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Wer liebt hier eigentlich wen?

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So ließ es die Kanzlerin über ihren Pressesprecher vermelden: "Wir leben im Großen und Ganzen im Respekt voreinander, unabhängig davon, ob der Mitmensch Männer liebt oder Frauen liebt." Unsere Gastautorin Heike Schiller hat sich mal dieses "Im Großen und Ganzen" angeschaut.

Ach ja, Thomas Hitzlsperger gibt seine Homosexualität bekannt, und die Republik jubelt. Nur, damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich finde, das hat wirklich Respekt verdient. Es muss offensichtlich immer noch Respekt verdienen bei uns in unserem demokratischen, säkularen und toleranten Land, in dem es an homosexuellen Vorbildern nicht gerade viele gibt. Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass da auch noch ein Partner vorgestellt wird. Arne Friedrich hätte mir gefallen. Die beiden wären ein schönes Paar. Aber der hat ja nun schon abgewinkt. Der Arme ist heterosexuell. Kann er auch nichts dafür, das muss man tolerieren. Da bin ich total offen. Ehrlich.

Immerhin: endlich mal ein deutscher Fußballstar, der seine Homosexualität nicht mehr versteckt und damit uns alle, einschließlich der Kanzlerin, ins kollektive Glück stürzt. Eine preiswertere Partnersuchanzeige konnte er nicht aufsetzen. Jetzt ist er nicht mehr nur ein ehemaliger Nationalfußballer, jetzt ist er ein ehemaliger schwuler Nationalfußballer. Ein Vorbild, auch wenn er das nicht sein will, und damit hat er sogar recht. Dolle Sache das. Und immer wird künftig "schwul" – gehört jetzt zum Namen wie ein Doktortitel – hinzugefügt, damit seine sexuelle Orientierung auch bloß nicht vergessen wird. Vor dem Jahreswechsel hat ja, weniger spektakulär, die neue Bundesumweltministerin, Barbara Hendriks, berichtet, sie lebe mit ihrer Freundin zusammen. Das war jetzt medienmäßig nicht so interessant. Nicht wirklich sexy. Naja, ist ja auch nur eine Frau. Lesbisch lebende Nationalfußballspielerinnen werden auch nur am Rande wahrgenommen. Auch so ein Phänomen, dessen Erörterung interessant wäre.

Mitten im Kulturkampf

Viel spannender ist jetzt aber, in welchem Kontext das Coming-out von Thomas Hitzlsperger besprochen beziehungsweise nicht besprochen wird. Er sagt es, und in Baden-Württemberg werden zum gleichen Zeitpunkt die Pläne der grün-roten Landesregierung publik, das Thema Homosexualität und deren Vielfalt nicht mehr aus dem Schulunterricht rauszuhalten, sondern es explizit zu erlauben, ja gar im Bildungsplan festzuschreiben. Und – zack – tobt ein Kulturkampf, der es bis in die "Tagesschau" geschafft hat. Trotz Hitzlsperger und den vielen guten Wünschen und lobenden Worten, denen sich sogar die Kanzlerin nicht verschlossen hat und über ihren Regierungssprecher ihrem Volk sinngemäß mit auf den Weg gab, jeder Mensch solle doch bitte so leben, wie er will, das kann die Gesellschaft schon aushalten. Punkt.

Da passt doch was nicht richtig zusammen.

In schöner Regelmäßigkeit werden Untersuchungen darüber veröffentlicht, wie oft der heterosexuelle Mensch im Monat, im Jahr oder in der Woche mit seinem Gegenüber angeblich kopuliert. Ganze Heerscharen von Wissenschaftlern befassen sich mit Stellungen, die einen zu einem noch besseren Orgasmus verhelfen, mit den Gerüchen von Männern und Frauen und wie die das Sexualverhalten beeinflussen. Darüber wird gesprochen, gerne und viel.

Interessant ist das nicht wirklich, sondern setzt die Heteros unter Stress, die wissenschaftlich gesetzten Normen auch zu erfüllen. Was soll der Nachbar denken, wenn wir nicht mindestens dreimal in der Woche ... Anstrengend.

