Flüchtlingsunterkunft in Suhl: das Ziel einer oft sehr langen und gefährlichen Flucht. Fotos: Kontext

Ausgabe 211
Überm Kesselrand

Überm Meer kein Paradies

Von Susanne Stiefel
Datum: 15.04.2015
Gerade in Suhl – wo ein großes Flüchtlingsheim steht und der Pegida-Ableger Sügida mit neun Aufmärschen seine rassistische Hetze auf den Marktplatz trug –, gerade im thüringischen Suhl las und berichtete der "Zeit"-Reporter Wolfgang Bauer von seiner Flucht mit Syrern übers Mittelmeer.

Wer am Friedberg in Suhl aus dem Bus steigt, wird von Schüssen empfangen. Direkt neben der Thüringer Erstaufnahmestelle liegt das örtliche Schießsportzentrum. Viele, die vor der Gewalt in ihrem Heimatland geflohen sind, zucken bei diesem Geräusch zusammen. Adelino Mussavira kennt dieses Zucken, und als Erstes erklärt er Neuankömmlingen, dass sie hier sicher sind. Der ehemalige DDR-Vertragsarbeiter aus Mosambik, den alle nur Adelino nennen, muss viel erklären. Hier stehen die ehemaligen Offizierskasernen von Suhl, hier berät der Diakon und Sozialpädagoge heute Menschen, die vor der Gewalt in ihrer Heimat geflohen sind, wie sie sich im fremden Deutschland zurechtfinden können.

Draußen scheint die Sonne, Kinder versuchen, den ersten Zitronenfalter des Jahres zu fangen, "hallo", wird Adelino freudig begrüßt. An diesem Mittwoch ist der Beratungsraum geschlossen. Keiner weiß, warum, keiner hat einen Schlüssel, mehr als 50 Flüchtlinge warten schon auf dem Gang, hoffen, dass Adelino eine Antwort auf ihre Fragen hat. Doch wo reden? Adelino ist einer, der anpackt. Einer, der improvisieren kann. Einer, der mit seiner unerschütterlichen Fröhlichkeit Türen öffnet – auch die zum unmöblierten, leeren Lehrerzimmer. "Wer hilft, Stühle und Tische reinzuschaffen?", ruft der 53-Jährige in die Runde. Lehrerinnen, Flüchtlinge und seine zwei ehrenamtlichen Helfer packen mit an, und schnell ist aus dem kahlen Raum ein Beratungszimmer geworden.

Gestern noch war Adelino bei der Lesung des Journalisten Wolfgang Bauer in der Suhler Stadtbücherei. Er weiß, dass viele der Suhler, seiner Suhler – denn Adelino ist seit 28 Jahren einer von ihnen –, nicht sehen wollen, welche Gewaltorgien die Flüchtlinge übers Meer nach Europa getrieben haben: die Flüchtlinge, die sie nun in der Suhler Innenstadt sehen; die Flüchtlinge, die Wolfgang Bauer begleitet hat auf ihrer Flucht übers Meer; die Flüchtlinge, die Sügida für alles verantwortlich macht, was ihnen vermeintlich vorenthalten wird: Arbeit, Anerkennung, Geld. Als einer von rund 100 Zuhörern, die auf Einladung der Landeszentrale für politische Bildung in den Glasbau in der Suhler Friedensstraße gekommen sind, hört Adelino gebannt zu, wenn der "Zeit"-Reporter aus seinem Buch liest. Und der wirft seine Zuhörer mitten rein in die Flucht übers Meer nach Europa:

"'Lauft!', brüllt es hinter mir, die helle Stimme eins jungen Mannes, ein halbes Kind noch, 'lauft!', und ich beginne zu laufen, ohne viel zu begreifen, ohne in der Dämmerung viel zu sehen, ich renne den schmalen Pfad hinunter, in einer langen Reihe mit den anderen. 'Ihr Hurensöhne!', schreit einer der Jungen, die uns eben aus den Minibussen gejagt haben und jetzt neben uns herrennen, uns vorwärtsprügeln wie Viehtreiber auf ihre Herde. [...] Wir sind neunundfünfzig Männer, Frauen und Kinder, ganze Familien, die Rucksäcke geschultert, die Koffer in den Händen, und rennen an einer langen Fabrikmauer entlang, irgendwo am Rande eines Industriegebiets im ägyptischen Alexandria."

