Ausgabe 83
Kultur

Paula malt's

Von Katharina Mayer
Datum: 31.10.2012
"Im Land der Frühaufsteher" heißt die erste Grafic Novel der Berliner Illustratorin Paula Bulling. Mit dem Original-Slogan "Willkommen im Land der Frühaufsteher" versucht Sachsen-Anhalt bundesweit, sein Image aufzupolieren. Wirklich willkommen ist dort aber keiner der Flüchtlinge, deren Schicksal die Zeichnerin für ihr Buch recherchiert hat.

"Im Land der Frühaufsteher" heißt die erste Graphic Novel der Berliner Illustratorin Paula Bulling. Mit dem Original-Slogan "Willkommen im Land der Frühaufsteher" versucht Sachsen-Anhalt bundesweit, sein Image aufzupolieren. Wirklich willkommen ist dort aber keiner der Flüchtlinge, deren Schicksal die Zeichnerin für ihr Buch recherchiert hat. 

Wer als Flüchtling nach Deutschland kommt, landet erst einmal im Lager: abgelegene, oft abgeschottete Unterkünfte, in denen die Asylbewerber jahrelang leben müssen, bis ihnen ein Aufenthaltsstatus zuerkannt wird oder sie wieder abgeschoben werden. In den Heimen leben Menschen verschiedener Nationalitäten auf engstem Raum, unter oft menschenunwürdigen Bedingungen.

Das Leben dort ist keine bloße Zwischenstation: Viele Flüchtlinge müssen jahrelang dort ausharren. In den meisten Bundesländern ist die zentralisierte Unterbringung gesetzlich vorgeschrieben, einen Ausweg gibt es nicht. Residenzpflicht, bis ins Detail geregelte Sach- und Geldleistungen – Selbstbestimmung und Freiräume für Individualität sucht man hier vergebens.

Wie ein solches Leben aussieht, wissen nur die wenigsten, die einen deutschen Personalausweis in der Tasche haben – kaum einer, der sich nicht ehrenamtlich oder beruflich für Flüchtlingsfragen interessiert, betritt je ein solches Heim. "Denen geht es doch gut", ist die weit verbreitete Meinung. Eines von vielen Klischees, mit denen Paula Bulling in ihrer Bildergeschichte aufräumt. Ein halbes Jahr hat die Berlinerin in verschiedenen Heimen für ihre Graphic Novel recherchiert, mithilfe von Salissou Oumarou, einem Filmemacher aus Niger, den sie 2008 bei einer Veranstaltung in einem Flüchtlingsheim kennengelernt hatte. Farid nennt sie ihn in ihrer Geschichte. "Er hat Vernetzungsarbeit unter Flüchtlingen in Sachsen-Anhalt gemacht, dann habe ich ihn gefragt, ob er mich in Kontakt bringen kann." Farids Vermittlung öffnete Türen, die sonst vielleicht verschlossen geblieben wären. 

Ihre Comics zeigen, was sonst nicht zu sehen ist 

Zu Beginn der Recherche zeichnete Paula Bulling vor allem Porträts als Grundlage der Geschichte, ein paar wenige Fotos dienten als Gedächtnisstütze. Später hatte sie so viel Material zusammen, dass sie in ihrem Buch gar nicht alles unterkriegen konnte. Drin ist trotzdem mehr als genug: Beklemmende, schwarz-weiße Szenen aus dem Lageralltag. Enge, permanente Kontrolle und der verzweifelte Versuch der Menschen, ihre Würde in diesem System zu bewahren. Wie es ihnen dort geht? "Bedrückend. Ja! Wir leben hier in eine Knast, der seine Namen nicht sagt", sagt ein Flüchtling.

