Es braucht eine Revolution im Kopf, meint unser Autor. Foto: Joachim E. Röttgers

Es braucht eine Revolution im Kopf, meint unser Autor. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 308
Debatte

Von Gewinnern, Verlierern und Analneurotikern

Von Ulrich Schneider
Datum: 22.02.2017
Damit Deutschland von seinem neoliberalen Kurs abrückt, bedarf es einer Revolution – nicht auf der Straße, aber in unseren Köpfen. Wir müssen uns frei machen vom Wettbewerbsdogma, meint Ulrich Schneider, Autor des Buches "Kein Wohlstand für alle!?".

Ich möchte ein Beispiel bemühen, um deutlich zu machen, was ich mit einer Revolution in unseren Köpfen meine. Es ist der Wettbewerb, eines der Kerndogmen, der Grundaxiome des Neoliberalismus, sein Dreh- und Angelpunkt. Wettbewerb meint Konkurrenz, Wettkampf, das Streben nach Überlegenheit. Wettbewerb ist erst einmal nicht moralisch aufgeladen, gleichwohl aber sehr positiv besetzt. Er gehört zu den vermeintlich selbstevidenten "Einsichten", die in aller Regel nicht mehr hinterfragt werden: Wettbewerb ist immer gut, kann nie schaden. Auf dem Markt sowieso nicht: Wettbewerb sorgt für die Auslese der Besten und dafür, dass die Schlechten ausscheiden. Die Marktkonkurrenz regelt, dass jeder bekommt, was er braucht, und zwar zu den denkbar tiefsten Preisen. Wettbewerb steht für ständige Innovation, für permanenten Fortschritt und für Effizienz. Wettbewerb soll schließlich für Gerechtigkeit sorgen, für die angemessene Verteilung von Privilegien und Sanktionen. Jeder bekommt das, was er verdient, ganz nach seinem Wettbewerbserfolg und nach seiner Leistung. Was gerecht ist, bestimmt der Markt.

Wo die unsichtbar ordnende Hand des Wettbewerbs nicht walten kann, erlahmt die Entwicklung, kommen die Untüchtigen zum Zuge, werden Mittel verschwendet und gehen Volkswirtschaften und Gesellschaften auf Dauer zugrunde. Mit "Konkurrenz" verbinden wir spontan Bewegung, Dynamik, Anstrengung. Das mag ja auch gar nicht so ganz falsch sein. Seltsam ist nur, dass viele bei Abwesenheit von Konkurrenz auch sogleich auf Schlendrian, Kungelei oder auch ganz einfach Stillstand schließen, so als gäbe es überhaupt keine andere Form des kreativen Miteinanders. Als wäre Konkurrenz konkurrenzlos.

Ich war vor einiger Zeit mit meiner Familie in Havanna. Auf einer belebten Prachtstraße im alten Zentrum der Stadt trafen wir auf eine deutsche Touristin, die mit einer Reisegruppe unterwegs war. Die wunderschönen, noch aus dem Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts stammenden, herrschaftlichen Gebäude, die die Straße links und rechts säumten, waren, wie sie in Havanna so sind: von morbidem Charme, mit unübersehbaren Spuren des Verfalls, manches Mal auch mehr als nur Spuren. Die Dame mittleren Alters, die wir trafen, drängte es ganz offensichtlich, uns zu erklären, weshalb die Bauten in diesem Zustand seien: weil die Menschen im Kommunismus kein Privateigentum haben dürften. Deshalb kümmere sich seit der Revolution keiner mehr um irgendetwas. Der Verfall der Häuser sei ganz typisch ...

Wirtschaftsembargos schaden Kuba

Dass Kuba seit der Revolution einem gnadenlosen Wirtschaftsembargo durch die USA ausgesetzt ist und seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion auch aus dem Osten kaum noch Hilfen bekommt, dass Kuba kaum über Baumaterial verfügt und bettelarm ist, dass dieses Land es dennoch geschafft hat, ein vorbildliches Bildungs- und Gesundheitssystem für alle Menschen aufzubauen – und zwar ganz ohne Wettbewerb und Privateigentum –, spielte für sie überhaupt keine Rolle, fand in ihrem Denken und in ihren Erklärungen der Welt und Havannas keinen Platz. Was mich diese Begegnung einmal mehr lehrte: Wir sehen offenbar nur, was unsere Denkweisen und Vorurteile bestätigt, selbst dann, wenn wir es besser wissen müssten, wenn die Fakten ganz anderes nahelegen. Für Zweifel oder Selbstzweifel gibt es dabei keinerlei Raum.

