KONTEXT Extra:
Noch ein Versuch: BI Neckartor vor dem Staatsministerium

Am kommenden Dienstag, den 21. November um 11.45 Uhr, unternimmt die Bürgerinitiative Neckartor einen zweiten Anlauf, der Landesregierung ihre Forderungen zur Umsetzung des gerichtlichen Feinstaub-Vergleichs zu übergeben. Der erste Versuch Anfang Oktober, schriftlich und mit Nachdruck daran zu erinnern, dass sich Grün-schwarz verpflichtet hat, ab dem 1. Januar 2018 bei Feinstaubalarmtagen das Verkehrsaufkommen am Neckartor um 20 Prozent zu reduzieren, war kläglich an den geschlossenen Gittertoren gescheitert. Niemand aus dem Stab von Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) fand sich bereit, den Appell entgegenzunehmen.

Peter Erben, der Sprecher der Bürgerinitiative, kritisiert erneut, dass die Landesregierung den im April 2016 geschlossenen Vergleich nicht mehr erfüllen will: "Das bedeutet ja, dass hier versucht wird, die Umsetzung einer rechtskräftigen, vollzugsfähigen gerichtlichen Entscheidung zu verhindern, indem sie in der Sache nicht handelt." Die Verantwortlichen hätten trotz ihrer Selbstverpflichtung fast zwanzig Monate verstreichen lassen, ohne ein entsprechendes Handlungskonzept zu erarbeiten. Die Landesregierung lasse "die betroffenen Menschen in Stuttgart einfach im Stich und drückt sich durch vorsätzlichen Rechtsbruch davor, Verantwortung zu übernehmen".

Die Anwohner versuchen, per Zwangsvollstreckung ihr Recht auf Schutz vor Luftverschmutzung durchzusetzen. "Das ist ein unerträglicher, ja skandalöser Vorgang", sagt Erben. Die Bürgerinitiative Neckartor fordere "daher Ministerpräsident Kretschmann auf, diese unwürdige und verantwortungslose Vorgehensweise unverzüglich zu beenden". Verlangt wird, "die verletzte Rechtstreue unverzüglich wiederherzustellen" und die Verkehrswende in der Landeshauptstadt "unverzüglich einzuleiten".


Kontext beim IMI-Kongress in Tübingen

Heer, Luftwaffe, Marine – das waren bisher die drei Abteilungen der Bundeswehr. Seit diesem Jahr gibt es noch eine vierte: das Kommando Cyber- und Informationsraum. 260 Mitarbeitende sind dort zugange, im nächsten Jahr kommen nochmal 140 dazu. Auch Nato und EU rüsten netztechnisch massiv auf, um sogenannten hybriden Bedrohungen zu begegnen. Dabei geht es nicht nur um den Einsatz von Kommunikations- oder Überwachungstechnik, sondern auch um die gezielte Beeinflussung öffentlicher Meinung. Der Cyberspace wird mehr und mehr zum Einsatzgebiet des Militärs, das Internet zum Schlachtfeld um Wahrheiten und Realitäten.

Unter dem Titel "Krieg im Informationsraum" geht die Informationsstelle Militarisierung (IMI) in Tübingen auf ihrem jährlichen Kongress am kommenden Wochenende diesen Themenkomplex an. In Vorträgen und Diskussionen werden Strategien und Akteure vorgestellt und analysiert, es wird um mediale Schieflagen gehen, um Leaks als Instrument der Geopolitik, um Geheimdienste und die Konstruktion von Wirklichkeit, um die Frage, was als "Strategische Kommunikation" bezeichnet wird und was als "Propaganda". Welche Rolle spielen Soziale Medien? Und wer verdient überhaupt am Cyberkrieg?

Die Kontext-Autorin Anna Hunger ist am Sonntag zu Gast auf dem Podium zur Abschlussdiskussion und wird mit Moderatorin Claudia Haydt (Linke), einem Ad-Busting-Aktivisten aus Berlin, dem Politikwissenschaftler und Friedensaktivisten Tobias Pflüger und Pia Masurczak vom Radio Dreyeckland über "Widerstand im Zeitalter von Cyberwar und Strategischer Kommunikation" sprechen.

