Flucht als Kunstprojekt: Jürgen Hannemann, der Bruder des Mauertoten, zeigt Verständnis. Mauerkreuz in Melilla, © Zentrum für politische Schönheit

Ausgabe 232
Kultur

Flucht in der Kunst

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 09.09.2015
Künstler haben von Anfang an auf die Flüchtlingstragödien im Mittelmeer reagiert und die Anstrengungen und Opfer einer Flucht in Filme und Installationen verpackt. Ihre Möglichkeiten sind begrenzt. Ihre Wirkung ist dafür umso stärker.

Am zweiten Weihnachtstag 1996 ertranken 283 Flüchtlinge aus Pakistan, Indien und Sri Lanka vor Sizilien im Mittelmeer, als ein libanesischer Frachter ihr Boot rammte. Immer wieder fanden Fischer Leichen in ihren Netzen. Doch die Behörden stellten sich taub. Bis ein Reporter der Tageszeitung "La Repubblica" die Geschichte aufdeckte. Dies hätte außerhalb Italiens vielleicht weniger Aufmerksamkeit erregt, hätte nicht die von dem renommierten Architekten Stefano Boeri gegründete Gruppe "Multiplicity" auf der Documenta 11 den Fall aufgegriffen. "Dieser Platz ist das größte mediterrane Massengrab seit dem Zweiten Weltkrieg", heißt es im Katalog der Ausstellung zu dem Unglücksort vor der sizilianischen Küste.

Bis dahin, 2002, hatten mehr als 20 000 Flüchtlinge die europäischen Küsten erreicht. Sehr viel weniger als heute, wo allein dieses Jahr bereits siebenmal so viele das Mittelmeer überquert haben. Viel geringer war auch die Aufmerksamkeit für das Thema, das heute in den Nachrichten an erster Stelle steht. In einem Punkt hat sich jedoch wenig geändert: Noch immer verdeckt die Mär von den skrupellosen Schleppern, denen endlich das Handwerk gelegt werden müsse, die wahren Ursachen. Seit 2004 bewacht die Agentur Frontex mit militärischen Mitteln die europäischen Außengrenzen gegen Menschen aus ärmeren Teilen der Welt. Dabei sind die Länder südlich der Sahara häufig auf die Einnahmen angewiesen, die ihre Söhne aus Übersee nach Hause schicken. Denn die Entwicklungshilfe reicht nicht einmal aus, um den Schulddienst zu begleichen.

Handel auf verborgenen Wegen

Wer wissen will, wie sich eine Reise durch die Sahara mit dem Ziel Europa abspielt, muss sich den Videoessay "Sahara Chronicle" der Schweizer Künstlerin Ursula Biemann ansehen. Biemann hatte sich zunächst 1999 mit der Situation von Frauen an der mexikanisch-US-amerikanischen Grenze beschäftigt, dann die spanische Enklave Ceuta in Marokko in den Blick genommen und anhand eines deutschstämmigen, im sibirischen Gulag geborenen weißrussischen Biologen die Reisebeschränkungen an den europäischen Außengrenzen untersucht.

Für "Sahara Chronicle", eine 78-minütige Folge von zwölf Videos, hat sie von 2006 bis 2009 eine Reihe von Orten von Agadez im Niger über die libysche Wüste, die algerisch-marokkanische Grenze, Mauretanien und Westsahara aufgesucht, bis hin zu einem senegalesischen Hafen, wo Boote zu den Kanaren in See stechen. In der Ausstellung "The Maghreb Connection" hat sie 2006 mit anderen Künstlern die Routen nach Europa weiter verfolgt. Was sich abzeichnet, ist ein Netzwerk von Reisen und Handel: auf verborgenen Wegen, weil die Grenzregulierungen den freien Austausch verhindern.

