KONTEXT Extra:
Fahrverbote: Unterstützung aus Bayern

Es wird immer enger für Dieselfahrzeuge. Seit Monaten kämpft Winfried Hermann hinter den Kulissen gegen eine Aushöhlung des Konzepts zur Luftreinhaltung in der Landeshauptstadt und damit auch für Beschränkungen an Feinstaubtagen. Jetzt hat der grüne Landesverkehrsminister Unterstützung ausgerechnet aus Bayern bekommen. Eine „Karte des Grauens“ nennen nicht nur Umweltschützer das Gutachten zur Luftqualität in München. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), so der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH), hat es über drei Wochen zurückgehalten. Jetzt wurde es publik und offenbart, dass an 260 (!) Straßen im Stadtgebiet der Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wird. Darunter sind ein Viertel aller Hauptstraßen oder 123 von 511 Kilometern. An 50 Messstellen liegen die Werte sogar über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schon Anfang 2017 - nach einer Klage der DUH - ist der Freistaat nicht nur dazu verpflichtet worden, das Gutachten zu veröffentlichen, sondern auch ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung vorzulegen.

Wie sich die Bilder gleichen: Seehofer und sein Südschienen-Partner Winfried Kretschmann (Grüne) möchten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern. Die Realisten hingegen, darunter vorsichtig auch Münchens SPD-OB Dieter Reiter, halten diese Maßnahme angesichts des Ausmaßes der Luftverschmutzung ohnehin für nur noch schwer abzuwenden. Und Winfried Hermann wiederholt gebetsmühlenhaft, dass Fahrverbote nicht vom Tisch sind. Die EU weiß er an seiner Seite: Am Freitag wurde bekannt, wie die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska alle manipulierten Fahrzeuge radikal aus dem Verkehr ziehen will – nicht irgendwann, sondern schon 2018. Zugleich nimmt die Polin die nationalen Prüfbehörden ins Visier und findet klare Worte: Die hätten versagt. (21.7.2017)


Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


AfD fühlt sich durch bunte Ballons angegriffen

Eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Rektor des örtlichen Schulverbunds sorgt seit gestern erneut für Turbulenzen in Burladingen. In einem Schreiben behauptet ein anonymer Verfasser, im Namen von zwölf weiteren Eltern zu sprechen, die sich gegen eine Luftballon-Aktion der Burladinger Schulen aussprechen. "Letztlich ging es hier um eine politische Aktion, die gegen die AfD gerichtet war", so der Text, das sei ein "klarer Missbrauch der Kinder für politische Zwecke".

Was war passiert? Am 28. Juni hatten sich mehrere Schulen, Kindergärten, das Theater Lindenhof und mehrere Privatpersonen an der Aktion "Burladingen ist bunt" beteiligt. Mit bunten Luftballons warben die Burladinger für Offenheit und Toleranz in ihrer Stadt, die derzeit gegen ihr rechtes Image kämpft (Kontext berichtete), erst recht seitdem der umstrittene Bürgermeister Harry Ebert Sympathiebekundungen für die AfD verlautbaren lässt. An der Aktion beteiligt waren alle drei Rektoren des Schulverbunds. Doch nur gegen Michael Linzner richten sich die anonymen Vorwürfe.

Für den zuständigen Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß in Albstadt ein ungewöhnlicher Fall. Noch nie habe ihn eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde erreicht, so Schultheiß gegenüber Kontext: "So habe ich ja niemanden, dem ich antworten kann." Ungewöhnlich auch, dass das Schreiben an das Kultusministerium in Stuttgart ging, an die beiden Lokalzeitungen und an das Tübinger Regierungspräsidium. Dringenden Handlungsbedarf sieht Schultheiß allerdings nicht. Kein Kind sei gefährdet, auf keinem der Ballons sei gestanden, "gegen die AfD", das ganze habe in der Pause statt gefunden und keiner habe die Kinder gezwungen, einen Ballon steigen zu lassen. Im übrigen sei Linzner seit Jahrzehnten als engagierter und erfolgreicher Lehrer bekannt, der für seine Überzeugungen stehe und kein Blatt vor den Mund nehme. "Interessant ist", schreibt der Schwarzwälder Bote, "dass Michael Linzner am Wochenende bei der Schulentlassungsfeier Kritik an Bürgermeister Harry Ebert geäußert hatte, weil dieser kurzfristig abgesagt hatte."