Kongressauftakt ist am Freitagabend, 17. November, in der Hausbar der Schellingstraße 6 in Tübingen, die beiden Kongresstage Samstag, 18., und Sonntag, 19. November, finden im Schlatterhaus in der Österbergstr. 2 statt. Das Program gibt's unter diesem Link. (15.11.2017)


Veränderungen im Polizeigesetz errungen

Geht doch: Gegen den erklärten Willen von Innenminister Thomas Strobl (CDU) haben sich die beiden Regierungsfraktionen mitten im bereits laufenden Verfahren auf Änderungen im umstrittenen Polizeigesetz verständigt. Wie von den Grünen verlangt, werden einzelne Passagen, etwa zum Einsatz von Staatstrojaner präzisiert. Sogar CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart lobte die "intensive Fließarbeit". Die habe auch die "Handlungsfähigkeit" der Koalition unterstrichen.

Tagelang war hinter den Kulissen gerungen worden, nicht nur zwischen Grünen und CDU oder mit der Opposition, sondern vor allem auch mit dem Innenministerium. Nach einer Expertenanhörung im Landtag, in dem vor allem Verfassungsrechtler und Datenschützer scharfe Kritik an dem Gesetzentwurf geübt hatten, wollte Strobl alle Änderungen verhindern. Jetzt bleibt dem CDU-Landesvorsitzenden, der das schärfste aller Polizeigesetze bundesweit versprochen hatte, nur, die Verständigung der Regierungsfraktion zur Kenntnis zu nehmen. "Entscheidend für mich ist, dass das keine Änderungen an der Substanz des Gesetzes gibt", sagt der Innenminister jetzt.

Eine Einschätzung, die allerdings selbst in seiner eigenen Fraktion nicht geteilt wird. Reinhart erläuterte, dass Fristen konkretisiert oder die Einsatzmöglichkeiten durch eine schärfer "Erheblichkeitsschwelle" verändert wurden. Und die Grünen, die das Paket am Dienstag ohne Gegenstimme in der Fraktion passieren ließen, rüsten sich für die nächste Auseinandersetzung. Von Strobl, der bei den Verhandlungen seit dem Frühjahr kein einziges Mal (!) persönlich anwesend war, ist bekannt, dass er zur Terrorabwehr und gegen die Organisierte Kriminalität auch Staatstrojaner zur Online-Durchsuchung von Smartphones oder Rechnern einsetzen will, was der Koalitionspartner strikt ablehnt. (14.11.2017)


Kampf gegen "reaktionäre Bildungskreise"

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) stemmt sich gegen die schleichende Rückabwicklung der gut 300 Gemeinschaftsschulen im Land. Die wird von der CDU vorangetrieben und von den Grünen, bekanntlich der größere Regierungspartner, praktisch kampflos hingenommen. Die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz hat auf einer Tagung am Wochenende in Stuttgart dagegen daran erinnert, dass Gemeinschaftsschulen noch immer eine Schulart im Aufbau sei, deren "Akzeptanz bei den Eltern", aber auch deren "Qualität und die pädagogische Attraktivität in den vergangenen fünf Jahren von Jahr zu Jahr gewachsen ist".

CDU-Bildungspolitiker versuchen seit Schuljahresbeginn, den Niedergang zu belegen. Etwa mit dem Argument, dass die Hälfte der bestehenden Standorte heute nicht mehr genehmigt würde, weil es zu wenig Schüler und Schülerinnen gibt. Moritz verlangte vor gut hundert Lehrkräften aus dem ganzen Land eine bessere Bezahlung der Lehrkräfte und mehr Leitungsstellen, weil keine andere weiterführende Schulart "vergleichbar anspruchsvolle Aufgaben von Inklusion bis Begabtenförderung zu bewältigen hat". Mitveranstalter des Fachtags war das Fritz-Erler-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung in Baden-Württemberg, das eine ganze Reihe von bildungspolitischen Veranstaltungen plant. Denn noch immer ist der Südwest bundesweit Schlusslicht in allen Vergleichen zum Bildungsaufstieg: In keinem anderen Land ist der Schulerfolg der Kinder derart stark abhängig vom sozialen Status der Eltern. Auch um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, hatten Grüne und SPD 2012 die neuen Formen des längeren gemeinsamen Lernens etabliert.

Der Verein für Gemeinschaftsschulen e.V., der für sich in Anspruch "100.000 Müttern und Vätern im Land eine Stimme zu geben", beklagt, dass "während sich an den Schulen der Starterjahrgang auf seinen Realschulabschluss vorbereitet und die erste Oberstufen aufgebaut werden", in Öffentlichkeit und Politik abermals eine "erbitterte Debatte" tobe. "Statt die Herausforderung anzunehmen, die Jugend von heute auf die Herausforderungen von morgen vorzubereiten, schwelgt man lieber in einer verklärten Feuerzangenbowlen-Romantik", sagt der Vorsitzende des Vereins Matthias Wagner-Uhl, der selber Gemeinschaftsschulrektor ist. Unter weiter: "Reaktionäre Bildungskreise werden nicht müde, stumpfe Reflexe zu bedienen."


