Ausgabe 83
Zeitgeschehen

Hitlers Liebling

Von Wolfgang Proske
Datum: 31.10.2012
Erwin Rommel beschäftigt wieder einmal die Republik. Spielfilm, Doku und Hörspiel an zwei Tagen hintereinander (1. und 4. November), das Medienecho: enorm. Wer war "Hitlers Lieblingsgeneral", ein Kriegsverbrecher oder ein Held des Widerstands? Und wie geht der federführende SWR mit dieser Frage um?

Ulrich Tukur als Erwin Rommel im Spielfilm. Foto: SWR/Kerstin StelterErwin Rommel beschäftigt wieder einmal die Republik. Spielfilm, Doku und Hörspiel an zwei Tagen hintereinander (1. und 4. November), das Medienecho: enorm. Wer war "Hitlers Lieblingsgeneral", ein Kriegsverbrecher oder ein Held des Widerstands? Und wie geht der federführende SWR mit dieser Frage um? Der Historiker Wolfgang Proske ordnet die aktuelle Diskussion in den Forschungszusammenhang ein.

Bereits im Vorfeld gab es heftige Auseinandersetzungen, weil die Familie von Erwin Rommel befürchtet hatte, der Wehrmachtsgeneral werde in Niki Steins Spielfilm über seine letzten Wochen zu negativ dargestellt, er werde als "Günstling", "Emporkömmling" und "Naziverbrecher" geschildert. Damit, so die Enkelin Catherine Rommel, rühre der SWR eine "braune Soße" an. Unterstützt wurde die Familie von Cornelia Hecht, Historikerin im Haus der Geschichte Baden-Württemberg und Kuratorin der dortigen Rommel-Ausstellung im Jahr 2008/2009, die später sogar in einen Streit mit der Produktionsfirma geriet. 

Die Kernfrage, wie nahe Rommel den militärischen Widerstandskreisen vom 20. Juli 1944 stand, galt innerhalb der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung lange Zeit als entschieden: Rommel, so die Meinung der meisten Fachhistoriker, gehörte nicht dem Widerstand an; er bewegte sich lediglich kurz vor seinem erzwungenen Freitod in dessen Umgebung. In der Öffentlichkeit kam diese Erkenntnis allerdings nur sehr selten an.

2002 setzte unvermutet eine neue Runde in diesem Streit ein. Der Autor und Filmemacher Maurice Philip Remy behauptete in seinem zum Bestseller aufgestiegenen Band "Mythos Rommel", "dass die bekannten Quellen [...] für eine Beteiligung Rommels am Widerstand sprechen".

Zweifel am "Führer"

Unstrittig ist, dass Rommel angesichts der sich häufenden Niederlagen spätestens 1944 Zweifel an den strategischen Fähigkeiten seines Führers hegte. Ähnlich wie auch andere deutsche Militärs in Frankreich gelangte er deshalb zu dem Schluss, Nazideutschland müsse im Westen gegenüber Briten und US-Amerikanern kapitulieren, um anschließend gemeinsam mit den ehemaligen Gegnern alle Kräfte in den Kampf gegen "den Bolschewismus" zu werfen. Diese Ansicht vertrat er – im Unterschied zu anderen Generälen – mit Nachdruck auch gegenüber Hitler.

Umstritten ist allerdings, ob Rommel infolgedessen mindestens billigend in Kauf nahm, dass Hitler getötet werden müsse, um den Friedensschluss im Westen zu erleichtern. Oder ob der General einen eigenen Weg unabhängig von der Verschwörergruppe des 20. Juli 1944 gehen und gegen Hitlers ausdrücklichen Befehl im Westen kapitulieren wollte, in der Erwartung, dass sein oberster Kriegsherr ihm im Nachhinein und nach einem Erfolg wie schon in Nordafrika recht geben würde. Ob Rommel lediglich möglichst unverbindliche Beziehungen zu den Verschwörern pflegte, um nicht völlig ahnungslos über deren Aktivitäten zu sein und um sich flexibel positionieren zu können, oder ob er trotz seiner vielfach überlieferten Verbalattacken gegen Hitler dennoch schlussendlich dessen Oberbefehl akzeptierte, weswegen er von einseitigen Kapitulationsplänen ebenso wie vom Mord an Hitler Abstand nahm. Gleichfalls umstritten die Vermutung, dass Rommel sich den Verschwörern gegenüber gar nicht verweigern musste, weil er in die Details ihrer Anschlagpläne sowieso nie eingeweiht wurde; dass er insofern lediglich eine duldende Rolle zu spielen gedachte, die aber nach einem erfolgreichen Attentat durchaus in eine künftige Verwendung als neues deutsches Staatsoberhaupt hätte einmünden können. 

