KONTEXT:Wochenzeitung
KONTEXT:Wochenzeitung

Heideggers Feldweg

|

Datum:

Meßkirch in Oberschwaben. Der Schriftsteller Arnold Stadler beschreitet den bedeutenden "Feldweg" von Martin Heidegger. Mit letzter Heiterkeit über Ort und Philosoph. Teil fünf unserer literarischen Sommerreise.

[...] Heidegger auf dem Feldweg, mit dem Rucksack fürs Nötigste. Sie hat ihm die Mostflasche wieder herausgenommen. Aber er bemerkt es erst, als es schon zu spät ist, als er sich zum Vesper bei der "roh gezimmerten Bank" niederlässt, durch den Lodenrucksack hindurch ins Leere greift und, es begreifend, sich an die "hohe Eiche" lehnt. Denn sie lässt nicht mit sich spaßen.

Vielleicht geht hier meine Einbildung zu weit. Doch ich habe Heidegger leibhaftig gesehen. Er kam durchs Hofgartentor mit seinem Bruder, während ich vor Füssingers Holzschopf auf den Bus wartete. Die Erscheinung ging an mir vorbei, ich schnappte einen tiefen Blick auf, und beinahe hätte ich ein Kreuzzeichen gemacht, so wie ich damals ein Kreuzzeichen machte, wenn ich an etwas Heiligem vorbeiging. Wenn ich mich recht erinnere, machte ich sogar ein Kreuzzeichen, anstatt "Grüß Gott" zu sagen, was der Philosoph aber nicht zu bemerken schien.

"Ob ein Erntewagen in den Fuhren des Feldweges heimwärts schwankt?"

Als meine Literaturempfehlung: neben dem "Feldweg" bitte auch einen Bericht über die Einführung moderner Landmaschinen lesen. Zweifellos hat der Denker außer dem "Landmann, der in der Morgenfrühe zum Mähen geht", auch noch die Traktoren und Mähdrescher und Landmaschinen der Firma Mengele auf dem Feldweg gesehen, dessen geteerter Grund nun eine schnelle, keineswegs schwankende Heimkunft erlaubt. Manchem Traktor mit modernstem Güllenfass musste der Denker auf seinem Feldweg noch aus dem Weg gehen. Wäre er nämlich nicht aus dem Weg gegangen, wäre er umgefahren worden und mit seiner Philosophie am Ende gewesen. So etwas geht schnell. Der Feldweg gibt sich heutzutage zubetoniert und hört auf keine Argumente. Würde auch dem Denker nichts mehr sagen.

Die Weite des kargen Landes

"Karg" bezweifle ich, aber "kalt" stimmt. Das Ende der Osterzeit war gewöhnlich auch das Ende der Schneewehen, so kalt war es um den Feldweg herum. Gegen die Schneewehen gibt es vorläufig noch die Schneeblenden bis zum Ausbleiben der Schneewehen (Klimakatastrophe im nächsten Jahrtausend). Dann könnte Heidegger auch im Winter ohne Schneestiefel auf den Feldweg. Aber was für ein "Feldweg"?: "Schritt des Landmannes"? "Morgenfrühe"? "Reisigbündel beim Zunachten"? Der frühe Aufbruch kommt noch in den Romananfängen des neunzehnten Jahrhunderts vor. Hat Heidegger seinen Feldweg geschrieben, als er den Bezug zu den Feldwegen um 1950 verloren hatte? Armer Feldweg, der nicht nur "den Mann beim Zunachten", sondern auch noch dessen "Reisigbündel" zu tragen hat. Doch die Hackmaschine nimmt dem "Holzhauer" heutzutage die Arbeit ab. Der sogenannte Reishäcksler ermöglicht ein Verarbeiten und Verladen des anfallenden Reisigs schon im Walde. Und dann der Elektroherd, auch in Meßkirch! Die Hausfrau wüsste nicht, wohin sie mit einem solchen Reisigbündel sollte, das der arme Mann beim Zunachten über den Feldweg schleppte. Selbst das Verbrennen im Garten ist von oben her verboten.

Viele Wege führen nach Meßkirch

Einer davon ist der "Feldweg", der nach Meßkirch, aber auch von Meßkirch wegführt. Früher, als es sich noch um einen richtigen Feldweg handelte, hieß er das Bichtlinger Sträßle, weil er zu den Bichtlingern hinüberführte. Kleiner Grenzverkehr, Nebenstrecke. Für die schnelle Vorbeireise angelegt, "optimal ausgebaut" ist die Anreise von Menningen, Ulm, Salzburg, Wien her. Im Jahr des großen Geburtstages ist eine gewaltige Umgehungsstraße im Bau. Sie hätte um ein Haar auch Heideggers "Feldweg" gekreuzt. Tübingen, dem auch Meßkirch ungefragt "zugeschlagen" wurde, hätte auf den weltberühmten Feldweg keine Rücksicht genommen. Andere, nicht feldwegbedingte Gründe führten dazu, daß die Umgehungstraße nun nicht den Feldweg kreuzt, sondern unmittelbar hinter Heideggers letzter Ruhestätte, dem Gottesacker von Meßkirch, vorbeiführt.

