den Weg. In Ihrem Editorial "Kopf im Gully" bringt die KONTEXT-Redaktion Begriffe miteinander in Verbindung die m.E. der Wahrheit näher kommen. Nämlich "verantwortliche Politiker", "Zensur durch den Chefredakteur" und "blutige Nasen" (was m.E. zu harmlos ausgedrückt ist) von Redakteuren.

    Auch der Vorkommentator Fritz Meyer (dem ich voll zustimme) gibt Walter Sittler die Antwort für seine Naivität. Sollte sich Walter Sittler jedoch auch dadurch nicht von seiner für ihn alternativlosen Erkenntnis abbringen lassen (was zu befürchten ist als Grünen-Sympathisant/Verehrer) könnte er sich auf den www.nachdenkseiten.de weiterbilden.
    • Helga Moseler
      am 05.02.2018
      Köstlich, einfach köstlich! Ihre Mutmassungen?! Mögen Sie auch weiterhin "Linke Politik" propagieren, Kurs bei "Agitprop." absolviert (?), und dies seit vielen Monaten hier kundtun; Fakt ist:

      "S21" wird weiter gebaut, koste es, was es wolle.

      Und, wenn es dann einmal tatsächlich gestoppt werden sollte, bekommt Stuttgart. das, was es durch seine "kritischen Vernunftbürger" verdient hat:

      Eine zetstörte Innenstadt! Der Rest der Republik wird sich daran noch lange weiden. Ein "Hoch" auf die "Wutbürger" im Ländle.
  • Fritz Meyer
    am 01.02.2018
    Unsere grösseren Zeitungen in der Region gehören eben alle nur noch einem Medienkonzern. Und der lässt natürlich nur noch das Schreiben, was seine Spezis im Landtag gut finden. Denn dort herrscht eh seit Jahren die breite Einheitsfront - durch alle Parteien - für S21. Koste es uns Steuerzahler, was es wolle.
  • Peter Boettel
    am 31.01.2018
    Ich kann Walter Sittler gut verstehen. Unsere gleichgeschalteten Medien bringen lieber tagtäglich die blöde Visage von Trump oder das Gezerfe zwischen Strobl und Reinhard in der CDU, während die eigentlichen Probleme außen vor gelassen werden.
    Dass die Union sich nicht an die Koaltionsverträge hält, ist aus der letzten Wahlperiode des Bundestages hinlänglich bekannt. Nur hat sich dort die SPD völlig über den Tisch ziehen lassen und ihrerseits allem Unsinn wie PKW-Maut oder Autobahnprivatisierung, Vorratsdatenspeicherung etc. zugestimmt ohne dagegen aufzubegeheren.
    • Lotte Hübner
      am 31.01.2018
      Obwohl mir die Zeitungsmisere in Deutschland auch nicht gefällt sollte das Wort "gleichgeschaltet" vermieden werden. Solle Verhältnisse haben wir zum Glück hier noch nicht: https://de.wikipedia.org/wiki/Gleichschaltung
    • Michael Kuckenburg
      am 31.01.2018
      Sie wissen aus der deutschen Geschichte vermutlich, was "gleichgeschaltet" heißt und welchen Vorwurf Sie damit erheben.
      Zum Glück gilt aber auch: Wer gackert, muss auch legen. Also:
      WER (bitte konkret) schaltet die Medien (alle? wenn nicht: welche Teile?) gleich?
      MIT WELCHEN MITTELN geschieht das? (Wenn Sie auch hier bitte möglichst konkret...)
      WARUM gehen die Zigtausende gleichgeschaltete Journalisten - und ihre Gewerkschaft! - nicht damit an die Öffentlichkeit?
      Gespannte Grüße.
      (Wenn Sie sich auf Pauschalaussagen zurückziehen möchten: Dann lassen Sie's lieber. Spricht dann auch für sich.)
    • Hartmut Hendrich
      am 02.02.2018
      Um es vorweg zu sagen: Ja, der Begriff der gleichgeschalteten Presse ist nicht korrekt und weckt falscher Assoziationen. Und was noch schlimmer ist, derartige Vergleiche hinken oft und verharmlosen meist die Verbrechen des Nazi-Regimes .
      Was aber jedem halbwegs gebildeten und ein wenig politisch interessierten Medienkonsumenten auffallen müßte, ist, dass nicht gleichgeschaltet, jedoch gleichgerichtet, die veröffentlichte Meinung zu elementaren Themen hart an der Wahrheit vorbeischrammt. Dass alle Mainstream-Medien durch Auslassung und Verbiegen von Fakten ein nahezu einheitliches Weltbild zusammenzimmern gibt natürlich Rätsel auf.
      Nur wird das Faktum der gleichgerichteten Propaganda, denn um solche handelt es sich, nicht dadurch widerlegt, dass man uns vorhält, es gäbe doch wohl kaum eine Instanz, bei der man sich frühmorgens die Tagesparolen abholt, um sie dann zu verbreiten. Was die vielen Medienschaffenden korrumpiert oder verblödet, beschäftigt mich seit Jahren. Einiges lässt sich durchaus erklären, Anderes nicht. Die Propaganda aber, die teils plump, aber auch sehr subtil die Menschen
      manipuliert und auch durchaus kriegstreiberische Absichten transportiert, ist in der Wirkmächtigkeit mit einer gleichgeschaltenen Presse durchaus zu vergleichen.
      Hier wundert mich, dass der Leser Michael Kuckenburg den nicht angemessenen Begriff „gleichgeschaltet“ geiselt, die ebenso gefährlich manipulativ auftretenden Medien aber unerwähnt läßt. Aber vielleicht ist man doch eingenordet, wenn man von Günther H. Öttinger ein Verdienstkreuz am Bande angehängt bekommt.
  • Ruby Tuesday
    am 31.01.2018
    Wer heute zum Beispiel den Südkurier durchblättert findet halb- oder ganzseitige Werbeanzeigen der Verlegerinitiative "jedeswortwert.de" TEXT: FAKE-NEWS VERPESTEN DAS KLIMA! ICH WILL JOURNALISMUS MIT VERANTWORTUNG. DESWEGEN LESE ICH MEINE REGIONALE TAGESZEITUNG. Alles in Versalien. Da bleibt eben kein Platz für gute Berichterstattung. Wer das Verleger-Netzwerk näher betrachtet, kann bald erkennen, dass eben kein Platz bleibt für wichtige gesellschaftliche Themen. Wer dann noch sieht, wie der SWR zum Dauerwerbesender der Autoindustrie mutiert ist, kein Kommissar fährt inzwischen ein Auto, das nicht hochglanzpoliert aus der neuesten Produktion stammt, der kann doch sehen, woher der Wind weht. Was fährt Walter Sittler doch gleich für ein Auto in seinen TV-Produktionen? Also Kopf hoch und fleissig Kontext, taz- und seemoz lesen!

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