KONTEXT Extra:
Baden-Württembergs Linkspartei: Stark wie nie

Sechs Abgeordneten wird die Linke aus Baden-Württemberg nach Berlin schicken: Neben den beiden Spitzenkandidaten Bernd Riexinger (Stuttgart) und Heike Hänsel (Tübingen), Gökay Akbulut (Mannheim), Jessica Tatti (Reutlingen), Michel Brandt (Karlsruhe) und den früheren Mitarbeiter der Grünen Tobias Pflüger (Freiburg). Das sei ein "Super-Wahlergebnis", so Landessprecherin Heidi Scharf am Tag danach. Die gesteckten Wahlziele "haben wir weit übertroffen". Vor allem habe ihre Partei in den Wahlkreisen des ländlichen Raums gegenüber 2013 deutlich zulegen können "und in Großstädten zum Teil Rekordergebnisse bei den Zweitstimmen erreicht".

Profitieren konnte die Linkspartei bei der Sitzverteilung auch von der Tatsache, dass die CDU alle 38 Direktmandate im Land gewann und damit eine Reihe von Ausgleichsmandate notwendig werden. Die Südwest-SPD wird trotz ihrer Verluste deshalb mit 16 Abgeordneten im Bundestag vertreten sein. Die Grünen konnten 13, die FDP 12 und die AfD elf Mandate erlangen. Die - gemessen an den Zweitstimmen zu hohe - CDU-Erststimmen-Ergebnis wirkt sich massiv auf den Frauen-Anteil unter den Baden-WürttembergerInnen im Bundestag aus. Denn 35 der in ihren Wahlkreisen direkt Gewählten sind Männer.


BKA-Zeuge im NSU-Ausschuss: Keine Hinweise auf Islamisten

Für das BKA gibt es keinen "greifbaren Ermittlungsansatz", Hinweisen auf die Anwesenheit von Islamisten am Tatort und zur Tatzeit der Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter am 25. April 2007 in Heilbronn nachzugehen. Während der 13. Sitzung des zweiten parlamentarischen Untersuchungsausschusses im Stuttgarter Landtag zu den Verbindungen des "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) nach Baden-Württemberg erläuterte ein Kriminalhauptkommissar des Bundeskriminalamts (BKA), wie Handy-Daten aus den Funkzellen in Heilbronn ausgewertet wurden.

Zu zwei eingeloggten Handynummern hatte es Spekulationen gegeben. Der Ausschussvorsitzende Wolfgang Drexler (SPD) musste allerdings bekannt geben, dass weder die Bundesnetzagentur noch angefragte Telekommunikationsfirmen sagen konnten, wem die beiden Nummern gehört hätten. Die Namen sind – bis auf einen Vornamen – gelöscht worden. Der Zeuge wiederum erklärte: "Es bleibt von diesen Rufnummern mit einem Islamismusbezug nichts übrig."

Mehrfach in den vergangenen Monaten hatten die Abgeordneten versucht, Berichten nachzugehen, Personen aus dem Umfeld der islamistischen Sauerlandgruppe hätten sich am Tattag in Heilbronn aufgehalten. Und in diesem Zusammenhang könnten auch US-Geheimdienst-Mitarbeiter auf der Theresienwiese gewesen sein. Würden Belege gefunden, etwa für die Theorie, Kiesewetter und ihr Kollege hätten die Übergabe eines Zünders gestört, wäre die Version der Bundesanwaltschaft erschüttert, die Beamtin sei von den Rechtsterroristen des NSU erschossen worden. (22.09.2017)


