KONTEXT Extra:
Fahrverbote: Unterstützung aus Bayern

Es wird immer enger für Dieselfahrzeuge. Seit Monaten kämpft Winfried Hermann hinter den Kulissen gegen eine Aushöhlung des Konzepts zur Luftreinhaltung in der Landeshauptstadt und damit auch für Beschränkungen an Feinstaubtagen. Jetzt hat der grüne Landesverkehrsminister Unterstützung ausgerechnet aus Bayern bekommen. Eine „Karte des Grauens“ nennen nicht nur Umweltschützer das Gutachten zur Luftqualität in München. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), so der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH), hat es über drei Wochen zurückgehalten. Jetzt wurde es publik und offenbart, dass an 260 (!) Straßen im Stadtgebiet der Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wird. Darunter sind ein Viertel aller Hauptstraßen oder 123 von 511 Kilometern. An 50 Messstellen liegen die Werte sogar über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schon Anfang 2017 - nach einer Klage der DUH - ist der Freistaat nicht nur dazu verpflichtet worden, das Gutachten zu veröffentlichen, sondern auch ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung vorzulegen.

Wie sich die Bilder gleichen: Seehofer und sein Südschienen-Partner Winfried Kretschmann (Grüne) möchten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern. Die Realisten hingegen, darunter vorsichtig auch Münchens SPD-OB Dieter Reiter, halten diese Maßnahme angesichts des Ausmaßes der Luftverschmutzung ohnehin für nur noch schwer abzuwenden. Und Winfried Hermann wiederholt gebetsmühlenhaft, dass Fahrverbote nicht vom Tisch sind. Die EU weiß er an seiner Seite: Am Freitag wurde bekannt, wie die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska alle manipulierten Fahrzeuge radikal aus dem Verkehr ziehen will – nicht irgendwann, sondern schon 2018. Zugleich nimmt die Polin die nationalen Prüfbehörden ins Visier und findet klare Worte: Die hätten versagt. (21.7.2017)


Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


AfD fühlt sich durch bunte Ballons angegriffen

Eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Rektor des örtlichen Schulverbunds sorgt seit gestern erneut für Turbulenzen in Burladingen. In einem Schreiben behauptet ein anonymer Verfasser, im Namen von zwölf weiteren Eltern zu sprechen, die sich gegen eine Luftballon-Aktion der Burladinger Schulen aussprechen. "Letztlich ging es hier um eine politische Aktion, die gegen die AfD gerichtet war", so der Text, das sei ein "klarer Missbrauch der Kinder für politische Zwecke".

Was war passiert? Am 28. Juni hatten sich mehrere Schulen, Kindergärten, das Theater Lindenhof und mehrere Privatpersonen an der Aktion "Burladingen ist bunt" beteiligt. Mit bunten Luftballons warben die Burladinger für Offenheit und Toleranz in ihrer Stadt, die derzeit gegen ihr rechtes Image kämpft (Kontext berichtete), erst recht seitdem der umstrittene Bürgermeister Harry Ebert Sympathiebekundungen für die AfD verlautbaren lässt. An der Aktion beteiligt waren alle drei Rektoren des Schulverbunds. Doch nur gegen Michael Linzner richten sich die anonymen Vorwürfe.

Für den zuständigen Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß in Albstadt ein ungewöhnlicher Fall. Noch nie habe ihn eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde erreicht, so Schultheiß gegenüber Kontext: "So habe ich ja niemanden, dem ich antworten kann." Ungewöhnlich auch, dass das Schreiben an das Kultusministerium in Stuttgart ging, an die beiden Lokalzeitungen und an das Tübinger Regierungspräsidium. Dringenden Handlungsbedarf sieht Schultheiß allerdings nicht. Kein Kind sei gefährdet, auf keinem der Ballons sei gestanden, "gegen die AfD", das ganze habe in der Pause statt gefunden und keiner habe die Kinder gezwungen, einen Ballon steigen zu lassen. Im übrigen sei Linzner seit Jahrzehnten als engagierter und erfolgreicher Lehrer bekannt, der für seine Überzeugungen stehe und kein Blatt vor den Mund nehme. "Interessant ist", schreibt der Schwarzwälder Bote, "dass Michael Linzner am Wochenende bei der Schulentlassungsfeier Kritik an Bürgermeister Harry Ebert geäußert hatte, weil dieser kurzfristig abgesagt hatte."

