Die ehemalige Kaserne in Meßstetten soll bis zu 1000 Flüchtlinge aufnehmen. Zur Slideshow auf das Bild klicken. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 179
Gesellschaft

"Was wollen die da draußen?"

Von Stefanie Järkel
Datum: 03.09.2014
In Meßstetten auf der schwäbischen Alb sollen bis zu 1000 Flüchtlinge in einer leerstehenden Kaserne unterkommen. Die Bewohner wollen helfen - fürchten aber die Überforderung des Ortes. Die Rathausspitze fühlt sich überrumpelt vom Land.

Jurij Obelender spritzt seine Mauer ab. Der Hochdruckreiniger brummt. Bis die Mauer um Obelenders Grundstück fertig ist, fehlen noch etliche Meter. "Wir haben beschlossen, das mit dem Zaun zu beschleunigen", sagt der 31-Jährige. Mit dem "Zaun" meint er die Mauer, mit "wir" seine Frau und sich. Die Grenze seines Grundstückes wollte er in jedem Fall markieren, doch jetzt will er schon bis Jahresende fertig sein. Jetzt, wo er weiß, dass 1000 Flüchtlinge in die Kaserne am Rand von Meßstetten kommen. "Ich bin nicht ganz einverstanden damit", sagt Obelender, der direkt neben dem Ortsschild wohnt. "Ich bin selbst Spätaussiedler, aber Asylbewerber sind schon noch eine Nummer härter."

Bis zu 1000 Flüchtlinge sollen noch vor dem Winter in der Zollernalb-Kaserne in Meßstetten untergebracht werden - in einem Ort, dessen Kernstadt gut 5000 Einwohner hat, auf der Alb, mitten in der schwäbischen Prärie. Wird das gut gehen? Darf man das fragen, ohne als ausländerfeindlich zu gelten?

Obelender ist sich sicher: Die Kriminalität werde "auf jeden Fall" steigen, wenn die Asylbewerber kommen. "Ich sage ja gar nicht, dass die alle kriminell sind, aber die haben ganz einfach andere Sitten." Für die Stadt sei die Entscheidung allerdings gut, weil Arbeitsplätze entstünden und Geld nach Meßstetten "fließe".

In der ehemaligen Kaserne im Zollernalbkreis sollen künftig Flüchtlinge aufgenommen werden, die nach Baden-Württemberg kommen. Sie werden dort ärztlich untersucht und registriert, stellen den Asylantrag und werden anschließend auf die Landkreise verteilt. Nach drei bis sechs Wochen verlassen die Flüchtlinge die Landeserstaufnahmeeinrichtung (Lea) wieder.

Die Einrichtung in Meßstetten soll die bisher einzige Lea in Karlsruhe entlasten. Vor allem wegen der Konflikte in Syrien und im Irak steigt seit zwei Jahren die Zahl der Flüchtlinge an, von 5300 im Jahr 2011 auf vermutlich rund 23 000 Asylsuchende im laufenden Jahr. Die Landesregierung braucht eine Lösung - und wirbt um Meßstetten. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat sich mit Bürgermeister Lothar Mennig (Freie Wähler) zum Gespräch getroffen, Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD) ist nach Meßstetten gereist.

Der Ort mit seinen insgesamt 10 000 Einwohnern liegt 900 Meter über dem Meeresspiegel. Im Sonnenschein wirkt das Grün auf den Bergen um den Ort grüner als anderswo. Im Winter kommen die Menschen zum Skifahren. Der Lift startet direkt im Ort. Dafür dauert es mindestens 35 Minuten bis zur nächsten Autobahnauffahrt.

Die Lea soll allerdings nur für zwei Jahre nach Meßstetten kommen. In erster Linie soll sie Flüchtlingsfamilien aufnehmen. Der Ort ist aufgrund seiner schwachen Anbindung an das Verkehrsnetz auch für das Integrationsministerium keine Traumlösung. "Aber es gab aus unserer Sicht keine Alternative", sagt ein Ministeriumssprecher. Ein möglicher anderer Standort, die Polizeischule in Freiburg, wird erst 2016 frei. Gespräche mit Reutlingen, Tübingen und Mannheim laufen noch.

Seit Juli steht die Zollernalb-Kaserne zwei Kilometer vom Ort entfernt leer. Die Soldaten sind im Zuge der Bundeswehrreform abgezogen worden. "Das ist ja ein Ghetto da unten", schimpft Andrea Skora in der Metzgerei Müller an der Hauptstraße. Man müsse schon fragen, ob "das überhaupt Sinn macht", die Flüchtlinge dort unterzubringen. Elke Müller, Chefin der Metzgerei, sagt: "Man muss den Flüchtlingen helfen, die Verpflichtung haben wir." Meßstetten habe auch nach dem Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge aus dem Osten aufgenommen.

Vom Ortskern mit Bäckerei, Metzgerei, Eisdiele, Apotheke, Rathaus und Kirche ist es eine knappe halbe Stunde Fußmarsch bis zur Kaserne. Eine Bushaltestelle gibt es am Eingang zu dem 56 Hektar großen Areal nicht. Ein Shuttle-Service auch ins größere Albstadt ist im Gespräch.