Erwin Rommel ca. 1938. Foto: SWR/Haus der Geschichte Baden-WürttembergAls Voraussetzung all dieser Entscheidungsszenarien gilt das Gespräch unter vier Augen Rommels am 9. Juli 1944 mit Oberstleutnant Caesar von Hofacker, einem führenden Mitglied des militärischen Widerstands. Dessen Auftrag lautete wohl, Rommel für Maßnahmen des Widerstands zu gewinnen. Doch wie konkret war das Gespräch? Wurde das Attentat, die Einzelheiten über seinen geplanten Ablauf oder die Zeit danach überhaupt eindeutig angesprochen? Oder war es eher getragen von Umschreibungen und Andeutungen? 

Weder für noch gegen die Männer des 20. Juli

Was hat Rommel konkret unternommen, um die Verschwörer zu unterstützen? Außer Worten ist nichts belegbar. Frank Schirrmacher von der FAZ brachte dies auf den Punkt: "Was immer Rommel in seinem Herzen trug, keine seiner Handlungen macht ihn zum Protagonisten des Widerstands." Das kommt im Übrigen einem Tagebucheintrag von Joseph Goebbels sehr nahe: "Auch der Führer ist der Überzeugung, dass Rommel zwar an den Attentatsvorbereitungen nicht beteiligt ist, dass er aber davon gewusst hat." 

Somit entsteht der Eindruck eines Mannes, der sich hin- und hergerissen sah zwischen persönlicher Treue gegenüber seinem Führer und gelegentlich aufblitzenden Gedankenspielen um einen irgendwie gearteten Widerstand, die er aber letzten Endes nur als Disziplinlosigkeit zu begreifen imstande war. Letzten Endes blieb er ein "Zauderer", dem es im entscheidenden Moment an Klarheit und Konsequenz fehlte. Der Mannheimer Historiker Peter Steinbach, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und Berater der Filmgesellschaft TeamWorx, die den neuen Rommel-Film produziert, meint, Rommel habe sich nicht entscheiden können, "weder für noch gegen die Männer des 20. Juli. Er zerbrach in diesem Fall an seinen eigenen Zweifeln."

Es spricht nichts dafür, dass Rommel mehr als eine Ahnung vom geplanten Attentat besessen haben könnte. Plausibel erscheint die Annahme, dass er sogar grundsätzlich gegen ein Attentat war, denn ein toter Hitler "könnte gefährlicher sein als der lebendige. Die Reaktion der Truppe wäre nicht berechenbar und das Risiko des Scheiterns zu groß gewesen", vermutet Sohn Manfred in seinem 2010 erschienen Buch "1944 – Das Jahr der Entscheidung". Den Termin des Attentats konnte er nach seiner Verwundung nicht wissen, da die Entscheidung einen Tag vorher gefällt worden war. Damals lag Rommel noch im Koma.

Herzenssache oder Täuschungsmanöver?

Als er unmittelbar nach seinem Erwachen darüber informiert wurde, soll er sich seinem Ordonnanzoffizier Hellmuth Lang zugewandt und gesagt haben, "jetzt wisse er endlich, wovon dieser Hofacker eigentlich geredet habe". Ob dies nur ein Täuschungsmanöver gegenüber vermuteten Agenten des Reichssicherheitshauptamts war, bleibt offen. An anderer Stelle äußerte Rommel, man könne der "Vorsehung" nur dankbar sein, dass der Führer dem deutschen Volke erhalten geblieben sei. War dies wirklich nur taktisch zu verstehende Tarnung vor den langen Ohren des SD? An seine Frau Lucie schrieb er: "Zu meinem Unfall hat mich das Attentat auf den Führer besonders stark erschüttert. Man kann Gott nur danken, dass es so gut abgegangen ist." 

Und kurz vor seinem Tod erklärte er seinem Adjutanten Hermann Aldinger: "Ich bin nicht beteiligt am Attentat. Ich habe in meinem ganzen Leben dem Vaterland gedient." All diese Belege deuten darauf hin, dass er sich letzten Endes von Hitler und dem Nationalsozialismus nie zu lösen vermochte. 

Im Gegenteil glaubte Rommel bis in den Tod, Deutschland durch Loyalität gegenüber seinem Führer am besten zu dienen. Die Indizien sprechen insofern dafür, dass Hofacker sich gegenüber seinen Mitverschwörern nur wichtig machte, als er mehrfach erzählte, Rommel habe sich "voll zur Verfügung gestellt". Denn die Verschwörer lechzten förmlich nach Rommels Unterstützung. Gotthard von Falkenhausen schrieb später: "Was diese Nachricht für uns bedeutete, kann man sich vielleicht auch heute noch vorstellen!" Genau das war das Problem: Die Verschwörer ließen sich in ihrer Beurteilung der Haltung und der Absichten Rommels in unkritischer Fahrlässigkeit von Wunschvorstellungen leiten, mag dies unter der gegebenen Anspannung auch noch so verständlich gewesen sein.