Erinnern an einen Kriegsgegner: Lesung zum 100. Todestag von Friedrich Westmeyer

Vor 100 Jahren, am 14. November 1917, starb der Stuttgarter Waldheim-Pionier, Kriegsgegner und SPD-Vorsitzende Friedrich Westmeyer in einem Lazarett in Belgien. Wenige Monate davor war er, wie viele andere linke Sozialisten, an die Front geschickt worden. Eine bittere Ironie: Während zu Beginn des Ersten Weltkrieges die Reichstagsfraktion der SPD am 4. August 1914 geschlossen für die Kriegskredite stimmte, kämpfte gerade in Stuttgart eine starke Gruppe linker Sozialdemokraten weiter gegen den Krieg, und Westmeyer war ihr Wortführer. Nach seinem Tod schrieb Rosa Luxemburg aus dem Breslauer Gefängnis an Clara Zetkin nach Stuttgart: "Westmeyer ist ein großer Verlust. Ich dachte immer, er würde noch in großen Zeiten eine Rolle spielen." Etwas verspätet meldet selbst die "New York Times" seinen Tod: "German Anti-War Socialist was sent to the Front as Punishment." Heute ist er nur noch wenig bekannt, dabei gilt er auch als geistiger Vater der Stuttgarter Waldheime, engagierte sich in sozialen Fragen wie Wohnungsnot, Organisation der Jugend und Frauenbildung. Der Historiker und Journalist Willy Reschl, der schon 2014  im Kontext-Buch "Der König weint" Westmeyer würdigte, erinnert nun mit einer Lesung am 12. November um 11 Uhr im Waldheim Gaisburg an den rebellischen Sozialisten. (10.11.2017)


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Beim Einmarsch ins neutrale Belgien verüben die deutschen Truppen 1914 zahlreiche Kriegsverbrechen, eines der schlimmsten davon in der Kleinstadt Dinant, wo sie am 23. August 674 Zivilisten töten. Louis Raemaekers komm

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Die Opfer der Deutschen: In "Auf der Spur der Vertragsbrecher (oder Mater Dolorosa)" (22. August 1914) zeigt Raemaekers sein großes Talent, mit seinen Karikaturen

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Die Karikatur "Wenn die Steine sprechen" vom 23. September 1914 (Untertitel: "Dieser war es, der uns schändete!"), Raemaekers Kommentar zur Zerstörung der Kathedrale von Reims durch deutschen Artilleriebeschuss am 19. September 1914, führt

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Zu Raemakers populärsten

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In "Die Schutzschilde von Rösselaere" (vermutl.

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Ein Kindersarg genügt, um einen Schockeffekt zu erzielen. Der Untertitel der am 6. Dezember 1914 erschienen Karikatur ("Sie haben es nicht geschafft, mich in Antwerpen zu erschießen, aber sie haben meine lieb

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Schon kurz nach Kriegsausbruch wird in der alliierten Propaganda die von vielen Kriegsverbrechen begleitete deutsche Invasion Belgiens als "Rape of Belgium", ("Vergewaltigung Belgiens") bezeichnet, was Ra

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Zur Palette der stereotyp gezeichneten deutschen Soldaten gehört auch der verrohte Landser, der bei diesem Bild vom Juli 1915 seine Tat im Untertitel rechtfertigt: "Wenn ich es nicht getan hätte, hätte es ein anderer getan." Der Titel der Karikatur,

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In seiner Zeichnung "Die Kultur kam vorbei" (8. Januar 1915) prangert Raema

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Drastischer werden die Folgen deutschen Luftangriffe in der Karikatur "The Zeppelin Raider" (1915) dargestellt, in der der deutsche Kaiser Wilhelm II. als finsterer Kindermörder erscheint.

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Im Oktober 1915 führt die Hinrichtung der britischen Rotkreuzschwester Edith Cavell in Brüssel zu einem internationalen publizistischen Aufschrei. Sie wurde von einem deutschen Gericht wegen Fluchthilfe für alliierte Kriegsgefangene zum Tode verur

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Am 7. Mai 1915 wird der britische

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Die Versenkung der Lusitani

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"Wir siegen uns tot": In der Karikatur vom 5. August 1915 hofiert der deutsche General Bernhardi den Tod persönlich.

