Kundgebung syrischer Flüchtlinge auf dem Stuttgarter Schlossplatz. Foto: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 207
Gesellschaft

Abgrund und gelobtes Land

Von Anna Hunger
Datum: 18.03.2015
Weltweit sind 18 Millionen Menschen auf der Flucht. Vor Krieg oder Armut. Sehr viele wollen nach Europa. Die EU, ihre Staaten, die Bundesländer in Deutschland – alle ringen zwischen Brutalität, Gesetz und Menschlichkeit um einen richtigen Umgang mit diesen Menschen. Dabei wird es von außen immer schwieriger zu beurteilen, was richtig ist und was falsch. Ein Gespräch mit dem Asylanwalt Roland Kugler.

Herr Kugler, eine Kollegin hat kürzlich über eine Sammelabschiebung geschrieben. Wir haben lange über den Text gesprochen, zum Schluss wussten wir nicht mehr: Ist das falsch, diese Abschiebung, oder nicht? So kamen wir auf ziemlich viele Fragen, die wir nicht beantworten konnten. Wie geht man mit dem Thema Flüchtlinge und Zuwanderung um, ohne ungerecht zu sein?

Ja. Es ist ein unangenehmes Thema.

Und sehr schwierig. Diese Abschiebung war eine derart traurige Veranstaltung für alle Beteiligten, für die, die gegen die Abschiebung demonstriert haben, natürlich für die Abgeschobenen, aber auch für die Polizei, die gegen die Demonstranten vorgehen sollte. 

Nichts ist schlimmer für einen Polizisten, als eine Familie mit Kindern mitzunehmen. Bei mir haben schon häufig Polizisten angerufen, weil sie eine Familie mit Kindern abholen sollten, und haben gefragt, ob ich da nicht was machen kann. Die wollen das nicht machen. 

Wie lange machen Sie Ihren Beruf schon? 

Als ich 1979 als Anwalt anfing, gab es noch das erste deutsche Ausländergesetz von 1965. Das Gesetz bestand aus 23 Paragrafen und damals gab es die Genfer Flüchtlingskonvention. Da war alles drin. Das war einfach. 

Und das ist schon das Nächste: Es ist so kompliziert, dieses Thema, dass man sich kaum eine fundierte Meinung bilden kann, wenn man sich nicht durch Stapel von Gesetzen und Paragrafen liest und all das auch versteht.

Wir haben inzwischen unterschiedlichste Rechtsquellen. Die Unionsbürger unterliegen einem anderen Recht als die Drittstaatsangehörigen. Dann kommt's darauf an, ob einer im Familiennachzug herkommt, als Student, zur Arbeitsaufnahme, als Flüchtling, da wird jeweils eine andere Tür aufgemacht, die in andere Gänge führt. Manche führen in den Abgrund, manche führen ins gelobte Land. Und, ja, das ist die Frage: Warum ist das so kompliziert?

Muss es so sein?

Die Frage hab ich mir auch schon oft gestellt. Gerade jetzt im Zusammenhang mit der Diskussion um das Einwanderungsgesetz. Wird dadurch alles einfacher? Ich befürchte nein. Warum haben wir es heute so kompliziert? Weil man das Einfache als nicht gerecht empfunden hat. Der Preis der Gerechtigkeit ist ein kompliziertes Gesetz. 

Ist das Komplizierte denn wenigstens gerechter geworden?

Jetzt sind wir schon in der Rechtsphilosophie. Verfahrensmäßig, denke ich, ist es gerechter geworden. Die Frage nach der ethischen Gerechtigkeit würde ich als "offen" bezeichnen.

Wer soll das Recht haben, bleiben zu dürfen. Kriegsflüchtlinge oder Wirtschaftsflüchtlinge?

Wenn Killer hinter einem her sind, kann man nichts anderes sagen als: Ja, der muss bleiben dürfen. Das Flüchtlingsrecht ist ein Menschenrecht. Aber ist es auch ein Menschenrecht, besser zu leben?

Gute Frage.

Da muss ein gesellschaftlicher Konsens herbeigeführt werden. Wir haben es hier mit einer ungeheuer großen Zahl von Menschen zu tun. Wenn es eine Einwanderung in großer Zahl gibt, gibt's natürlich auch eine Einwanderung in die sozialen Sicherungssysteme. Nicht jeder Flüchtling, der hierherkommt, hat gleich Arbeit, aber er hat auf jeden Fall Anspruch auf Sozialhilfe. Das muss die hier lebende Gesellschaft akzeptieren, sonst erodiert sie und wir laufen Gefahr, dass wir es plötzlich mit vielen rechten Bewegungen zu tun haben.

