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Probleme inklusive

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Seit Monaten schiebt Kultusminister Andeas Stoch (SPD) die Antwort auf eine der wichtigsten gesellschaftspolitischen Fragen dieser Legislaturperiode vor sich her: den Umgang mit behinderten Kindern und Jugendlichen im Regelunterricht.

Stuttgart mit seinen rund 600 000 Einwohnern ist Modellregion. Dennoch blieb bisher außerhalb aller Fachzirkel weitgehend undiskutiert, worum es wirklich geht: nicht nur um Kinder im Rolli, die auf ein mehr oder weniger barrierefreies Gymnasium gehen, oder um Seh- oder Hörbehinderte, die dank zusätzlicher Betreuung die allgemeinen Klassen- und Lernziele erreichen. Es geht um viel mehr. Es geht um Schüler und Schülerinnen, die an einem Unterricht teilnehmen, dem sie nicht zur Gänze folgen können, um Vielfalt und Miteinander, um Respekt und Teilhabe, um Anspruch und Wirklichkeit. "Um das Recht auf Bildung, das weder durch die Schwere der Behinderung noch durch leere Kassen der öffentlichen Hand in Frage gestellt werden darf", so die Forderung des Landesverbands für Menschen mit Körper-und Mehrfachbehinderung. Schule müsse "völlig neu gedacht werden".

In der Landeshauptstadt besuchen derzeit knapp 500 Kinder eines der 60 inklusiven Bildungsangebote, viele von ihnen gehen noch in die Grundschule. Wie schwierig der Übergang in eine fünfte Klasse werden kann, zeigt die Debatte um den Jungen mit Downsyndrom aus Walldorf, der mit seinen Freunden aufs Gymnasium gehen möchte. Eine Aufgabe, der sich das dortige Lehrerkollegium nicht stellen will und kann. Bisher wechselten nur Kinder, die auch das Abitur anstreben können.

"Nicht mehr als eine schöne Illusion"

In Stochs reiner Lehre wird es solch eine abwehrende Haltung nicht mehr geben. Dennoch mochte der Minister, verheiratet mit einer Sonderschulpädagogin, in den seit Wochen nicht zuletzt auf dem Rücken der Viertklässler ausgetragen Streit nicht eingreifen. Dabei haben die seit Jahren aktiven Eltern das zuständige Schulamt in Mannheim und die Stadt auf ihrer Seite. Inzwischen läuft eine Online-Petition. Und der Behindertenbeauftragte der Landesregierung, Stochs Parteifreund Gerd Weimer, appelliert an die Gymnasiallehrer, für sich keine Ausnahme von der Inklusion zu beanspruchen. Jede Schulart solle sich verantwortlich fühlen. Sönke Asmussen, Leiter des zuständigen Referats im Kultusministerium, ersetzt dieses "soll" sogar durch "muss" und sieht eine "einmalige Chance" für eine Öffnung gegenüber neuen pädagogischen Impulsen und Konzepten.

Anspruch und Wirklichkeit. Es gibt noch nicht einmal einen rechtlichen Rahmen, um den Elfjährigen tatsächlich aufzunehmen. Dennoch werde theoretisch "alles von allen verlangt", sagt Michael Hirn, Stuttgarts geschäftsführender Sonderschulleiter und mit zuständig für alle entsprechenden Einrichtungen in der Stadt. Das sei aber noch immer "nicht mehr als eine schöne Vision". In der Realität lassen sich in den von CDU und FDP vor vier Jahren auf den Weg gebrachten Modellregionen nur wenige Realschulen und Gymnasien auf jene konsequenten Formen der Teilhabe ein, welche die seit 2009 für Deutschland verbindliche UN-Menschenrechtskonvention verlangt.

Dabei ist der Weg im Südwesten besonders weit. Die ersten Kinder, deren Eltern einen gemeinsamen Unterricht vor Gericht erstreiten mussten, sind längst erwachsen. Noch 2009, nach jahrelangem Kampf und unzähligen ebenso eindringlichen wie vergeblichen Appellen an den damaligen Kultusminister Helmut Rau und die CDU/FDP-Landesregierung, sorgt erst ein Gerichtsentscheid dafür, dass die Waldorfschule in Emmendingen ihr integratives Konzept umsetzen darf.