Infolgedessen entstanden unter Bezugnahme auf die Legende von Rommels Teilhabe am Widerstand zahlreiche Sekundär- und Tertiärtexte, aus Fehlinterpretationen werden Folgemythen. In dem 2012 vom Ulmer Theater uraufgeführten Stück "Rommel – ein deutscher General", in dem Rommel rückblickend sein Leben Revue passieren lässt, werden ihm sogar die Worte in den Mund gelegt: "Sie können auf mich zählen!"

Das Umstrittene Rommel-Denkmal in Heidenheim, eingeweiht 1961. Foto: Joachim E. RöttgersSeinen Anteil an den jüngsten Rommel-Legenden hat auch das Haus der Geschichte Baden- Württemberg, dem – wohl auch wegen des bevorstehenden 80. Geburtstages des Rommel-Sohnes Manfred – im Jahr 2008 die Zeit gekommen schien, eine Ausstellung über den "Sohn Württembergs" umzusetzen. Einen wesentlichen Beitrag dazu lieferte die Kuratorin Cornelia Hecht.

Aus dem Fundus eines Holocaust-Leugners geschöpft?

Nach fundierten fachlichen Beiträgen wurde sie schließlich als Beraterin von TeamWorx engagiert, die den neuen Rommel-Film produzierten. Doch schon in der "Stuttgarter Zeitung" vom 22. September 2011 äußerte sie, laut "neuestem Stand der Forschung" habe Rommel keine andere Lösung gesehen, "als Hitler und seine engste Sippschaft möglichst schnell umbringen" zu lassen. Den Filmemachern von TeamWorx warf sie eine Darstellung Rommels vor, "die weit hinter das zurückfällt, was die Wissenschaft an Erkenntnissen über Rommel und den Widerstand" gegen den NS-Staat erreicht habe. Regisseur Niki Stein habe "ausgiebig aus dem Rommel-Buch des Briten David Irving" geschöpft, der 1977 die erste Rommel-Biografie veröffentlicht hat. Irving aber gelte "zumindest wegen anderer Werke als 'Revisionist'" und werde "von rechtsradikalen Kreisen geschätzt". Er habe in seiner Rommel-Biografie versucht, "den von ihm verehrten Feldmarschall vom Makel des Widerstands zu befreien". Im Übrigen komme Rommels Annäherung an den Widerstand im Film zu kurz. 

Hecht beendete ihre Arbeit bei der Produktionsfirma im Gefühl, "nie eine wirkliche Diskussion" mit den Machern erreicht zu haben. Vielleicht auch deshalb begutachtete sie anschließend das Filmdrehbuch im Auftrag der Familie Rommel. Damit aber verstieß sie gegen eine mit TeamWorx eingegangene vertragliche Verschwiegenheitsverpflichtung und wurde von einer Berliner Anwaltskanzlei aufgefordert, sich nicht mehr öffentlich zum Rommel-Filmprojekt zu äußern.

Cornelia Hecht beruft sich auch auf den 2005 von Sönke Neitzel veröffentlichten Band "Abgehört", in dem vom britischen Geheimdienst protokollierte Gespräche unter kriegsgefangenen deutschen Generälen veröffentlicht wurden. Eines dieser Gespräche fand zwischen Rommels Panzergeneral Heinrich Eberbach und seinem damals ebenfalls gefangen gehaltenen Sohn statt.

Sechs Fassungen des Drehbuchs hat es gegeben

Geht man davon aus, dass Eberbachs Äußerung ("Hitler und seine Sippschaft möglichst schnell umbringen") tatsächlich so gefallen ist: wäre damit der Nachweis erbracht, dass zuvor auch Rommel wirklich sagte und meinte, was ihm Eberbach in seiner Erinnerung unterstellt? Die Meinungen hierüber gehen auseinander. Was Remy und Hecht für eindeutig halten, sieht Neitzel bedeutend vorsichtiger. Er besteht darauf, dass die Abhörprotokolle als Sekundärquellen "nur Indizien und keinen endgültigen Beweis" liefern. Die Überlieferung sei "problematisch und [erlaube] keine eindeutigen Schlüsse". Im Übrigen lässt Neitzel auch nicht unerwähnt, dass Eberbach nach dem Krieg Rommels Äußerungen "abgeschwächt" habe. Am 14. Oktober 1952 habe er geschrieben: "Rommels Absicht war ja, nicht Hitler zu ermorden, sondern ihn vor ein Gericht zu stellen."