Empfinden Sie die deutsche Gesellschaft im Moment als tolerant?

Ja. Wenn ich nur mal in die Parteienlandschaft schaue: Lothar Späth hat sich als liberaler Politiker gegeben, aber im Ausländerrecht war der ein knallharter Hund. Genau so war die CDU. Die CDU hat ihre Wahlen damit gewonnen. "Kinder statt Inder", das war noch vor zehn Jahren! Die CDU, jedenfalls hier in Baden-Württemberg, gewinnt ihre Wahlen nicht mehr. Vor allem nicht mehr mit diesen Themen. Die Gesellschaft hat sich gewaltig bewegt seitdem. 

Deutschland ist gnädiger geworden?

Das ist meine Meinung. 

Sie sagten in einem Interview mit der "Stuttgarter Zeitung", dass wir eine ehrlichere Diskussion über Flüchtlinge und Zuwanderer brauchen. 

Als Anwalt kämpfe ich mit aller Kraft für jeden, der zur Abschiebung ansteht. Aber als politisch denkender Mensch sage ich auch: Wenn wir Aufnahmekriterien haben, müssen wir uns auch darüber unterhalten, was wir mit denen machen, die diese Kriterien nicht erfüllen und trotzdem kommen. Sagen wir dann, na ja, die dürfen auch bleiben? Dann brauchen wir keine Aufnahmekriterien. Sagen wir, wir schauen, dass wir alle möglichst fernhalten von den Grenzen, aber wer's trotzdem schafft, darf bleiben? Das ist auch keine Lösung. Das ist das Windhundprinzip.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. 

Die Härtesten, die Glücklichsten, die mit genügend Geld, um die Schlepper zu bezahlen. Die dürfen hierbleiben? Auch wenn wir ein Einwanderungsgesetz haben, wird es immer Leute geben, die die Mindestkriterien nicht erfüllen. Die haben halt keinen Arbeitsplatz, keine Ausbildung, die kommen her, weil sie gehört haben, das man von Schwarzarbeit auch leben kann. Und was machen wir dann mit denen? Lassen wir die einfach hier? Das geht eigentlich nicht, das traut sich aber kaum einer zu sagen. Die Diskussion über diese Frage ist unehrlich.

Ehrlich zu sein ist hier auch schwierig. Da steckt man schnell im Rassismusvorwurf und kommt nicht wieder raus.

Ja, das ist das Problem. Aber das hilft ja nichts. 

Wie schlägt sich Deutschland im Ringen um den richtigen Weg? 

Ich finde, es schlägt sich ordentlich. Gut wäre ein zu hohes Lob, weil es noch Luft nach oben gibt. Ein Beispiel: Syrische Flüchtlinge schreiben kurz ihre Gründe auf, ein Papier, dann werden sie anerkannt. Es gibt nicht mehr diese quälenden Anhörungsprozeduren. Man kommt ihnen mit großen Schritten entgegen. Deutschland hat zwei große Aufnahmeprogramme, jeweils für 10 000 syrische Flüchtlinge, die einzelnen Bundesländer haben jeweils noch eigene zusätzliche Programme: Baden-Württemberg nimmt beispielsweise die misshandelten jesidischen Frauen auf, die dann auch noch in Behandlung genommen werden. Natürlich kann jeder Flüchtling, der es nach Deutschland geschafft hat, auch ohne ein Aufnahmeprogramm einen Asylantrag stellen. Jetzt kann man kritisch sagen, Deutschland, ein Land mit über 80 Millionen Einwohnern, nimmt 20 000 Flüchtlinge auf, das ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Man kann aber auch nach rechts und links schauen. In Europa hat Schweden noch so ein Aufnahmeprogramm, sonst niemand. Und dann sind 20 000 ganz ordentlich. Vor allem: Sie wurden von der Gesellschaft akzeptiert, sogar bis rein in die rechten Parteien. Es wagt keine rechte Partei zu sagen, nö, die Syrer wollen wir hier nicht haben. Die machen sich nun die Roma zum neuen Lieblingsfeind. Heute haben wir einen gesellschaftlichen Konsens, Verfolgten zu helfen, das war früher anders.

Aber Sie sagen, es geht schon noch mehr?

