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Obergrenze für Einkommen

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Er hat den Widerstandsbaum in den Schlossgarten gepflanzt, schon mal den Bundespräsidenten gewählt und hätte sein Kreuz als US-Bürger am liebsten bei Bernie Sanders gemacht. Am 5. Dezember wird Walter Sittler 65 Jahre alt. Ein Gespräch über Stuttgart 21, Gerechtigkeit und die Frage, wie viele Länder die Welt eigentlich hat.

Herr Sittler, beschäftigt Sie das Älterwerden?

Na, ich merke eben, dass mir die jüngeren Leute davonrennen, wenn wir laufen gehen.

Deswegen habe ich irgendwann mit Fußballspielen aufgehört, ich wollte nicht mehr hinterherlaufen.

Ja, genau. Aber ich kann nur sagen, ich bin glücklich und dankbar, dass ich so weit gekommen bin, ohne größere Schwierigkeiten. Ich habe Glück gehabt. Es gab zwar ein paar unangenehme Dinge, zum Beispiel Stuttgart 21 und den Bahnhof, das ist immer noch unangenehm, aber sonst bin ich ganz glücklich.

Dazu gehört ja auch, dass man sich dieses Glücks überhaupt bewusst ist. Es gibt furchtbar viele Leute, denen es glänzend geht, die aber den ganzen Tag jammern.

In der Bundesrepublik gibt es so eine Art professionelle schlechte Laune. Man denkt, man ist professionell, wenn man schlecht gelaunt ist. Das stimmt aber nicht. Es wäre viel einfacher, positiv zu sein.

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Manchen Leuten geht es wirklich nicht gut, und wenn sie klagen, weil sie etwas Schlimmes haben oder nicht über die Runden kommen, ist es völlig korrekt.

Deshalb brauchen wir eine gescheite Politik, damit man die immer wieder beschworene soziale Gerechtigkeit vorwärts bringt, die in den letzten Jahren abgenommen hat. Nicht nur bei uns.

Was mich ärgert, ist, dass im Prinzip der Staat die Industrie, die Firmen subventioniert. Die Leute verdienen zu wenig, dann müssen sie zum Amt gehen und sich etwas dazu holen. Nur damit die Betriebe billiger einstellen können.

Ja, das kommt aus der Zeit, als man dachte, der Markt regelt alles. Aber der Markt hat keine Selbstheilungskräfte, die Natur hat das, die Menschen haben das. Der Markt ist das Ergebnis eines gemeinsamen Handelns, dem muss man Regeln auferlegen. Bei den konservativen Parteien war das Credo: Wir müssen die Demokratie marktkonform machen. Das ist ein Problem. Der Markt hat keine ethischen Leitplanken, er muss demokratiekonform werden, dann erst spielen die Menschen die Rolle, die sie brauchen. Es gibt keinen Anlass, nicht über eine Obergrenze von Einkommen zu reden anstatt von einer Untergrenze. Wieviel reicht denn eigentlich?

Reiche, die viel mehr haben als andere, sagt Sittler, seien in der Pflicht, mit ihrem Vermögen mehr Verantwortung zu übernehmen. Steuern zahlen müsste positiver besetzt sein, denn ein Reicher müsse sich engagieren: "Fürs Gemeinwohl. Rein finanziell. Du musst dich nicht beteiligen an Bürgerinitiativen, aber an der Finanzierung des Staates. Das ist die Verantwortung." Auch die der Politik, sagt Sittler, vor allem in einem reichen Land wie Deutschland, in dem dennoch 20 Prozent der Kinder in Armut leben. "Ein echtes Armutszeugnis", nennt das Sittler. Klarere Bekenntnisse von der Politik fordert er auch in Sachen Umweltschutz und zu den Themen Abgase und Dieselgate.

Herr Sittler, der grüne Ministerpräsident argumentiert ja auch mit Arbeitsplätzen.

Ich glaube, die Industrie, mit ihren Ingenieuren und Technikern, denen fällt genügend ein. Wenn sie ein Ziel haben, fangen sie an und machen das. Das Thema Mobilität wird sich sowieso ändern und insgesamt wäre es besser, nach vorne zu schauen und die Welt so zu verändern, dass wir nicht vor die Wand fahren.

Wir haben übers Älterwerden gesprochen. Werden Sie gelassener?

Ja, mit den vielen Erfahrungen, die man hat, wird man gelassener. Die Erfahrung beispielsweise mit Stuttgart 21. Das war extrem.

Walter Sittler. Foto: Joachim E. Röttgers

Foto: Joachim E. Röttgers

Walter Sittler wurde 1952 in Chicago, USA, geboren. Nach dem Theaterstudium in München debütierte er 1981 am Mannheimer Nationaltheater, 1988 wechselte er ins Ensemble des Stuttgarter Staatstheaters, seitdem lebt er auch in Stuttgart. Einem größeren Fernsehpublikum wurde er ab Mitte der 1990er als Darsteller in TV-Serien wie "Nikola" bekannt. Zusammen mit seiner Frau, der Filmemacherin Sigrid Klausmann, hat er zudem mittlerweile drei Dokumentarfilme gedreht. Seit 2010 gehört Sittler durch sein Engagement im Protest gegen Stuttgart 21 – unter anderem initiierte er gemeinsam mit dem Theaterregisseur Volker Lösch den "Schwabenstreich" – zu einem der bundesweit prominentesten Gegner des Bahnhofsprojekts. (os)

Ertragen Sie es jetzt besser?