Die AfD-Landtagsfraktion sah sich heute zu einer Pressemitteilung herausgefordert: "Die Luftballon-Aktion, an der Michael Linzner als treibende Kraft beteiligt war, richtete sich laut anonymem Hinweis gezielt gegen die AfD". Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß sieht auch dies gelassen: "Sicher nutzen das manche nur, um auf sich aufmerksam zu machen." Initiiert hat die Aktion übrigens nicht der Rektor, sondern die Burladinger Bürgerin Tipsy Peucker. (13.7.2017)

Dazu: Rechtsabbiegen in Burladingen, Kontext-Ausgabe 323


Hunde als Soldaten

Große Natur- und Tierfilme, unvergessliche Filmbilder und spannend erzählte Geschichten: 130 Produktionen zu Natur, Tier, Umwelt und Nachhaltigkeit sind beim 16. NaturVision-Filmfestival in Ludwigsburg vom 13. bis 16. Juli (Donnerstag bis Sonntag) in Ludwigsburg zu sehen - beim größten Naturfilmfestival in Deutschland. Neben den Vorführungen im Kino Central gibt es ein Open Air auf dem Arsenalplatz. Dazu ein umfangreiches Programm auch für ganz junge Filmfans.

Schwerpunktthema in diesem Jahr: Die Stadt und das Meer. Gezeigt wird dabei auch der schockierende amerikanische Dokumentarfilm "A Plastic Ocean". Bei den Tierfilmen ist "Hundesoldaten" zu sehen, ein Film der Stuttgarter Regisseurin Lena Leonhardt über Kampfhunde bei der Bundeswehr - ausgezeichnet mit dem renommierten Grimme-Preis. "Unser Filmprogramm will für die Natur begeistern und kritisch informieren.Wir wollen aber auch zeigen, dass ein gesamtgesellschaftliches Umdenken notwendig ist, um neue Wege in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit zu gehen", so Festivalleiter Ralph Thoms. (12.7.2017)

Infos: www.natur-vision.de


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Fotos: Martin Storz

Fotos: Martin Storz

Ausgabe 156
Politik

"Es geht nicht um Sexualpraktiken"

Von Susanne Stiefel und Johanna Henkel-Waidhofer (Interview)
Datum: 26.03.2014
Sie fürchten Pornographie für Vierjährige und machen dem Kultusminister die Hölle heiß: die Gegner der Bildungspläne, in denen die Akzeptanz sexueller Vielfalt zum Unterrichtsthema werden soll. Was ist eigentlich los im Lande? Das fragt sich auch Andreas Stoch.

Herr Stoch, wie erklären Sie sich diese verklemmte, verkniffene Diskussion, die eine Pornographisierung der Gesellschaft fürchtet?

Es gibt offensichtlich Menschen, die ein Interesse daran haben, Konflikte zu schüren, weil sie ein grundsätzliches Problem mit gesellschaftlichen Veränderungen haben. Die Online-Petition gegen den Bildungsplan arbeitet mit Unterstellungen und wirft der Regierung vor, sie wolle die Schüler umerziehen und würde in unzulässiger Weise auf das Familienbild einer Gesellschaft einzuwirken. Ich erinnere mich an Schilder, die bei Demonstrationen hochgehalten wurden: Keine Pornographie für Vierjährige. Es tut mir sehr leid, aber das ist so absurd, dass man schon fast darüber lachen kann.

Es gab verbale Amokläufe, Mailschreiber, die Sie steinigen wollten. Wie wird im Hause Stoch über den Aufreger sexuelle Vielfalt diskutiert? Schließlich ist Ihre Frau als Sonderschullehrerin auch vom Fach.

Natürlich werde ich immer wieder darauf angesprochen, auch wenn meine Frau dabei ist. Aber ich möchte diese unerfreulichen Dinge möglichst von meiner Familie fernhalten. Sie soll von meiner Amtsführung im Guten und Schlechten so wenig wie möglich beeinträchtigt werden.

"Ich finde es anmaßend, wenn sich Menschen ein Urteil darüber erlauben, was Gott segnen würde und was nicht."
"Ich finde es anmaßend, wenn sich Menschen ein Urteil darüber erlauben, was Gott segnen würde und was nicht."

Politikerkinder wie etwa Walter Kohl erzählen, wie sie geschnitten und beleidigt wurden in der Schule. Ihre vier Kinder gehen auf die Waldorfschule. Werden die als Pornokids gehänselt?

