Als die Journalistin Petra Thorbrietz am 23. März im Literaturhaus in Stuttgart über ihr Buch "Wir werden Europa erobern! Ungarn, Viktor Orbán und die unterwanderte Demokratie" sprach, ging es um die Kontrolle der Medien und die Schicksalswahl am 12. April, die Orbán schließlich krachend verlor. Thorbrietz, Jahrgang 1954, lebt abwechselnd in München, Wien und Budapest. Ihr Buch erschien im Kunstmann Verlag und auch in Ungarn. Zudem berichtet sie auf Substack über Ungarn, früher auch für den ORF und die längst eingestellte Zeitung "Die Woche", für die sie Viktor Orbán 1998 – damals war er erstmals neu gewählt – als erste Auslandsjournalistin befragte. "Es war ein sehr braves Interview", erinnert sie sich.
Die Journalistin Petra Thorbrietz meint, die EU hätte es nicht so weit kommen lassen dürfen. Foto: Thomas Dashuber
Sie kritisiert Versäumnisse der EU, die es unterlassen habe, ernsthaft entscheidende Schritte gegen den Abbau der Medienfreiheit zu unternehmen. Bis heute habe sie nicht viel mehr getan als Briefe zu schreiben. Nach 2010 sei Orbáns Mediengesetz, das Rundfunk und Zeitungen eine regierungstreue Behörde vorsetzte, zwar heftig kritisiert worden in Deutschland und auch auf EU-Ebene, aber die CDU/CSU sei diesem Konflikt aus dem Weg gegangen. Dabei hätten vermutlich auch die Interessen der Autoindustrie eine Rolle gespielt. Darüber wollte sie auch in Stuttgart sprechen: über die Automobilindustrie und ihre wirtschaftliche und politische Macht. Aber dazu sei es nicht gekommen, sagt sie. Im Publikum, darunter der ungarische Generalkonsul und Leute vom Stuttgarter Wirtschaftsverband, der Mitveranstalter war, wollte niemand über Versäumnisse der Automobilkonzerne reden. Da sie darüber nicht selbst recherchiert habe, "habe ich es dabei belassen". Wie sehr trägt die deutsche Automobilindustrie mit Schuld, dass deutsche und europäische Politiker einen Autokraten wie Orbán gewähren ließen? Dass sie fast untätig zusahen, als er die EU im Sinne Donald Trumps und Wladimir Putins zerstören wollte? Diese Fragen sind auch nach der Abwahl Orbáns aktuell, denn sein System ist noch nicht beseitigt.
Kurzer Draht zu Orbán
Der ungarische Journalist Szabolcs Panyi recherchierte vor Jahren mehrere Monate lang zu genau diesen Fragen, auch in Deutschland, und schrieb 2020 in der Online-Publikation "direkt36" einen langen Artikel. Im Oktober 2017 habe ein Top-Manager eines deutschen Automobilkonzerns bei einem Empfang in Frankfurt damit geprahlt, dass seine Manager jederzeit den ungarischen Außenminister Péter Szijjártó anrufen könnten, wenn sie Anliegen bezüglich ihrer Fabriken in Ungarn hätten, so Panyi. Mercedes und Bosch, aber auch BMW und Audi haben Teile ihrer Fertigung nach Ungarn verlegt.
Panyi schrieb unter Berufung auf den deutschen Manager, falls nötig könnten sie sogar direkt mit Viktor Orbán sprechen – tatsächlich habe der ungarische Ministerpräsident ihnen geholfen: Zwei Jahre zuvor, im September 2015, als die deutsche Automobilindustrie vom Diesel-Abgas-Manipulationsskandal erschüttert und auf europäischer Ebene über Reformen zu Abgaswerten diskutiert wurde und deutsche Politiker wegen des Skandals auf Distanz zur Automobilindustrie gegangen seien. Da habe sich seine Unternehmensgruppe direkt an Viktor Orbán gewandt und ihn gebeten, die Interessen der Automobilhersteller im Europäischen Rat zu vertreten. Das sei dann tatsächlich geschehen. Panyi berichtete, Manager mehrerer deutscher Autohersteller erzählten sich ähnliche Geschichten. Deutsche Autobauer seien mit vielen Millionen Euro vom ungarischen Staat unterstützt worden – Geld, das vermutlich von der EU kam.




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