Die AfD-Landtagsfraktion sah sich heute zu einer Pressemitteilung herausgefordert: "Die Luftballon-Aktion, an der Michael Linzner als treibende Kraft beteiligt war, richtete sich laut anonymem Hinweis gezielt gegen die AfD". Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß sieht auch dies gelassen: "Sicher nutzen das manche nur, um auf sich aufmerksam zu machen." Initiiert hat die Aktion übrigens nicht der Rektor, sondern die Burladinger Bürgerin Tipsy Peucker. (13.7.2017)

Dazu: Rechtsabbiegen in Burladingen, Kontext-Ausgabe 323


Hunde als Soldaten

Große Natur- und Tierfilme, unvergessliche Filmbilder und spannend erzählte Geschichten: 130 Produktionen zu Natur, Tier, Umwelt und Nachhaltigkeit sind beim 16. NaturVision-Filmfestival in Ludwigsburg vom 13. bis 16. Juli (Donnerstag bis Sonntag) in Ludwigsburg zu sehen - beim größten Naturfilmfestival in Deutschland. Neben den Vorführungen im Kino Central gibt es ein Open Air auf dem Arsenalplatz. Dazu ein umfangreiches Programm auch für ganz junge Filmfans.

Schwerpunktthema in diesem Jahr: Die Stadt und das Meer. Gezeigt wird dabei auch der schockierende amerikanische Dokumentarfilm "A Plastic Ocean". Bei den Tierfilmen ist "Hundesoldaten" zu sehen, ein Film der Stuttgarter Regisseurin Lena Leonhardt über Kampfhunde bei der Bundeswehr - ausgezeichnet mit dem renommierten Grimme-Preis. "Unser Filmprogramm will für die Natur begeistern und kritisch informieren.Wir wollen aber auch zeigen, dass ein gesamtgesellschaftliches Umdenken notwendig ist, um neue Wege in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit zu gehen", so Festivalleiter Ralph Thoms. (12.7.2017)

Infos: www.natur-vision.de


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"Keine Widerworte, Gentechnik ist toll", findet Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard. Foto: Screenshot SWR

"Keine Widerworte, Gentechnik ist toll", findet Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard. Foto: Screenshot SWR

Ausgabe 210
Wirtschaft

Bekenntnisse einer Nobelpreisträgerin

Von Jürgen Lessat
Datum: 08.04.2015
Gentechnik auf dem Teller? Nein danke, sagen die meisten Deutschen. Das schmeckt der Tübinger Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard nicht. Die Biologin glaubt fest an die Segnungen genmanipulierter Landwirtschaft und sagt: "Die Leute haben keine Ahnung". Nicht nur Umweltschützer sind fassungslos.

Die Gelegenheit, einer Nobelpreisträgerin die Meinung zu geigen, bietet sich selten. Conny Lehr nutzt die Chance: "Keiner braucht eine gerade Gurke, keiner braucht gleich aussehende Tomaten. Das ist alles Blödsinn!", entgegnet die Hauswirtschafterin aus Bad Mergentheim einer der erfolgreichsten und bekanntesten Wissenschaftlerinnen Deutschlands. Der harsche Widerspruch aus dem lieblichen Taubertal gilt der Biologin Christiane Nüsslein-Volhard, die 1995 für ihre Forschungen über die embryonale Frühentwicklung den Medizin-Nobelpreis erhielt.

In der jüngsten Sendung des SWR-Politmagazins "Zur Sache Baden-Württemberg!" offenbarte sich die Direktorin der Abteilung Genetik des Tübinger Max-Planck-Instituts für Entwicklungsbiologie als kompromisslose Befürworterin einer Agrarrevolution in deutschen Landen. Ginge es nach ihr, sollten auch auf hiesigen Äckern genmanipulierter Mais & Co. sprießen, so wie er bereits seit knapp zwei Jahrzehnten in großem Stil in Nord- und Südamerika angebaut wird.

Mit hehren Motiven rechtfertigt sich Nüsslein-Volhard in der Sendung, zu der neben Hauswirtschafterin Lehr auch der Sinzheimer Winzer Emil Kopp als so genannte "Wohnzimmerkonferenz" zugeschaltet ist. "Ich engagiere mich für diese Sache aus Naturschutzgründen", beteuert die Wissenschaftlerin, "die Spritzungen von Obstbäume sind einfach verheerend für die Vogelwelt und Insekten. Die Chemie ist viel schlimmer als Gentechnik."

