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Fremde Perspektiven

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Die Evangelische Gesellschaft Stuttgart betreut unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Mit ihnen hat sie nun ein Fotoprojekt gestartet. Ohne Worte erzählen die jungen Menschen von ihrem Alltag in Stuttgart.

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"Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge", UMF. Drei Buchstaben, hinter denen traurige Geschichten stehen, Leidenswege, Schicksale. Von Kindern, die alleine aufbrechen in ferne Länder. Von Eltern, die ihre Kinder wegschicken, damit die überleben können und ein besseres Leben haben.

In Deutschland angekommen, können diese Kinder und Jugendlichen meistens nicht erzählen, was sie erlebt haben oder warum sie hier sind. Denn sie sprechen unsere Sprache nicht. Diesen jungen Menschen, den UMF, will die Evangelische Gesellschaft Stuttgart (eva) mit ihrer Ausstellung "(Vor)bildlich: Jung! Alleine! Heimatlos?! Willkommen?" ein Gesicht geben und eine Sprache. Eine Möglichkeit, von ihrem Alltag zu erzählen. Die Jugendlichen haben Stuttgart fotografiert, Orte, die ihnen etwas bedeuten. Durch die Bilder können sie ihre Erfahrungen mitteilen.

Ein 18-jähriger Afghane, der an dem Projekt teilgenommen hat, spricht verhältnismäßig gut Deutsch. Seit zweieinhalb Jahren lebt er hier. An seine Ankunft in Stuttgart erinnert er sich noch genau: "Ich war vorher einige Wochen in Paris. Das ist eine berühmte Stadt, aber sie stinkt und ist unglaublich schmutzig. Dort hat ein anderer Afghane mir erzählt, dass es in Stuttgart wenige Flüchtlinge gibt und ich deswegen hier bessere Chancen habe, dass man mich nicht abschiebt. Dann bin ich mit dem Zug nach Stuttgart gefahren. Als ich aus dem Bahnhof raus bin, zum ersten Mal auf die Königstraße, dachte ich: 'Das ist ein kleines Paradies.' Es war alles so sauber und ordentlich!"

Seine Familie lebt illegal im Iran, nach Afghanistan kann sie nicht zurück. Der Vater hat früher gegen die Taliban gekämpft. Ihren Sohn haben die Eltern mit 15 Jahren nach Europa geschickt, damit er dem Elend und der Armut entkommt. Damit er endlich wieder zur Schule gehen kann, etwas lernen, arbeiten, vielleicht irgendwann seine Familie nachholt. Seinen Namen will der Jugendliche nicht in der Zeitung lesen.

Im Rahmen des Projekts haben die Jugendlichen von einer Medienpädagogin die Grundlagen über Bildgestaltung, Licht und Perspektive gelernt. Die Fotos haben sie meist mit dem Handy gemacht. Einige Bilder wurden digital verfälscht, um ihnen eine besondere Wirkung zu verleihen. Die Werke auf Acryl, Leinwand oder Aluminium sollen für sich sprechen. Die Biografien der jungen Künstler sind dort aber öffentlich. So will das Projekt zu einer besseren Verständigung zwischen jungen Flüchtlingen und den Stuttgartern beitragen. Zum Abschluss des Projekts erhielten die jungen Fotografen ihre Werke digital und als kleines Fotoalbum. So können sie auch ihren Familien die Bilder zeigen, die ihr Leben beschreiben.

Das Lieblingsobjekt des jungen Flüchtlings besteht aus zwei Bildern. Das erste ist am Feuersee entstanden, das zweite in Bad Cannstatt. Eines ist hell, das andere dunkel. "Ich wollte mein Leben und meine Geschichte erzählen. Dabei bin ich nicht sicher, ob das helle Bild die Gegenwart zeigt und das dunkle die Zukunft oder umgekehrt. Wahrscheinlich beides." Nach einiger Zeit in Stuttgart kam er in einer WG für jugendliche Flüchtlinge in Bad Cannstatt unter, heute lebt er mit zwei weiteren Jungs in einer Dreier-WG in Mönchfeld. "Meine Mitbewohner sind super, aber Bad Cannstatt hat mir besser gefallen. Das Lebensgefühl dort ist toll: die Menschen, die Luft, einfach alles. Ich habe da auch mal ein Praktikum gemacht bei einem Friseur. In vier Wochen mache ich meinen Hauptschulabschluss. Wenn ich gut genug bin, kann ich danach noch die mittlere Reife machen."

Drei mal die Woche trainiert er im Fußballverein in Münster, am Wochenende sind die Spiele. Aktuell steht seine Mannschaft auf Platz zwei, wenn alles glatt läuft, steigen sie zum Ende der Saison auf. Alles eitel Sonnenschein, könnte man meinen. Elend und Flucht haben den Jungen aber stark geprägt: "Sogar beim Fußball oder in der Schule bin ich manchmal lieber alleine als mit meinen Freunden. Schon als kleiner Junge habe ich von einer Insel geträumt. Dort komme ich an und bin der einzige Mensch. Keiner beschimpft mich als Ausländer oder schickt mich weg. Aber in der wirklichen Welt will ich lieber versuchen, anderen Menschen zu helfen, denen es noch schlechter geht als mir."

Info:

Die Bilder der jungen Flüchtlinge werden vom 20. Mai bis 8. Juni im Stuttgarter Jugendhaus Mitte, Hohe Straße 9, ausgestellt. Die Einladung zur Ausstellung finden Sie unter diesem Link.


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