So schlimm ist es nun auch wieder nicht. Das waren ja Auswüchse. Meine Kinder waren schon an der Schule, bevor ich Minister wurde. Und in Heidenheim werde ich als Mensch und nicht als Minister wahrgenommen. Nein, für meine Kinder ist es kein Problem.

Dann fragen wir den Vater. Haben Ihre Kinder mal von schwulen Lehrern oder Jugendlichen erzählt, von Menschen, bei denen es nicht so läuft wie bei Ihnen zu Hause?

Zu unserem Bekanntenkreis gehören auch Menschen, die nicht heterosexuell sind, und das kriegen die Kinder ganz selbstverständlich mit. Meine zwei Älteren sind 13 und 15 Jahre alt, da kommen Fragen, wenn sie anstehen. Aber ich finde es schwierig, wenn Eltern Diskussionen zu gesellschaftlichen Fragen anzetteln, die die Kinder gar nicht wollen. Meine Kinder kriegen ihre Informationen auf vielfältige Weise und schaffen sich ein Gesellschaftsbild, wie es ihrem Umfeld entspricht.

Sie würden ja ein Bild der Schule Ihrer Kinder kriegen, wenn Sie mal fragen würden: Kursiert bei euch im Schulhof auch schon der Spruch "Hitzlsperger ist jetzt frei für dich"?

Wenn es diese Themen gäbe, würden sie das sagen. Wir haben das mal in einen Gespräch im familiären Kreis thematisiert, da kam nichts aus dem privaten Erfahrungsfeld.

Das scheint ja eine richtig heile Welt zu sein in Ostwürttemberg. Was meinen denn die nicht heterosexuellen Paare in Ihrem Bekanntenkreis zu dieser "überspannten Debatte"?

Im privaten Umfeld wurde eher darüber diskutiert, wie das Thema instrumentalisiert wird. Und wie versucht wird, mit religiös anmutenden Argumenten schroffe Werturteile zu fällen. Ein Vertreter der Evangelischen Allianz sagte kürzlich in einer gemeinsamen Fernsehdiskussion: Der Mensch kann nicht segnen, was Gott nicht gesegnet hat. Das finde ich anmaßend, wenn sich Menschen ein Urteil darüber erlauben, was Gott segnen würde und was nicht. Und wenn der Herr Stängle ....

"Wir zahlen an dieser Stelle den Preis für Transparenz."
"Wir zahlen an dieser Stelle den Preis für Transparenz."

... der Initiator der Online-Petition ...

... sagt, Jesus hat sich nicht positiv über Homosexuelle geäußert und deshalb habe er Homosexualität abgelehnt, dann muss ich sagen: Das ist mir alles zu holzschnittartig.

Da laufen Sie doch vor der Realität davon. Weder im Vatikan noch in der evangelischen Kirche findet ein offener, liberaler Umgang mit Lesben und Schwulen statt.

Ich laufe vor gar nichts davon, vor allem nicht vor einer Gesellschaft, von der ich immer noch glaube, dass ein vorurteilsfreier, offener Umgang der Menschen miteinander wichtig für die politische Kultur ist. Ich maße mir auch nicht an, der Kirche Ratschläge zu geben, wie sie mit bestimmten Themen umzugehen hat. Ich mache aber deutlich, dass wir an unseren Schulen ein Klima schaffen müssen, in dem etwa Homosexualität, die offensichtlich immer noch nicht als normal betrachtet wird, endlich als Lebenswirklichkeit anerkannt wird. Wir wollen keine Veränderung der Sexualmoral herbeiführen, wie von denjenigenen immer behauptet wird, die sexuelle Vielfalt als Ausübung von Sexualpraktiken verstehen. Das ist Quatsch. Uns geht es um die vielfältigen Lebensformen in der Gesellschaft, nicht um Sexmoral.

Sie nennen es Quatsch. Befallen Sie denn manchmal Zweifel, ob wir in einer aufgeklärten Gesellschaft leben?

Ich will meine Meinung über einzelne Menschen nicht auf die gesamte Gesellschaft übertragen. Dass da eine Breitenwirkung erzielt wurde, bedarf einer Analyse. Aber ich habe mitgekriegt, wie diese 192 000 Unterschriften oder besser gesagt Klicks zustande gekommen sind. Ich kenne kirchliche Vereinigungen, die für die Petition geworben haben mit dem Hinweis, hier könne man sich aktiv für den Wert von Ehe und Familie einsetzen.