Nüsslein-Volhard im Zwiegespräch. Foto: Screenshot SWR
Nüsslein-Volhard im Zwiegespräch. Foto: Screenshot SWR

Eine Behauptung, die Winzer Kopp aus dem Häuschen bringt. "Für Gentechnik mit Naturschutzargumenten zu plädieren, ist total unlogisch!", schleudert er der Nobelpreisträgerin entgegen, und legt noch eins drauf: "Wir werden zu Vasallen und Sklaven der großen Konzerne gemacht und deren Leute sind so kriminell wie Drogenbosse." Nur mit Mühe kann SWR-Moderator Clemens Bratzler die Wogen glätten. "Alles Behauptungen, die nicht unterstützt werden von den Untersuchungen", beharrt Nüsslein-Volhard mit verschränkten Armen.

"Unglaubliche Ignoranz" der Verbraucher

Es ist nicht das erste Mal, dass die preisgekrönte Wissenschaftlerin mit Wohnsitz im Klosterflecken Bebenhausen bei Tübingen öffentlich eine Lanze für die grüne Gentechnik zu brechen versucht. Wenige Tage vor ihrem Fernsehauftritt warf sie im Deutschlandradio Kultur hiesigen Verbrauchern "unglaubliche Ignoranz" vor. Diese hätten eine "total romantische Vorstellung" von der Nahrungsmittelproduktion, wüssten nicht, wo das Essen herkomme und welche Vorteile die Gentechnik bringen könne. "Die Leute haben (...) wirklich keine Ahnung, wie man Pflanzen züchtet und wovon es abhängt, dass sie gesund sind und wie man sie anbaut", zitiert der Sender das Interview mit Nüsslein-Volhard.

Mit solchen Rügen stößt die Forscherin eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung vor den Kopf. Nach einer Umfrage vom April 2014 sprechen sich 84 Prozent der Deutschen dafür aus, gentechnisch veränderte Organismen in der Landwirtschaft zu verbieten. Bei kaum einem anderen Thema sind sich die Deutschen so einig, was sich bis in die Politik herumgesprochen hat. Nach dem Rauswurf der FDP gibt es im Berliner Bundestag derzeit eine All-Parteien-Koalition gegen Gentechnik auf Feld und in Ställen. Selbst wirtschaftstreuste Christdemokraten wagen es nicht, für Genmanipulation in landwirtschaftlicher Produktion Position zu beziehen.

Im vergangenen Juni entschied das Europaparlament, dass die einzelnen Mitgliedsländer der EU selbst bestimmen sollen, ob transgene Mais- oder Sojapflanzen auf ihren Feldern wachsen dürfen oder nicht. In Deutschland will Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) ein Anbauverbot bis zum Herbst umsetzen. Kein bundeseinheitliches, sondern eines in Verantwortung der Länder, was Kritiker als Gentech-Verbot mit Hintertürchen ansehen. "Ein solcher Flickenteppich ist der Anfang vom Ende der Gentechnikfreiheit in Deutschland", kritisiert etwa Harald Ebner, Agrarexperte der Grünen im Bundestag.

Hiesige Unternehmen der Agro-Biotechnologie haben die gesellschaftliche wie politische Ächtung der grünen Gentechnik hierzulande akzeptiert. Im vergangenen Jahr verlagerte der Einbecker Saatgutproduzent KWS als letztes Unternehmen die Forschung mit gentechnisch veränderten Pflanzen in die USA nach St. Louis, wo auch Marktführer Monsanto residiert. Schon 2012 hatte BASF seine Forschungstochter in den US-Bundesstaat North Carolina verlagert. Die Pflanzengenetiker von Bayer waren bereits 2004 nach Amerika versetzt worden. Deutschland ist damit, zumindest was die angewandte Forschung betrifft, gentechnikfrei.

Harald Ebner bei der Fragestunde im Bundestag zum Thema Glyphosat. Zum Video klicken.
Harald Ebner bei der Fragestunde im Bundestag zum Thema Glyphosat. Zum Video klicken.

Für die hiesige Wissenschaftswelt ein falscher Weg. In einer aktuellen Stellungnahme sprechen sich die Nationale Akademie Leopoldina, die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften und die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften gegen pauschale Anbauverbote für gentechnisch veränderten Organismen (GVO) aus und empfehlen wissenschaftsbasierte Einzelfallprüfungen. Anbauverbote in Deutschland bedrohten die Forschungs- und Berufsfreiheit, den Schutz des Eigentums sowie die allgemeine Handlungsfreiheit und damit die Chancen der Erforschung, Weiterentwicklung und kommerziellen Nutzung der Grünen Gentechnik. Auch würden die zur Risikobeurteilung von GVO unerlässlichen Freilandversuche durch pauschale Anbauverbote in Deutschland unmöglich, monieren die Akademien. Dass Gentechnik-Kritiker gerade Freilandversuche bereits als Risiko einstufen, übergeht die Wissenschaftselite geflissentlich.

