Schlossplatz Stuttgart, 25. April 2015: Protest gegen die EU-Flüchtlingspolitik, die Tote auf dem Mittelmeer fordert. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 232
Gesellschaft

Weltweite Schrägverteilung

Von Paul Schobel
Datum: 09.09.2015
Wer ständig nur privaten Reichtum schützt, darf sich über öffentliche Armut und weltweites Elend nicht wundern, meint unser Autor. Und auch nicht über Flüchtlinge, die vor Not, Krieg und Unterdrückung fliehen. Engagierte Flüchtlingshilfe hält er für richtig und wichtig.

Es sind erschütternde Bilder, die gegenwärtig um den Erdball kreisen: Ailan, der kleine syrische Junge – tot am Strand des Mittelmeers, angeschwemmt wie ein Stück Treibholz. Säuglinge, die man durch Stacheldrahtverhaue schiebt. Weinende alte Menschen, die sich auf dem nackten Asphalt von Bahnhöfen und Flughäfen krümmen – in hohem Alter noch hinausgestoßen in eine ungewisse Zukunft. Menschenmassen zu Fuß auf Bahngleisen und Schnellstraßen, mit Kleinkindern auf dem Arm und den paar Habseligkeiten, die sie noch retten konnten.

Alle kommen sie aus Not und Verzweiflung, Verfolgung, Krieg und Unterdrückung – ohne Perspektive für ein sicheres, menschenwürdiges Leben. Man kann nur erahnen, was sie zuvor erlitten haben. Aus Jux und Tollerei oder Abenteuerlust kratzt niemand alles Hab und Gut zusammen und liefert sich mit seiner Familie kriminellen Schlepperbanden aus, um dann womöglich wie Ailan auf hoher See zu ertrinken!

Viele Menschen in unserem Land lässt das nicht kalt. Diese Schicksale gehen ihnen zu Herzen. Sie tun, was nun dringend geboten ist, und engagieren sich in der Flüchtlingshilfe. Die einen sorgen für eine Grundausstattung, helfen mit bei der Wohnungssuche und begleiten Flüchtlinge bei Behördengängen. Andere betreuen Kinder, Jugendliche und alte Leute. Ein Arzt im Ruhestand versorgt ehrenamtlich Flüchtlinge in einer Erstannahmestelle. Pensionierte LehrerInnen geben Deutschunterricht. Das sind nur ein paar leuchtende Beispiele bürgerschaftlichen Engagements. Sie rücken unser Land in ein helles, freundliches Licht.

Doch es gibt auch eine dunkle Seite. Fast jede Nacht brennen irgendwo im Lande Asylbewerberheime. Mich würde nicht wundern, wenn auch in der Bischofsstadt Rottenburg rechtsgewirkte Feuerteufel gezündelt hätten. Unverhohlen entfesseln die Neonazis Gewaltexzesse gegen Asylbewerber und gegen die Polizei, schreiben Hasstiraden im Internet und beschmieren öffentliche Einrichtungen mit ihrem schändlichen Emblem. Keine Frage: Die rechtsradikalen Hetzer wittern Morgenluft. Sie nutzen die Ängste vieler Menschen, um mit ihrer dumpfen, vaterländischen Ideologie anzudocken und Fremdenhass zu schüren. Wo die Neonazis offen in Erscheinung treten, müssen sie auf offenen Widerstand treffen.

Als Seelsorger stoße ich heute aber auch auf eine tief greifende Verunsicherung. Selbst in gutmeinenden Kreisen. Wird es denn auf dem Globus noch für alle reichen? Fachleute sind sich sicher: Bis zu zwölf Milliarden Menschen könnten auf diesem Planeten nicht nur überleben, sondern gut und gerne leben. Aber natürlich nicht, solange zum Beispiel einhundert Menschen so viel besitzen wie die Hälfte der Menschheit insgesamt und ein Fünftel der Menschen vier Fünftel aller Ressourcen verbraten. Würden alle so leben wollen wie wir, bräuchte man vier Erdbälle, aber wir haben nur den einen.