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Ein ähnliches Motiv, aber mit der von Raemaekers eher selten verwendeten Nationalallegorie Germania, zeigt "Der deutsche Tango" vom 12. August 1915.

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Louis Raemaekers bei der Arbeit, 1915.

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Ausgabe 211
Schaubühne

"Es lebe die Gemütlichkeit"

Von Oliver Stenzel
Fotos: Louis Raemaekers Foundation
Datum: 15.04.2015
Während des Ersten Weltkriegs war er der bekannteste Karikaturist der Welt: Mit seinen antideutschen Zeichnungen sorgte der Holländer Louis Raemaekers nicht nur für diplomatische Verstimmungen zwischen Deutschland und den Niederlanden, sondern hatte auch großen Anteil daran, die Stimmung in den USA für einen Kriegseintritt gegen Deutschland zu drehen. Rund hundert Jahren danach ist ihm nun erstmals in Deutschland eine Ausstellung gewidmet.

In einem Brief vom 17. November 1914 an den deutschen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg wählt Albrecht Rienäcker, deutscher Generalkonsul in Amsterdam, deutliche Worte: "Diese Zeichnungen wirken besonders heftig und vergiftend, zumal sie sich dem Gedächtnis besser einprägen als das gedruckte Wort, und es sich ... um einen Künstler von nicht gewöhnlicher Begabung handelt."

Der Künstler, von dem Rienäcker schreibt, heißt Louis Raemaekers, Karikaturist der Amsterdamer Tageszeitung "De Telegraaf". Seine antideutschen Karikaturen sind nicht nur innerhalb der neutralen Niederlande weit verbreitet, sie zirkulieren wenige Wochen nach Kriegsausbruch auch in den gegen Deutschland kämpfenden Entente-Staaten.

Dabei hat Raemaekers ursprünglich starke Beziehungen zu Deutschland. Geboren 1869 als Sohn einer deutschen Mutter, wächst er im südwestniederländischen Roermond auf, nahe der deutschen Grenze. Seine Haltung zum Nachbarland schlägt um, als im August 1914 die ersten Berichte über deutsche Kriegsverbrechen bei der Invasion des neutralen Belgien bekannt werden. Bis Mitte Oktober töten die deutschen Truppen in Belgien rund 5500 Zivilisten, neben Massakern werden Kulturdenkmäler wie die Bibliothek von Löwen zerstört (mehr dazu im Artikel "Fährte in die Apokalypse"). 

Inspiriert von Korrespondentenberichten, fängt Raemaekers an, in seinen Karikaturen die brutale deutsche Kriegführung und die Gräueltaten an der Zivilbevölkerung heftig anzuprangern. Das führt schon bald zu ersten Zensurversuchen vonseiten der Regierung, die eine Gefährdung der niederländischen Neutralität befürchtet.

Reaktionen aus Deutschland lassen ebenfalls nicht lange auf sich warten. Am 7. Oktober beklagt die "Kölnische Volkszeitung", dass sich die zunächst prodeutsche Stimmung in den Niederlanden komplett gewandelt habe: "Das Volk ist eben vergiftet worden. Nicht wenig haben ... die einseitigen, satirischen Bilder im Blatte 'Telegraaf' von der Hand des ... Zeichners Louis Raemaekers dazu beigetragen." 

Und am 21. Januar 1915 verlangt der deutsche Botschafter in Den Haag, Felix von Müller, Maßnahmen gegen die Veröffentlichung von Sammelbänden mit Raemaekers Werken, "denn diese Karikaturen, die seit mehreren Monaten im Ausland verkauft werden, sind hundertmal schädlicher als ein antideutscher Zeitungsartikel".

Kopfgeld für einen Karikaturisten? 

Unter dem Druck der Deutschen versucht die niederländische Regierung wiederholt, Raemaekers und den "Telegraaf" insgesamt zu einer neutraleren Linie zu bewegen, doch da in den Niederlanden kein Kriegsrecht herrscht, bleiben auch diese Versuche ohne Erfolg.