So will es nicht verwundern, dass wir die Schattenseiten des Wettbewerbs zwar durchaus irgendwie zur Kenntnis nehmen, aber überhaupt nicht reflektieren. Es gibt keinen Wettbewerb ohne Verlierer. Die Schattenseiten sind Egoismus, Niederlagen und Ausschluss. Aus Ersterem macht der Neoliberalismus gar keinen Hehl. Ganz im Gegenteil: Der maximale Eigennutz ist nach dessen Lesart Antrieb und Ziel der ganzen Veranstaltung zugleich. Denn nur, wenn ein jeder sich um seinen eigenen Vorteil bemüht, könne der Markt seine "segensreichen" Kräfte entfalten: "faire" Preise, gute Versorgung, engagierte Marktteilnehmer, Wohlstand für alle. Da Altruismus auf dem Markt nichts verloren habe, ja geradezu schädlich sei, läuft die neoliberale Betrachtungsweise auf eine Art Generalabsolution für jegliche Form von Egozentrik, Eigensucht und sogar Gier hinaus. Es ist die Befreiung der Marktteilnehmer von ihren humanistischen Fesseln, vom latent schlechten Gewissen im täglichen Kampf gegeneinander. Endlich darf es mal gesagt werden: "Geiz ist geil."

Bis 2011 verbreitete der Elektromarkt Saturn die Werbebotschaft vom geilen Geiz.
Bis 2011 verbreitete der Elektromarkt Saturn die Werbebotschaft vom geilen Geiz. Foto: Staro1, CC BY-SA 3.0

Schon Mitte der 1990er kam ein Aufkleber in Mode, auf dem zu lesen war: "Deine Armut kotzt mich an." Auch er schien sich gut zu verkaufen. Der Neoliberalismus schien den Menschen endlich auch mit seinen schlechten Seiten zu versöhnen. Und wer es anders sah, war ja sowieso ein aus der Zeit gefallener Gutmensch. Die ausschließliche Fokussierung auf den eigenen Vorteil war überhaupt nicht mehr peinlich. Eine Schwemme von Ratgeberliteratur wurde den Menschen verkauft, in der sie nachlesen konnten, wie sie als Homo oeconomicus zu ticken haben und wie sie zu Siegertypen werden können. Motivations- und Mentaltrainer zogen als moderne Gurus durch die Lande und verkauften ihre einschlägigen Erfolgsseminare. Es war tatsächlich nicht nur eine mentale, sondern auch eine moralische und ethische Umerziehung, die da stattfand.

Ausschließlich eigennütziges Gewinnstreben und "Ellenbogen" wurden nicht mehr nur "salonfähig". Das waren sie ohnehin. Sie eroberten nach und nach auch unsere Stammtische und brachen in Milieus ein, in denen neben Wettbewerb und Gewinnstreben eigentlich noch andere Werte wie Hilfsbereitschaft und menschliche Verbundenheit eine durchaus große Rolle spielten: bei vielen "kleinen" Handwerkern und selbständigen Gewerbetreibenden, bei denen noch nicht alles nach kalter ökonomistischer Effizienz-, Wettbewerbs- und Vorteilslogik funktioniert, sondern wo es häufig noch heißt "Leben und leben lassen".

Natürlich sollen Konzerne Menschen in Arbeit bringen

Ich nahm vor einiger Zeit an einer Diskussionsrunde teil, in der es unter anderem auch um Langzeitarbeitslose ging und um das Problem, dass wir immer weniger einfachere Arbeitsplätze in Deutschland haben und viele Arbeitslose wegen ihrer fehlenden Qualifikationen gar nicht mehr vermittelbar sind. Der Vertreter der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände erklärte sogleich mit größter Selbstverständlichkeit, man könne von der deutschen Wirtschaft doch nicht erwarten, dass sie wieder hinter ihre Produktivitäts- und Effizienzerfolge der letzten Jahre zurückgehe. Mit diesem einen Satz war das Problem aus Sicht fast aller in dieser Runde umfassend und abschließend erörtert. Ungefragt blieb: Warum kann man das eigentlich nicht erwarten? Weshalb kann man von Konzernen, die gute Gewinne einfahren, nicht erwarten, dass sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten auch Arbeitsplätze für Menschen anbieten, die ansonsten keine Chance mehr haben auf dem Arbeitsmarkt – auch wenn es sich betriebswirtschaftlich nicht rechnen sollte? Weshalb soll es BMW mit einem Jahresgewinn von über sechs Milliarden Euro, warum soll es Bayer mit über vier Milliarden Euro oder Siemens mit über fünf Milliarden Euro Gewinn und über 340 000 Beschäftigten nicht möglich sein, zusätzlich ein paar Menschen Arbeit zu geben, die ein paar einfachere Tätigkeiten verrichten? Warum sollen Konzerne, die gute Gewinne einfahren, nicht auch eine Allgemeinwohlverpflichtung jenseits ihrer Steuerpflicht haben?