Die Ausstellung war neben Genf und Le Mans auch in Kairo, Abidjan und Bamako zu sehen: Selten arbeiten europäische und afrikanische Länder auf diese Weise zusammen. Südlich des Mittelmeers ist das Thema allerdings seit Langem präsent. Bereits 1998 waren auf der Kleinplastik-Triennale in Stuttgart zwei Arbeiten afrikanischer Künstler ausgestellt, die sich mit den Reisebeschränkungen beschäftigten: El Anatsui, einer der profiliertesten subsaharischen Künstler, hatte aus angesengten Hölzern eine Schlange Menschen nachgebildet, die um ein Visum anstehen. Barthélémy Toguo aus Kamerun, der in Abidjan, Grenoble und Düsseldorf studiert hat, war mit grob geschnitzten, massiven Holzkoffern nach Europa geflogen, um, wie er sagt, Zöllnern "eine Gelegenheit zu geben, ihr Talent zu erproben".

2008 waren auf der Dak'art, der wichtigsten Biennale des afrikanischen Kontinents, eine ganze Reihe von Arbeiten vertreten, die sich wie Babacar Niang mit der "Èmigration clandestine" (heimliche Auswanderung) oder wie Sokey Edorh mit den "Naufragés de l'espoir" (Ertrunkenen der Hoffnung) beschäftigten. Die Niederländerin Judith Quax fotografierte die Zimmer junger Männer, die nach Europa aufgebrochen waren. In den leeren, unveränderten Räumen lebte die Erinnerung an die Migranten, deren Schicksal nicht immer bekannt war. Andere Arbeiten machten die Politik der führenden Wirtschaftsnationen für den Exodus verantwortlich. Solidarität, Frieden, Sicherheit, Freiheit und Respekt vor der Natur: Diese Werte sind laut Guy Wouetes Video "La liste est longue" (Die Liste ist lang) vom Verschwinden bedroht.

Radikal zu umstrittenem Erfolg

Wouete hat später ein Flüchtlingslager auf Malta besucht und würde gern die gesamte Mittelmeerküste von Ägypten über Libyen, Ceuta und Melilla bis nach Spanien und Lampedusa bereisen, um sich von der Situation der Migranten ein Bild zu machen. Er hat die Reiseroute genau geplant und durchkalkuliert, doch für so etwas als Afrikaner Visa zu bekommen und Förderer zu finden gestaltet sich ausgesprochen schwierig.

In einer Dreikanal-Videoarbeit, ausgestellt auf der Biennale von Marrakesch und danach in den ifa-Galerien von Stuttgart und Berlin (noch bis 4. Oktober zu sehen), hat sich Leila Alaoui mit den Geschichten derjenigen beschäftigt, die auf dem Weg durch die Sahara nach Europa in Marokko angelangt sind: Zwischen großartigen Bildern von Wüste und Meer sind monumental, wie zum Denkmal erstarrt, die Migranten zu sehen. Anscheinend ließ sich das Thema in Marrakesch nur in dieser ästhetisierenden Form ansprechen.

Muss Kunst nicht radikaler sein, um etwas zu erreichen? Keine Künstlergruppe geht in der Auseinandersetzung mit den europäischen Außengrenzen, mit dem Recht auf Asyl und den Ursachen für Flucht und Migration weiter als das Zentrum für politische Schönheit. Mit unterschiedlichem Erfolg. Bereits 2009 wollten Philipp Ruch und Mitstreiter 1000 Rettungsinseln zwischen Tunesien und Lampedusa installieren. Die Finanzierung kam nicht zustande, trotz des Versuchs, durch eine Versteigerung von Angela Merkel auf Ebay Aufmerksamkeit zu generieren. Allerdings versteht sich das Zentrum nicht als Hilfsorganisation. Den Künstler-Aktivisten geht es um Verantwortung. Eine der Ursachen für Flucht und Gewalt sehen sie in den deutschen Waffenexporten. 25 000 Euro setzten sie daher als Belohnung für Hinweise aus, die zur Ergreifung der Manager des Rüstungskonzerns Krauss-Maffei Wegmann führten, was gerichtliche Auseinandersetzungen nach sich zog. 

