KONTEXT Extra:
Weitere Sammelabschiebung nach Afghanistan

Der Flüchtlingsrat Baden-Württemberg ruft für Mittwoch zu Protesten gegen die mittlerweile sechste Sammelabschiebung nach Afghanistan auf. "Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird auch Baden-Württemberg sich daran beteiligen," heißt es in einer Mitteilung. Die Proteste zeigten, "dass die von der Landes- und Bundesregierung vermutlich erwünschte Normalisierung dieser Abschiebungen nicht eingetreten ist", so Seán McGinley, Geschäftsführer des Flüchtlingsrates. Schon jetzt sei die Resonanz auf den Aufruf so groß wie nie zuvor. Nach wie vor gebe es "eine große Anzahl von Menschen, die das Unrecht von Abschiebungen in eines der gefährlichsten Länder der Welt nicht klaglos hinnehmen wollen".

McGinley erinnerte daran, wie "katastrophal die Lage in Afghanistan unverändert ist". Erst kürzlich sei eine deutsche Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation im vermeintlich sicheren Kabul zusammen mit einem Wachmann getötet und ihre finnische Kollegin wurde entführt worden. Vergangene Woche habe ein Bombenanschlag in der Provinz Herat, die seitens der deutschen Behörden ebenfalls als sicher bezeichnet werde, zehn Menschen in den Tod gerissen: "Unter diesen Umständen sind Abschiebungen nach Afghanistan verantwortungslos und menschenverachtend."

Protestaktionen gibt es am 31.5 in Heilbronn (15 Uhr, Kiliansplatz), Wiesloch, (17 Uhr, Evangelischer Kirchplatz), Schwäbisch Hall (17 Uhr, Milchmarkt), Karlsruhe (17.30 Uhr Ludwigsplatz), Stuttgart (18 Uhr, Schlossplatz), Ravensburg (18 Uhr Marienplatz), Gammertingen (18.30 Uhr Stadtbrunnen, Sigmaringer Straße) und Tübingen (18.30 Uhr, Holzmarkt). (29.5.2017)


AfD-Abgeordneter klagt gegen AfD-Fraktion

Keine Woche ohne Eklat: Der Göppinger AfD-Landtagsabgeordnete und Stuttgarter Gemeinderat Heinrich Fiechtner lässt in einem Organstreitverfahren vom Verfassungsgerichtshof Baden-Württemberg klären, ob seine Fraktion die Möglichkeiten hat, ihm das Rederecht im Plenum und die Mitgliedschaft in Ausschüssen zu entziehen, unter anderem dem NSU-Untersuchungsausschuss. Ausweislich seines Facebook-Auftritts hat er einen berühmt-berüchtigten Stuttgarter Anwalt um Unterstützung gebeten, den früheren CDU-Landtagsabgeordneten Reinhard Löffler. Erstmals, so Fiechtner, "prüft ein Verfassungsgericht das Verhältnis freies Mandat, für das wir uns so einsetzen, gegen die Fraktionsspitze". Löffler und Fiechtner wollen nicht auf das Hauptverfahren warten, sondern eine Eilentscheidung erstreiten.

Zustimmung bekommt der Mediziner und "Demo für alle"-Unterstützer von seiner Landtagskollegin Claudia Martin, die die AfD-Fraktion und die Partei inzwischen verlassen sich: Sie nannte das Vorgehen eine "Chance für die Demokratie". Über Fiechtner ist in einem "gemeinschaftlichen Beschluss", so die AfD-Fraktion, ein Redeverbot verhängt worden, unter anderem, weil er im Plenum eine Gesundheitskarte für Flüchtlinge befürwortet und sich damit gegen die Mehrheitsmeinung gestellt hatte. Schon zuvor sah er sich auch schon einem Parteiausschlussverfahren ausgesetzt, das allerdings auf Mitbetreiben des Bundes- und Fraktionsvorsitzenden Jörg Meuthen niedergeschlagen worden ist. (24.5.2017)