Demonstration gegen Abriss von Altbauwohnungen

Wohnen in Stuttgart ist teuer, und Gering- und Normalverdiener werden in Zukunft noch mehr aus der Stadt verdrängt werden – das fürchten die Mieterinitiativen Stuttgart angesichts der Pläne der Wohnungsbaugesellschaft SWSG, in den nächsten Jahren mehr als 200 Wohnungen im Hallschlag abzureißen. Bereits im Oktober 2018 soll damit begonnen werden. Die von SWSG-Geschäftsführer Helmuth Caesar selbst als "Laborversuch" bezeichneten Abrisspläne könnten nur der Anfang sein, diese Praxis auf die ganze Stadt auszudehnen, warnen die Initiativen. "Es ist schlimm genug, dass keine preisgünstigen Wohnungen neu gebaut werden und selbst die wenigen Sozialwohnungen bis neun Euro Kaltmiete kosten", kommentiert dies Matthias Ehm vom SWSG-Mieterbeirat. "Aber es ist ein Skandal, vor diesem Hintergrund die letzten Altbausiedlungen mit Kaltmieten um die sieben Euro systematisch zu zerstören." Auf diese Weise, so Ehm, beteilige sich die Stadt Stuttgart über die städtische SWSG "an der Preistreiberei auf dem Immobilienmarkt".

Gegen die Abrisspläne hat die Mieter- und Bürgerinitiative Hallschlag zu einer Protestkundgebung am heutigen Donnerstag, den 21. September, um 17.30 Uhr vor dem SWSG-Kundencenter Hallschlag (Rostocker Straße 2-6, 70376 Stuttgart) aufgerufen. Neben Matthias Ehm sprechen unter anderem der Linken-Stadtrat Tom Adler, der auch im SWSG-Aufsichtsrat sitzt, der Journalist Joe Bauer und Ursel Beck von der Mieter- und Bürgerinitiative. Im Anschluss gibt es einen Demonstrationszug durch den Hallschlag.

Über die fragwürdige Abrisspraxis der SWSG hat Kontext schon mehrfach berichtet, unter anderem in den Artikeln "Die Geschäfte des Herrn Föll", "Raumwunder gibt es immer wieder" und "Solide, seriös, sicher - SWSG". (21.9.2017)


"Tested by Winne Hermann"

Kontext hat öffentlich gemacht, dass Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Hermann in Eigenregie Tests mit Hardware-nachgerüsteten Diesel-Modellen durchführen lassen wird. In Zusammenarbeit mit mehreren namhaften Herstellern und um der Automobilindustrie - im Idealfall - zu beweisen, dass sich Euro-5-Motoren auch auf Basis von Messungen im realen Straßenverkehr sehr wohl mit einem vergleichsweise überschaubaren Aufwand auf Euro-6-Norm umbauen lassen.

Die FDP, möglicherweise bald Koalitionspartner auf Bundesebene, macht sich lustig über den Grünen. "Ich reibe mir schon verwundert die Augen", so der verkehrspolitische Sprecher der Landtagsfraktion Jochen Haußmann, "wie ein Landes-Verkehrsminister dazu kommt, in den Test von Abgasanlagen-Nachrüstung einzusteigen." Er binde Personal- und Sachkosten seines Ressorts, obwohl das Land dafür nicht zuständig sei. Und Haußmann verlangt Aufklärung, wer genau mit welchem Engagement bei dem Vorhaben dabei sei: "Wir brauchen weder eine blaue Plakette noch ein Label bei Nachrüstsätzen nach dem Motto 'tested by Winne Hermann.'" Wie erkläre der Minister sein jetziges Tun den Steuerzahlerinnen und Steuerzahlern?, will der Liberale weiter wissen.

Fragen über Fragen, denn: Wie erklärt die FDP ihren Sarkasmus DieselfahrerInnen, die auf eine Lösung für Euro-5-Motor hoffen? Und vor allem jenen innovativen Mittelständlern die ablehnende Haltung, die funktionierende Nachrüstsysteme in der Schublade haben, bisher bei den großen Autoherstellern aber abgeblitzt sind? Von den in Feinstaub-Innenstädten wohnenden BürgerInnen ganz zu schweigen.