"Militärischer Sicherheitsbereich. Unbefugtes Betreten verboten! Vorsicht Schusswaffengebrauch!", steht am Tor zur Kaserne. Doch seit die Truppen abgezogen sind, bleibt das Tor offen, ist die Schranke oben.

Hinter der Wache am Eingang bellen Hunde in ihrem Zwinger, liegt eine Tartanbahn um eine Wiese mit vier Fußballtoren. Auf der anderen Seite der Zufahrt leuchtet das "Albcasino" mit Kegelbahn in rosa. Vor den hellbraunen Soldatenunterkünften auf der Kuppe eines Hügels erinnern ein Kampfflieger, ein meterhohes Radargerät und Raketen wie Ausstellungsstücke in einem Freilichtmuseum an die bisherige Nutzung des Geländes.

Wer einen Blick durch ein Fenster des Gebäudes "8b" wirft, sieht ein schlauchförmiges Zimmer mit blauem Linoleumboden, schmalem Bett, Tischen mit Leselampe und einem Schrank. Zuletzt waren in den 35 Gebäuden rund 800 Soldaten stationiert, zu Spitzenzeiten waren es bis zu 1600. Bis Ende September sollen die Überbleibsel der Bundeswehr verschwunden sein - auch der Kampfflieger, das Radargerät, die Raketen müssen weg. Natürlich.

Bei der Stadt fühlt man sich vor allem überrumpelt vom Land, wie Tarzisius Eichenlaub sagt, stellvertretender Bürgermeister. Im Juli habe Wolf Hammann, Ministerialdirektor im Integrationsministerium, Meßstetten mitgeteilt, dass die Kaserne als Standort für eine Lea überprüft werde. Mitte August habe es geheißen: Meßstetten ist die einzige Möglichkeit. "Wir sind die Betroffenen", sagt Eichenlaub. "Wir haben kein Mitspracherecht." Das Grundstück gehört der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben.

An der Spitze des Rathauses ist man nicht begeistert über die Entscheidung. Eichenlaubs erster Gedanke war: "Was wollen die da draußen?" Er verweist auf die Größe der Stadt, den Kernort mit nur rund 5000 Einwohnern. "Da kommen jetzt noch 20 Prozent Menschen dazu." Eichenlaub spricht von einer "Herausforderung".

Der stellvertretende Bürgermeister will, dass die Einrichtung funktioniert. Sein Ziel lautet aber auch, die "Belastung des Ortes so gering wie möglich zu halten". Die Meßstettener haben Sorge, dass ihre vier Ärzte nun auch noch die Flüchtlinge betreuen müssen, die freiwillige Feuerwehr mehr Einsätze fahren muss, die Sanitäter ebenso wie die Polizei.

Ein Sprecher des Integrationsministeriums versichert, dass die Gesundheitsuntersuchung für jeden Flüchtling und notwendige Standardbehandlungen Ärzte auf dem Gelände leisten sollen. Das Innenministerium hält die Einrichtung eines Polizeipostens in der Aufnahmestelle für möglich, falls "notwendig", wie ein Sprecher sagt. Damit sich auch Menschen wie Jurij Obelender, der Mann mit der Mauer, sicher fühlen. Ein Sicherheitsdienst auf dem Gelände soll die Flüchtlinge schützen.

Ende kommender Woche soll es eine Sitzung des Gemeinderates geben. Dann kommt Hammann noch einmal nach Meßstetten. Eichenlaub will sich alle Versprechen schriftlich geben lassen. Dazu gehört auch die Befristung auf zwei Jahre. Denn eigentlich träumen die Kommunalpolitiker von einem finanzstarken Unternehmen, das die Kasernenfläche kauft, langfristig Arbeitsplätze schafft und kräftig Gewerbesteuer zahlt. Allerdings spricht Eichenlaub hier auch von einem "riesengroßen Problem" - wer will schon ein Unternehmen im Grünen ansiedeln?

Kommunaler Kuhhandel - erst Asylbewerber, dann das Gefängnis

Sogar als Gefängnisstandort hat sich die Kommune mit der Kaserne beworben. Aber das Land zeigt wenig Interesse. Einige Gemeinderäte hoffen nun auf eine Art Kuhhandel: jetzt die Asylsuchenden, danach das Gefängnis. "Ich denke, das Land dürfte es doch ein bisschen honorieren, dass man mit den Leuten hier schaffen kann", sagt Ernst Berger, Vorsitzender der CDU-Gemeinderatsfraktion.

Allerdings könnte Meßstetten auch von der Lea profitieren. Bis zu 30 Personen könnten allein als Hausmeister und bei der Verpflegung der Flüchtlinge Arbeit finden, schätzt man im Regierungspräsidium Karlsruhe. Bewerbungen für die neue Lea gibt es offenbar schon. 