Eng wird's aber sofort, wenn dort, wo für das Leben gelernt werden soll, das Thema jenseits der Bienen und der Klärung der Fakten, wie Kinder entstehen, besprochen werden soll. Wenn also in der Schule endlich auch der Lebenswirklichkeit und Lebensnormalität von geschätzten zehn bis 15 Prozent der Bevölkerung Rechnung getragen werden soll, weil auch sie ein Recht haben sollen, nicht nur toleriert zu werden, sondern vollständig gleichwertig sein zu können, dann treten die auf den Plan, die vor lauter Angst vor dem Bösen, oder was immer das sein soll, den Kampf ansagen und irgendwas hochhalten, was längst nicht mehr die Norm ist, sondern irgendeinem Bild von Ordnung und Zucht entspricht, das kaum jemand mehr lebt. Und weder die Kanzlerin noch ein anderer der Wohlmeinenden stoppt sie.

Viele Jahre lang falsch gelebt

Wenn ich mir die veröffentlichen Bruchstücke von Hitzlspergers Biografie veranschauliche, dann erkenne die meine eigene Biografie ganz gut wieder. Das ist schon 30, 40 Jahre her, aber mir scheint, in der privaten Lebenswirklichkeit hat sich immer noch nichts Gravierendes geändert. Mir selbst wären viele über Jahre auszufechtende innere Kämpfe, Schmerzen und Leid erspart geblieben, hätte ich in der Schule erfahren, es gibt heterosexuelle Menschen, homosexuelle und welche, die man heute als Transgender beschreibt. Ich hätte erfahren, nicht allein zu sein, eine normale Gefühlswelt zu haben und so sein zu dürfen, wie ich bin.

Stattdessen habe ich viele Jahre entgegen besserem Wissen und Fühlen falsch leben und sogar einem Mann nach Jahren einer Beziehung sagen müssen: Jetzt weiß ich es, ich bin lesbisch. Ich will lieber mit einer Frau leben. Entschuldige, es tut mir leid. Das war in den 80er-Jahren des vorigen Jahrhunderts. Ein Umweg, der nicht hätte sein und Verletzungen, die damit ausgelöst wurden, nicht hätte auslösen müssen.

Wenn heute noch irgendwas an dem Coming-out von Thomas Hitzlsperger jenseits der kurzfristigen medialen Aufregung und der wohlmeinenden Kommentare gut sein kann, dann dies: Die Bundeskanzlerin verbleibt nicht in folgenloser Blabla-Toleranz, sondern kommuniziert ihrem Volk – von mir aus auch gerne weiter über ihren Regierungssprecher –, es muss gesprochen werden. Gerade auch in den Schulen, damit Vorurteile und Urteile aufhören. Und ich erwarte vom Deutschen Fußballbund, dass er seine Trainer und Vereine zu diesem Thema schult, sich anstrengt und die Fans in ihre Schranken weist, wenn sie Spielerinnen und Spieler diskriminieren.

Ich erwarte, dass Lehrerinnen und Lehrer in Baden-Württemberg den Bildungsplan der Landesregierung nicht unterlaufen, sondern aktiv diesen klitzekleinen, aber für alle gewinnbringenden Teil der Allgemeinbildung umsetzen. Das hat etwas mit Würde zu tun und mit Achtung vor uns, den zehn Prozent anderen. Die heterosexuelle Gesellschaft ist vermutlich fast so weit, jetzt muss man ihr helfen, den nächsten Schritt zu gehen. Sie schafft das schon, ohne größere Blessuren davonzutragen. Da bin ich sicher. Thomas Hitzlsperger sollte sein neues Ehrenamt als Vorbild annehmen. Und wenn Thomas Hitzlsperger Teil des Bildungsplanes wird und in den Schulen auftritt, dann kann sich ganz schnell was ändern. Wenn es durch sein Auftreten auch noch möglich würde, dieses demütigende Schimpfwort "schwul" von den Schulhöfen und öffentlichen Räumen zu verbannen, dann freue ich mich, wenn ihm der Bundespräsident eines Tages dafür das Bundesverdienstkreuz ans Revers heftet.

 

Heike Schiller ist Vorsitzende der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg und war in Stuttgart die erste Frau, die ihre Lebenspartnerin geheiratet hat. Inzwischen ist sie geschieden, doch sie bleibt eine ebenso streitbare wie humorvolle Kämpferin für Toleranz und Anerkennung homosexueller Lebenswirklichkeit.


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3 Kommentare verfügbar

  • Vater
    am 10.04.2014
    Antworten
    @Scheufele, ein schwuler Priester ist also an Aids gestorben und die "Kirche hat ihn wie einen räudigen Hund beerdig"
    Entschuldigen Sie bitte, aber was ist da passiert?
    Ohne ein bisschen Hintergrund scheint mir Ihre Aussage doch ein wenig unglaubhaft zu sein.
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