Internationale Brigaden - der Film in der Geißstraße

Die Stuttgarter Fotografin Gerda Taro hat inzwischen einen Platz in ihrer Heimatstadt erobert. Seit 2014 erinnern Stelen und ein Ort mit ihrem Namen an die Frau, die gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Robert Capa den Bürgerkrieg in Spanien dokumentiert und das Leid der Bevölkerung festgehalten hat. Seit die Kulturwissenschaftlerin Irme Schauber die Frau an Capas Seite aus dem Dunkel geholt hat, ist auch in Stuttgart das Interesse an diesem Kapitel spanischer Zeitgeschichte gewachsen. Der Todestag von Gerda Taro jährt sich in diesem Jahr zum 80sten Mal wie auch die Bombardierung Guernicas durch Flugzeuge der Legion Condor. Die Stiftung Geißstraße zeigt aus diesem Anlass den Film "Vom Kämpfen und Sterben der Internationalen Brigaden" von Patrick Rotmann. Der Dokumentarfilm beleuchtet den Kampf der in den Internationalen Brigaden organisierten Freiwilligen, die ihr Leben für das spanische Volk aufs Spiel setzten und die Spanische Republik gegen den Staatsstreich der Franquisten verteidigten. Und natürlich spielt auch die Stuttgarter Fotografin Gerda Taro eine Rolle. (18.9.2017)

Dienstag, 19. September, 19 Uhr, Geißsstraße 7.


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Beim Einmarsch ins neutrale Belgien verüben die deutschen Truppen 1914 zahlreiche Kriegsverbrechen, eines der schlimmsten davon in der Kleinstadt Dinant, wo sie am 23. August 674 Zivilisten töten. Louis Raemaekers komm

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Die Opfer der Deutschen: In "Auf der Spur der Vertragsbrecher (oder Mater Dolorosa)" (22. August 1914) zeigt Raemaekers sein großes Talent, mit seinen Karikaturen

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Die Karikatur "Wenn die Steine sprechen" vom 23. September 1914 (Untertitel: "Dieser war es, der uns schändete!"), Raemaekers Kommentar zur Zerstörung der Kathedrale von Reims durch deutschen Artilleriebeschuss am 19. September 1914, führt

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Zu Raemakers populärsten

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In "Die Schutzschilde von Rösselaere" (vermutl.

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Ein Kindersarg genügt, um einen Schockeffekt zu erzielen. Der Untertitel der am 6. Dezember 1914 erschienen Karikatur ("Sie haben es nicht geschafft, mich in Antwerpen zu erschießen, aber sie haben meine lieb

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Schon kurz nach Kriegsausbruch wird in der alliierten Propaganda die von vielen Kriegsverbrechen begleitete deutsche Invasion Belgiens als "Rape of Belgium", ("Vergewaltigung Belgiens") bezeichnet, was Ra

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Zur Palette der stereotyp gezeichneten deutschen Soldaten gehört auch der verrohte Landser, der bei diesem Bild vom Juli 1915 seine Tat im Untertitel rechtfertigt: "Wenn ich es nicht getan hätte, hätte es ein anderer getan." Der Titel der Karikatur,

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In seiner Zeichnung "Die Kultur kam vorbei" (8. Januar 1915) prangert Raema

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Drastischer werden die Folgen deutschen Luftangriffe in der Karikatur "The Zeppelin Raider" (1915) dargestellt, in der der deutsche Kaiser Wilhelm II. als finsterer Kindermörder erscheint.

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Im Oktober 1915 führt die Hinrichtung der britischen Rotkreuzschwester Edith Cavell in Brüssel zu einem internationalen publizistischen Aufschrei. Sie wurde von einem deutschen Gericht wegen Fluchthilfe für alliierte Kriegsgefangene zum Tode verur

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Am 7. Mai 1915 wird der britische

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Die Versenkung der Lusitani

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"Wir siegen uns tot": In der Karikatur vom 5. August 1915 hofiert der deutsche General Bernhardi den Tod persönlich.

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Ein ähnliches Motiv, aber mit der von Raemaekers eher selten verwendeten Nationalallegorie Germania, zeigt "Der deutsche Tango" vom 12. August 1915.

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Louis Raemaekers bei der Arbeit, 1915.

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Ausgabe 211
Schaubühne

"Es lebe die Gemütlichkeit"

Von Oliver Stenzel
Fotos: Louis Raemaekers Foundation
Datum: 15.04.2015
Während des Ersten Weltkriegs war er der bekannteste Karikaturist der Welt: Mit seinen antideutschen Zeichnungen sorgte der Holländer Louis Raemaekers nicht nur für diplomatische Verstimmungen zwischen Deutschland und den Niederlanden, sondern hatte auch großen Anteil daran, die Stimmung in den USA für einen Kriegseintritt gegen Deutschland zu drehen. Rund hundert Jahren danach ist ihm nun erstmals in Deutschland eine Ausstellung gewidmet.