Dass sich Neitzel dennoch zu dem Nebensatz hinreißen ließ, Eberbachs Äußerungen "stützen die These Remys", eröffnete nun endgültig einen "Historikerstreit", an dem sich die Produzenten und Dramaturgen des Rommel-Filmes abzuarbeiten hatten. Sechs Fassungen des Drehbuchs gab es, die erste noch geschrieben von Maurice Philip Remy. Fünf davon wurden wieder verworfen. Die letztlich verfilmte Version stammt aus der Feder des Autors und Regisseurs Niki Stein, der bekannte, dass er nicht wie Remy "an der Legende des 'Widerstandskämpfers Rommel' weiterspinnen" wollte. Rommel wird deshalb – in den Worten Peter Steinbachs – gezeichnet als ein Mann, der "in eine tragisch anmutende Lage geriet, weil er sich zwischen Gewissen, besserem Wissen, soldatischem Gehorsam und ihn tief in die Geschichte des NS-Staates verstrickender Loyalität gegenüber seinem Kriegsherrn empfand". Dieses Bild hat auch Rommel-Darsteller Ulrich Tukur verinnerlicht: Rommel habe "den Traum vom edlen Soldaten geträumt und ist an der gnadenlosen Wirklichkeit gescheitert, eigentlich eine tragische Figur". 

 

Wolfgang Proske hat sich mit Erwin Rommel bereits in dem von ihm herausgegebenen Buch "Täter, Helfer Trittbrettfahrer – NS-Belastete von der Ostalb" beschäftigt. Den hier abgedruckten (und gekürzten) Beitrag hat er für die "Zeitschrift für Geschichtswissenschaft", Ausgabe 10/2012, verfasst. 

 

Über den Umgang mit dem Rommel-Denkmal in Heidenheim siehe "Rommel und kein Friede".

 

Anmerkung von Hermann G. Abmayr

Kann der General eines verbrecherischen Krieges ein Held, ja gar ein Vorbild sein? Er kann. Und er war dies in der Nazi-Zeit und in den Jahrzehnten danach, als Straßen und Kasernen nach ihm benannt wurden. Er heißt Erwin Rommel und wurde von NS-Propaganda-Chef Josef Goebbels zum Popstar gemacht. 

Kontext hat sich mit Rommel und der Rommel-Verehrung in seiner Geburtsstadt Heidenheim bereits Ende vergangenen Jahres befasst. Damals haben wir auch ein Rommel-Kurzporträt von Wolfgang Proske veröffentlicht.  

Über die Blutspur, die Erwin Rommel auf der Jagd nach dem eigenen Ruhm hinterließ, wissen die Deutschen immer noch wenig. Zum Beispiel in Italien, wo nach Mussolinis Absetzung unter Rommels Kommando die deutsche Invasion begann. Die Feldmarschälle Rommel und Kesselring, die Befehlshaber der Wehrmacht in Italien, so der Historiker Friedrich Andrae, hätten ihre Soldaten mit "rabiaten und völkerrechtswidrigen Befehlen" aufgeputscht.

Zwar gibt es Dutzende Bücher und Filme über Rommel, doch einige Archive in Frankreich und Afrika sind noch wenig oder gar nicht durchforstet worden. Beispielsweise das Staatsarchiv im libyschen Tripolis. Möglicherweise lässt sich mit neuen Dokumenten klären, so vermutet Wolfgang Proske, ob Rommel mit verantwortlich war für die Einrichtung italienischer Konzentrationslager in Libyen oder für ein Pogrom unter Beteiligung von deutschen Soldaten in Bengasi.

Unklar ist auch Rommels Rolle bei der Ermordung mehrerer Hundert ursprünglich aus Deutschland und Österreich stammender jüdischer Widerstandskämpfer im Juni 1942. Sie hatten bei der französischen Fremdenlegion angeheuert und sich im Wüstenfort Bir Hakeim unter das Kommando des späteren Militärgouverneurs der französischen Besatzungszone in Deutschland, Marie-Pierre Koenig, gestellt. 

Vielleicht wird ja Peter Steinbach diese und andere Fragen beantworten können. Der Mannheimer Historiker und Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin will Anfang 2013 im Kohlhammer-Verlag eine neue Rommel-Biografie veröffentlichen.


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1 Kommentar verfügbar

  • Gomnet
    am 04.11.2012
    Fundierter Beitrag zu Rommels vieldiskutierten Rolle im Widerstand.

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