Auch der rechtspopulistische Blog Politically Incorrect (PI) gehörte zu den Petitionswerbern.

Auf dieser Homepage versammelt sich eine unselige Melange aus Ressentiments und chauvinistischen Gedanken. Daraus lässt sich schließen, dass da einige aus dem nicht eben aufgeklärten und liberalen Milieu dieser Gesellschaft unterwegs sind und politisch eigenartige Gedanken verfolgen.

Hat Sie das wirklich überrascht? Wo waren denn Ihre Warnleuchten, als Sie den Bildungsplan formuliert haben? Ihr politisches Gespür, dass in diesem Begriff Verhetzungspotenzial liegt?

Es ging hier erst einmal um ein Arbeitspapier. Wir sind zwar sicherlich nicht schuldlos, was die Frage angeht, ob hier nicht ein Missverständnis begünstigt wurde. Die Warnleuchten, und das weiß man im Nachhinein immer besser, haben nicht hell genug geleuchtet, als es um die Häufigkeit des Begriffs sexuelle Vielfalt ging. Aber ist es auch unbedingt notwendig, bei einem Schritt eines internen Arbeitsprozesses Warnlampen leuchten zu lassen? Letztlich zahlen wir an dieser Stelle den Preis für Transparenz, dafür, dass wir einen Beirat hatten und mit verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, übrigens auch den Oppositionsparteien, diskutiert haben.

Was heißt interner Arbeitsprozess – in Wirklichkeit ist es doch so, dass das Papier auf den Tisch kam, ausdifferenziert bis hin zu einzelnen Fächern. Und es gab Leute, wie die GEW-Vorsitzende Doro Moritz, die gewarnt haben vor dem Verhetzungspotenzial.

Die "Warnhinweise" kamen alle mehrere Woche später, als die Online-Petition schon am Start war. In der Beiratssitzung im November vergangenen Jahres wurde über die Systematik der Leitprinzipien diskutiert, nicht über den Aspekt sexuelle Vielfalt, auch nicht von den Kirchen, auch nicht von den Oppositionsparteien. Die GEW vor allem wollte das Thema als eigenes Leitprinzip verankern. Wenn sie jetzt gute Ratschläge erteilt, dann nervt das doch etwas.

Noch so eine überspannte Debatte, die derzeit von Baden-Württemberg aus geführt wird, angestoßen von der Stuttgarter Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff: Onanie gehört verboten, künstliche Befruchtung erzeugt Halbwesen. Fragen Sie sich manchmal: Was ist eigentlich los in diesem Land?

Natürlich frage ich mich, was die Ursache ist für ein solches gesellschaftliches Klima. Doch die Tatsache, dass hier in Stuttgart mal 600 Leute demonstriert haben, ist für mich noch kein Beleg dafür, dass Baden-Württemberg kein weltoffenes Land wäre. Und wenn eine Schriftstellerin eine Äußerung tätigt, die aus meiner Sicht unsinnig ist, dann reicht das für mich auch nicht, um einen gesellschaftlichen Rollback zu beklagen. Diese Stammtischdebatten hatten wir schon immer. So läuft es immer, wenn für komplexe Vorgänge einfache Erklärungsmuster gesucht werden. Außerdem ist die Aussage von Frau Lewitscharoff nicht eben ein Ausbund an intellektueller Feinsinnigkeit.

"Ich werde nicht zurückrudern."
"Ich werde nicht zurückrudern."

Jedenfalls schaut man auf Baden-Württemberg, und das Land wird mal wieder als spießig und konservativ wahrgenommen. Schluss mit Aufbruch und Labor, alles beim Alten?

Gut, womöglich hat das Land in der Außenwahrnehmung durch diese Debatten einen kleinen Rückschlag erlitten, weil sie bundesweit als Rollback wahrgenommen werden. Damit muss man leben. Ich kenne aber viele Menschen hier im Land, die den Regierungswechsel 2011 als Aufbruch verstanden haben, weil sie merkten, es geht mit den Schwarzen nicht mehr vorwärts. Veränderungen rufen immer auch Ängste hervor bei Menschen, die sich bequem im Gewohnten eingerichtet haben. Und gerade im Bildungsbereich sind Veränderungen dringend nötig. Im Vorschulbereich hat die CDU-Landesregierung dafür gesorgt, dass wir bundesweit am Ende des Ausbaus der Kinderbetreuung waren, bei Ganztagsschulen ebenso. Heute wollen 70 Prozent der Eltern eine Ganztagsschule im Sinne einer besseren Vereinbarung von Familie und Beruf.