In einem Brief vom 17. November 1914 an den deutschen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg wählt Albrecht Rienäcker, deutscher Generalkonsul in Amsterdam, deutliche Worte: "Diese Zeichnungen wirken besonders heftig und vergiftend, zumal sie sich dem Gedächtnis besser einprägen als das gedruckte Wort, und es sich ... um einen Künstler von nicht gewöhnlicher Begabung handelt."

Der Künstler, von dem Rienäcker schreibt, heißt Louis Raemaekers, Karikaturist der Amsterdamer Tageszeitung "De Telegraaf". Seine antideutschen Karikaturen sind nicht nur innerhalb der neutralen Niederlande weit verbreitet, sie zirkulieren wenige Wochen nach Kriegsausbruch auch in den gegen Deutschland kämpfenden Entente-Staaten.

Dabei hat Raemaekers ursprünglich starke Beziehungen zu Deutschland. Geboren 1869 als Sohn einer deutschen Mutter, wächst er im südwestniederländischen Roermond auf, nahe der deutschen Grenze. Seine Haltung zum Nachbarland schlägt um, als im August 1914 die ersten Berichte über deutsche Kriegsverbrechen bei der Invasion des neutralen Belgien bekannt werden. Bis Mitte Oktober töten die deutschen Truppen in Belgien rund 5500 Zivilisten, neben Massakern werden Kulturdenkmäler wie die Bibliothek von Löwen zerstört (mehr dazu im Artikel "Fährte in die Apokalypse"). 

Inspiriert von Korrespondentenberichten, fängt Raemaekers an, in seinen Karikaturen die brutale deutsche Kriegführung und die Gräueltaten an der Zivilbevölkerung heftig anzuprangern. Das führt schon bald zu ersten Zensurversuchen vonseiten der Regierung, die eine Gefährdung der niederländischen Neutralität befürchtet.

Reaktionen aus Deutschland lassen ebenfalls nicht lange auf sich warten. Am 7. Oktober beklagt die "Kölnische Volkszeitung", dass sich die zunächst prodeutsche Stimmung in den Niederlanden komplett gewandelt habe: "Das Volk ist eben vergiftet worden. Nicht wenig haben ... die einseitigen, satirischen Bilder im Blatte 'Telegraaf' von der Hand des ... Zeichners Louis Raemaekers dazu beigetragen." 

Und am 21. Januar 1915 verlangt der deutsche Botschafter in Den Haag, Felix von Müller, Maßnahmen gegen die Veröffentlichung von Sammelbänden mit Raemaekers Werken, "denn diese Karikaturen, die seit mehreren Monaten im Ausland verkauft werden, sind hundertmal schädlicher als ein antideutscher Zeitungsartikel".

Kopfgeld für einen Karikaturisten? 

Unter dem Druck der Deutschen versucht die niederländische Regierung wiederholt, Raemaekers und den "Telegraaf" insgesamt zu einer neutraleren Linie zu bewegen, doch da in den Niederlanden kein Kriegsrecht herrscht, bleiben auch diese Versuche ohne Erfolg.

Im September 1915 kommt schließlich das Gerücht auf, die deutsche Regierung habe ein Kopfgeld von 12 000 Mark – tot oder lebendig – auf Raemaekers ausgesetzt. Geschockt davon und beunruhigt durch die zunehmenden Droh- und Hassbriefe an ihn und seine Familie, trägt Raemaekers ab jetzt ständig eine Pistole bei sich. Bewiesen werden konnte das Kopfgeld-Gerücht nie, Quellen, die es belegen, finden sich keine – doch "die Geschichte diente sowohl während des Krieges als auch danach dazu, die Wirkung zu verdeutlichen, die sein Werk sowohl in Deutschland als auch in den alliierten Staaten hatte", so die Kunsthistorikerin und Raemaekers-Biografin Ariane de Ranitz.