Ich kann das Thema besser von mir weghalten. Es ruft nicht mehr die Verzweiflung hervor, die es früher hervorgerufen hat. Vielleicht werde ich lässiger, weil nicht mehr so viel Zeit über ist. Das kann schon sein.

Bei Stuttgart 21 kann es auch daran liegen, dass man sagt, ich kann es jetzt eh nicht mehr verhindern.

Natürlich kann man es verhindern. Es müsste nur einer aufstehen. Es müsste nur in der grün-schwarzen Koalition beschlossen werden, wir geben das Geld woanders aus und bauen das Ding für drei Milliarden so, wie es war, und dann funktioniert es. Das wird nicht passieren, aber es ginge. Man kann alles abbrechen. Niemand würde das Gesicht verlieren, wenn man vernünftig sagen würde: Leute, wir zahlen den Architekten Ingenhoven aus, der kriegt sein Geld, und wir bauen etwas, das zukunftsfähig ist. Denn das ist dieser Bahnhof nicht.

Sie meinen ernsthaft, die Befürworter ziehen das durch, obwohl Sie wissen, dass es nicht funktioniert?

Ja, sie wissen, dass der Bahnhof zu klein ist. Das weiß jeder. Es heißt immer wieder, wenn's mal fertig ist, dann kucken wir mal. Es kann physisch nicht funktionieren, das weiß man. Und dann haben wir bahnmäßig einen Verkehrsinfarkt und werden die Autos nie los. Aber für die Techniker ist es ein irrsinnig spannendes Projekt, weil man nicht genau weiß, wie es geht.

Walter Sittler hat neben der deutschen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Zur Präsidentschaftswahl hat er Hillary Clinton gewählt, weil Bernie Sanders nicht zur Option stand. "Nach jedem europäischen Wahlrecht wäre Trump nie Präsident geworden", sagt er. Im normalen Leben sei es ok, wenn Menschen jemanden brauchen, der auf den Tisch haut und ihnen sagt, wie sie leben sollen. Aber in der Politik sei so jemand "ungeeignet".

Herr Sittler, erschreckt es Sie, dass so viele Menschen Trump gewählt haben?

Das Eigentliche, was mich stört, ist, dass so viele um Donald Trump herum sein Spiel mitspielen. Anstatt zu sagen, das machen wir nicht mit. Die Präsidentschaft Trump ist die größte Verschiebung von Vermögen zu denen, die es sowieso schon haben, in der Geschichte der USA. Ok, außer vielleicht zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts.

Momentan laufen ungefähr 40 alte Filme von Walter Sittler auf diversen Fernsehsendern. Im Dezember kommt sein neuester Film auf die Mattscheibe, Anfang des nächsten Jahres ein weiterer. Seine Frau, die Dokumentarinfilmerin Sigrid Klausmann, ist gerade im Ausland für ihren Film "Nicht ohne uns", ein fortlaufendes Projekt, das Schulwege von Kindern dokumentiert (Kontext berichtete). In Palästina hat Klausmann gerade einen Film über fußballbegeisterte Mädchen gedreht. "Meine Frau sagt, die Mädchen dort spielen wie Beckenbauer", sagt Sittler lachend.

Herr Sittler, gemeinsam mit Ihrer Frau Sigrid Klausmann haben Sie sich da ein ambitioniertes Projekt vorgenommen. Schulwege in allen Ländern – wie soll das gehen?

Wir haben bis jetzt Schulwege von mehr als 30 Kindern auf der ganzen Welt. Und wir wollen am besten jedes Land haben.

Wissen Sie denn, wie viele es gibt?

Das kann Ihnen überhaupt niemand sagen! Wenn sie das Auswärtige Amt anrufen, sagen die, es gibt 194. Für die Uno sind es 198. Die FIFA hat 207. Und wir sagen, uns ist die Zahl egal. Es ist den Kindern nämlich auch egal.

 

Diese verschriftlichte Version ist eine stark gekürzte Fassung, das ganze Gespräch gibt's im Video oben. Aufgezeichnet haben wir es drei Tage vor dem Platzen der Jamaika-Koalition.


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3 Kommentare verfügbar

  • Schwa be
    am 01.12.2017
    Antworten
    Ich habe im Hinetrkopf das sich Walter Sittler für grüne Politik stark macht - selbst nachdem diese sich öffentlich als "bürgerliche" Partei outen (O-Ton Kretschmann 2011) und S 21 mit durchpeitschen - und das hinterlässt bei mir einen sehr bitteren Nachgeschmack hinsichtlich der Person Walter…
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