NSU-Ausschuss: Terminplan für zweite Jahreshälfte

Der zweite parlamentarische Untersuchungsausschuss des Landtags zu den Verbindungen des "Nationalsozialistischen Untergrund" (NSU) nach Baden-Württemberg wird in diesem Jahr noch sieben Mal tagen. Im Jahr 2018 sind weitere Sitzungen geplant. Festgelegt sind zudem verschiedene Arbeitsschwerpunkte. So ist die Frage, ob und wie ausländische Geheimdienste am Tag der Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter, dem 25. April 2007, in Heilbronn auf der Theresienwiese aktiv waren, noch nicht abschließend geklärt. Weitere Vernehmungen zur Bedeutung der rechtsextremen Musikszene stehen auf dem Programm. Außerdem ist nicht ausgeschlossen, dass Achim Schmid doch noch geladen wird. Der Gründer des European White Knights of the Ku Klux Klan, ein gebürtiger Mosbacher, der inzwischen in den USA lebt, hätte schon vor dem ersten Ausschuss aussagen sollen. Inzwischen hat, wie erst jetzt bekannt wurde, eine Vernehmung durch das Bundeskriminalamt in den USA statt gefunden. Vorstellbar ist auch, dass beteiligte Beamte vor dem Ausschuss aussagen.

Die Sitzungstermine 2017: Montag, 19. Juni, Montag, 17. Juli, Freitag, 22. September, Montag, 9. Oktober, Montag, 6. November, Montag, 27. November und Freitag, 22. Dezember 2017. 


Und sie bewegt sich doch

Es könnte nun doch eine praktikable und finanzierbare Möglichkeit geben, Euro-5-Dieselmotoren nachzurüsten. Das ließen Experten der nationalen und internationalen Automobilindustrie in einer zweiten Verhandlungsrunde im baden-württembergischen Verkehrsministerium durchblicken. Der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann, der bei dem Autogipfel nicht mit am Tisch saß, mochte allerdings noch keine Einzelheiten nennen. Man habe sich darauf verständigt, "die heiklen Verhandlungen nicht durch die Bekanntgabe von Details kaputtzumachen". Er selber will weitere Gespräche auf Länder- und Bundesebene führen. "Denn die Uhr läuft schon", so der Grüne. Sollte es zu keiner Einigung und der damit verbundenen Absenkung von Schadstoffen kommen, werden ab dem 1. Januar 2018 in Stuttgart Fahrverbote verhängt.

Angestoßen von Hermann hat die Verkehrsministerkonferenz angesichts der Belastung zahlreicher deutscher Ballungsgebieten mit Schadstoffen bereits Ende April von Bund und der Automobilindustrie ein umsetzbares Konzept für die Nachrüstung gefordert. Außerdem sei der Bund, so der Grüne, dafür zuständig, die rechtlichen Grundlagen für die Genehmigung von Umbauten zu schaffen. Die Debatte hat Parallelen zum Streit über Katalysatoren Ende der Achtziger Jahre. Auch damals hatten deutsche Autofirmen eine Nachrüstung von Fahrzeugen für wenig praktikabel gehalten. Als erste japanische Lösungen auf den Markt kamen, bewegte sich auch die deutsche Konkurrenz. (11.5.2017)


Noch mehr Männer

Für die AfD in ihrer Verblendung sind Gender-Untersuchungen des Teufels. Auch wesentliche Teile der – traditionell männlich dominierten – Jungen Union polemisieren lieber gegen Quoten und Quoren statt sich der gesellschaftspolitischen Realität zu stellen. Denn nach dem neuen Frauen-Ranking der Heinrich-Böll-Stiftung ist Männerüberhang in der Kommunalpolitik nicht nur groß, sondern er wächst auch noch. Stuttgart liegt mit einem Frauenanteil von 38,33 Prozent im Gemeinderat und nur einer Fraktionsvorsitzenden (der grünen) auf Platz 21 von 73 untersuchten Großstädten, Karlsruhe sogar nur auf 70. Spitzenreiterin im Südwesten ist Ulm als Achte, mit einem Frauenanteil von 45 Prozent, vier Dezernentinnen und vier Fraktionsvorsitzenden. Ulm ist sogar Deutschland-Erste, wenn nur die Frauen im Rat gerankt werden. Insgesamt liegt Pforzheim auf Platz 18, Freiburg auf 25, Reutlingen auf 33, Heidelberg auf 53 und Mannheim auf 62. Bundesweit haben Erlangen, Trier und Frankfurt die Nase vorne.