Anbau gefährdet menschliche Gesundheit

"Bestimmte Kreise reden sich die grüne Gentechnik immer noch schön", kommentiert Heike Moldenhauer vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) den Werbefeldzug der Wissenschaft. Für die Gentechnik-Expertin der Umweltorganisation geschieht dies mit den gleichen "Uraltargumenten", die längst widerlegt seien. "Die Tatsachen sprechen eine andere Sprache", sagt Moldenhauer - und kritisiert, dass selbst eine Nobelpreisträgerin die Augen vor den Entwicklungen verschließt: "Bei allem Respekt, wer wie Frau Nüsslein-Volhard argumentiert, ist nicht auf dem Stand der Dinge und handelt fahrlässig." So sei ein Standardargument der Befürworter, dass der Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen (GV-Pflanzen) den Pestizideinsatz reduziert, längst widerlegt. Stattdessen gefährde der Anbau massiv die Gesundheit der Menschen.

Beispielsweise bei genmanipulierten Sojabohnen. Sie vertragen das Totalherbizid Roundup, während alle anderen Pflanzen an dessen Wirkstoff Glyphosat zu Grunde gehen. Statt mehrfach unterschiedliche Wirkstoffe gegen verschiedene Unkräuter auszubringen, bedarf es Glyphosat nur einmal vor der Aussaat und auch während der Vegetation nur selten, versprach der Argrokonzern Monsanto, der in den Siebziger Jahren das Wunderherbizid erfand. Seit Monsanto vor knapp zwei Jahrzehnten die ersten genveränderten, Roundup-verträglichen Pflanzen (RR-Pflanzen) auf den Markt brachte, florieren Herbizid- und GV-Saatgutabsatz.

Mittlerweile hat sich der Segen zum Fluch gewandelt. Berichte aus argentinischen Soja-Anbaugebieten, wo Glyphosat-Einsatz flächendeckend von Flugzeugen versprüht wird, legen alarmierende Auswirkungen auf die Gesundheit der örtlichen Bevölkerung nahe. Wissenschaftler der Universität Buenos Aires berichten von steigenden Zahlen an Totgeburten und embryonalen Missbildungen in ländlichen Gebieten. Vor wenigen Tagen erst stufte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Glyphosat als "vermutlich krebserregend" ein. In Kürze will die WHO mit einem Abschlussbericht zu einem endgültigen Urteil über die Gefährlichkeit des Totalherbizids kommen.

Zudem häufen sich in den USA und Südamerika, wo die Roundup-Ready-Pflanzen Soja und Mais seit 1996 in großem Maßstab angebaut werden, Resistenzen gegen Glyphosat. Immer mehr Unkräuter, sogenannte "Super Weeds", breiten sich aus, was die Farmer mit häufiger Spritzen und noch giftigeren Herbizidmischungen zu verhindern versuchen.

Roundup, das Totalherbizid von Monsanto. Foto: Mike Mozart/flickr.com
Roundup, das Totalherbizid von Monsanto. Foto: Mike Mozart/flickr.com

Kritiker prophezeien, dass das Resistenzphänomen bald auch insektizidresistenze GV-Pflanzen trifft. Hauptanbaugebiet dieser Pflanzen, die selbst ein Insektizid bilden, ist Indien, wo die von Monsanto entwickelte BT-Baumwolle inzwischen weit verbreitet ist. Nach Studien spritzen indische Kleinbauern bei dieser Baumwollsorte weniger Insektizide als bei konventionellen Pflanzen. Sinkende Ausgaben für Spritzmittel und geringere Ernteausfälle überkompensieren die höheren Saatgutpreise, sagt der Göttinger Agrarökonom Matin Qaim. Nach seiner Studie sollen die Kleinbauern ihren Gewinn mit BT-Baumwolle um die Hälfte gesteigert haben.

Doch auch in Indien regt sich Widerstand gegen die grüne Gentechnologie. Vor zwei Jahren verhängte die Regierung wegen ungeklärter Sicherheitsfragen ein Moratorium für alle Feldversuche. Nach dem Wahlsieg der rechtskonservativen Hindu-Partei BJP hob der neue Ministerpräsident Modi als eine der ersten Amtshandlungen das Gentech-Moratorium im vergangenen Jahr wieder auf.