Und zwar nicht nur in ihren ausgelagerten Stiftungen und ihren imagefördernden Sozialprojekten, sondern in der Art und Weise, wie sie ihr Kerngeschäft selbst betreiben? Es ist diese Selbstverständlichkeit, die so irritiert, dieser unhinterfragte Vorrang des ökonomistischen Wettbewerbs, dieses Streben nach maximalem Gewinn als nicht nur legitime, sondern als geradezu völlig außerhalb der Diskussion stehende Maxime.

Sind Scham und altruistische Fesseln erst einmal abgestreift, gibt es eigentlich kaum noch Obergrenzen, was den maximalen Vorteil anbelangt. Wo das Streben nach dem eigenen Vorteil keine Begründung mehr braucht, wird auch die Gier gesellschaftsfähig. Und das betrifft bei weitem nicht nur einige Banker, die sich während der Bankenkrise plötzlich mit ihren Millionenboni am Pranger wiederfanden. Unverhohlene Gier beherrscht auch große Teile unseres gesamten Marktgeschehens. Das nimmersatte Streben nach Besitz, ganz unabhängig von seinem Nutzen, das völlig sinnlose und ausufernde Anhäufen von Reichtum müsste den Gierigen eigentlich selbst peinlich sein, weil es im wahrsten Sinne des Wortes so unsinnig ist. Und weil die Gier so schädlich für die Allgemeinheit ist, müsste sie eigentlich verpönt sein, müssten Grenzen gezogen werden. Dem ist aber nicht so. (Da hilft es auch nicht, dass die Gier in der katholischen Kirche ganz offiziell noch als eine der Todsünden gilt.)

Nicht okay: Gier. Foto: Joachim E. Röttgers
Nicht okay: Gier. Foto: Joachim E. Röttgers

Der praktizierte Neoliberalismus hat die Akzeptanz der Gier geradezu zu seiner anthropologischen Grundannahme gemacht. Gier sei okay. Die Menschen seien nun einmal so. Und deshalb sei es auch völlig in Ordnung, wenn Dax-Konzerne ihre Vorstände mit Millionengehältern und Millionenabfindungen beglücken. Und genauso sei es deshalb in Ordnung, wenn diese Traumgehälter von den Konzernen in beliebiger Höhe steuerlich geltend gemacht werden können und die Steuerschuld der Unternehmen schmälert. Es sei auch völlig in Ordnung, wenn im Sport und in der Unterhaltungsbranche Gagen eingestrichen werden, die in ihren phantastischen Höhen völlig ohne Maßstab sind; oder wenn aktive und ehemalige Politiker sich gegen ebenso maßlose Honorare bei Konzernen als Redner verdingen. Als Hillary Clinton während des Wahlkampfes auf ihre für den Normalbürger unfassbaren Vortragshonorare angesprochen wurde, bis zu 250 000 Dollar pro Rede, und der CNN-Reporter Anderson Cooper sie konkret fragte, ob sie ein Honorar der Bankengruppe Goldman Sachs von 675 000 Dollar für drei Reden für angemessen halte, antwortete sie ganz lapidar: "Das haben sie angeboten." Gier braucht keine Begründung. Man nimmt, was man bekommt, maß- und ziellos und selbst dann, wenn man vorgibt, dem Gemeinwohl verpflichtet zu sein.

