KONTEXT Extra:
Weitere Sammelabschiebung nach Afghanistan

Der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg ruft für Mittwoch zu Protesten gegen die mittlerweile sechste Sammelabschiebung nach Afghanistan auf. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird auch Baden-Württemberg sich daran beteiligen," heißt es in einer Mitteilung. Die Proteste zeigten, "dass die von der Landes- und Bundesregierung vermutlich erwünschte Normalisierung dieser Abschiebungen nicht eingetreten ist", so Seán McGinley, Geschäftsführer des Flüchtlingsrates. Schon jetzt sei die Resonanz auf den Aufruf so groß wie nie zuvor. Nach wie vor gebe es "eine große Anzahl von Menschen, die das Unrecht von Abschiebungen in eines der gefährlichsten Länder der Welt nicht klaglos hinnehmen wollen".

McGinley erinnerte daran, wie "katastrophal die Lage in Afghanistan unverändert ist". Erst kürzlich sei eine deutsche Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation im vermeintlich sicheren Kabul zusammen mit einem Wachmann getötet und ihre finnische Kollegin wurde entführt worden. Vergangene Woche habe ein Bombenanschlag in der Provinz Herat, die seitens der deutschen Behörden ebenfalls als sicher bezeichnet werde, zehn Menschen in den Tod gerissen: "Unter diesen Umständen sind Abschiebungen nach Afghanistan verantwortungslos und menschenverachtend."

Protestaktionen gibt es am 31.5 in Heilbronn (15 Uhr, Kiliansplatz), Wiesloch, (17 Uhr, Evangelischer Kirchplatz), Schwäbisch Hall (17 Uhr, Milchmarkt), Karlsruhe (17.30 Uhr Ludwigsplatz), Stuttgart (18 Uhr, Schlossplatz), Ravensburg (18 Uhr Marienplatz), Gammertingen (18.30 Uhr Stadtbrunnen, Sigmaringer Straße) und Tübingen (18.30 Uhr, Holzmarkt). (29.5.2017)


AfD-Abgeordneter klagt gegen AfD-Fraktion

Keine Woche ohne Eklat: Der Göppinger AfD-Landtagsabgeordnete und Stuttgarter Gemeinderat Heinrich Fiechtner lässt in einem Organstreitverfahren vom Verfassungsgerichtshof Baden-Württemberg klären, ob seine Fraktion die Möglichkeiten hat, ihm das Rederecht im Plenum und die Mitgliedschaft in Ausschüssen zu entziehen, unter anderem dem NSU-Untersuchungsausschuss. Ausweislich seines Facebook-Auftritts hat er einen berühmt-berüchtigten Stuttgarter Anwalt um Unterstützung gebeten, den früheren CDU-Landtagsabgeordneten Reinhard Löffler. Erstmals, so Fiechtner, "prüft ein Verfassungsgericht das Verhältnis freies Mandat, für das wir uns so einsetzen, gegen die Fraktionsspitze". Löffler und Fiechtner wollen nicht auf das Hauptverfahren warten, sondern eine Eilentscheidung erstreiten.

Zustimmung bekommt der Mediziner und "Demo für alle"-Unterstützer von seiner Landtagskollegin Claudia Martin, die die AfD-Fraktion und die Partei inzwischen verlassen sich: Sie nannte das Vorgehen eine "Chance für die Demokratie". Über Fiechtner ist in einem "gemeinschaftlichen Beschluss", so die AfD-Fraktion, ein Redeverbot verhängt worden, unter anderem, weil er im Plenum eine Gesundheitskarte für Flüchtlinge befürwortet und sich damit gegen die Mehrheitsmeinung gestellt hatte. Schon zuvor sah er sich auch schon einem Parteiausschlussverfahren ausgesetzt, das allerdings auf Mitbetreiben des Bundes- und Fraktionsvorsitzenden Jörg Meuthen niedergeschlagen worden ist. (24.5.2017)


