Wenn eine Juristin wie Marion Gentges Landwirtschaftsministerin werden kann im Südwesten oder eine frühere Hörfunkmoderatorin wie Cornelia von Loga (beide CDU) Staatssekretärin im Innenministerium, dann kann auch ein Fachfremder das Kultusministerium führen. Andreas Jung, Konstanzer Jurist mit Anwaltserfahrung in einer Wirtschaftskanzlei, hat sich in der Bundespolitik einen Namen gemacht als Umweltexperte. Erst kürzlich wurde er bestätigt als Vize in seiner Bundestagsfraktion der Union, zuständig speziell für Umwelt, Klimaschutz, Nachhaltigkeit, Naturschutz und nukleare Sicherheit sowie wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
Aktuell bekennt er selbst im Gespräch mit dem "Südkurier", seiner Heimatzeitung, dass man nicht drum herumreden müsse: "Die Bildungspolitik ist ein neues Feld für mich." In der jüngeren Geschichte des Südweststaats haben solche Herausforderungen indessen keineswegs Seltenheitswert: Auch Gerhard Mayer-Vorfelder, bekannt geworden als CDU-Rechtsaußen und Fußballfunktionär, wurde einst zum Kultusminister berufen, ebenso der Heidenheimer Sozialdemokrat und Rechtsanwalt Andreas Stoch.
Mit dem neuen Feld ist Jung bisher nur lebenspraktisch in Kontakt gekommen als Sohn eines Lehrerehepaares, als Schüler natürlich, als Vater schulpflichtiger Kinder. Politisch ist er in dem Bereich blank seit über 35 Jahren, seit seinem Ein- und raschen ersten Aufstieg zum Vorsitzenden der Jungen Union in Stockach. Kein Wunder, dass Parteifreund:innen und interessierte Öffentlichkeit an der Spree, aber auch zwischen Main und Bodensee die Frage nach dem Warum umtreibt: Warum tut sich ein 51-Jähriger – Jung hat am Tag seiner Vereidigung Geburtstag – das an?
In Berlin hinterlässt er eine Lücke
Für Berlin beantworten ortsansässige Kenner:innen mit breiter Verankerung in der Polit-Blase die Frage schnell und schnörkellos: aus privaten Gründen – der neue Minister im Südwesten will seiner am Bodensee lebenden Familie näher sein. Und vor allem hat er unter Merz und insbesondere dem gerade wiedergewählten Fraktionschef Jens Spahn, der die CDU bekanntlich in eine eher konservative Richtung drängen möchte, seine Felle endgültig davonschwimmen gesehen, ungeachtet seiner eigenen Bestätigung als Fraktionsvize. "Jung reißt mit seinem Abgang eine Lücke", sagt einer, "deren Größe erst im Rückblick offenbar werden wird." Der Kompass der Partei rücke damit endgültig "weit nach rechts".
Selbst MdB-Kolleg:innen aus anderen Parteien rufen ihm ein lautes "Schade" hinterher. Jung sei "integer, menschlich in Ordnung und immer gesprächsbereit gewesen", erinnert sich beispielsweise die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Heike Baehrens, heute Chefin des Landesseniorenrats. Mit den Grünen im Bundestag gebe es Reibereien auf "hoher Ebene", wie deren Fraktionschefin Britta Haßelmann einmal sagte. Vor wenigen Wochen duellierte Jung sich mit ihr öffentlich zum Thema Verbandsklagerecht, von dem etwa die Deutsche Umwelthilfe häufig Gebrauch macht. Der Dauergewinner des Direktmandats im Wahlkreis Konstanz plädierte für eine Straffung der Verfahren, die Grüne kritisierte das als Aushöhlung demokratischer Kontrollmöglichkeiten.
Nicht viel Phantasie braucht es für die Vorstellung, dass dem gebürtigen Stockacher das Ringen um den richtigen Weg zwischen einem hoffentlich noch erfolgreichen Kampf gegen die Erderwärmung und der Stärkung des Wirtschaftsstandorts fehlen wird. Die Bühne Bundestag wird weit weg sein, wenn er sich künftig bei Schulbesuchen kleinteilig mit Problemen zu befassen hat, die aus unterschiedlichen Lernniveaus erwachsen, aus Unterrichtsausfall, Lehrkräftemangel oder dem insgesamt zu vielgliedrigen System in Baden-Württemberg.