Freuds "analer Charakter" als menschlicher Normalzustand

Der Neoliberalismus hat es tatsächlich geschafft, Sigmund Freuds "analen Charakter" – in seiner extremen Ausformung eine schwere neurotische Störung – zum menschlichen Normalzustand zu erklären. Es gibt keine Gierigen und Nicht-Gierigen, es gibt nur Erfolgreiche und Nicht-Erfolgreiche. Ich behaupte jedoch nach wie vor: Wenn in den Chefetagen unserer Konzerne und Bankhäuser Menschen wirklich ein Problem damit haben oder einen Motivationseinbruch erleiden, falls sie vielleicht nur noch eine statt zwei Millionen Euro im Jahr nach Hause bringen, haben sie ein ziemliches psychisches Problem. Mehr nicht. Wir jedoch vergöttern genau diese Leute als unsere Leistungselite, statten sie mit großer Macht aus und vertrauen ihnen weite Teile unseres Schicksals an. Es ist völlig verrückt.

Ich bin ein großer Freund von Wettbewerb und Konkurrenz, beim Spiel und im Sport und wenn man dabei keinem wirklich weh tut. Beim Monopoly darf es kein Pardon geben, sonst funktioniert das Spiel nicht, sonst sitzt man bis zum frühen Morgen am Küchentisch. Als gesellschaftliches und ökonomisches Ordnungsprinzip halte ich den Wettbewerb jedoch für völlig überbewertet. Wenn die Neoliberalen rühmen, wie effizient Konkurrenz doch sei und wie innovationsfördernd, wie zuverlässig der Wettbewerb doch dafür sorge, dass all die Loser vom Markt verschwinden, dann blenden sie die hässlichen, die absolut ineffizienten, die verschwenderischen Seiten dieses Wettkampfes weitestgehend aus. Zu denen gehörten 2015 beispielsweise 23 000 Firmenpleiten, bei denen 225 000 Menschen ihre Jobs verloren. Dabei war 2015 noch ein sehr gutes Jahr, das Jahr mit den wenigsten Insolvenzen seit der Jahrtausendwende. Schauen wir etwa auf 2006, finden wir über 30 000 Firmenpleiten mit 473 000 vernichteten Arbeitsplätzen. Insgesamt summieren sich die Insolvenzen in den gesamten zehn Jahren zwischen 2006 und 2015 auf fast 300 000 Firmenpleiten und 3,5 Millionen Menschen, die plötzlich ohne Arbeit dastanden. Hinzu kommen jedes Jahr viele Millionen Menschen – 2015 waren es 2,5 Millionen –, die auch ohne Insolvenz Opfer des Wettbewerbs werden und ihren Job "verlieren", weil ihre Firma sie konkurrenzbedingt nicht mehr halten kann oder will.

Die Schleckermitarbeiterinnen gehörten zu den VerliererInnen des kapitalistischen Wettbewerbs. Foto: Joachim E. Röttgers
Die Schleckermitarbeiterinnen gehörten zu den VerliererInnen des kapitalistischen Wettbewerbs. Foto: Joachim E. Röttgers

Wir haben für diese hässliche Seite des Wettbewerbs gleich ein ganzes Repertoire passender, technisch anmutender Euphemismen, die das vielfältige menschliche Leid hinter diesen "Marktvorgängen" kaschieren helfen. Als im Frühjahr 2012 die Drogeriekette Schlecker pleiteging und 10 000 meist weibliche, häufig schon ältere Arbeitnehmerinnen angstvoll in die Zukunft blickten, stellte sich der damalige FDP-Vorsitzende und Wirtschaftsminister Philip Rösler vor die Kameras und erklärte, dass es für die Frauen nun darauf ankäme, "schnellstmöglich selbst eine Anschlussverwendung zu finden". Arbeitsplätze werden nicht vernichtet, sie gehen "verloren". Beschäftigte werden "freigesetzt" und erhalten gegebenenfalls eine "Anschlussverwendung". Firmen gehen nicht kaputt, sie "gehen vom Markt". Wer sich immer nur von befristetem Job zu befristetem Job durchschlägt, weil er nichts Besseres findet, darf sich "mobil" und "flexibel" nennen. Arbeitgeber, die Personal nur nach aktueller Marktlage vorhalten, deshalb ausgiebig mit befristeten Arbeitsverträgen und Leiharbeitern arbeiten, haben "atmende Unternehmen".

Wir sollten uns von dieser teils formelhaften, teils euphemistischen Sprache nicht benebeln lassen. Wenn wir uns das Leid vieler dieser Verlierer vor Augen halten – Familien, die um ihre Zukunft bangen, Menschen, die in die Arbeitslosigkeit gestürzt werden, "kleine" Selbständige, die für Jahre, wenn nicht sogar für immer ruiniert sind, bis zu denen, die die Konkurrenz am Arbeitsplatz nicht mehr aushalten und daran krank werden –, dann stellt sich schon die Frage, was an diesem System so effektiv und faszinierend sein soll. Schließlich braucht es Verlierer und Leid, um funktionieren zu können. Wer sich mit einem solchen Wirtschaftssystem zufriedengeben kann, muss schon sehr anspruchslos sein. Ich kann es nicht.