NSU-Ausschuss: Terminplan für zweite Jahreshälfte

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss des Landtags zu den Verbindungen des "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) nach Baden-Württemberg wird in diesem Jahr noch sieben Mal tagen. Im Jahr 2018 sind weitere Sitzungen geplant. Festgelegt sind zudem verschiedene Arbeitsschwerpunkte. So ist die Frage, ob und wie ausländische Geheimdienste am Tag der Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter, dem 25. April 2007, in Heilbronn auf der Theresienwiese aktiv waren, noch nicht abschließend geklärt. Weitere Vernehmungen zur Bedeutung der rechtsextremen Musikszene stehen auf dem Programm. Außerdem ist nicht ausgeschlossen, dass Achim Schmid doch noch geladen wird. Der Gründer des European White Knights of the Ku Klux Klan, ein gebürtiger Mosbacher, der inzwischen in den USA lebt, hätte schon vor dem ersten Ausschuss aussagen sollen. Inzwischen hat, wie erst jetzt bekannt wurde, eine Vernehmung durch das Bundeskriminalamt in den USA statt gefunden. Vorstellbar ist auch, dass beteiligte Beamte vor dem Ausschuss aussagen.

Die Sitzungstermine 2017: Montag, 19. Juni, Montag, 17. Juli, Freitag, 22. September, Montag, 9. Oktober, Montag, 6. November, Montag, 27. November und Freitag, 22. Dezember 2017. 


Und sie bewegt sich doch

Es könnte nun doch eine praktikable und finanzierbare Möglichkeit geben, Euro-5-Dieselmotoren nachzurüsten. Das ließen Experten der nationalen und internationalen Automobilindustrie in einer zweiten Verhandlungsrunde im baden-württembergischen Verkehrsministerium durchblicken. Der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann, der bei dem Autogipfel nicht mit am Tisch saß, mochte allerdings noch keine Einzelheiten nennen. Man habe sich darauf verständigt, "die heiklen Verhandlungen nicht durch die Bekanntgabe von Details kaputtzumachen". Er selber will weitere Gespräche auf Länder- und Bundesebene führen. "Denn die Uhr läuft schon", so der Grüne. Sollte es zu keiner Einigung und der damit verbundenen Absenkung von Schadstoffen kommen, werden ab dem 1. Januar 2018 in Stuttgart Fahrverbote verhängt.

Angestoßen von Hermann hat die Verkehrsministerkonferenz angesichts der Belastung zahlreicher deutscher Ballungsgebieten mit Schadstoffen bereits Ende April von Bund und der Automobilindustrie ein umsetzbares Konzept für die Nachrüstung gefordert. Außerdem sei der Bund, so der Grüne, dafür zuständig, die rechtlichen Grundlagen für die Genehmigung von Umbauten zu schaffen. Die Debatte hat Parallelen zum Streit über Katalysatoren Ende der Achtziger Jahre. Auch damals hatten deutsche Autofirmen eine Nachrüstung von Fahrzeugen für wenig praktikabel gehalten. Als erste japanische Lösungen auf den Markt kamen, bewegte sich auch die deutsche Konkurrenz. (11.5.2017)


Noch mehr Männer

Für die AfD in ihrer Verblendung sind Gender-Untersuchungen des Teufels. Auch wesentliche Teile der – traditionell männlich dominierten – Jungen Union polemisieren lieber gegen Quoten und Quoren statt sich der gesellschaftspolitischen Realität zu stellen. Denn nach dem neuen Frauen-Ranking der Heinrich-Böll-Stiftung ist Männerüberhang in der Kommunalpolitik nicht nur groß, sondern er wächst auch noch. Stuttgart liegt mit einem Frauenanteil von 38,33 Prozent im Gemeinderat und nur einer Fraktionsvorsitzenden (der grünen) auf Platz 21 von 73 untersuchten Großstädten, Karlsruhe sogar nur auf 70. Spitzenreiterin im Südwesten ist Ulm als Achte, mit einem Frauenanteil von 45 Prozent, vier Dezernentinnen und vier Fraktionsvorsitzenden. Ulm ist sogar Deutschland-Erste, wenn nur die Frauen im Rat gerankt werden. Insgesamt liegt Pforzheim auf Platz 18, Freiburg auf 25, Reutlingen auf 33, Heidelberg auf 53 und Mannheim auf 62. Bundesweit haben Erlangen, Trier und Frankfurt die Nase vorne.

