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Ausgabe 210
Schaubühne

"An Ostern nach Pfullendorf zur Oma"

Von Anna Hunger (Interview)
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 08.04.2015
Karfreitag bis Ostermontag, das sind die wichtigsten vier Tage im Kirchenjahr. Bedeutet: von der allerfinstersten Nacht ins himmelhelle Licht und währenddessen einmal quer über die Autobahn aller verfügbaren menschlichen (womöglich göttlichen) Emotionen. Danach ist man erstmal kreuzfertig, im wahrsten Sinne des Wortes. Der katholische Pfarrer Heiko Merkelbach sitzt mittlerweile auf dem Fahrrad und radelt mit ein paar Pfadfindern am Rhein entlang. Zur Erholung. Während der Osterfeiertage haben Kontext-Fotograf Joachim E. Röttgers und Redakteurin Anna Hunger ihn in seiner Kirche St. Hedwig in Stuttgart Möhringen besucht.

Herr Merkelbach, wann ist Ihre Kirche richtig voll? Zu Weihachten oder zu Ostern?

Ich würde sagen zu Weihnachten. Das ist eher in der deutschen Volksseele verhaftet, weil es so schön romantisch ist. Da spiegelt sich die Sehnsucht nach der heilen Welt wieder. Ostern ist sperriger. Wenn ich da einen Gekreuzigten habe, kann ich nicht Heidschibumbeidschi singen. 

Was mögen Sie persönlich lieber? 

Ostern. Weihnachten ist theologisch die Grundvoraussetzung, die erste Station. Aber die Osternachtsmesse am Karsamstag ist der wichtigste Gottesdienst im Jahr. Ostern bietet ein größeres Spektrum der Emotionen. Die Hingabe Christi, bis zum letzten Blutstropfen! Das Nichtverstehen der Menschen, die ihm begegnen. Der Verrat durch seine Jünger. Neid, Gottlosigkeit. Gott geht uns nach in die tiefste Finsternis, die tiefste Dunkelheit und Verzweiflung, ohne Perspektive und Aussicht. Am Karsamstag sind wir dann am Ziel angelangt: Gottes Sohn ist am Tiefpunkt angekommen. Und dann - der Umschwung: Die Liebe obsiegt. Das ist schon großartig. 

Sie sehen aus, als seien Sie aufgeregt.

Die Nervosität steigt. Das ist so ein Entgegenfiebern. Früher war ich aufgeregter. Vor meinem ersten Osternachts-Gottesdienst als Vikar, das weiß ich noch. Am Anfang versucht man, alles perfekt zu machen. Aber wenn man sich verspricht oder mal einen falschen Ton trifft, das macht einen sympathisch. Wir sind ja nicht in der Oper. 

Wie bereiten Sie sich vor?

Wir sind seit zwei Wochen in der Vorbereitung. Ich persönlich höre immer so gegen neun zwei Stücke von Mendelssohn Bartholdy aus dem Lobgesang, um mich einzustimmen. Das hat wohl was mit meinen Künstlerallüren zu tun. Hoffentlich kann ich das Exsultet singen. Ich war erkältet und habe seit drei Wochen keine gescheite Stimme mehr. Ich werde vor dem Gottesdienst eine heiße Milch mit Honig trinken.

Sie haben zu Ostern ein richtig großes Programm aufgefahren. Müssen Sie ihre Gottesdienste zum Event machen, damit die Leute kommen?

Ostern, vor allem der Samstag, ist wie ein sakrales Theater, ein heiliges Spiel. Es soll Christus erfahrbar machen. Nicht nur rational, sondern auch im Herzen. Ich soll durchsichtig werden für Christus. Das ist kein Show-Event. Nach meinem Studium war es groß in Mode, Gottesdienste zur Show zu machen. Ist grandios gescheitert. Fernsehen und Kino können das viel besser. Die Liturgie ist gerade dann gut, wenn sie nicht zur Show wird. Naja, wenn wir am Karsamstag nachts in die Kirche einziehen, ist sie dunkel. Wir lesen alte Texte und beim "Gloria" geht das Licht an.