Wir haben es hier bei den syrischen Flüchtlingen großenteils mit der oberen Mittelschicht zu tun, akademisch gebildete Menschen. Vor zehn Jahren habe ich noch eine wunderschöne Syrienreise gemacht. Mein Eindruck damals: das ist kein Schwellenland mehr, das Land ist weiter. Und das heißt, wir müssen den Menschen, die hierher kommen, etwas bieten. Zugang zum Arbeitsmarkt, Ausbildungsmöglichkeiten, sie wollen irgendwann in ordentlichen Wohnungen leben. Das alles wird nicht einfacher, wenn Sie plötzlich eine riesige Menge an Menschen zu versorgen haben. Deren Perspektive ist nicht, zwei Jahre in Deutschland zu bleiben und dann nach Syrien zurückzukehren. Alle syrischen Flüchtlinge, mit denen ich spreche, haben mit ihrer Heimat abgeschlossen, die sagen, was wir erlebt haben, macht es uns unmöglich zurückzukehren. Ein ganzes Volk ist schwer traumatisiert.

Ja, das ist Wahnsinn.

Das ist unvorstellbar! Nachbarn bringen Nachbarn um, nur weil sie eine andere Religion haben. Das kann man nicht einmal mit der Traumatisierung hier im Zweiten Weltkrieg vergleichen. Da war noch irgendwie klar, wer Freund ist und wer Feind. Ich hatte gestern wieder jemanden da, der seine Familie aus Homs nachholen will. Neulich ist ein Onkel aus der Familie entführt worden, es ging um Lösegelder, das wurde bezahlt, drei Tage später hat man ihn mit einer Schlinge um den Hals im Straßengraben gefunden. Die Nichte saß in einem Schulbus, dann ist eine Bombe hochgegangen, das Kind ist schwer verletzt. Die Menschen können so nicht mehr leben, sie müssen bei jedem, der ihnen begegnet, damit rechnen, dass er sie umbringt.

Furchtbar. 

Ja, und es ist allen, mit denen ich spreche, ein Rätsel, wie es so weit kommen konnte. Sie sagen, es gab bisher nie einen solchen Hass in der Bevölkerung.

Was ist mit den Menschen, die zu Ihnen kommen. Haben die sich verändert?

Die Flüchtlingsschicksale sind von einer Intensität und Brutalität, die ich so noch nie erlebt habe. Ich hatte früher viele Türkei- und Afrika-Fälle, da gab es auch einzelne sehr harte Schicksale. Aber wenn in der Türkei jemand politisch verfolgt war, hatte das einen rationalen Hintergrund. Wenn das Militärregime gegen jemanden vorging, dann weil er oppositionell war. Das hat noch in unsere Denkstrukturen gepasst, und die Verfolgten konnten sich schützen, in dem sie politisches Appeasement betrieben. Aber jetzt sitzen bei mir Jesiden, deren Dörfer überfallen wurden, alle Männer, alle Jungs wurden sofort liquidiert, die Schwestern in die Sklaverei geschickt. Da gibt es keine Chance auf Rettung.

Die Schicksale sind schlimmer geworden, Deutschland ist gnädiger. Europa scheint sehr bösartig und restriktiv zu sein. Ist es so?

Die Mare-Nostrum-Aktion hat man ja gemacht, nachdem viele Flüchtlinge ertrunken sind. Mit dem Ergebnis, dass die Schlepperorganisationen die Flüchtlingsboote nicht mehr nach Italien brachten, sondern nur noch vor die Küste von Libyen. Sie machten dann mit noch schlechteren Booten, die sie noch voller machen, mehr Umsatz. Und so ein Boot mit 500 Flüchtlingen an Bord, bringt richtig viel Geld für den Schlepper. Wenn Sie das zwei- oder dreimal gemacht haben, können Sie sich als Millionär irgendwo in Dubai zur Ruhe setzen. Die Flüchtlingszahlen sind sprunghaft nach oben gegangen. Jetzt wurde Mare Nostrum gestoppt. Es ist für Flüchtlinge wieder gefährlicher, übers Meer zu kommen. Also: Was wäre die richtige Lösung? Das Asylverfahren schon auf der anderen Seite des Mittelmeers? Wenn da einer abgelehnt wird, und die Mehrzahl wird abgelehnt werden, was machen die dann? Werden sie sagen, ach Gott, abgelehnt, dann gehen wir eben wieder nach Hause? Das ist nicht zu erwarten. Ehrlich gesagt, solange der Wanderungsdruck so groß ist, und der ist halt so groß, solange hier eine Insel inmitten der Armut existiert, dann wird jeder versuchen, auf diese Insel zu kommen.