Die AutorInnen haben auch Gründe für die Unterschiede und vor allem für den Rückgang der Beteiligung von Frauen in den vergangenen zehn Jahren zusammengetragen. Analysiert ist, dass Parteien zu wenig initiativ wurden und weit hinter ihren Versprechungen zurückgeblieben sind – mit Ausnahme der Grünen, die bundesweit in den Räten auf 50 Prozent Politikerinnen kommen, gefolgt von der Linken mit 44,4 und der SPD mit 37,3 Prozent. "Immer weniger Frauen führen die großstädtischen Rathäuser – eine Entwicklung, die doch erstaunt, nachdem sich Frauen auf Bundes- und Landesebene auch in den Regierungsspitzen etabliert haben", heißt es weiter. Verlangt werden gesetzliche Regelungen für die Städte und Gemeinden. Die CDU hängt im Bundesvergleich bei einem Frauenanteil von unter 29, die FDP von knapp unter 27 Prozent fest, die AfD sogar bei 11,6 Prozent, was Auswirkungen auf die Entwicklung insgesamt haben wird: "Da diese Partei bei den nächsten Kommunalwahlen bisherigen Prognosen zufolge gute Chancen hat, deutlich mehr Kommunalparlamentarier/innen zu stellen als bisher, droht dadurch der Frauenanteil in den Räten insgesamt zu sinken."


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Beim Einmarsch ins neutrale Belgien verüben die deutschen Truppen 1914 zahlreiche Kriegsverbrechen, eines der schlimmsten davon in der Kleinstadt Dinant, wo sie am 23. August 674 Zivilisten töten. Louis Raemaekers komm

Beim Einmarsch ins neutrale Belgien verüben die deutschen Truppen 1914 zahlreiche Kriegsverbrechen, eines der schlimmsten davon in der Kleinstadt Dinant, wo sie am 23. August 674 Zivilisten töten. Louis Raemaekers komm

Die Opfer der Deutschen: In "Auf der Spur der Vertragsbrecher (oder Mater Dolorosa)" (22. August 1914) zeigt Raemaekers sein großes Talent, mit seinen Karikaturen

Die Opfer der Deutschen: In "Auf der Spur der Vertragsbrecher (oder Mater Dolorosa)" (22. August 1914) zeigt Raemaekers sein großes Talent, mit seinen Karikaturen

Die Karikatur "Wenn die Steine sprechen" vom 23. September 1914 (Untertitel: "Dieser war es, der uns schändete!"), Raemaekers Kommentar zur Zerstörung der Kathedrale von Reims durch deutschen Artilleriebeschuss am 19. September 1914, führt

Die Karikatur "Wenn die Steine sprechen" vom 23. September 1914 (Untertitel: "Dieser war es, der uns schändete!"), Raemaekers Kommentar zur Zerstörung der Kathedrale von Reims durch deutschen Artilleriebeschuss am 19. September 1914, führt

Zu Raemakers populärsten

Zu Raemakers populärsten

In "Die Schutzschilde von Rösselaere" (vermutl.

In "Die Schutzschilde von Rösselaere" (vermutl.

Ein Kindersarg genügt, um einen Schockeffekt zu erzielen. Der Untertitel der am 6. Dezember 1914 erschienen Karikatur ("Sie haben es nicht geschafft, mich in Antwerpen zu erschießen, aber sie haben meine lieb

Ein Kindersarg genügt, um einen Schockeffekt zu erzielen. Der Untertitel der am 6. Dezember 1914 erschienen Karikatur ("Sie haben es nicht geschafft, mich in Antwerpen zu erschießen, aber sie haben meine lieb

Schon kurz nach Kriegsausbruch wird in der alliierten Propaganda die von vielen Kriegsverbrechen begleitete deutsche Invasion Belgiens als "Rape of Belgium", ("Vergewaltigung Belgiens") bezeichnet, was Ra

