Ausgabe 356
Editorial

Ganz ohne Häme

Von unserer Redaktion
Datum: 24.01.2018

Das Bild ist einfach zu schön, um in der Ablage zu verschwinden. Dieter Zetsche und Arnold Schwarzenegger, der Daimler-Boss und der Terminator, beide mit Cowboyhut und einem Grinsen im Gesicht, als planten sie den nächsten Bankraub. Daneben das Fluchtfahrzeug, die Mercedes G-Klasse, ein aus der Zeit gefallener Spritschlucker. "Echte Kerle" eben, wie die Stuttgarter Blätter meldeten. Wir wollten schon mit der ganzen Häme, die uns zur Verfügung steht, über den Event in Detroit herfallen. So nach dem Motto: Zwei Obermachos saufen auf die Männerfreundschaft, #MeToo-Debatte hin oder her, und der Kretschmann soll weiter in seiner "Sardinenbüchse" (S-500 Plug-in-Hybrid) schmachten.

Alles falsch. Der Ex-Gouverneur ist nämlich ein Grüner und fährt diese G-Klasse – elektrisch. Schwarzenegger hat sich das Gefährt von der Grazer Firma Kreisel Electric, einem Batterie-Start-up, umrüsten lassen und braust damit durch Kalifornien. Mit 490 PS, von null auf hundert in 5,6 Sekunden und 300 Kilometer bis zur nächsten Steckdose. Das erwarte er auch von Daimler, ließ der gebürtige Grazer den Daimler-Boss wissen, der sagte, was er in diesen Tagen immer sagt: Irgendwann werde die gesamte Produktpalette elektrisch sein. Die Frage ist nur wann? Bei der Lektüre von Jürgen Lessats Text "Billige Propaganda", wird man den Eindruck nicht los, dass das noch länger dauern könnte.

Anderer Ort, andere Bühne, scheinbar anderes Thema. Attac-Kongress in Karlsruhe, im Tollhaus, mit dem Motto: "Was tun? Was tun!" Organisator Georg Rammer referiert über die Obszönität des Reichtums, prangert Klima- und Umweltverbrechen an, wettert gegen Bankenherrschaft und Neoliberalismus und danach wird, ganz praktisch, gefragt, was der Einzelne so tun kann? Er/sie kann im Mieterprojekt "13 Hektar Freiheit" in Mannheim mitmachen, beim "Guten Gemüse" in Weingarten, bei den Rüstungsgegnern vom Bodensee, bei der Gemeinwohlökonomie in Karlsruhe. Gemeinsam ist allen das Gemeinsame. Das gilt auch für die Kontextwochenzeitung, für die Josef-Otto Freudenreich referiert hat. Für ihn war es ein Wiedersehen an alter Wirkungsstätte, 35 Jahre nach der Gründung der alternativen "Karlsruher Rundschau". An der Notwendigkeit unabhängiger Medien, so seine Bilanz, habe sich seitdem nichts geändert. Im Gegenteil.

 

Lieber Gandhi als G-Klasse: RednerInnen des Attac-Kongresses. 2. von rechts Kontext-Redakteur Josef-Otto Freudenreich mit Organisator Georg Rammer.


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