Eine gerechte Verteilung des Wohlstands auf der Welt. Das wär's. 

Ja, wenn man es schafft, den Menschen Arbeit zu besorgen, bleiben sie in ihrem Land. Im asiatischen Raum hat das schon ganz gut funktioniert. Nicht alle haben eine gute Arbeit, aber wenigstens eine Chance. Und nicht wenige chinesische Unternehmen lagern aus, weil die Arbeitskräfte beispielsweise in Äthiopien noch günstiger sind als in China. Die Äthiopier haben dadurch ein Wirtschaftswachstum von fünf oder sechs Prozent. Das ist gut! Aber gleichzeitig gibt es dort ein Bevölkerungswachstum von drei oder vier Prozent. Das ist fast ein Nullsummenspiel. 

Ich habe gelesen, Sie waren kürzlich in Äthiopien. Sie sagten, da kommt die nächste große Wanderungsbewegung auf uns zu?

Zwei Dinge sind mir in Äthiopien aufgefallen. Das Erste: diese riesigen Mengen von Kindern. Sie fahren mit dem Auto übers Land, und ständig sind Gruppen von Kindern unterwegs, Tausende. Und das Zweite: morgens sind große Gruppen von Männern unterwegs, die Gott sei Dank noch keine ordentlichen Beile oder Motorsägen haben, sondern selber gebaute Hacken mit einem Eisenstück über der Schulter tragen. Mittags sehen sie die zurückkommen; mit Ästen von Bäumen bepackt. Die heizen und kochen mit Holz. Dort bin ich an lauter Bäumen vorbeigefahren, an denen überall die Äste fehlen. Das Land war vor 20 Jahren noch zwölf bis 15 Prozent bewaldet. Jetzt sind es noch zwei Prozent. Nur noch an den Steilhängen sind die Bäume ganz, weil sie da nicht gut hinkommen. Eine explosionsartig wachsende Bevölkerung und ein gleichzeitig genauso verschwindender Baumbestand: In den nächsten fünf Jahren wird es dort nichts mehr geben, was man verheizen kann. Ich bekomme dauernd Mails aus Äthiopien. Da wollen viele herkommen.

Aber wie findet man denn nun einen guten Weg, eine Lösung für all das?

Hätte ich eine Lösung, würde ich sie Ihnen erzählen und danach überall für viel Geld verkaufen können. Ich weiß es nicht. Aber ich weiß, dass Sie noch in zehn oder zwanzig Jahren Interviews zu diesem Thema führen werden.

 

 

Roland Kugler arbeitet seit Jahrzehnten auf dem Gebiet des Verwaltungsrechts mit den Schwerpunkten Ausländer- und Asylrecht und Umweltrecht. Er Vorsitzender der „Gesellschaft für Ausländer- und Asylrecht e.V.“ in Stuttgart.


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5 Kommentare verfügbar

  • Ann-Britt
    am 26.04.2015
    Die Gruende fuer die weltweite Fluchtwellen liegen zweifellos mit einem nicht unerheblichen Anteil bei westlichen Kapitalisten und Konsumenten.
    Aber nicht nur!
    Korrupte Regierungen und Religionskriege sind ein weiterer, meiner Meinung nach, ausschlaggebender Grund fuer die Flucht aus den afrikanischen Ländern.

    Und auf die erstgenannten Gruende wird immer wieder - und zu Recht - hingewiesen. Auf die letztgenannten Gruende selten - und das zu Unrecht.