Schon kurz nach Kriegsausbruch wird in der alliierten Propaganda die von vielen Kriegsverbrechen begleitete deutsche Invasion Belgiens als "Rape of Belgium", ("Vergewaltigung Belgiens") bezeichnet, was Ra

Zur Palette der stereotyp gezeichneten deutschen Soldaten gehört auch der verrohte Landser, der bei diesem Bild vom Juli 1915 seine Tat im Untertitel rechtfertigt: "Wenn ich es nicht getan hätte, hätte es ein anderer getan." Der Titel der Karikatur,

Zur Palette der stereotyp gezeichneten deutschen Soldaten gehört auch der verrohte Landser, der bei diesem Bild vom Juli 1915 seine Tat im Untertitel rechtfertigt: "Wenn ich es nicht getan hätte, hätte es ein anderer getan." Der Titel der Karikatur,

In seiner Zeichnung "Die Kultur kam vorbei" (8. Januar 1915) prangert Raema

In seiner Zeichnung "Die Kultur kam vorbei" (8. Januar 1915) prangert Raema

Drastischer werden die Folgen deutschen Luftangriffe in der Karikatur "The Zeppelin Raider" (1915) dargestellt, in der der deutsche Kaiser Wilhelm II. als finsterer Kindermörder erscheint.

Drastischer werden die Folgen deutschen Luftangriffe in der Karikatur "The Zeppelin Raider" (1915) dargestellt, in der der deutsche Kaiser Wilhelm II. als finsterer Kindermörder erscheint.

Im Oktober 1915 führt die Hinrichtung der britischen Rotkreuzschwester Edith Cavell in Brüssel zu einem internationalen publizistischen Aufschrei. Sie wurde von einem deutschen Gericht wegen Fluchthilfe für alliierte Kriegsgefangene zum Tode verur

Im Oktober 1915 führt die Hinrichtung der britischen Rotkreuzschwester Edith Cavell in Brüssel zu einem internationalen publizistischen Aufschrei. Sie wurde von einem deutschen Gericht wegen Fluchthilfe für alliierte Kriegsgefangene zum Tode verur

Am 7. Mai 1915 wird der britische

Am 7. Mai 1915 wird der britische

Die Versenkung der Lusitani

Die Versenkung der Lusitani

"Wir siegen uns tot": In der Karikatur vom 5. August 1915 hofiert der deutsche General Bernhardi den Tod persönlich.

"Wir siegen uns tot": In der Karikatur vom 5. August 1915 hofiert der deutsche General Bernhardi den Tod persönlich.

Ein ähnliches Motiv, aber mit der von Raemaekers eher selten verwendeten Nationalallegorie Germania, zeigt "Der deutsche Tango" vom 12. August 1915.

Ein ähnliches Motiv, aber mit der von Raemaekers eher selten verwendeten Nationalallegorie Germania, zeigt "Der deutsche Tango" vom 12. August 1915.

Louis Raemaekers bei der Arbeit, 1915.

Louis Raemaekers bei der Arbeit, 1915.

Ausgabe 211
Schaubühne

"Es lebe die Gemütlichkeit"

Von Oliver Stenzel
Fotos: Louis Raemaekers Foundation
Datum: 15.04.2015
Während des Ersten Weltkriegs war er der bekannteste Karikaturist der Welt: Mit seinen antideutschen Zeichnungen sorgte der Holländer Louis Raemaekers nicht nur für diplomatische Verstimmungen zwischen Deutschland und den Niederlanden, sondern hatte auch großen Anteil daran, die Stimmung in den USA für einen Kriegseintritt gegen Deutschland zu drehen. Rund hundert Jahren danach ist ihm nun erstmals in Deutschland eine Ausstellung gewidmet.

In einem Brief vom 17. November 1914 an den deutschen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg wählt Albrecht Rienäcker, deutscher Generalkonsul in Amsterdam, deutliche Worte: "Diese Zeichnungen wirken besonders heftig und vergiftend, zumal sie sich dem Gedächtnis besser einprägen als das gedruckte Wort, und es sich ... um einen Künstler von nicht gewöhnlicher Begabung handelt."