Pflanzenschutzmittel führen zu Verlust von Tierarten

Deutlich kritischer stehen hiesige Behörden zur grünen Gentechnik. Im vergangenen Sommer warnten das deutsche Bundesamt für Naturschutz und die Umweltbundesämtern Österreichs und der Schweiz davor, dass herbizidresistente, gentechnisch veränderte Kulturen die Intensivierung der Landwirtschaft vorantreiben und damit den Biodiversitätsverlust weiter erhöhen. Die intensive Verwendung von Pflanzenschutzmitteln führe auch zum Verlust von Tierarten. Die Experten gehen davon aus, dass dieser Effekt eine der Ursachen für den Rückgang auch von geschützten Arten wie dem Monarchfalter in Amerika darstellt.

Unverdrossen wirbt Nobelpreisträgerin Nüsslein-Volhard dennoch für grüne Gentechnik. Bedenken, dass der Einbau von fremden Genen in Nahrungspflanzen schädlich für Mensch und Tier sein könnte, hegt sie nichts. "Zusätzliche Gene haben nichts mit Nahrung zu tun", behauptet sie während ihres jüngsten Fernsehauftritts. Pflanzen besäßen von sich aus schon 20 000 Gene, und "die sind uns alle fremd", argumentiert sie. Nachfragen des Moderators nach möglichen Spätfolgen von Gen-Food wischt sie nonchalant vom Tisch: "Fast alle Medikamente sind mit gentechnischen Methoden hergestellt und die essen wir ja auch", behauptet sie.

Dass es sich hierbei um einen eher unwissenschaftlichen Äpfel-mit-Birnen-Vergleich handelt, weiß der Laie ja nicht. Beispielhaft beim bekanntesten gentechnisch hergestellten Medikament, dem Insulin, ist es der identische Wirkstoff, der heute mit Hilfe veränderter Bakterien hergestellt wird und früher aufwendig aus der Bauchspeicheldrüse toter Rinder und Schweine gewonnen wurde.

Selbst dem baden-württembergischen Landwirtschaftsminister spricht Nüsslein-Volhard vor laufender Kameras die Kompetenz ab, über die Anbaufolgen von gentechnisch veränderten Pflanzen zu urteilen. "Gentechnik ernährt die Welt nicht, im Gegenteil, sie ist eine Risikotechnologie und schafft Abhängigkeiten. Die Ärmsten der Armen sind die massivsten Opfer der Risikotechnologie, an der nur wenige Große verdienen", sagt Alexander Bonde (Grüne) in der SWR-Sendung und kündigt an, alles zu unternehmen, "um Gentechnik auf dem Feld und auf dem Teller zu verhindern". Für Nüsslein-Volhard sind dies "einfach falsche Behauptungen."

Nüsslein-Volhard redet lieber nicht mehr

Gern hätte Kontext die Tübinger Nobelpreisträgerin detailliert zu grüner Gentechnik befragt. Eine Interviewanfrage beschied sie zunächst positiv. Nach Übermittlung der Fragen, etwa zu Gesundheits- und Umweltschäden durch Glyphosat, machte sie einen Rückzieher. Stattdessen übersandte sie eine Stellungnahme, in der sie ihre Haltung zur grünen Gentechnologie wiederholt. "Glyphosat ist in Deutschland zugelassen und wird im privaten Gartenbau reichlich angewandt, zum Beispiel um Wege krautfrei zu machen. Why not? Ich nehme es auch zur schonenden Bekämpfung von Wurzelunkräutern in meinem Garten, gegen die sonst nur rabiates Umbrechen und Absengen helfen würde. Wäre das besser?", schreibt sie.

Umweltschützer rätseln über die wirklichen Motive von Gentechnik-Befürwortern wie Nüsslein-Volhard. "Warum will man eine Technik auf den Markt bringen, die der Verbraucher nicht will", fragt Mute Schimpf von "Friends of the Earth Europe". Für die Aktivistin, die von Brüssel aus europaweite Aktionen gegen grüne Gentechnik koordiniert, müssten auch die Unterstützer der umstrittenen Technologie Marktrealitäten anerkennen: "Fakt ist, dass Europäer keine Gen-Lebensmittel auf dem Teller haben wollen."


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Ausgabe 327 / Post an den MP / Monika Kremmer / vor 1 Tag 21 Stunden
Großartig ironischer Brief. Danke!



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