Die AutorInnen haben auch Gründe für die Unterschiede und vor allem für den Rückgang der Beteiligung von Frauen in den vergangenen zehn Jahren zusammengetragen. Analysiert ist, dass Parteien zu wenig initiativ wurden und weit hinter ihren Versprechungen zurückgeblieben sind – mit Ausnahme der Grünen, die bundesweit in den Räten auf 50 Prozent Politikerinnen kommen, gefolgt von der Linken mit 44,4 und der SPD mit 37,3 Prozent. "Immer weniger Frauen führen die großstädtischen Rathäuser – eine Entwicklung, die doch erstaunt, nachdem sich Frauen auf Bundes- und Landesebene auch in den Regierungsspitzen etabliert haben", heißt es weiter. Verlangt werden gesetzliche Regelungen für die Städte und Gemeinden. Die CDU hängt im Bundesvergleich bei einem Frauenanteil von unter 29, die FDP von knapp unter 27 Prozent fest, die AfD sogar bei 11,6 Prozent, was Auswirkungen auf die Entwicklung insgesamt haben wird: "Da diese Partei bei den nächsten Kommunalwahlen bisherigen Prognosen zufolge gute Chancen hat, deutlich mehr Kommunalparlamentarier/innen zu stellen als bisher, droht dadurch der Frauenanteil in den Räten insgesamt zu sinken."


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Ausgabe 163
Gesellschaft

Nur ein Steinwurf

Von Anna Hunger
Datum: 14.05.2014
Die Krautheimer waren entsetzt. Erst über die Asylsuchenden, die sie beherbergen sollten, dann über den Stein, der ins Heim geworfen wurde. Der Stein wurde zum Anstoß, nachzudenken. Mittlerweile hat sich aus Ablehnung beinahe Freundschaft entwickelt. Doch die Skepsis bleibt.

Beste Stimmung an einem Freitagnachmittag in der Krautheimer Birkenallee 6–8. "Das ist eine Fünf", sagt Jasmin, blond, neun Jahre alt, zu Ibrahim Hussein, dunkles Haar, 30. Der klappt artig das "Nummer 5"-Holzklötzchen auf dem Spielbrett um. "Funf", sagt er. "Genau", sagt Jasmin. Im Untergeschoss gibt Gisela Stromer Deutschunterricht, Serdar Mousa, Mohammed Sharif al-Hejazi und Muhammad Kamran sitzen drum herum und diskutieren in Deutsch-Englisch-Arabisch-Kauderwelsch, ob es nun "machst du am Sonntag Frühstück" oder "machst du im Sonntag Frühstück" heißen muss.

Jasmin Rettich und Ibrahim Hussein beim Zahlenlernen. Fotos: Kontext
Jasmin Rettich und Ibrahim Hussein beim Zahlenlernen. Fotos: Kontext

Auf der Terrasse der Flüchtlingsunterkunft sitzt Jutta Kobald, heute die Mutter einer selbst organisierten Intergrationsbewegung, die mittlerweile eine Menge Krautheimer erfasst hat. Das war nicht immer so.

Die Birkenallee 6–8 liegt zwischen Einfamilienhäuser mit Holzäunen und Rosenbüschen. Samstags, sagt ein Nachbar, seien die 20 Meter Gehweg vor dem Haus so sauber wie sonst nirgends. "Irgendwer hat unseren Jungs erzählt, was die Kehrwoche ist", sagt er. "Unsere Jungs", das sind acht Syrer und sechs Männer aus Pakistan, zwischen 20 und 40 Jahre alt und seit acht Wochen in Krautheim, einem verschlafenen Ort, über den ganz plötzlich die Globalität hereingebrochen ist und dessen Bürger seitdem eine Menge über Menschenwürde gelernt haben.

Überall im Haus stapeln sich Brettspiele und Deutschbücher. Es gibt selbst gebastelte Uhren aus Pappe, damit alle lernen, was "Viertel" und "Dreiviertel" ist, eine Fußballfibel mit Fragen und Antworten ("Was ist Fritz-Walter-Wetter?"), sie gehört Danish aus Pakistan, passionierter Bayern-München-Fan, seitdem er in Deutschland lebt. "Mia san mia", ruft er in den Raum und verschwindet in seinem Zimmer, um sich standesgemäß sein Bayern-Trikot überzuwerfen. Die Fußballfibel hat ihm Melanie geschenkt, damit er Leidenschaft und Lernen gleich verbinden kann. Sie ist 17 und seit ein paar Wochen Mitglied des selbst ernannten Integrationsprojekts, das an diesem Tag mit insgesamt zwölf Männern und Frauen zu Nachhilfe und Körnchenkaffee in das Krautheimer Asylbewerberheim angerückt ist. Die Stimmung ist bestens, kommuniziert wird bislang vor allem mit Händen und Füßen.