Doch was macht Raemaekers' Karikaturen im Krieg so wirkungsvoll? Großes Talent hat er zweifellos, seine Karikaturen erinnern mitunter durch den dynamischen Strich und die bevorzugte Verwendung von Zeichenkohle an die Werke Honoré Daumiers oder des von ihm verehrten Théophile Steinlen, ohne aber je deren Unverwechselbarkeit zu erreichen. 

Vom Stil und der Motivwahl ist Raemaekers sogar deutlich weniger extrem als viele seiner französischen und belgischen Kollegen während des Krieges, die die Deutschen oft als völlig entmenschte, gorillaartige Monster zeichnen und in ihren Bildern bereitwillig erfundene Gräuelgeschichten aufgreifen – etwa die, dass deutsche Soldaten Kindern die Hände abgehackt, Babys mit dem Bajonett aufgespießt, Frauen die Brüste abgeschnitten oder Leichen zu Seife verarbeitet hätten.

Vielmehr wirken gerade Raemaekers' Karikaturen zu deutschen Gräueltaten oft fast wie Reportagezeichnungen, wie Skizzen durch einen Augenzeugen – was er nie war. Doch gerade der dokumentarisch wirkende Stil macht sie oft noch erschreckender und psychologisch wirkungsvoller, zudem verleiht zusätzlich Raemaekers' Status als Bürger eines neutralen Staates seinen Bildern eine hohe Glaubwürdigkeit. Und auch in vielen eher symbolhaften Karikaturen zeigt er seine Meisterschaft darin, mit sparsamen Mitteln eine große emotionale Wirkung zu erzielen.

Das britische Kriegspropagandabüro verbreitet die Karikaturen

Schnell wird Raemaekers auch im Ausland populär. Erste Karikaturen außerhalb der Niederlande kann er schon im Oktober 1914 veröffentlichen, ab Anfang 1915 immer regelmäßiger in englischen Zeitschriften, unter anderem in der "Daily Mail", der damals weltweit am weitesten verbreiteten Zeitung. Ende 1915 bringt ihm eine große Ausstellung in London den Durchbruch zum Weltruhm. Raemaekers wird vom britischen Premierminister Herbert Henry Asquith empfangen, in hymnische Rezensionen feiert die britischen Presse die Schau, die "Times" etwa schreibt: "Dieser Neutrale ist das einzige Genie, das der Krieg hervorgebracht hat." Weitere gefeierte, von Hunderttausenden Menschen besuchte Ausstellungen in England und bald auch in Paris folgen. 

Schon kurz nach seiner Ankunft in London wird Raemaekers vom britischen Kriegspropagandabüro Wellington House kontaktiert, das sich sofort um die millionenhafte Verbreitung seiner Karikaturen weltweit bemüht – ob in Büchern, auf Postkarten, Streichholzetiketten Zigarettenkarten, als Dias oder Nachdrucke in Zeitschriften. Seine Karikaturenbände erscheinen in 18 Sprachen, unter anderem sogar in Baskisch. "Raemaekers wurde zur einflussreichsten Figur bei der Projektion des alliierten Bildes vom deutschen Feind auf das Publikum daheim und in der übrigen Welt", schreiben die irischen Historiker John Horne und Alan Kramer in ihrer Studie "Deutsche Kriegsgreuel 1914". 

Entscheidende Rolle in der US-Propaganda

Seine wichtigste Rolle spielt Raemaekers aber wohl bei den Bemühungen, die öffentliche Meinung in den USA auf den Krieg gegen Deutschland einzustimmen. Als er Mitte 1917 das Land auf Bitten der britischen Regierung erstmals besucht, hat die US-Regierung zwar Deutschland schon den Krieg erklärt, die Zustimmung der Bevölkerung dafür aber noch nicht umfassend gewonnen. 

Ausgerechnet mit dem Presseimperium des Verlegers William Randolph Hearst schließt Raemaekers einen Vertrag, obwohl dessen Zeitungen als eher deutschfreundlich gelten – im Nachhinein ein genialer und extrem erfolgreicher Schachzug, weil sie dadurch noch glaubwürdiger erscheinen und ein Publikum erreichen, das erst noch überzeugt werden muss. Bis zum Oktober 1917 haben 2000 US-Zeitschriften seine Karikaturen mehrere Hundert Millionen Mal verbreitet, dazu kommen zahlreiche andere Medien bis zum Straßenbahnposter und die Verwendung für Rekrutierungsplakate. Raemaekers' Popularität wächst zusätzlich durch eine ausgedehnte Tour durch das Land, er trifft sich mit Präsident Woodrow Wilson und dessen Vorgänger Theodore Roosevelt – Letzterer nennt seine Karikaturen die "kraftvollsten aller ehrenvollen Beiträge von Neutralen für die Sache der Zivilisation im Weltkrieg".