Also doch Show.

Ein bisschen was muss man ja schon bieten. 

Sie bieten auch Fußwaschungen.

In manchen Gemeinden sind die Gottesdienste kürzer und es gibt keine Fußwaschungen. Aber mir ist das wichtig. Komischerweise zieren sich die Leute. Ich brauche zwölf, denen ich die Füße waschen kann. Ich hab mir ungefähr 40 Körbe abgeholt.

War das in Ihrer Erfahrung schon immer so oder kam das erst mit dem Missbrauchsskandal? 

Ich kann kein "vorher" oder "nachher" feststellen. Vielleicht liegt es an der Körperlichkeit, an der Nähe. Hände zu waschen wäre bestimmt einfacher.

Auf den Bildern, die unser Fotograf gemacht hat, sind nicht viele Leute zu sehen. Ihre Kirche ist auch zum wichtigsten Fest im Christenjahr nicht voll. Merken Sie den Mitgliederschwund?

Ja klar. Und ich merke hier in Stuttgart, dass die Hochfeste der Kirche von vielen genutzt werden, um Ferien zu machen oder Verwandte zu besuchen. An Weihnachten und Ostern habe ich keinen Kirchenchor, da sind viele weg. Normalerweise habe ich 23 Ministranten, gerade sind es 18. An Fronleichnam gehen dann viele in den Urlaub, weil Vorsaison ist und alles günstiger als im Sommer. 

Wenn man's recht überlegt, ist das eine Frechheit, Sie einfach sitzen zu lassen.

Das dachte ich auch, als ich vor sieben Jahren zum ersten Mal auf meinen Chor verzichtet habe. Aber das ist eben so. Ostern? Da fahren wir nach Pfullendorf zur Oma. Aber das sind ja alles gute Christen, ich gehe davon aus, dass sie den Gottesdienst dann eben in Pfullendorf besuchen. Zur Europawahl wurden die Pfingstferien verschoben. Das war klasse, da waren an Fronleichnam alle da. Also würde ich dafür plädieren, öfter zu wählen und die Pfingstferien einfach jedes Jahr zu verlegen...

Was machen Sie nach dem Gottesdienst? 

(Scherzhaft) Da ist dann großes "Besäufnis" im Hedwigsaal. Es war ja Fastenzeit....Nein, im Ernst: Das ist ein sehr gelöstes Zusammensein. Es gibt Hefezopf und Sekt und Wein. Die Spannung ist weg und ich kann den Menschen begegnen und frohe Ostern wünschen. Das ist jedes Jahr sehr schön. Gegen 2 oder 3 Uhr bin ich dann zuhause und falle ins Bett. 

Und wenn die Erlösung vorbei ist? Ab kommender Woche?

Bin ich mit unseren Pfadfindern Radfahren im Schwarzwald am Hochrhein.


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5 Kommentare verfügbar

  • invinoveritas
    am 13.04.2015
    @ Gela

    Schön, dass Sie sich für religiöse Inhalte interessieren, was ja
    unüblich geworden ist. Weniger schön, dass Sie mitpinseln am üblichen heillos geschönten Bild vom Neuen Testament und seiner Hauptperson.
    Denn: Die meisten ihrer Worte und Taten wurden erfunden (ein Ergebnis der durchweg von Theologen wie z.B. Albert Schweitzer betriebenen Bibelforschung).
    Aber auch wenn man das real existierende NT zur Gänze zur Kenntnis nimmt und nicht nur diejenigen Teile, die in das erbauliche Muster passen, das Schule und Kirche propagieren, dann bekommt der Mann aus Nazaret auch ganz andere, nämlich ziemlich beunruhigende Facetten. Wenn er wiederholt einer kleinen Minderheit der Ebenbilder Gottes das Paradies in Aussicht stellt ("Nur wenige sind auserwählt") und der großen Mehrheit das ewige Feuer, ist das wohl kaum eine Botschaft unerschöpflicher Liebe.
    Im Übrigen wäre es stattdessen nur recht und billig, wenn sein vorgeblicher Vater auch im Geiste dieser Liebe zumindest dasjenige Böse in der Welt bekämpfte, sprich: unterbände, welches von seinen Anhängern in seinem Namen angerichtet worden ist im Übermaß. Es wäre ein äußerst bemerkenswerter Beitrag zur partiellen Lösung des so aber unlösbar bleibendenen Theodizeeproblems.