Wie wollen Sie politisch mit diesen Ängsten umgehen?

Indem ich Fakten nenne. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Schüler um zehn Prozent zurückgegangen, in den nächsten Jahren werden es nochmal 20 Prozent sein. Wenn wir die Strukturen sich selbst überlassen würden, hätten wir ein massenhaftes Schulsterben, gerade auch im ländlichen Raum. In der Ländervergleichsstudie 2013 ist Baden-Württemberg in den Fächern Mathematik und Naturwissenschaften auf Platz neun gerutscht. Da hat sich die frühere Regierung zu lange auf den Lorbeeren ausgeruht. Und wenn ein Sechstel der Kinder eines Jahrgangs entweder keinen Schulabschluss oder keine Berufsausbildung hat, dann hat dieses Schulsystem für zu viele keine guten Voraussetzungen geschaffen. Es kann nicht so bleiben, wie es ist, und zwar nicht aus ideologischen, sondern allein aus faktischen Gründen.

Was passiert, wenn die Eltern feststellen, dass in den Bildungsplänen in einer Klasse die unterschiedlichen Niveaus festgeschrieben werden? Dass also ihre supergescheiten Kinder mit den weniger gescheiten zusammen lernen sollen?

Das ist in der Gemeinschaftsschule und etwa in Schulen, die mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurden, gelebte Praxis, das weiß jeder. Wir müssen, egal ob in der Gemeinschafts- oder Realschule oder im Gymnasium, in allen Schularten mit den Kindern pädagogisch sinnvoll umgehen, das ist für mich eine Selbstverständlichkeit.

Die Akzeptanz der sexuellen Vielfalt ist für Sie auch eine absolute Selbstverständlichkeit. Trotzdem haben Sie Probleme gekriegt mit bestimmten Kreisen. Und die werden Sie jetzt mit den Eltern bekommen.

Das ist den Eltern schon vorher bekannt gewesen und entspricht dem heutigen Stand der Pädagogik.

"Herr Stoch, wie erklären Sie sich diese verklemmte, verkniffene Diskussion?" Kontext-Redakteurinnen Susanne Stiefel (links) und Johanna Henkel-Waidhofer im Gespräch mit Andreas Stoch.
"Herr Stoch, wie erklären Sie sich diese verklemmte, verkniffene Diskussion?" Kontext-Redakteurinnen Susanne Stiefel (links) und Johanna Henkel-Waidhofer im Gespräch mit Andreas Stoch.

Sie sind ein Optimist.

Nein, Realist.

Nun will der Realist den Bildungsplan so überarbeiten, dass er möglichst breit akzeptiert wird. Einknicken wollen Sie aber auch nicht. Wie kriegen Sie das hin?

Ich werde nicht zurückrudern. Ich habe zu meinen Mitarbeitern, nachdem die Petition herauskam, gesagt: Wir müssen deutlich machen, wie hier mit Unterstellungen gearbeitet wird. Es geht nicht um die Frage von Sexualpraktiken, sondern um Toleranz und Akzeptanz. Wir hatten nie vor, die Familie in Frage zu stellen.

Schaffen Sie das in dem eng gestrickten Zeitplan, oder werden Sie die Bildungspläne auf Herbst 2016 schieben?

Das Landesinstitut arbeitet ebenso unter Hochdruck wie das Kultusministerium. Jeder neue Bildungsplan lebt davon, dass er erfolgreich umgesetzt wird. Wenn ich in der Systematik der Leitprinzipien jetzt noch etwas ändere, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich das gesamte Verfahren verzögert. Dann müssen wir diskutieren, ob sich die hohe Qualität, die wir liefern wollen, in dem Zeitrahmen 2015/16 noch halten lässt. Das überprüfen wir derzeit. Deshalb ist für mich die Erprobungsphase so wichtig, weil die Rückmeldungen aus den Schulen wichtige Hinweise darauf geben, ob noch deutlich verändert werden muss.

Das heißt, Sie sagen im Chor mit Ministerpräsident Kretschmann: Kann sein, dass die Zeit zu knapp wird?

Ich sage, wir schulden unseren Schulen einen guten Bildungsplan. Da geht Qualität vor Zeit.


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