Der Künstler, von dem Rienäcker schreibt, heißt Louis Raemaekers, Karikaturist der Amsterdamer Tageszeitung "De Telegraaf". Seine antideutschen Karikaturen sind nicht nur innerhalb der neutralen Niederlande weit verbreitet, sie zirkulieren wenige Wochen nach Kriegsausbruch auch in den gegen Deutschland kämpfenden Entente-Staaten.

Dabei hat Raemaekers ursprünglich starke Beziehungen zu Deutschland. Geboren 1869 als Sohn einer deutschen Mutter, wächst er im südwestniederländischen Roermond auf, nahe der deutschen Grenze. Seine Haltung zum Nachbarland schlägt um, als im August 1914 die ersten Berichte über deutsche Kriegsverbrechen bei der Invasion des neutralen Belgien bekannt werden. Bis Mitte Oktober töten die deutschen Truppen in Belgien rund 5500 Zivilisten, neben Massakern werden Kulturdenkmäler wie die Bibliothek von Löwen zerstört (mehr dazu im Artikel "Fährte in die Apokalypse"). 

Inspiriert von Korrespondentenberichten, fängt Raemaekers an, in seinen Karikaturen die brutale deutsche Kriegführung und die Gräueltaten an der Zivilbevölkerung heftig anzuprangern. Das führt schon bald zu ersten Zensurversuchen vonseiten der Regierung, die eine Gefährdung der niederländischen Neutralität befürchtet.

Reaktionen aus Deutschland lassen ebenfalls nicht lange auf sich warten. Am 7. Oktober beklagt die "Kölnische Volkszeitung", dass sich die zunächst prodeutsche Stimmung in den Niederlanden komplett gewandelt habe: "Das Volk ist eben vergiftet worden. Nicht wenig haben ... die einseitigen, satirischen Bilder im Blatte 'Telegraaf' von der Hand des ... Zeichners Louis Raemaekers dazu beigetragen." 

Und am 21. Januar 1915 verlangt der deutsche Botschafter in Den Haag, Felix von Müller, Maßnahmen gegen die Veröffentlichung von Sammelbänden mit Raemaekers Werken, "denn diese Karikaturen, die seit mehreren Monaten im Ausland verkauft werden, sind hundertmal schädlicher als ein antideutscher Zeitungsartikel".

Kopfgeld für einen Karikaturisten? 

Unter dem Druck der Deutschen versucht die niederländische Regierung wiederholt, Raemaekers und den "Telegraaf" insgesamt zu einer neutraleren Linie zu bewegen, doch da in den Niederlanden kein Kriegsrecht herrscht, bleiben auch diese Versuche ohne Erfolg.

Im September 1915 kommt schließlich das Gerücht auf, die deutsche Regierung habe ein Kopfgeld von 12 000 Mark – tot oder lebendig – auf Raemaekers ausgesetzt. Geschockt davon und beunruhigt durch die zunehmenden Droh- und Hassbriefe an ihn und seine Familie, trägt Raemaekers ab jetzt ständig eine Pistole bei sich. Bewiesen werden konnte das Kopfgeld-Gerücht nie, Quellen, die es belegen, finden sich keine – doch "die Geschichte diente sowohl während des Krieges als auch danach dazu, die Wirkung zu verdeutlichen, die sein Werk sowohl in Deutschland als auch in den alliierten Staaten hatte", so die Kunsthistorikerin und Raemaekers-Biografin Ariane de Ranitz.

Doch was macht Raemaekers' Karikaturen im Krieg so wirkungsvoll? Großes Talent hat er zweifellos, seine Karikaturen erinnern mitunter durch den dynamischen Strich und die bevorzugte Verwendung von Zeichenkohle an die Werke Honoré Daumiers oder des von ihm verehrten Théophile Steinlen, ohne aber je deren Unverwechselbarkeit zu erreichen. 