"Konkurrenz ist eine Sublimierung von Krieg"

Wettbewerb klingt so harmlos. Doch muss man sich darüber im Klaren sein, dass Wettbewerb Wettkampf ist, Rivalität und Gegeneinander aus Prinzip. "Konkurrenz ist eine Sublimierung von Krieg", wie es der südafrikanische Schriftsteller und Nobelpreisträger John Maxwell Coetzee 2008 in seinem Buch "Tagebuch eines schlimmen Jahres" sehr hart formuliert hat. Man kann versuchen, ihn humanitär zu zähmen, doch läuft er immer auf Gewinner und Verlierer hinaus, und wo es eng wird, auf Verdränger und Verdrängte. Wettbewerb ist immer das Gegenteil von Miteinander. Als Ordnungsprinzipien sind das wettbewerbliche Gegeneinander und das solidarische Miteinander unversöhnbar. Wettbewerb und Solidarität sind Gegensätze, schließen sich aus.

In bestimmten Bereichen hat neoliberaler Wettbewerb nichts zu suchen. Foto: Joachim E. Röttgers
In bestimmten Bereichen hat neoliberaler Wettbewerb nichts zu suchen. Foto: Joachim E. Röttgers

Deshalb: Brauchen wir tatsächlich immer und überall Wettbewerb und Gegeneinander? Ist das Gegeneinander wirklich so oft besser als ein Miteinander? Ich denke nein. Was wir brauchen, ist der Vergleich, die permanente Verbesserung von Qualität durch den Vergleich. Was wir brauchen, ist das Erkennen und das Abstellen von Fehlentwicklungen. Das alles leistet der Wettbewerb. Ich bestreite allerdings, dass er das einzige Prinzip ist, das dies zu leisten vermag. Tatsächlich bin ich der Überzeugung, dass es breite gesellschaftliche Felder gibt, auf denen Konkurrenz und Gewinnstreben schlicht nichts zu suchen haben. Es gibt weite Bereiche, etwa Bildung oder das Soziale, in denen wir keinen Wettkampf isolierter Konkurrenten brauchen, sondern das vernetzte Miteinander, die Zusammenarbeit aller zum Wohle aller. Es sind Arbeitsfelder, auf denen wir an der Sache orientierte und für die Sache motivierte Menschen brauchen, die die Dinge um der Sache willen voranbringen, aber keine Analneurotiker in Spitzenpositionen.

Statt reflexhaft den Wettbewerb zum allumfassenden Prinzip zu erklären, sollten wir sehr genau schauen, welche Güter und Dienstleistungen wir in Konkurrenz über einen Markt organisieren und welche wir nicht wettbewerblich, sondern kollektiv zur Verfügung stellen wollen und sollten. Wettbewerb ist alles andere als ein quasi-naturgegebenes Prinzip. Um noch einmal mit John Maxwell Coetzee zu sprechen: "Wenn wir Konkurrenz wollen, können wir uns für Konkurrenz entscheiden; oder aber wir können den Weg der kameradschaftlichen Zusammenarbeit einschlagen." Denn: "Gott hat bestimmt nicht den Markt erschaffen – Gott oder der Geist der Geschichte. Und wenn wir Menschen ihn geschaffen haben, können wir ihn dann nicht abschaffen oder ihm eine freundlichere Gestalt geben? Warum muss die Welt ein Gladiatoren-Amphitheater mit dem Motto 'Töte oder Du wirst getötet' sein und nicht lieber ein, sagen wir, geschäftig zusammenarbeitender Bienenstock oder Ameisenhaufen?"

Ulrich Schneider. Foto: Der Paritätische Gesamtverband
Ulrich Schneider. Foto: Der Paritätische Gesamtverband

 

Ulrich Schneider ist Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Berlin und Autor zahlreicher Publikationen zu den Themen Armut, Sozialstaat und soziale Gerechtigkeit. Der vorliegende Text ist ein Kapitel (in leicht abgewandelter Form) aus seinem Buch "Kein Wohlstand für alle", 2017 erschienen im Westend Verlag.


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