    Ein Kommentator wie Hayduke mag zu den überfütterten und wirtschaftspotenten Deutschen gehören die "fett und reich" sind.
    Ein sehr grosser Teil der Deutschen gehört allerdings nicht dazu.
    Es geht auch nicht nur darum dass unser Wohlstand runtergefahren werden muss.
    (Die das fordern sind fast immer diejenigen die nichts abgeben werden.)
    Es geht darum dass Kriege, Kriminalität, Krankheiten in einer Weise zunehmen werden die sich die fantasielosen " Kommt alle her" Rufer nicht in der Lage sind auszumalen.
    Wahrscheinlich haben sie keine Kinder oder deren Zukunft ist ihnen egal.
    Jeder Mensch hat das Recht sich ein besseres Leben zu wuenschen. Aber jeder Mensch hat auch das Recht auf den Wunsch das Leben, welches er sich durch ARBEIT und nicht durch Ausbeutung geschaffen hat, fuer sich und seine Familie zu erhalten.
    Und in einem Staat zu leben in dem ein einigermassen funktionierends Rechstsystem herrscht, wurde ueber Generationen erkämpft und es ist absolut legitim fuer dessen Erhalt einzutreten.
    Wenn es so weitergeht - und danach sieht es aus - wird der Fluechtlingsstrom erst aufhören wenn Europa den gleichen Standard erreicht hat wie die Länder aus denen die Menschen fliehen oder wenn es aufgrund millionen facher "Einwanderung" zu Kriegen kommen wird.
  • Schwabe
    am 20.03.2015
    @ Im Ernst
    "Beim Thema Migration und Flüchtlinge sind schon alle gesellschaftlichen Kräfte gefragt." Da haben Sie Recht - so weit so gut.
    Richtig ist dann aber auch, dass die massenhafte Zuwanderung von Arbeitsmigranten eine rein gesellschaftliche Frage ist und keine wirtschaftliche sein kann und darf. Die bürgerlich neoliberale Politik (CDU/CSU, SPD, Grüne, FDP, AfD) als Handlanger des Kapitals (niedrige Löhne) hat genau dies mißachtet und die massenhafte Zuwanderung von Arbeitsmigranten zu einer rein wirtschaftlichen Frage bestimmt ohne die Gesellschat vorher angemessen mit einzubeziehen! Etwas polemisch ausgedrückt kann man sagen, die deutsche Gesellschaft darf die Suppe der massenhaften Zuwanderung jetzt auslöffeln die ihnen die bürgerlich neoliberale Politik auf Geheiß der deutschen Wirtschaft eingebrockt hat bzw. die deutsche Gesellschaft wird jetzt in die Pflicht genommen!
    Hätte man die Gesellschaft vorher mit eingebunden, hätte diese sicherlich eine adäquate/angemessene Lösung gefunden, die jedoch für die Politik und die Wirtschaft sicherlich nicht optimal gewesen wäre (um es vorsichtig auszudrücken).
    Wer jetzt auf die Idee kommen sollte, die von mir als "adäquate/angemessene" bezeichnete Lösung als fremdenfeindlich deuten zu wollen, dem sei gesagt, das eine Gesellschaft in ihrer Mehrheit grundsätzlich zuerst einmal nicht fremdenfeindlich ist und auch nicht so handelt. Wer etwas anderes behauptet stellt die Mehrheit einer Gesellschaft unter Generalverdacht und tut ihr damit Unrecht.
    Schlechte, da interessengeleitete Politik - so wie eine extrem am Kapital orientierte bürgerlich neoliberale deutsche Politik - spaltet, manipuliert und verwirrt die Gesellschaft gezielt, indem sie diese nicht ausreichend informiert. Weder über innen- noch über außenpolitisch gesellschaftsrelevante Vorgänge.
  • Im Ernst
    am 19.03.2015
    @ G. Hayduke:

    Vermutlich dreht sich Kalle Marx gerade im Grabe herum. Schon zu seiner Zeit war die Welt komplexer als Sie die heutige beschreiben (wir reich, die arm...) - und er hat sie auch so beschrieben.

    Politik ist nicht in erster Linie dazu da, Probleme zu lösen. Sie ist dazu da, Konflikte möglichst gewaltfrei und in geregelten Verfahren auszutragen. Wer etwas anderes von ihr erwartet, tut genau das, was Sie so kritisieren: Er hofft - möglicherweise insgeheim und unbewusst - genau auf jenen gönnerhaften Typus Herrscher, den Sie so kritisieren.