Krautheim liegt im Hohenlohischen zwischen Zweiflingen und Bad Mergentheim, kurz vor Bayern. Hier sagt man nicht "Kinder", sondern "Kinnas" und "owadruff" statt "obendrauf". Es gibt einen Edeka, einen alten Bahnhof und ein Wohnzentrum für körperbehinderte Menschen. 

Der Ort ist CDU- und Freie-Wähler-regiert, einen SPD-Ortsverein gab es mal, aber das ist lange her. Krautheim ist die Stadt des "Götzenspruchs", dort gibt es den Götz-Gedenkstein für Götz von Berlichingen, original an der Stelle, wo selbiger 1516 dem Kurmainzer Amtmann Max Stumpf den berühmten Satz "... er aber sag's ihm, er könne mich ..." um die Ohren gehauen hat. Das sei bisher das einzig Denkwürdige in der Geschichte dieser Gemeinde gewesen, sagen manche. Bis die Asylbewerber in die Birkenallee einzogen. 

Im Untergeschoss der Birkenallee sitzt Ali Hassan vor einem Deutschbuch. Er ist ein schmaler Mann, 25 Jahre alt, hat Literaturwissenschaften studiert, war in seiner Heimat Englischlehrer und ist die Schnittstelle zwischen Ausland und Krautheim. Er kommt aus Syrien, geflohen über die Türkei, mit dem Schiff nach Griechenland, dann nach Italien, mit dem Lkw in die Schweiz, von Bülach nach Waldshut ist er gelaufen, 40 Kilometer bei Nacht durch den Wald. Als er vor Wochen dort ankam, hatten die Bürger von Krautheim bereits ein Flugblatt im Briefkasten, eine Unterschriftensammlung hinter sich und eine brechend volle Bürgerversammlung, auf der ein Nachbar der Birkenallee 6–8 sagte, er ziehe einen Zaum um sein Grundstück und wehe dem Asylbewerber, der den anfasst!

Die Birkenallee 6–8.
Die Birkenallee 6–8.

Ein anderer rechnete schon den Wertverfall seines Anwesens aus oder die Bedrohungslage der Schulkinder durch die "Asylanten", weil die Schulbus-Haltestelle genau gegenüber dem neuen Asylbewerberheim liegt, fünf Meter Luftlinie, Krautheimer Tugend auf der einen Seite, Sodom und Gomorra auf der anderen. Bei Facebook hatte die "Identitäre Bewegung" eine Gruppe gegen die "Asylbetrüger" gegründet: "Jetzt geht's auch bei uns los. Wir sagen NEIN zum HEIM!!!!"

Als sie in Waldshut ein Foto von Ali Hassan machten für seine Aufenthaltsgestattung, veröffentlichte die örtliche Zeitung in Krautheim den Leserbrief einer Zwanzigjährigen: "Ich habe Angst! Ich frage mich, ob ich mich bald nicht mehr alleine aus dem Haus trauen kann." Eine rund zehnköpfige Bürgerinitiative hatte einen Anwalt beauftragt, der die Unterbringung prüfen sollte, und der Bürgermeister bat in einer Stellungnahme seine Bürger "um Verständnis, dass die Stadt gegen die Unterbringung von Flüchtlingen in einem privaten Anwesen rechtlich nichts unternehmen kann". Drei Monate hat Ali Hassans Flucht gedauert. Auf dem Foto, das sie in Waldshut gemacht haben, sieht er unendlich müde aus. In Krautheim kochte derweil die Volksseele.

Vor acht Wochen ist Ali Hassan in Krautheim angekommen. Oben zogen die Pakistaner ein. Ein Investor hat das Anwesen gekauft, und als die Flüchtlinge von den EU-Außengrenzen auch auf deutsche Dörfer verteilt wurden, hat er es dem Landratsamt vermietet, und keiner wusste davon, nicht mal der Bürgermeister, behauptet er selbst, es habe nur "inoffizielle Hinweise" gegeben, das da womöglich etwas "auf uns zukomme".