Unter Grün-Rot sollten die Weichen zügig neu gestellt werden. "Die Schulen erhalten die für die Inklusion notwendige personelle, räumliche und sächliche Ausstattung", hieß es vor drei Jahren im Koalitionsvertrag. Es gelte das "Zwei-Pädagogen-Prinzip, wobei die Kompetenz der Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen ausdrücklich erforderlich ist". Eltern wird ein Wahlrecht zugesagt, ob sie ihr Kind in die Sonder- oder in die Regelschule schicken wollen. Mehr als 20 Millionen Euro wären dafür Jahr für Jahr zusätzlich nötig, hat die Bertelsmann-Stiftung errechnen lassen. Eine Größenordnung von nicht weniger als 4000 neuen Lehrerstellen hat das Kultusministerium selber ins Spiel gebracht.

Die Parallelität der Systeme ist teuer und nach neuen Studien eigentlich überflüssig, weil Kinder mit Einschränkungen, selbst mit geistigen, im Unterricht für alle besser vorankommen. Belegt ist eine Beschleunigung des Lernfortschritts um bis zu ein Jahr. Außerdem öffnet sich eine soziale Schere: Eltern mit höherer Schulbildung erkämpfen für ihre Kinder einen Platz in einer Gemeinschafts-, einer Realschule oder im Gymnasium – während sich jene aus bildungsfernen Schichten mit der Sonderschule zufriedengeben.

Ausschließende gesellschaftliche Verhältnisse überwinden

Andere Länder haben schon vor langer Zeit die Konsequenzen gezogen. In Italien sind alle speziellen Behinderteneinrichtungen seit 1977 aufgelöst. Ende der Achtziger hatte sich der Schulausschuss des Landtags vor Ort über die Konsequenzen dieser Entscheidung informiert. Im Sommer 2015(!)) wird erneut eine Delegation nach Südtirol reisen, um das international hochgelobte System von acht Jahren Grund- und Mittelstufe für alle, das zugleich eine eigenständige Ausbildung für Integrationslehrkräfte bietet, in Augenschein zu nehmen.

In Schweden wurden bis vor 40 Jahren rund 95 Prozent aller Kinder und Jugendlichen mit geistigen Beeinträchtigungen und dem Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung in eigenen Gruppen oder Klassen betreut. Keine zwei Jahrzehnte später waren fast alle diese Einrichtungen Geschichte. Inzwischen loben Vergleichsstudien die Fortentwicklung der Inklusion und auch, dass der feine Unterschied zwischen Integration und Inklusion "seit Langem wirkende Leitlinie ist", wie die EU in einem Bericht schreibt. Denn nicht die Integration Behinderter in die Gesellschaft sei das Ziel, sondern die Überwindung exkludierender, also ausschließender, gesellschaftlicher Verhältnisse. Baden-Württemberg haben gegenwärtig 73 000 Schüler und Schülerinnen besondere sonderpädagogische Bedürfnisse, aber nur 28 Prozent davon besuchen eine Regelschule.

Praktiker wissen, dass das in der Praxis oft viel einfacher ist, als es sich Laien vorstellen können. Jedenfalls dann, wenn es an Lehrkräften, Betreuern, Weiterbildung und Ausstattung nicht fehlt. Dann kümmern sich Sonderpädagogen um die – nach den baden-württembergischen Plänen – in Kleingruppen zusammengefassten Kinder und darum, dass die ihre individuellen Lernziele erreichen, die nicht mit jenen der Regelklasse übereinstimmen (müssen). Dann haben Kinder, die inklusiv beschult werden, wie es im Behördendeutsch technokratisch heißt, eigene Räume, um sich zurückzuziehen. Dann geht es nicht um passives Mitlernen, um den eigenen Rhythmus, sondern um soziale Kompetenzen, um den Stolz und die Hilfsbereitschaft, die nicht behinderte Kinder entwickeln, wenn sie ihre Freunde und Mitschüler unterstützen können.