Viele Historiker betonen den enormen Einfluss, den Raemaekers' Karikaturen auf die öffentliche Meinung in den USA hatten, und bescheinigen ihnen entscheidenden Anteil daran, die Haltung der amerikanischen Bevölkerung im Sinne der Alliierten verändert zu haben. Wie entscheidend der Anteil des niederländischen Zeichners tatsächlich war, lässt sich wohl nicht mehr herausfinden, auf jeden Fall aber gilt die massenhafte Verbreitung seiner Karikaturen als größte Propagandaanstrengung während des Ersten Weltkriegs.

Sein Einfluss zeigt sich auch darin, dass Deutschland Raemaekers bis zum Ende des Krieges bekämpft, vor allem die Verbreitung seiner Werke in den neutralen Staaten. Unter deutschem Druck untersagt etwa die spanische Regierung im November 1916 eine Zeit lang eine Ausstellung in Madrid, und Anfang 1918 strengt die deutsche Botschaft in der Schweiz eine Klage gegen die Ausstellung der Bilder in Genf an, allerdings ohne Erfolg.

Der Satiriker Kurt Tucholsky schreibt 1918, damals offenbar noch patriotischer als nach Kriegsende eingestellt, über den Unterschied zwischen deutscher und alliierter Propaganda: "Wir verteidigen uns brav. Wir veröffentlichen saubere Statistiken, wie gut unsre Schulen arbeiten und wie viel Kriegsanleihe wir gezeichnet haben – eine Zeichnung Raemaekers' wirft das alles um." 

An seinen Ruhm in den Kriegsjahren kann er nie mehr anknüpfen

Schon bald nach dem Krieg schwindet Raemaekers' Ruhm rapide; der Bedarf an Agitations- und Hassbildern ist vorbei. Dazu kommt, dass die extreme Übertreibung mancher Kriegsverbrechen in der Entente-Propaganda, denen teilweise durch offizielle staatliche Berichte wie den sogenannten Bryce-Report von 1915 Tatsachencharakter gegeben worden war, mit einiger Verspätung nach hinten losgeht. Ende der 1920er-Jahre weisen mehrere Veröffentlichungen nach, dass viele der im Bryce-Report zitierten Gräueltaten reine Erfindung waren – weswegen nach 1939 viele Briten und Amerikaner lange auch die Berichte über Gräueltaten der Nazis für reine Erfindungen halten. 

Raemaekers jedenfalls konnte bis zu seinem Tod 1956 an seine früheren Erfolge nie mehr anknüpfen, geriet zuletzt selbst in den Niederlanden in Vergessenheit. Im Zuge der Veranstaltungen zum hundertsten Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs wurde er nun wieder etwas aus der Versenkung geholt. Nach zwei Ausstellungen in den Niederlanden und der Veröffentlichung eines prachtvollen Bandes zu Werk und Biografie widmet sich nun erstmals auch eine deutsche Ausstellung in Münster dem Zeichner, über den die "New York Times" 1956 in einem Nachruf schrieb: "Man sagte von Raemaekers, dass er die einzige Privatperson sei, die einen realen und bedeutenden Einfluss auf den Verlauf des Ersten Weltkriegs ausgeübt habe."

 

Ausstellungen zu Louis Raemaekers: 

"Louis Raemaekers: Mit Stift und Feder als Waffe", Haus der Niederlande, Alter Steinweg 6/7, 48143 Münster; noch bis 3. Mai 2015

"Ten strijde met potlood en pen. Louis Raemaekers", Limburgs Museum, Keulsepoort 5, 5911 BX Venlo, Niederlande; bis 3. Mai 2015 

Weitere Informationen: Stichting Louis Raemaekers


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