Krautheimer Idyll. Der Ort besteht auf neun Teilorten, der Kern hat 2000 Einwohner.
Krautheimer Idyll. Der Ort besteht auf neun Teilorten, der Kern hat 2000 Einwohner.

Die Bürger von Krautheim sagen, genau das sei das Problem. Das es keiner gewusst haben will. Der Landrat nicht, der Bürgermeister, kein Gemeinderat. Dass alle ihre Kommunalpolitiker die Köpfe einzogen und dachten, der Kelch ginge an ihnen vorüber, bis eine Nachbarin von einem Bauarbeiter zufällig erfuhr, dass da "40 junge Männer" in die Birkenallee einziehen sollten. 40!, sagt die Nachbarin, immer noch entsetzt. Selbst wenn man die freiwillige Feuerwehr von Krautheim mit 40 Mann zwei Wochen in dieses Haus quetschen würde, würde es irgendwann Zoff geben. Außerdem: Wer wusste denn, dass das keine drogenabhängigen, kriminellen, saufenden Schläger sein würden? Was, sagt sie, weiß man in Krautheim schon über Syrien und Pakistan, außer dem, was im Fernsehen kommt? Nichts! Woher auch? Als der Streit auf seinem Höhepunkt kochte, hatte der evangelische Pfarrer in die Morgenandacht einen Text eines Kollegen aufgenommen. Es ging um den Libanon, den Nachbarstaat zu Syrien, in den über eine Million Syrer geflüchtet sind. "Von den Libanesen lernen?", beginnt der Text. "Ja, das können wir Deutschen, wir Europäer." 

Jutta Kobald, Fotografin und bereits aus der SPD ausgetreten, bevor sich der Ortsverein ins politische Nirwana verabschiedete, sitzt auf der Terrasse der Birkenalle an einem großen, grünen Plastiktisch. Mithilfe einiger Krautheimer Frauen hat sie die Unterschriften- und Flugblattaktion gegen die Überbelegung des neuen Asylbewerberheims, den Bürgermeister und den Landrat organisiert. Heute sagt sie, das Problem seien weniger die Asylbewerber gewesen, sondern mehr die Kommunikationspolitik des Rathauses und das Haus, das zu klein sei für 40 Mann. Einige im Ort sagen, dieses Flugblatt und die Unterschriftensammlung der Kobalds hatten schon den Anstrich von "überall anders, nur nicht hier".

Als die Bewerber schließlich doch nicht "überall anders", sondern eben "hier" und erst einmal nur mit 14 Mann anstatt mit 40 einzogen, packte das Mädchen, das den Leserbrief geschrieben hatte, einen Obstkorb, ein bisschen Mut und die Frau Mama als Beschützerin ein und stattete den neuen Nachbarn einen Besuch ab. Jutta Kobald und ihre Damen standen neugierig mit selbst gebackenem Kuchen auf der Schwelle der Birkenallee, um die Stimmungslage der Neuankömmlinge zu checken. Etwas skeptisch anfangs, weil keiner von ihnen wusste, ob man Moslems nun die Hand gibt oder nicht oder ob sie überhaupt mit Frauen sprechen würden, die keine Kopftücher tragen. Der Bürgermeister hatte zudem eine Vorstellungsrunde organisiert, damit sich alle kennenlernen, ein runder Tisch, an dem Ali, der Dolmetscher, aufstand, sich bedankte für Obst und Kuchen und die Gastfreundschaft und dann sagte, er wünsche sich eine gute Nachbarschaft und bitte keinen Streit. Auch deshalb machen die 14 Männer jeden Samstag Kehrwoche.

Bayern-München und Pakistan in Krautheim.
Bayern-München und Pakistan in Krautheim.

Nach ein paar Tagen zerschlug in einer Nacht ein Stein ein Fenster der Birkenallee und landete in der Küche. Wer den Stein auf das Asylbewerberheim geworfen hat, weiß keiner so genau. Und eigentlich will es auch keiner wissen, denn für diesen Stein schämen sich die Krautheimer. Eigentlich schämen sich viele in diesem Ort sowieso. Für die aufgebrachte Bürgerversammlung im Vorfeld, die Unterschriftenaktion, bevor auch nur ein einziger Syrer im Ort angekommen war. Auch die Facebook-Seite "NEIN zum HEIM!!!!" ist mittlerweile gelöscht. Viele Krautheimer waren erschrocken, dass aus bösen Worten auch Taten werden können.