Wolfgang Bauer riskiert viel für seine Recherchen. Prügel wie in Alexandria sind da eher harmlos. Er berichtet aus Syrien, Libyen, Afghanistan, erst kürzlich war er einmal mehr im Irak. Kurz vor seiner Ausreise musste er in Bagdad aus dem Hotel fliehen, musste untertauchen, weil er entführt werden sollte. Die Gefahr hält ihn nicht ab. Der Reutlinger Journalist hat es sich zur Aufgabe gemacht, über das Schicksal der Menschen zu berichten, aus deren Heimat ein Krisengebiet geworden ist; die dort überleben müssen, und wenn das nicht mehr möglich ist, fliehen.

Wolfgang Bauer nimmt die Brille ab und schaut seine Suhler Zuhörer an. Erzählt, wie es kam, dass er am Strand von Alexandria Prügel bezog. Berichtet, wie er zusammen mit dem Fotografen Stanislav Krupar, mit syrischen Flüchtlingen, undercover als einer von ihnen, von Alexandria übers Meer nach Italien geflohen ist. Übers Mittelmeer, das von Frontex bewacht wird. Auf Seelenverkäufern, die sich kaum über Wasser halten können. In der Hand von skrupellosen Geschäftemachern, die die Not der Flüchtlinge ausnutzen. Über dieses Meer, in dem allein im vergangenen Jahr 3000 Flüchtlinge ertrunken sind. Wolfgang Bauer hat für seine Recherchen sein Leben riskiert.

Das ist dem 45-Jährigen nicht anzumerken, wenn er hier in Suhl sachlich, fast nüchtern aus seinem Buch liest, ein geradezu unheimlich-unauffälliger Buchhalter des Leidens, das keine Marktschreier braucht. "Ich will, dass Sie sehen, warum die Menschen fliehen, die bei uns ankommen", sagt er, "will, dass die Menschen hier wahrnehmen, was die Flüchtlinge alles auf sich nehmen." Wolfgang Bauer weiß auch, dass eine glückliche Ankunft in Europa nicht das Ende der Flucht und der Schrecken bedeutet. Noch wenige Tage vor Bauers Lesung hat Sügida in Suhl 400 Menschen auf die Straße gebracht. Auch deshalb liest er hier. Gerade deshalb.

Anfang des Jahres hat der Pegida-Ableger in Südthüringen die Stadt Suhl für seine rassistischen Aufmärsche ausgewählt. Sügida nennt er sich hier, "Südthüringen gegen die Islamisierung des Abendlandes". An neun Montagen demonstrierte der von Rechtsextremen dominierte Aufmarsch seine fremdenfeindliche Gesinnung in der 35 000-Einwohner-Stadt. Sie demonstrierten mal vor dem roten Rathaus am Marktplatz, an dessen Fassade ein Spruch an die Abwehr des Kapp-Putsches erinnert, mal vor dem Kongresszentrum wenige Straßen weiter. 300 bis 1000 sammelten sich unter der Sügida-Fahne, es waren die größten Neonazi-Aufmärsche in Thüringen seit Langem. "Südthüringen bleibt bunt", hielten ihnen Gegendemonstranten unerschrocken entgegen.

Und am 5. Montag, als sich draußen Rechte und Gegendemonstranten gegenüberstanden, haben Ministerpräsident Bodo Ramelow und weitere Landespolitiker bei einer Bürgerversammlung im Suhler Kongresszentrum Fragen rund um die Flüchtlinge und die Erstaufnahmestelle auf dem Friedberg beantwortet. 430 Thüringer Polizisten waren an diesem Montag im Einsatz. Der Polizei-Kontaktbeamte Volker Puff war einer von ihnen.

Der Polizeihauptkommissar mit dem grauen Schnauzer hat darum gebeten, dass Wolfgang Bauer nicht nur in Eisenberg und Erfurt, sondern auch in Suhl liest. "Das trägt mit dazu bei, das Verständnis für die Situation für die Flüchtlinge in Suhl zu verbessern", sagt er. Volker Puff hat vor der Landtagswahl einen Aufruf für ein weltoffenes Thüringen unterschrieben. Thüringen ist auch die Heimat des NSU-Trios Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos. "Wegen des NSU-Terrors und des militanten Rechtsextremismus gibt es eine besondere Verantwortung der Thüringer Politik", ist in dem Aufruf zu lesen, den auch der spätere Regierungschef Bodo Ramelow, Gewerkschafter und Professoren unterschrieben haben. Ramelows Personenschutz musste vor wenigen Tagen verstärkt werden: Wegen seines Engagements für Flüchtlinge hat er Morddrohungen erhalten.