Im September 1915 kommt schließlich das Gerücht auf, die deutsche Regierung habe ein Kopfgeld von 12 000 Mark – tot oder lebendig – auf Raemaekers ausgesetzt. Geschockt davon und beunruhigt durch die zunehmenden Droh- und Hassbriefe an ihn und seine Familie, trägt Raemaekers ab jetzt ständig eine Pistole bei sich. Bewiesen werden konnte das Kopfgeld-Gerücht nie, Quellen, die es belegen, finden sich keine – doch "die Geschichte diente sowohl während des Krieges als auch danach dazu, die Wirkung zu verdeutlichen, die sein Werk sowohl in Deutschland als auch in den alliierten Staaten hatte", so die Kunsthistorikerin und Raemaekers-Biografin Ariane de Ranitz.

Doch was macht Raemaekers' Karikaturen im Krieg so wirkungsvoll? Großes Talent hat er zweifellos, seine Karikaturen erinnern mitunter durch den dynamischen Strich und die bevorzugte Verwendung von Zeichenkohle an die Werke Honoré Daumiers oder des von ihm verehrten Théophile Steinlen, ohne aber je deren Unverwechselbarkeit zu erreichen. 

Vom Stil und der Motivwahl ist Raemaekers sogar deutlich weniger extrem als viele seiner französischen und belgischen Kollegen während des Krieges, die die Deutschen oft als völlig entmenschte, gorillaartige Monster zeichnen und in ihren Bildern bereitwillig erfundene Gräuelgeschichten aufgreifen – etwa die, dass deutsche Soldaten Kindern die Hände abgehackt, Babys mit dem Bajonett aufgespießt, Frauen die Brüste abgeschnitten oder Leichen zu Seife verarbeitet hätten.

Vielmehr wirken gerade Raemaekers' Karikaturen zu deutschen Gräueltaten oft fast wie Reportagezeichnungen, wie Skizzen durch einen Augenzeugen – was er nie war. Doch gerade der dokumentarisch wirkende Stil macht sie oft noch erschreckender und psychologisch wirkungsvoller, zudem verleiht zusätzlich Raemaekers' Status als Bürger eines neutralen Staates seinen Bildern eine hohe Glaubwürdigkeit. Und auch in vielen eher symbolhaften Karikaturen zeigt er seine Meisterschaft darin, mit sparsamen Mitteln eine große emotionale Wirkung zu erzielen.

Das britische Kriegspropagandabüro verbreitet die Karikaturen

Schnell wird Raemaekers auch im Ausland populär. Erste Karikaturen außerhalb der Niederlande kann er schon im Oktober 1914 veröffentlichen, ab Anfang 1915 immer regelmäßiger in englischen Zeitschriften, unter anderem in der "Daily Mail", der damals weltweit am weitesten verbreiteten Zeitung. Ende 1915 bringt ihm eine große Ausstellung in London den Durchbruch zum Weltruhm. Raemaekers wird vom britischen Premierminister Herbert Henry Asquith empfangen, in hymnische Rezensionen feiert die britischen Presse die Schau, die "Times" etwa schreibt: "Dieser Neutrale ist das einzige Genie, das der Krieg hervorgebracht hat." Weitere gefeierte, von Hunderttausenden Menschen besuchte Ausstellungen in England und bald auch in Paris folgen. 

Schon kurz nach seiner Ankunft in London wird Raemaekers vom britischen Kriegspropagandabüro Wellington House kontaktiert, das sich sofort um die millionenhafte Verbreitung seiner Karikaturen weltweit bemüht – ob in Büchern, auf Postkarten, Streichholzetiketten Zigarettenkarten, als Dias oder Nachdrucke in Zeitschriften. Seine Karikaturenbände erscheinen in 18 Sprachen, unter anderem sogar in Baskisch. "Raemaekers wurde zur einflussreichsten Figur bei der Projektion des alliierten Bildes vom deutschen Feind auf das Publikum daheim und in der übrigen Welt", schreiben die irischen Historiker John Horne und Alan Kramer in ihrer Studie "Deutsche Kriegsgreuel 1914". 

Entscheidende Rolle in der US-Propaganda

Seine wichtigste Rolle spielt Raemaekers aber wohl bei den Bemühungen, die öffentliche Meinung in den USA auf den Krieg gegen Deutschland einzustimmen. Als er Mitte 1917 das Land auf Bitten der britischen Regierung erstmals besucht, hat die US-Regierung zwar Deutschland schon den Krieg erklärt, die Zustimmung der Bevölkerung dafür aber noch nicht umfassend gewonnen. 