Im Südwesten tritt er in große Fußstapfen
Gern wird Jung, von Fans und Weggefährt:innen Andi genannt, beschrieben als Feingeist, Grünenversteher oder gar als "grünes Gewissen" seiner Partei, als sturmerprobter Segler vom Bodensee, als Brückenbauer, als "junger Klaus Töpfer" in Erinnerung an den einstigen CDU-Bundesumweltminister. Trotz des guten Rufs wird ihm im Land nur Erfolg beschieden sein, wenn er die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt. Cem Özdemir hat dem Minister jedenfalls schon einen ordentlichen Rucksack umgehängt: Bei der Landesdelegiertenkonferenz der Grünen am vergangenen Wochenende in Stuttgart erklärte der designierte Ministerpräsident mit extrem kurvenreicher Schulkarriere den Bildungsaufstieg zum "stärksten Zukunftsversprechen". Schließlich sind die Gestaltungsmöglichkeiten der Länder im föderalen Deutschland groß – ähnlich wie die Fußstapfen, die Jungs Vorgänger:innen hinterlassen.
Immer wenn der Neue jetzt seinem Büro in der neunten Etage des Hauses in der Stuttgarter Innenstadt entgegenstrebt, muss er an der Ahnengalerie vorbei. Darunter am späteren Bundespräsidenten Roman Herzog, der die Zeit im Kultusministerium als die schlimmste in seinem Politikerleben bezeichnet hat. Vorbei an Mayer-Vorfelder, der mit unnachahmlicher Konsequenz Lehrkräfte und Eltern gegen sich aufbrachte mit reichlich ideologischem Mumpitz: etwa der Verteufelung von Ganztagsunterricht, weil durch ihn doch nur Arzt- und Apothekergattinnen allzu viele Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung bekämen, oder der skurrilen Idee, Mädchen im Schulunterricht die Ausübung des Fußballsports zu untersagen.
Schnee von gestern. Schnee von morgen ist, dass aufgeräumt werden muss im Bildungssystem – nicht trotz, sondern wegen der Rückkehr zum allgemeinbildenden neunjährigen Gymnasium. Haupt- und Werkrealschulen verschwinden aus dem Angebot, Realschulen fühlen sich überbelastet. Die Vorsitzende des einschlägigen Verbandes Karin Broszat hat ihre Glückwünsche zum Wechsel nach Stuttgart umgehend mit leicht vergifteten Forderungen bestückt: "Die Schulen in Baden-Württemberg brauchen jetzt Verlässlichkeit, klare Entscheidungen und die politische Entschlossenheit, das bewährte differenzierte Schulsystem konsequent zu stärken, deshalb müssen Vereinheitlichungstendenzen und schleichende Strukturveränderungen zulasten differenzierter Bildungswege sofort ein Ende finden."
Jung schreitet in seiner Chefetage jedoch noch an zwei ganz anderen Bildern vorbei. Das eine von Marion Schick, der Kurzzeit-Kultusministerin unter Stefan Mappus mit großen Modernisierungsambitionen. Sie war ebenfalls eine überraschende Besetzung und gilt vielen in der Bildungslandschaft heute als zu Unrecht vergessen. Das andere zeigt Annette Schavan. Sie dürfte den Parteifreund Jung immer mal wieder an den von ihr angestoßenen Beschluss des CDU-Bundesparteitags 2011 in Leipzig erinnern, wonach mittelfristig ein zweigliedriges System aus Gymnasium und einer zweiten Schulform angepeilt werden sollte. Schavan und Jung kennen sich seit Langem und zählen zum noch immer existierenden Angela-Merkel-Lager.
Hagel-Reserve für den Fall des Falles
Der neue Kultusminister, den Özdemir seit bald 20 Jahren aus dem Bundestag kennt, könnte sich zudem in einer ganz neuen parteiinternen Rolle sehen: der des Hoffnungsträgers der CDU im Südwesten. In den wenigen Stunden, in denen vorige Woche aus Gerüchten um seine Personalie Gewissheit wurde, legte Jung eine Blitzbeförderung zur Personalreserve hin. "Für den Fall des Falles", wie ein alter und neuer CDU-Landtagsabgeordneter orakelt. Im Klartext: Sollte Manuel Hagel nicht reüssieren als stellvertretender Ministerpräsident und Innenminister, könnte die CDU dank Jung weiterhin als voll funktionsfähiger Koalitionspartner dastehen.




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