In ihrem Buch beschreibt sie auch den gewaltsamen Tod eines Flüchtlings. Er ist der Einzige, der im Buch seinen echten Namen trägt. "Der Tod von Azad war krass", sagt die Zeichnerin. Wie auch die Prozesse zum Tod von Oury Jalloh, der im Januar 2005, an Händen und Füßen gefesselt, in einer Dessauer Polizeizelle verbrannte – auf einer feuerfesten Matratze. Der Prozess und die Urteilsverkündung waren für Paula Bulling "ein einschneidendes Erlebnis", das ihrer Recherche vorausging. Zum Buch war es nur ein logischer Schritt. "Das hat sich aus meinem Leben raus ergeben", sagt sie. Sie sei "von Jugend aus politisiert", habe sich in verschiedenen Hausprojekten mit dem Thema Asyl befasst.

Warum es nicht mehr Bücher dieser Art auf dem Markt gibt, weiß sie auch nicht: International seien dokumentarische Comics verbreitet, in Frankreich sogar ein großes Genre. "Das ist hier einfach vorbeigegangen", meint sie. Schade, zeigen doch Bücher wie ihres, was sonst nicht zu sehen ist: die Menschen, die sich hinter den Fallzahlen der Behörden und den Asylbewerber-Statistiken der Landkreise verbergen.

Die eigenen Probleme werden immer kleiner und kleiner

Comic-Zeichnerin Paula Bulling. Foto: Avant-VerlagEinfach ist es trotzdem nicht, den Menschen sichtbar zu machen wie er ist, und ihn nicht doch auch durch die verzerrte, europäische Brille wahrzunehmen und abzubilden. "Du produzierst weiße Bilder von schwarzen Menschen", sagte ihr ein Bekannter am Rande einer Demonstration gegen die Residenzpflicht und den Zwang, einen Antrag zum Verlassen des Landkreises stellen zu müssen, wenn man nur mal eben den Arzt oder die Familie besuchen möchte. Paula Bulling hat auch diese Episode in ihr Buch aufgenommen. Und damit eine Auseinandersetzung mit dem Problem auch jenen Lesern zugänglich gemacht, die sich bislang noch nicht damit auseinandergesetzt haben. 

Eine andere Schwierigkeit war für die Zeichnerin, sich im Verlauf der Recherche überhaupt noch abgrenzen zu können, auch von den Hoffnungen und Wünschen, die die Flüchtlinge mit ihrer Arbeit verbanden. "Ich fand es oft schwierig, Grenzen zu setzen und mein eigenes Leben trotzdem noch ernst zu nehmen", sagt die 26-Jährige. Wie viele, die mit Flüchtlingen und dem Elend in den Lagern konfrontiert sind, habe sie "angefangen, das eigene Leben zu relativieren". Die professionelle und die persönliche Ebene auszutarieren sei oft schwierig gewesen in diesem Projekt.

Im kommenden Jahr möchte sie ein weiteres Buch machen. Mit Salissou Oumarou will sie in den Niger reisen, zur Recherche. Es soll um seine Geschichte gehen, die Geschichte vor seiner Migration nach Deutschland und die Gründe, alles hinter sich zu lassen und den lebensgefährlichen Weg zu den Grenzen der Frontex-gesicherten Festung Europa anzutreten. Salissou soll im neuen Buch für den Text zuständig sein, Bulling für die Bilder – vorausgesetzt, das Projekt lässt sich finanzieren. 

Vor Kurzem sei sie wieder im Heim in Möhlau gewesen, erzählt Paula Bulling. "Da hat sich nichts geändert nach vier Jahren." 

 

 

Paula Bulling ist 1986 geboren und lebt in Berlin. Sie studierte zuerst Kunst und Design in Halle an der Saale und später Kommunikationsdesign. Ein halbes Jahr lang besuchte sie regelmäßig verschiedene Unterkünfte, in denen Asylbewerber leben. Ihre Recherchen veröffentlichte sie in ihrem ersten Buch als Comic-Reportage."Im Land der Frühaufsteher"ist im Avant-Verlag erschienen.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?

0 Kommentare verfügbar

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.JETZT ANMELDEN

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!