Vom Stil und der Motivwahl ist Raemaekers sogar deutlich weniger extrem als viele seiner französischen und belgischen Kollegen während des Krieges, die die Deutschen oft als völlig entmenschte, gorillaartige Monster zeichnen und in ihren Bildern bereitwillig erfundene Gräuelgeschichten aufgreifen – etwa die, dass deutsche Soldaten Kindern die Hände abgehackt, Babys mit dem Bajonett aufgespießt, Frauen die Brüste abgeschnitten oder Leichen zu Seife verarbeitet hätten.

Vielmehr wirken gerade Raemaekers' Karikaturen zu deutschen Gräueltaten oft fast wie Reportagezeichnungen, wie Skizzen durch einen Augenzeugen – was er nie war. Doch gerade der dokumentarisch wirkende Stil macht sie oft noch erschreckender und psychologisch wirkungsvoller, zudem verleiht zusätzlich Raemaekers' Status als Bürger eines neutralen Staates seinen Bildern eine hohe Glaubwürdigkeit. Und auch in vielen eher symbolhaften Karikaturen zeigt er seine Meisterschaft darin, mit sparsamen Mitteln eine große emotionale Wirkung zu erzielen.

Das britische Kriegspropagandabüro verbreitet die Karikaturen

Schnell wird Raemaekers auch im Ausland populär. Erste Karikaturen außerhalb der Niederlande kann er schon im Oktober 1914 veröffentlichen, ab Anfang 1915 immer regelmäßiger in englischen Zeitschriften, unter anderem in der "Daily Mail", der damals weltweit am weitesten verbreiteten Zeitung. Ende 1915 bringt ihm eine große Ausstellung in London den Durchbruch zum Weltruhm. Raemaekers wird vom britischen Premierminister Herbert Henry Asquith empfangen, in hymnische Rezensionen feiert die britischen Presse die Schau, die "Times" etwa schreibt: "Dieser Neutrale ist das einzige Genie, das der Krieg hervorgebracht hat." Weitere gefeierte, von Hunderttausenden Menschen besuchte Ausstellungen in England und bald auch in Paris folgen. 

Schon kurz nach seiner Ankunft in London wird Raemaekers vom britischen Kriegspropagandabüro Wellington House kontaktiert, das sich sofort um die millionenhafte Verbreitung seiner Karikaturen weltweit bemüht – ob in Büchern, auf Postkarten, Streichholzetiketten Zigarettenkarten, als Dias oder Nachdrucke in Zeitschriften. Seine Karikaturenbände erscheinen in 18 Sprachen, unter anderem sogar in Baskisch. "Raemaekers wurde zur einflussreichsten Figur bei der Projektion des alliierten Bildes vom deutschen Feind auf das Publikum daheim und in der übrigen Welt", schreiben die irischen Historiker John Horne und Alan Kramer in ihrer Studie "Deutsche Kriegsgreuel 1914". 

Entscheidende Rolle in der US-Propaganda

Seine wichtigste Rolle spielt Raemaekers aber wohl bei den Bemühungen, die öffentliche Meinung in den USA auf den Krieg gegen Deutschland einzustimmen. Als er Mitte 1917 das Land auf Bitten der britischen Regierung erstmals besucht, hat die US-Regierung zwar Deutschland schon den Krieg erklärt, die Zustimmung der Bevölkerung dafür aber noch nicht umfassend gewonnen. 

Ausgerechnet mit dem Presseimperium des Verlegers William Randolph Hearst schließt Raemaekers einen Vertrag, obwohl dessen Zeitungen als eher deutschfreundlich gelten – im Nachhinein ein genialer und extrem erfolgreicher Schachzug, weil sie dadurch noch glaubwürdiger erscheinen und ein Publikum erreichen, das erst noch überzeugt werden muss. Bis zum Oktober 1917 haben 2000 US-Zeitschriften seine Karikaturen mehrere Hundert Millionen Mal verbreitet, dazu kommen zahlreiche andere Medien bis zum Straßenbahnposter und die Verwendung für Rekrutierungsplakate. Raemaekers' Popularität wächst zusätzlich durch eine ausgedehnte Tour durch das Land, er trifft sich mit Präsident Woodrow Wilson und dessen Vorgänger Theodore Roosevelt – Letzterer nennt seine Karikaturen die "kraftvollsten aller ehrenvollen Beiträge von Neutralen für die Sache der Zivilisation im Weltkrieg".