Mehr Wissen kann helfen gegen diffuse Ängste. Wolfgang Bauer zeigt, welche Schicksale hinter den nackten Zahlen stehen. 1100 Flüchtlinge leben derzeit in der Erstaufnahmestelle in Suhl. Bissan aus Syrien, Bissan, die mit Wolfgang Bauer in einem Boot saß, könnte eine von ihnen sein:

"Neben uns hockt Bissan, das Mädchen mit Diabetes. Sie sieht zum Ufer und heult und schreit. Ihre Stimme kippt und übertönt sogar das Meer. Ihre Mutter steht in den Wellen, in ihrem schwarzen Hidschab. Sie hebt die Arme aus dem Wasser. Sie ruft dem Boot hinterher, das die Männer bereits in Richtung Meer lenken. Der Rucksack mit den Insulinspritzen treibt in der Brandung, eine Welle hat ihn Bissan aus der Hand gerissen. Oft werden Familien beim Einschiffen getrennt. Immer wieder erreichen Kinder Italien ohne ihre Eltern. Einmal auf dem Schiff gibt es kein Zurück."

Doch Wolfgang Bauers Worte zur dramatischen Flucht hören an diesem Tag nur die, die schon an den vergangenen Montagen den rechten Hetzern entgegengetreten sind. Adelino etwa, der gegen die Nazis auf der Straße war und als Angestellter der Kirche die Suhler Flüchtlinge berät. Die grauhaarige Frau, die oben im Flüchtlingsheim auf dem Friedberg Spielenachmittage für die Kinder organisiert. Die Leiterin der Volkshochschule, die sich Gedanken macht, wie man Deutschkurse für die Flüchtlinge finanzieren kann.

Enttäuscht ist darüber niemand. Am wenigsten Peter Reif-Spirek, der die Lesung organisiert hat. Vorsorglich hat der Vizechef der Landeszentrale für politische Bildung zu der Veranstaltung in der Stadtbücherei mit einer Ausschlussklausel eingeladen, damit er Nazistörer leichter rauswerfen kann. Denn Reif-Spirek – auch er hat den Aufruf für ein weltoffenes Thüringen unterschrieben – kennt solche Störer und weiß, dass die Diskussion mit ihnen nichts bringt. Er hat "Rechtsrock – Made in Thüringen" herausgeben, Veranstaltungen zu NSU und Fremdenfeindlichkeit organisiert und saß zu Rechtsextremismus auf vielen Podien.

Er kennt auch die Gefahren des Rechtspopulismus, der sich nicht von Zahlen beirren lässt: Laut "Thüringen Monitor" glaubt jeder zweite Befragte, die Bundesrepublik sei in gefährlichem Ausmaß überfremdet. Dabei nahm Thüringen 2014 nur 2,8 Prozent Asylsuchende bundesweit auf. Doch die lokale Naziszene, die bisher jede Gelegenheit nutzte, gegen die Flüchtlingsunterbringung in Suhl zu mobilisieren, traute sich nicht zu Wolfgang Bauers Lesung. 

Der Krisenjournalist weiß nur zu gut, warum Menschen ihre Heimat verlassen. Und er weiß auch, dass sie überm Meer nicht das Paradies erwartet. Nicht in Suhl. Nicht in Meßstetten. Und auch nicht in Stuttgart. Demnächst wird er auch in der baden-württembergischen Landeshauptstadt lesen. Im Weltcafé am Charlottenplatz.

 

Der "Zeit"-Reporter Wolfgang Bauer liest aus seinem Buch "Über das Meer" und spricht mit der Kontext-Redakteurin Susanne Stiefel, dem Anstifter Michael Seehoff und dem Publikum über seine Erfahrungen und über die europäische Flüchtlingspolitik: 30. April 2015, 19.30 Uhr, im Weltcafé am Charlottenplatz 17 in Stuttgart.

Homepage des Autors: www.wolfgang-bauer.info.


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1 Kommentar verfügbar

  • CharlotteRath
    am 20.04.2015
    "Die EU-Politik hätte die Mittel und die Möglichkeiten, die Flüchtlinge zu retten, die der Hölle in Syrien und Libyen entkommen sind; aber man lässt sie ertrinken. Ihr Tod wird hingenommen, er wird in Kauf genommen; er soll abschreckend auf andere Flüchtlinge wirken; er soll von der Flucht abhalten. Europa schützt sich vor Flüchtlingen mit toten Flüchtlingen."
    http://www.sueddeutsche.de/politik/fluechtlingspolitik-du-sollst-nicht-toeten-1.2439653

    Und wie die EU Schleusern in die Hände spielt ...
    http://www.sueddeutsche.de/politik/asylpolitik-wie-die-eu-schleusern-in-die-haende-spielt-1.2443758

    Mehr als tausend Menschen sind innerhalb von wenigen Tagen kläglich ertrunken. Nach Paris haben sie sich gedrängelt, die europäischen Staatsoberhäupter, zur Solidariätsdemo.
    Und hier?

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