    Vages Fabulieren von uralten Bildern, die jede Konkretisierung scheuen müssen wie der Teufel das Weihwasser, ändert nichts am nüchternen Befund: Was uns da nahegebracht werden soll als Rettung/ Erlösung des Menschen, ist und bleibt: ein dogmatisches Konstrukt, hergestellt übrigens zu keineswegs nur hehren Zwecken.

    Klar ist aber auch: Gegen von Wunschdenken getriebenes Raunen haben Fakten und Schlüsse normalerweise keine Chance. Dass gilt nicht nur, aber erst recht für religiöse Zusammenhänge.
  • Gela
    am 11.04.2015
    @invinoveritas: Ich kenne Pfarrer Merkelbach nicht, aber was er über Passion und Ostern sagt, klingt für mich nicht nach "dogmatischen Konstrukten", wie die Kirche sie leider jahrhundertelang entwickelt hat, sondern er will die Bilder und Geschichten von Jesu Leben und Tod erlebbar machen. Das Neue Testament erzählt , wie Jesus für die Armen und Leidenden da ist, wie er ihnen ihre Würde und ihren Wert zurückgibt und fordert die Menschen auf, es ihm gleich zu tun. Das hat nichts mit "heiler Welt" zu tun, sondern ist im Gegenteil die Aufforderung, das Böse in der Welt zu erkennen und dagegen zu kämpfen. Die Geschichten von Tod, Hölle und Auferstehung sind dafür uralte Bilder.
  • FernDerHeimat
    am 09.04.2015
    Schon seltsam, dass ausgerechnet der, der sich anderswo über "unausgewogene" Standpunkte am meisten aufregt, sich bei dieser Gelegenheit über die Kirche, die Religion und ihre Anhänger auskotzt und lustig macht.

    Einzig die Unsitte, andere für ihre Absichten pauschal herabzuwürdigen, das ist typisch für ihn.

    Vielleicht braucht die Redaktion erst einen Fall wie die Tage auf Heise, um zu verstehen, wohin die Reise mit solchen "Teilnehmern" geht:

    http://www.heise.de/forum/heise-online/News-Kommentare/Von-Beat-zu-Bea-Transgender-Menschen-in-der-IT-Branche/Es-reicht/posting-2257962/show/
  • invinoveritas
    am 08.04.2015
    Die Kirchen sind auch deshalb nicht mehr so voll, weil die christliche Irrlehre immer mehr Leuten zu Recht immer weniger vertrauenswürdig erscheint. Pfarrer Merkelbach ist bestimmt ein sympathischer, idealistischer, persönlich integrer Mensch. Aber die auch von ihm vertretene Dogmatik von dem uns bis in die tiefste Finsternis nachgehenden Gott und der dann wegen einer barbarischen Kreuzigung obsiegenden Liebe ist schlicht abwegig. Im Festhalten an solchen überkommenen Konstrukten zeigt sich, dass "die Sehnsucht nach der heilen Welt", die er bei anderen und vornehmlich zu Weihnachten am Werke sieht, ihn selbst erfüllt und blind und taub gemacht hat für die wirkliche Wirklichkeit. In Wahrheit singen Pfarrer Merkelbach, seine KollegInnen und die christlichen Traditionalisten unentwegt Heidschibumbeidschi.
  • Insider
    am 08.04.2015
    Was machen Sie nach dem Gottesdienst? Früher gingen wir nach der Osternachtsmesse, die meist gegen 23 Uhr endete, zum "Auferstehungstrunk" in eine der drei örtlichen Gaststätten. Da es aber am Ort keine Gaststätte mehr gibt, muss dieser alte Brauch leider ausfallen. Da haben die Möhringer noch Glück!

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