Ausgabe 348
Editorial

Morgen wird alles besser

Von unserer Redaktion
Datum: 29.11.2017

Unser Kino-Kritiker ist verliebt. In den "Mann aus dem Eis", eine wuchtige Rachestory rund um die Steinzeit-Mumie Ötzi. Faktenbasiert, philosophisch und hochaktuell. "Es steckt in diesen Filmen auch die Sehnsucht von uns Heutigen, alles zurückzusetzen auf Anfang. Auf einen Naturzustand, in dem es noch keine Atomkraftwerke, keinen Donald Trump und keine FDP gab", schreibt unser Filmexperte.

Und keinen NSU. Und kein Glyphosat! Das muss man seit vorgestern hinzufügen. "Dem Engel Aloysius ist es ganz offensichtlich nicht nur nicht gelungen, die göttlichen Ratschlüsse in die Hirne der Politiker aus seiner Heimat zu pflanzen. Wahrscheinlich hat sogar sein oberster Dienstherr längst entnervt aufgegeben, die strikte Annahmeverweigerung der Adressaten zu durchbrechen", schreibt ein Leserbriefschreiber zum Thema großflächige Acker-Vergiftung an die Kontext-Adresse. Hallelujah. Ja, früher, da war halt alles besser.

Alles? Nein, nicht alles. Bei Schlecker zum Beispiel, lang vor der Pleite, verblutete eine Schleckerfrau, weil der Patriarch keine Telefone in seinen Filialen duldete. Das mag vergessen sein über der unglaublichen Dreistigkeit des Ehingers und seiner Familie. Nein, wahrlich, früher war auch nicht alles gut.

AKWs wurden früher erfunden und heute wird der ganze Schlamassel der radioaktiven Abfälle übern Neckar verschifft. Seit diesem Sommer hat die Energie Baden-Württemberg (EnBW) bereits viermal per Schiff hochradioaktive Brennstäbe von Obrigheim nach Neckarwestheim transportiert. Das einzig Gute daran sind die überdimensionierten Anti-Atom-Badeenten, die der schwimmende Protest aufs Wasser gepflanzt hat.

Aber Wohnen, wohnen war früher besser! "Wer wissen will, was in deutschen Großstädten schief läuft, muss nach Stuttgart schauen", schrieb der "Business Insider" in der vergangenen Woche. "Der Größenwahn der Schwaben-Metropole macht beim Bahnhof längst nicht Halt: Bankenviertel, Einkaufszentren, ein nagelneues Luxus-Quartier – an allen Ecken und Enden wird großflächig für Wohlhabende gebaut. Nur: Wo soll das hinführen?" Ganz klar, nach Ulm, sagt unser Autor Dietrich Heißenüttel. Da war's auch nicht immer gut. Aber who cares, wenn die Wohnungen nur so viel kosten, dass die Finanzen sogar für Freizeitvergnügungen reichen, von denen man wieder "nach hause" kommen kann?

Müssen ja nicht immer politische Aktivitäten sein, meint Schauspieler Walter Sittler in unserer Interviewreihe "Siller fragt". Und spricht damit die Reichen an, die Schleckers dieser Welt und andere sehr Reiche, die ihre Kohle steuerhinterziehen oder so umleiten, dass sie selbst möglichst viel davon haben und andere möglichst wenig. Warum auch sollte es anders sein? Wo es doch so große Freude macht, die eigenen Nullen auf dem Konto zu zählen? Wegen der "Verantwortung", so nennt es Walter Sittler, Verantwortung für eine lebenswerte Gesellschaft.

Lebenswert, das ist das Wort der Stunde und da bemühen wir doch nochmal den "Business-Insider", der über die Landeshauptstadt schreibt: "Das Leben in Mitten von lauten Baustellen und großen Benz-SUVs ist Alltag. Etwa wenn Stuttgarter gesellige Abende verbringen – in Cafés und Bars direkt neben vier- bis achtspurigen Hauptstraßen, frequentiert von PS-starken Karossen. Eine der beliebtesten Lokalitäten ist bezeichnenderweise eine ehemalige Tankstelle. Das Auto ist omnipräsent." Und besser wird es vorerst nicht, wie auch, in einer Stadt, die zwar von Fahrverboten bedroht, aber nicht mal gewillt ist, Park-and-Ride-Parkplätze umsonst anzubieten.

Da hilft auch kein großbürgerlicher "Aufbruch" rund um den ehemaligen schwäbischen Star-Moderator "Super-Wieland" Backes. Eher noch die Lektüre von Sabbat, einem kleinen Büchlein aus dem Schmetterling Verlag. Mit dem wortgewaltigen Abgesang auf das angeblich zivilisierte Heute kann sich seinereiner der persönlichen Winter-Depression wenigstens geplant und mit Stil hingeben. Vielleicht war's früher, zu Ötzis Zeiten, ja doch irgendwie besser.

Für Frohgemüter, die's leichter mögen: Die Idee einer "Äffle und Pferdle"-Ampel in Stuttgart ist schon beknackt. Noch beknackter aber ist, warum es eine solche niemals geben wird. Denn: Der Ernst der Ampel ist unantastbar! Zumindest im spießigen Baden-Württemberg. Das Gute daran: Das war nicht nur gestern so und ist bis heute so geblieben. Nein, das wird auch für die Zukunft gelten. Vielleicht wird das Morgen ja spitze?

Am Mittwoch zum letzten Mal: Kontext-Vorstand am Telefon

Wer sind die Kontext-LeserInnen? Was treibt Kontext-UnterstützerInnen um und was brennt ihnen auf den Nägeln? Das wollen die Männer und Frauen des neuen Kontext-Vorstands wissen. Deshalb saßen Anni Endress und Jürgen Klose den November über jeweils mittwochs am Redaktionstelefon, um allen Interessierten ihr Ohr zu leihen. Wer seine Meinung noch loswerden will, sollte das jetzt tun.

Unsere Aktion Kontext-Vorstand am Telefon geht zu Ende. Letzter Termin: Mittwoch, 29. November, von 17 bis 19 Uhr. Telefon: 0711 - 64 56 02 81.


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