Die Flüchtlinge erhalten zudem 140 Euro Taschengeld im Monat. Doch dass sie dieses Geld auch in Meßstetten ausgeben werden, bezweifelt der Handels- und Gewerbeverein (HGV). Sprecher Oliver Rentschler sagt: "Die Meßstettener fahren oft nach Albstadt-Ebingen, das werden die Flüchtlinge auch machen." Schließlich gibt es in Meßstetten vor allem Lebensmittelgeschäfte - und zu essen bekommen die Menschen in der Kaserne.

Doch jeder, der seine Sorgen offen äußert, hat Sorge, in die falsche Ecke gestellt zu werden. "Wir warten ab, was passiert", sagt Apothekerin Heike Emrich im weißen Kittel. "Es ist ein schwieriges Thema. Man muss aufpassen, was man sagt, sonst wird man als Deutscher gleich wieder angegriffen." Menschen vom rechten Rand der Gesellschaft wollen die Meßstettener auf keinen Fall anlocken. 

Als es Mitte August eine Informationsveranstaltung zum Flüchtlingsheim gab, kündigte sich die Nationaldemokratische Partei Deutschland (NPD) per Fax an. Der Abend verlief allerdings friedlich. Auf Facebook entstand die Gruppe "Kein Asylbewerberheim in Meßstetten" - sie hat bis heute deutlich mehr Mitglieder als die Gruppe "Pro Asylbewerberheim in Meßstetten". Der HGV hofft, dass es nach der Eröffnung des Flüchtlingsheimes nicht zu mehr Ladendiebstählen kommt - schlicht weil dann die NPD auf der Matte stehen würde.

Dafür hat der interkulturelle Familienverein bereits angekündigt, den Menschen in der Kaserne zu helfen, der Skiverein und der Sportverein ebenso - mit Freizeitangeboten und warmer Kleidung für den harten Winter. Schließlich gehe es auch darum, zu gucken, "dass es denen auf der rauen Alb gefällt", sagt Doris Vivas, Gemeinderätin der Unabhängigen Liste. Sie macht sich Sorgen wegen des nahe gelegenen Truppenübungsplatzes. Beim Training mit scharfer Munition gebe es regelmäßig Erschütterungen, dass "die Scheiben klirren". Wie das wohl sein werde für Flüchtlinge, die dem Krieg im Heimatland mit Bomben und Schüssen entkommen seien? "Ich hätte Angst", sagt Vivas.

Spätaussiedler Jurij Obelender baut derweil weiter an seiner Mauer.


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5 Kommentare verfügbar

  • FernDerHeimat
    am 04.09.2014
    "NahderHeimat, 03.09.2014 18:19"

    Warum wohl traut sich Bezahltroll "Peter Leidinger" nicht mehr unter seinem richtigen Namen zu posten...
  • Insider
    am 04.09.2014
    In Sigmaringen wird 2015 ebenfalls die Kaserne geschlossen. Auch hier wäre künftig die Möglichkeit, Flüchtlinge unterzubringen. Erstaunlich, dass darüber öffentlich kaum gesprochen wird.
    Stefanie Järkel könnte doch mal nachfragen, wie sich der Sigmaringer Bürgermeister - übrigens ein Schweizer- und der Gemeinderat der Hohenzollernstadt zur Unterbringung von Flüchtlingen äußern.
  • NahderHeimat
    am 03.09.2014
    Und es tut dem Ländle gut, dass zwar die Regierungsparteien gewechselt haben, der Politikstil aber derselbe geblieben ist ...

    Natürlich gilt es die Tradition der guten Gastfreundschaft in Baden-Württemberg zu verteidigen ...

    Davon ausgenommen werden sollten aber "Asyl-Touristen" vom Balkan und Co.!!!
  • tillupp
    am 03.09.2014
    @"Ich bin selbst Spätaussiedler, aber Asylbewerber sind schon noch eine Nummer härter."
    Was ist bitte bei Asylbewerbern "Härter"? Diffuses dummes Gewäsch zur Stimmungsmache. Natürlich gibt es dumme Asylbewerber, genauso wie es dumme Spätaussiedler, und dumme Restdeutsche gibt. Aber viele sind die Eliten ihrer Länder, eine Schnittstelle zwischen Deutschland und dem Rest der Welt.
    Es sind oft die zugezogenen die meinen dass nach ihnen das Boot voll ist. Dumm wie die auf der Titanic; nicht genügend Rettungsboote, aber die wenigen die's gab nur halb besetzt. So waren die Italiener in den 70ern schon abwehrend gegen die Türken und jetzt also die Spätaussiedler gegen die Asylbewerber. Ginge es hier plötzlich schlechter zu, wären genau diese Leute die Ersten, die selbst andernorts ein "besseres" Leben fordern würden; ... man ist eh nicht so verbunden mit Land und Leuten.
    Baden-Württemberg hat eine gute Tradition der Gastfreundschaft seit Einwanderung der Hugenotten; die gilt es zu verteidigen.
  • FernDerHeimat
    am 03.09.2014
    Es scheint sich nichts geändert zu haben im Ländle.

    Die Regierungsparteien sind zwei andere, die Politik ist dieselbe.

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