Norman Weyrosta ist ein ruhiger, freundlicher Mann mit stubbeligem, grauem Haar. Er hat die Unterschriftenliste auch mit gezeichnet, weil er es menschenunwürdig fand, 40 Männer auf 200 Quadratmeter mit zwei Toiletten zu pferchen. Aber er sei auch entsetzt, gewesen über die knallharten Äußerungen der Dorfbewohner auf der Bürgerversammlung. Wer da was genau gesagt hat, erzählt er nicht. "Lange her", sagt er. Wie der Steinwurf. Fast vergessen. Mittlerweile gibt es kaum noch jemanden in diesem Ort, der die Asylbewerber aus der Birkenallee als störend empfinden würde. 

Weyrosta ist der Leiter des Eduard-Knoll-Wohnzentrums, einer Einrichtung für insgesamt rund 80 Menschen mit Behinderung. Sahid und Ali arbeiten bei ihm, 80 Stunden im Monat sind erlaubt. Ein Rollstuhlfahrer kommt um die Ecke gedüst, "Sahid, wann spielen wir wieder Räuber und Gendarm?", ruft er. "Bald", sagt Sahid, er lacht und drückt den Mann herzlich. Seine Bewohner kennen das mit dem Ausgegrenztsein, sagt Norman Weyrosta. Deshalb klappe das so gut. Die Toleranz der Krautheimer haben auch sie sich hart erarbeiten müssen.

Mittlerweile fast Kumpels: Mohammed Sharif al Hejazi, Norman Weyrosta und Ali Hassan (v.l.).
Mittlerweile fast Kumpels: Mohammed Sharif al-Hejazi, Norman Weyrosta und Ali Hassan (v. l.).

Zwei der Syrer singen mittlerweile im Chor. Der katholische Pfarrer hat Honig und Tee vorbeigebracht, der evangelische hat eine Handvoll "unserer Jungs" zum Maibaumstellen am Ort mitgenommen, und als sie ihn dort gefragt haben, wer die denn seien, sagte er: "Syrische Freunde." Jutta Kobald und ihre Frauen haben zwei Hände voll Helfer organisiert, die an drei Nachmittagen die Woche beim Deutschlernen helfen – zusätzlich zum Deutschkurs am Morgen. Sie haben Fahrräder gesammelt, bringen Kleidung, manchmal Kaffee vorbei, eine Nähmaschine, weil einer der Syrer ein Schneider ist. Sie sind mit ihnen nach Schwäbisch Hall gefahren zur Stadtführung. Eine Nachbarin kommt nachmittags immer mit dem Hund vorbei und fragt, ob einer mitspazieren möchte. Dann zeigen sie auf Bäume und Schilder und Wege, und lernen die Worte dazu. Kürzlich haben die Kurden im Ort zum Championsleague-Spiel in ihr Dönerrestaurant eingeladen. Jeden Tag ein Event. Manche sagen, es sei ein bisschen viel des Guten, ja beinahe Bevormundung. Jutta Kobald sagt, sie arbeite momentan an einem Plan, damit nicht jeder in die Birkenallee käme, wann er grade Lust habe.

Nun scheint sich die Krautheimer Geschichte zu wiederholen. Jutta Kobald hat schon wieder eine Unterschriftenaktion und einen Brief an den Landrat vorbereitet, weil demnächst weitere 14 Flüchtlinge in Krautheim ankommen sollen. Wenn das der Fall sei, seien "unsere bisherigen Integrationsbemühungen gefährdet", schreibt sie.

Norman Weyrosta hat diesmal nicht unterschrieben. Manchmal sitzt er nach Feierabend mit Ali Hassan bei einem Bier. "Jeder von diesen Menschen", sagt er, "hat ein großes Päckchen auf den Schultern zu tragen. Und wir in Krautheim haben eine Menge Platz. Da könnten wir locker 100 Asylbewerber aufnehmen und nicht nur 28."


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