Viele Historiker betonen den enormen Einfluss, den Raemaekers' Karikaturen auf die öffentliche Meinung in den USA hatten, und bescheinigen ihnen entscheidenden Anteil daran, die Haltung der amerikanischen Bevölkerung im Sinne der Alliierten verändert zu haben. Wie entscheidend der Anteil des niederländischen Zeichners tatsächlich war, lässt sich wohl nicht mehr herausfinden, auf jeden Fall aber gilt die massenhafte Verbreitung seiner Karikaturen als größte Propagandaanstrengung während des Ersten Weltkriegs.

Sein Einfluss zeigt sich auch darin, dass Deutschland Raemaekers bis zum Ende des Krieges bekämpft, vor allem die Verbreitung seiner Werke in den neutralen Staaten. Unter deutschem Druck untersagt etwa die spanische Regierung im November 1916 eine Zeit lang eine Ausstellung in Madrid, und Anfang 1918 strengt die deutsche Botschaft in der Schweiz eine Klage gegen die Ausstellung der Bilder in Genf an, allerdings ohne Erfolg.

Der Satiriker Kurt Tucholsky schreibt 1918, damals offenbar noch patriotischer als nach Kriegsende eingestellt, über den Unterschied zwischen deutscher und alliierter Propaganda: "Wir verteidigen uns brav. Wir veröffentlichen saubere Statistiken, wie gut unsre Schulen arbeiten und wie viel Kriegsanleihe wir gezeichnet haben – eine Zeichnung Raemaekers' wirft das alles um." 

An seinen Ruhm in den Kriegsjahren kann er nie mehr anknüpfen

Schon bald nach dem Krieg schwindet Raemaekers' Ruhm rapide; der Bedarf an Agitations- und Hassbildern ist vorbei. Dazu kommt, dass die extreme Übertreibung mancher Kriegsverbrechen in der Entente-Propaganda, denen teilweise durch offizielle staatliche Berichte wie den sogenannten Bryce-Report von 1915 Tatsachencharakter gegeben worden war, mit einiger Verspätung nach hinten losgeht. Ende der 1920er-Jahre weisen mehrere Veröffentlichungen nach, dass viele der im Bryce-Report zitierten Gräueltaten reine Erfindung waren – weswegen nach 1939 viele Briten und Amerikaner lange auch die Berichte über Gräueltaten der Nazis für reine Erfindungen halten. 

Raemaekers jedenfalls konnte bis zu seinem Tod 1956 an seine früheren Erfolge nie mehr anknüpfen, geriet zuletzt selbst in den Niederlanden in Vergessenheit. Im Zuge der Veranstaltungen zum hundertsten Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs wurde er nun wieder etwas aus der Versenkung geholt. Nach zwei Ausstellungen in den Niederlanden und der Veröffentlichung eines prachtvollen Bandes zu Werk und Biografie widmet sich nun erstmals auch eine deutsche Ausstellung in Münster dem Zeichner, über den die "New York Times" 1956 in einem Nachruf schrieb: "Man sagte von Raemaekers, dass er die einzige Privatperson sei, die einen realen und bedeutenden Einfluss auf den Verlauf des Ersten Weltkriegs ausgeübt habe."

 

Ausstellungen zu Louis Raemaekers: 

"Louis Raemaekers: Mit Stift und Feder als Waffe", Haus der Niederlande, Alter Steinweg 6/7, 48143 Münster; noch bis 3. Mai 2015

"Ten strijde met potlood en pen. Louis Raemaekers", Limburgs Museum, Keulsepoort 5, 5911 BX Venlo, Niederlande; bis 3. Mai 2015 

Weitere Informationen: Stichting Louis Raemaekers


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210

Letzte Kommentare:













Ausgabe 321 / Feuer unterm Dach / Matthias Kiemle / vor 3 Tagen 7 Stunden
Ich auch.....



Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!