Mahatma Gandhi verdanken wir das weise Wort: "Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier." Daher gilt es durch eine Politik der Gerechtigkeit der Gier die Plattform zu entziehen. Es muss ein Ende haben mit der weltweiten Schrägverteilung. Wer ständig nur privaten Reichtum schützt, darf sich über öffentliche Armut und weltweites Elend nicht wundern. Die Gierhälse müssen erkennen, dass sie eigentlich arme Schweine sind. Sie glauben, das Glück käme ihnen in der Einbahnstraße ihrer Unersättlichkeit entgegen. Sie müssen erkennen: Nur Teilen macht "reich". Und nur, wenn wir teilen, ist genug für alle da.

 

Paul Schobel hat 38 Jahre lang in der Betriebsseelsorge der Diözese Rottenburg gearbeitet, von 1991 bis 2008 war er deren Leiter.


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6 Kommentare verfügbar

  • era
    am 18.09.2015
    Auch von mir ein ähnlicher Kommentar: Auch wenn der Lebensstil der meisten von uns unvereinbar mit einem nachhaltigen Leben auf unserem Planeten ist, bringt es gar nichts, die breite Masse schuldig zu sprechen.Wir kaufen billige Klamotten, weil es sie gibt. Weil viele von uns auch nicht genug verdienen seit der neoliberalen Schröderagenda.
    Es sind aber die Lenker und Leiter, die in Dritte Welt Ländern Steuerprellen als Entwicklungshilfe ummünzen, Waffen an Saudi-Arabien, Quatar und Oman liefern, die wiederum den IS unterstützen (flankiert vom US-Aussengeheimdienst) - die auch Griechenland zu einem Dritte-Welt-Land gemacht haben.
    Erinnern wir uns an die massive Propaganda Anfang der 2000er, als deren Ergebnis uns heute all die Schweinereien Leiharbeit, Hartz4, Prvatisierung alles Öffentlichen zur Gewohnheit geworden sind.
    Und wir gar nicht mehr wissen, dass der Natokrieg gegen Serbien aufgrund gezielter Fehlinformationen über ethnische Säuberungen geführt wurde und zum Sündenfall (nicht dem einzigen) des Westens nach dem Fall der Mauer wurde.
    Die Existenzberechtigung des neugegründeten Kosovo war und ist, dass es als größter Militärstützpunkt der US ausserhalb der USA dienen darf. Und wir kriegen jetzt halt die Flüchtlinge aus diesem künstlichen Etwas.