Sie orientieren sich an der deutschen Geschichte. In Anlehnung an die Entscheidung der britischen Regierung, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs 10 000 jüdische Kinder aus Deutschland herauszuholen, legten sie Familienministerin Manuela Schwesig die Absicht in den Mund, 55 000 syrische Kinder zu retten. Die Reaktionen waren überwältigend: Hunderte von Familien erklärten sich spontan bereit, Kinder aufzunehmen. Blumengebinde lagen vor dem Familienministerium. Kinder in Aleppo und die frühere amerikanische Außenministerin Madeleine Albright dankten. Die Bundesregierung geriet in Erklärungsnöte, musste ihr Flüchtlingskontingent aufstocken und lud Philipp Ruch mit zwei Überlebenden der englischen Kindertransporte ins Kanzleramt ein. 

Ein weiterer Coup gelang dem Zentrum mit der Entwendung der Gedenkkreuze an die Mauertoten aus dem Berliner Regierungsviertel, um sie nach Melilla zu entführen. Ein Aufruf, den Grenzzaun in Bulgarien mit Bolzenschneidern zu durchtrennen, fand dagegen zwar große Resonanz, doch ein großes Polizeiaufgebot hinderte die 100 Teilnehmer an der Ausführung ihres Vorhabens. Gemischt bleibt die Bilanz im Fall der bisher spektakulärsten Aktion mit dem etwas reißerischen Titel "Die Toten kommen": Am 21. Juni besetzten Teilnehmer einer Kundgebung die Wiese vor dem Reichstag und verwandelten diese in ein temporäres, symbolisches Gräberfeld. Die Presseresonanz auf die reale Überführung von Toten aus Lampedusa war jedoch gespalten. Dabei sind in Lampedusa selbst, wie die Bürgermeisterin Giusi Nicolini beklagt, die Friedhöfe längst hoffnungslos überbelegt.

Warten für 1,05 Euro pro Stunde

Eine Wiener Gruppe, die kürzlich auch im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart vorgestellt wurde, hat nach einem Prozess gegen angebliche Schlepper zu aktiver Fluchthilfe ohne Profit aufgerufen – und bereits Nachahmer gefunden. Die Theaterautorin Margareth Obexer kehrt dagegen die Blickrichtung um. Bereits in "Das Geisterschiff", als szenische Lesung erstmals 2005 im Theater Rampe in Stuttgart aufgeführt, hat sie das eingangs erwähnte Schiffsunglück 1996 nicht direkt angesprochen, sondern die Reaktionen darauf in den Mittelpunkt gestellt. Für ihr neuestes, im Januar in Salzburg aufgeführtes Stück "Illegale Helfer" hat sie Menschen befragt, was sie dazu bewegt, Fluchthilfe zu leisten, auch wenn sie riskieren, dabei mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten.

Es geht auch eine Nummer kleiner: Martina Geiger-Gerlach befragt in ihrer künstlerischen Arbeit die Bedingungen des Ausstellungswesens. So bezieht sie Aufsichtspersonal als lebende Skulpturen in ihre Projekte mit ein. Um sich selbst und ihre Besucher mit den aktuellen Realitäten zu konfrontieren, hat sie 2014 in Ellwangen Asylsuchende aus der dortigen Unterkunft eingeladen, streng nach dem Gesetz für 1,05 Euro pro Stunde zu arbeiten, indem sie im Ausstellungsraum, einem ehemaligen Weltbild-Laden, ihrer gewohnten Tätigkeit nachgehen: zu warten. 23 Teilnehmer sagten zu, weil sie ohnehin nichts Besseres zu tun hatten. Für die Ausstellungsbesucher eine irritierende Situation: Die verbale Kommunikation stieß auf Sprachschwierigkeiten. Wer war nun Subjekt, wer Objekt der Wahrnehmung? Flüchtlinge fotografierten Besucher, während diese die Asylbewerber bei ihrer Hauptbeschäftigung beobachteten: dem Warten auf die Bearbeitung ihrer Anträge.

Die Künstlerin, die die ganze Zeit mit anwesend war, hat die fünftägige Performance mit ihrer Handy-Kamera aufgezeichnet und würde die Aktion gern in der Stuttgarter Staatsgalerie oder dem Kunstmuseum wiederholen. Wenn die Flüchtlinge dort in der Menge untergehen oder sich stattdessen das Museum ansehen wollen, würde sie das nicht stören. Es wäre der erste Schritt zu einer kulturellen Teilhabe.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!

0 Kommentare verfügbar

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!