Ausgerechnet mit dem Presseimperium des Verlegers William Randolph Hearst schließt Raemaekers einen Vertrag, obwohl dessen Zeitungen als eher deutschfreundlich gelten – im Nachhinein ein genialer und extrem erfolgreicher Schachzug, weil sie dadurch noch glaubwürdiger erscheinen und ein Publikum erreichen, das erst noch überzeugt werden muss. Bis zum Oktober 1917 haben 2000 US-Zeitschriften seine Karikaturen mehrere Hundert Millionen Mal verbreitet, dazu kommen zahlreiche andere Medien bis zum Straßenbahnposter und die Verwendung für Rekrutierungsplakate. Raemaekers' Popularität wächst zusätzlich durch eine ausgedehnte Tour durch das Land, er trifft sich mit Präsident Woodrow Wilson und dessen Vorgänger Theodore Roosevelt – Letzterer nennt seine Karikaturen die "kraftvollsten aller ehrenvollen Beiträge von Neutralen für die Sache der Zivilisation im Weltkrieg".

Viele Historiker betonen den enormen Einfluss, den Raemaekers' Karikaturen auf die öffentliche Meinung in den USA hatten, und bescheinigen ihnen entscheidenden Anteil daran, die Haltung der amerikanischen Bevölkerung im Sinne der Alliierten verändert zu haben. Wie entscheidend der Anteil des niederländischen Zeichners tatsächlich war, lässt sich wohl nicht mehr herausfinden, auf jeden Fall aber gilt die massenhafte Verbreitung seiner Karikaturen als größte Propagandaanstrengung während des Ersten Weltkriegs.

Sein Einfluss zeigt sich auch darin, dass Deutschland Raemaekers bis zum Ende des Krieges bekämpft, vor allem die Verbreitung seiner Werke in den neutralen Staaten. Unter deutschem Druck untersagt etwa die spanische Regierung im November 1916 eine Zeit lang eine Ausstellung in Madrid, und Anfang 1918 strengt die deutsche Botschaft in der Schweiz eine Klage gegen die Ausstellung der Bilder in Genf an, allerdings ohne Erfolg.

Der Satiriker Kurt Tucholsky schreibt 1918, damals offenbar noch patriotischer als nach Kriegsende eingestellt, über den Unterschied zwischen deutscher und alliierter Propaganda: "Wir verteidigen uns brav. Wir veröffentlichen saubere Statistiken, wie gut unsre Schulen arbeiten und wie viel Kriegsanleihe wir gezeichnet haben – eine Zeichnung Raemaekers' wirft das alles um." 

An seinen Ruhm in den Kriegsjahren kann er nie mehr anknüpfen

Schon bald nach dem Krieg schwindet Raemaekers' Ruhm rapide; der Bedarf an Agitations- und Hassbildern ist vorbei. Dazu kommt, dass die extreme Übertreibung mancher Kriegsverbrechen in der Entente-Propaganda, denen teilweise durch offizielle staatliche Berichte wie den sogenannten Bryce-Report von 1915 Tatsachencharakter gegeben worden war, mit einiger Verspätung nach hinten losgeht. Ende der 1920er-Jahre weisen mehrere Veröffentlichungen nach, dass viele der im Bryce-Report zitierten Gräueltaten reine Erfindung waren – weswegen nach 1939 viele Briten und Amerikaner lange auch die Berichte über Gräueltaten der Nazis für reine Erfindungen halten. 

Raemaekers jedenfalls konnte bis zu seinem Tod 1956 an seine früheren Erfolge nie mehr anknüpfen, geriet zuletzt selbst in den Niederlanden in Vergessenheit. Im Zuge der Veranstaltungen zum hundertsten Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs wurde er nun wieder etwas aus der Versenkung geholt. Nach zwei Ausstellungen in den Niederlanden und der Veröffentlichung eines prachtvollen Bandes zu Werk und Biografie widmet sich nun erstmals auch eine deutsche Ausstellung in Münster dem Zeichner, über den die "New York Times" 1956 in einem Nachruf schrieb: "Man sagte von Raemaekers, dass er die einzige Privatperson sei, die einen realen und bedeutenden Einfluss auf den Verlauf des Ersten Weltkriegs ausgeübt habe."

 

Ausstellungen zu Louis Raemaekers: 

"Louis Raemaekers: Mit Stift und Feder als Waffe", Haus der Niederlande, Alter Steinweg 6/7, 48143 Münster; noch bis 3. Mai 2015

"Ten strijde met potlood en pen. Louis Raemaekers", Limburgs Museum, Keulsepoort 5, 5911 BX Venlo, Niederlande; bis 3. Mai 2015 

Weitere Informationen: Stichting Louis Raemaekers


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