    Beim Thema Migration und Flüchtlinge sind schon alle gesellschaftlichen Kräfte gefragt. Die Erde ist keine Scheibe mit einer Oberseite und einer Unterseite.
  • G. Hayduke
    am 18.03.2015
    Dieser Text hier ist ganz typisch für die hiesige "Flüchtlingsdebatte:" Den eigentlich Betroffenen wird der Subjektstatus aberkannt und dann wird als erstes ausführlich auf die Gefühle von "uns" eingegangen: Dem armen Polizisten, der die Familie in den Hungertod oder zur Mörderbande zurückschickt, geht es echt schlecht! (Dass er es natürlich trotzdem tut, steht gänzlich ausser Frage, aber er meint es gut: Ist ja Recht und Ordnung hier.) Dann wird der diffamierende Kampfbegriff "Wirtschaftsflüchtling" tatsächlich ohne irgendwelche Ironie oder Hinterfragung platziert: Wir überfütterten und wirtschaftspotenten Deutschen, die ja auch schlimm unter den Flüchtlingen und deren hässlichem Elend leiden, massen es uns an, das Leid der Menschen, die nicht mehr dort leben können, wo sie wollen, nach unserem Geschmack zu hierarchisieren. Kein Wort davon, dass wir nur fett und reich sind, weil sie arm und ausgehungert sind, dass unser "gutes" Leben in unserer Festung deren beschissenes Leben auf dem ausgebeuteten Kampffeld ("Weltmarkt") als notwendige Vorbedingung hat. Besonders perfide ist es natürlich auch, zu behaupten, wenn diese Leute nur "eine Arbeit" hätten, ginge es ihnen viel besser: die persönliche Arbeitskraft verliert rapide an Wert und den Rest besorgen die Exportweltmeister und deren Weltmarktregelungen.
    Eine treffende Beschreibung der derzeitigen Situation findet sich auch in der Formulierung " Deutschland ist gnädiger:" Gnade ist etwas, das ein (meist absolutistischer) Herrscher nach Willkür und Geschmack gewährt - das genaue Gegenteil eines Menschenrechts. Diese Gesellschaft entscheidet ganz nebenbei und freihändig über Leben oder Tod (oder ein Weitersiechen in erbärmlichen Umständen.)
    Menschen wie Herr Kugler tun - um vorgegebenen Rahmen des bestehenden Systems - eine wichtige Arbeit, doch es muss auch klargemacht werden, dass sich unser bestehender "Lebensstandard" des grotesken Überflusses und unsere Wirtschaftsform des eliminatorischen Exportwettbewerbs nur verteidigen lassen, wenn wir bereit sind, noch viel mehr Menschen im Mittelmeer zu ertränken oder an unseren Grenzen zu erschiessen. Die ökologischen Gegebenheiten und das ökonomische System geben es einfach nicht her, dass der globale Norden einfach weitermacht wie bisher und der globale Süden irgendwie aufholt und es ihnen dann (durch Wachstum?) auch irgendwie besser geht. Die Wahl, die wir haben, ist teilen oder töten (und es ist allerhöchste Zeit, endlich mal mit dem teilen zu beginnen.)
  • invinoveritas
    am 18.03.2015
    Das Interview mit Kugler ist ein gutes, weil es Fragen aufwirft, die von der üblichen Nabelschau wegführen. So wichtig S 21, NSU, NSA oder der angeblich so marode Zustand von Politik und Medien hierzulande auch sind - da geht es um vergleichsweise luxuriöse Probleme. Sie trüben den Blick allzu vieler Zeitgenossen dafür, dass es sich für die ganz große Mehrheit hier leben lässt, von leidlich bis gut und sehr gut.

    In vielen anderen Ländern ist das bekanntlich für die ganz große Mehrheit fundamental anders, aus einer Reihe von Gründen. Nicht der alleinige, aber einer der wichtigsten ist die Rücksichts- und Gedankenlosigkeit, mit der die Interessen westlicher Kapitalisten und Konsumenten beispielsweise in afrikanischen Staaten zu Lasten der dortigen Bevölkerung durchgesetzt werden. Die weltweiten Fluchtwellen - die zum allergrößten Teil nur die ebenfalls armen Nachbarländer erreichen und dort die Krisen verschärfen - werden erst abebben, wenn die hauptsächlichen Fluchtursachen vor Ort nicht mehr bestehen: Krieg und Armut.
    Für die westliche Welt wäre es deshalb ein Gebot von Vernunft und Moral, endlich alle notwendigen Kräfte und Mittel für die Bekämpfung der Fluchtursachen vor Ort einzusetzen. Und das heißt: Ende kolonialistischer Ausbeutung, des Rüstungsexports, des unfairen (Frei-)Handels, des schamlosen Imports der besten Köpfe. Stattdessen intelligente Hilfe zur Selbsthilfe. Alles mit dem Ziel, Grundversorgung sicherzustellen für möglichst alle.
    Dafür wäre allerdings eine mutigere und vorausschauendere Politik nötig, als wir sie haben. Und einsichtigere Bürger.

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