Keine Tür soll mehr verschlossen bleiben

Der Alltag hat sich bisher unter Grün-Rot nicht spürbar verbessert. So werden in den Modellregionen weiterhin Kinder mit Behinderung nicht auf den Klassenteiler angerechnet, sodass manche Klassen überlaufen. Ungeklärt ist, wie Schüler und Schülerinnen in Gruppen zusammengefasst werden, vor allem wenn sie – siehe Walldorf – mit ihren Freunden zusammenbleiben möchten. Auch Angela Beck, die Rektorin der Raichberg-Realschule im Osten, berichtet von fehlender Unterstützung und von den "vielen Hürden" in ihrem Alltag seit 2010. Zwei Jungen und zwei Mädchen mit geistiger Behinderung wurden aufgenommen. In einem Elternbrief warb sie für diese Entscheidung, Kritik blieb aus. Viele fanden es im Gegenteil gut, dass ihre Kinder diese Möglichkeit des gemeinsamen Lernens bekamen. Eine Mutter zieht den Vergleich mit russischen Matrjoschkas, jenen Birkenholzpuppen, die, ineinandergeschachtelt, eine nach der anderen geöffnet werden, bis die allerkleinste und damit "der Kern der Sache" zum Vorschein kommt: "Inklusion heißt, dass jeder, wirklich jeder mitmachen darf und keine Türe mehr verschlossen bleibt."

Mit dem Einverständnis von Elternschaft und Kollegium ist ein großes Hindernis ausgeräumt. Gerade die vielen kleinen, oft banalen Probleme bringen beteiligte Lehrkräfte aber an den Rand ihrer Belastbarkeit. Beck berichtet vom "enormen Aufwand", eine Kostenübernahme zu klären, etwa für den Aufenthalt im Schullandheim. Auch deshalb bezweifeln viele Fachleute, dass in den nächsten Jahren tatsächlich alle Schulen bereit sein werden, solche Mühen im Fall des Falles auf sich zu nehmen. Bayern knüpft ein Netz von 87 Gymnasien mit einem besonderen inklusiven Profil, wobei sich der Haken im Kleingedruckten versteckt. Denn die stehen nur Kindern "mit gymnasialer Eignung" offen.

Genau das will Norbert Edel, der Rektor des Elly-Heuss-Knapp-Gymnasiums in Bad Cannstatt, nicht. Er ist bisher der einzige Vertreter seiner Schulart in der Landeshauptstadt, der das Thema offensiv angeht. Edel rückt "die zentrale Frage" in den Mittelpunkt seiner Überlegungen: "Welche Gesellschaft wollen wir?" Und der Pädagoge beantwortet sie selbst: eine, die das Spannungsverhältnis aushält zwischen intellektuellen Hochleistungen und der Öffnung auch für Kinder mit geistiger Behinderung.

Die Folgen in der Praxis sind weitreichend. Ein Beispiel von vielen: Noten werden an Bedeutung verlieren. Eine Schulgemeinschaft wird damit leben müssen, dass Kinder versetzt werden, obwohl ihr Leistungsvermögen für das Klassenziel nicht ausreicht. Und Eltern werden sich mit ihren Ansprüchen und Ängsten, mit ihren Befürchtungen und Wünschen darauf einstellen, dass andere Eltern andere Ansprüche und Ängste haben, andere Befürchtungen und Wünsche. Kritiker befürchten, dass die Merkmale des neuen Lernen und Lehrens in der Gemeinschaftsschule Einzug auch im Gymnasium halten werden. Befürworter wiederum hoffen eben darauf. Zum Schuljahr 2015/2016 wird Grün-Rot die entsprechende Schulgesetz-Änderung auf den Weg gebracht haben. Dann könnte der Walldorfer Junge schon in der sechsten Klasse Gymnasium sitzen.


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4 Kommentare verfügbar

  • Jupp
    am 19.05.2014
    Antworten
    Ich bin damals im Gymi sitzen gebliebenen. Meine Freunde nicht. Das war echt gemein.
    Dürfte ich heute auf Versetzung klagen? Mich quasi wieder zu den Freunden inkludieren?
    Im Ernst: Da bin ich mental noch nicht so weit um den Sinn von geistig behinderten Menschen in Gymnasien zu verstehen. Was…
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