    Nein. Der Fisch stinkt vom Kopf. Subjekte, die gegen Ausländer hetzen und Deppen, die meinen Flugreisen seien ein Menschenrecht, gabs und gibts und wird es immer geben.
    Die Frage ist vielmehr, ob diese Teile der Gesellschaft Mitesser an einer regierenden Schicht sind, die durch eine Politik der Bereicherung die zugehörigen Rahmenbedingungen schafft.
    Die Kritik muß sich auf jeden Fall an die richten, die die entsprechenden Entscheidungen betreiben. Oft hinter verschlossenen Türen.
    Und - nicht zu vergessen - an die vielen Mitverbrecher an der Medienfront, die uns diese Entscheidungen schmackhaft gemacht haben.
    ---Ich wähle diese Ausdrücke bewußt, denn diese Verbrecher haben miteinander die Probleme geschaffen, die wir jetzt am Hals haben. Aus Gier, Verblendung, Egozentrik, Arschkriecherei, Verachtung von Andersdenkenden oder Schwächeren. Auch wenn sie nicht justiziabel sind, verdienen sie nicht weniger scharfe Verurteilung und Ächtung.
  • Florian S.
    am 15.09.2015
    Allen Respekt und ihre Worte in Ehren, Herr Schobel, aber machen wir uns nichts vor: Von schlichten Fakten haben sich die Mächtigen und Regierenden noch nie beeindrucken und schon gar nicht beeinflussen lassen. Und ich wage auch zu bezweifeln, dass diejenigen, die ihren privaten Reichtum schützen, die ohnehin unter der Hand jene sind, die insgeheim die Fäden ziehen, sich auch nur einen feuchten Kehricht darum scheren, was hier und in der Welt los ist. Solange sie auf ihrem Reichtum sitzen werden sie in ihrer eigenen kleinen, freundlichen, abgeschlossenen Welt leben. So ein paar ertrunkene Flüchtlinge sind in deren Augen beim Blick aus dem Fenster allenthalben ein Kollateralschaden. "Wen kümmert's?", sozusagen. Sie haben ja ihren Reichtum und ihren Frieden. Ist doch wurscht wer da regiert, ob rechts oder links, oben oder unten. Wer das Geld hat, hat die Macht. Das traurige dabei ist eigentlich nur, dass wir uns immer noch als die Ohnmächtigen, als Opfer sehen, und uns gar nicht unserer Macht als Kollektiv bewusst sind. Aus Angst vor dem eigenen Absturz fügen wir uns diesem kranken System, in dem Demonstrationen schon längst zum Instrument der Mächtigen verkommen sind, um das angebliche Zulassen von Kritik und eine angeblich herrschende Meinungsfreiheit öffentlichkeitswirksam zur Schau zu stellen. Treu nach der Devise: Gerade soviel Kritik zulassen um keine Revolutionsgedanken zu schüren. Was haben denn all die Montagsdemos unter dem Strich gebracht? Sie haben weder Hartz IV noch Stuttgart 21 nachhaltig beeinflussen können. Also egal, um was es sich handelt, Demonstrieren ist nicht die Lösung. Das es Menschen gibt die handeln und helfen ist gut, wenn es nur nicht immer so wirkungslos im Gesamtbild wäre. Und die Ursachen bekämpt es leider gar nicht. Wäre es nicht klüger an den Ursachen zu arbeiten, um gar nicht erst helfend einschreiten zu müssen? Zum Beispiel Rüstungsexporte verbieten, die einen maßgeblichen Anteil an der Flüchtlingsproblematik haben. Nur mal so ein paar Gedanken...
  • Ulrich Scheuffele
    am 11.09.2015
    wenn es an allen Ecken auf diesem Globus brennt, so haben wir es unseren bigotten "amerikanischen Freunden" und an deren Spitze dem Friedennobelpreisträger zu verdanken. Diesen Brandstiftern geht das Flüchtlingsdrama am Arsch vorbei. Ich war während dem Bürgerkrieg in Nicaragua und habe das Elend dort gesehen, auch hier hatten die Amis ihre Finger im Spiel und unsere sozialdemokratischen Freunde, die damals am Ruder waren, haben bei diesem Spielchen mitgemacht und sich dem Embargo gegen ein hungerndes Volk angeschlossen. Es war schon immer so bei diesen Leuten, die Welt in Brand stecken und dann den Humanisten spielen.
  • Schwabe
    am 11.09.2015
    "Schrägverteilung" = Klassenkampf 2.0, siehe http://www.nachdenkseiten.de/?p=23757
  • Peter Boettel
    am 10.09.2015
    Volle Zustimmung für Paul Schobel, er sollte seine klaren und wahren Worte insbesondere den sich christlich nennenden Politikern, vor allem Merkel, Schäuble, de Maiziere, Seehofer u.a. , die sich stets und leider auch mit Zustimmung des Koalitionspartners gegen eine gerechte Besteuerung von Erbschaften, Vermögen, Einkommen, vor allem aber von unverdienten Börsengewinnen, wehren, nachhaltig deutlich machen. Meine Unterstützung dazu hat er dazu.
  • Valentnin B.
    am 09.09.2015
    Wunderbar meinen Kommentar zu "In Rottenburg brennt es" bestätigt. Salbungsvolle Worte eines guten Menschen.

    Aber er hört genau da auf, in das Thema einzudringen, wo es um die Gründe dieser "Schrägverteilung" weltweit geht. Und an diesem Punkt hört für die allergrößte Mehrheit das Thema auf.

    Es ist nicht die Gier von jedermann, die diese Welt zu zerstören droht, sondern die Gier von sehr wenigen. Aber da will keiner hinschauen, weil es gefährlich ist. Uns geht es ja noch gut.

    Ich will nicht den KOPP-Verlag verteidigen. Aber warum wird er so verteufelt, auch jetzt in der Flüchtlingfrage? Weil es niemand schafft, sich argumentativ mit ihm auseinanderzusetzen.

    Versuchen Sie es doch mal, liebe Kontext:-Macher.

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