Ganz in der Ferne winkt bzw. grüßt das alte Meßkirch, gegründet bald im Jahre 1 nach Christus, wie ich vermute. Schon sehe ich das bedeutende, wackelige Schloss und erkenne die Liebfrauenkirche im Neigungswinkel, alles erste Qualität. Von der Martinskirche meinte Pius XII., als er hier zu Besuch war: mindestens die Größe einer Kathedrale. Zur Linken taucht das Städtische Freibad St. Martin auf, das vor Jahren wegen schwimmender Fäkalien erst geschlossen, dann wieder geöffnet wurde. Ich wollte schon ewig dort wieder einmal schwimmen, einen ausgedienten Autoschlauch um den Bauch. Habe diesem Bad, das mich schwimmen lehrte, immer ein ehrendes Andenken bewahrt, auch in seiner dunkelsten Zeit. Das Industriegebiet grüßt ins Ablachtal geschmiegt. Meßkirch hat, so habe ich gelesen, die höchste Arbeitslosenquote, die höchste Pleitenquote und die höchste Selbstmordquote in der Bundesrepublik. Zählt man die weggezogenen Selbstmörder und jene, die sich auswärts umgebracht haben, dazu, so rangiert hier Meßkirch weltweit ziemlich oben. Ist der Durchschnittsmensch also nirgendwo unglücklicher?

Ich kann auch von Krumbach her einfahren. Die freundlichste Möglichkeit überhaupt, stehen doch bis an den Rand des Altstadtkerns freundliche, nun aber schwarzbunte Kühe herum. Oder von Schnerkingen her: Den Königsreichsaal der Zeugen Jehovas und die Besamungsstation lasse ich je für sich links liegen. Von der Nepomukbrücke aus wurden vor kaum zweihundert Jahren die letzten drei Hexen in die Ablach gestürzt, alle zusammen in einem Sack, mit Hund und Katz und einem Igel. Der damalige Pfarrer von Meßkirch betrieb diese plötzliche Himmelfahrt, wie man in den Akten nachlesen könnte. Langweilige Geschichte, alte Geschichten.

Bald komme ich vor einer großstädtischen Ampelanlage zum Stehen. Sie regelt den ausbleibenden Verkehr. Bei klarem Wetter sehe ich von hier bis zum stillgelegten Bahnhof, Schauplatz der Fernsehdokumentation "Verwahrlostes Deutschland". Finis terrae. Bin ich hier jahrelang angekommen?

Oder ich fahre von Tuttlingen her. Sehe von der Stadt und ihren fünftausend Einwohnern zunächst fast gar nichts. Ein Heuschober sowie ein Öltank neben einer Reihe ausgeschlachteter Landmaschinen deuten auf eine menschliche Ansiedlung. Scharf links, im Sautal, ist das Dach von Konradin Kreutzers Geburtshaus auszumachen. Gelegentlich betet der Stadtneurotiker beim Pestkreuz pudelnackt für den Weltfrieden. An dieser Stelle will Graf A., der Bürgermeisterkandidat, den Asylantenturm bauen. Er will ihn durch "Hereinschaffung" von Asylanten mit dreißigtausend Ostasiaten bevölkern, um der Stadt eine Zukunft zu geben. Die Stadtteile will er durch achtspurige Autobahnen miteinander verbinden. So sehr liegt Meßkirch am Boden, dass ein Teil der Bevölkerung auf den Bau des Turmes hofft.

Meßkirch könnte heute auch so wie Tuttlingen, Singen oder Sigmaringen aussehen. "Aufstrebend" sein, hätte es nur die "Neue Zeit" von Anfang an mitgemacht. Florierende Industrie, florierendes Nachtleben, Gäste aus der Schweiz. Aber wollen wir überhaupt so etwas unserem lieben Meßkirch wünschen? Ich nicht.

Wir sind am Ende, wenn nicht, sagt sich Meßkirch. Vielleicht kommt die Rettung vom Feldweg her. Feldwegtourismus, dann wäre mit dem Feldweg wenigstens unserer Stadt geholfen. Doch vorerst erfasst die Stadt eine unbeschreibliche Lethargie. Nicht einmal mehr die Nachricht, das Land Baden-Württemberg (immer diese Württemberger!) plane, alle Tierkörperbeseitigungsanstalten des Landes aufzulösen, um sie an einem Ort: in Meßkirch, zu einer Großanlage, der modernsten auf der ganzen Welt, zu vereinen, konnte vor Ort irgendwelche Proteste auslösen.

Das hieße, dass die Meßkircher Katzen – freilich nicht die der ortsansässigen, weithin bekannten Katzenzunft –, die bisher noch vom Orsinger abgeholt und in Orsingen zu Seife verarbeitet wurden, an Ort und Stelle ihrem Zweck zugeführt werden könnten. Meßkirch wird bald, so sich nichts ändert, "das tote Meßkirch" heißen, Meßkirch-la-morte. Übergangen von der "Neuen Zeit" liegt es schon halb betäubt am Bichtlinger Sträßle, das Heidegger zuliebe in Am Feldweg umgetauft wurde. Warum ich das alles erzähle? Weil Meßkirch noch seinen Feldweg hat und um den "Zuspruch des Feldweges" auch weiß. Denn dieser "erweckt einen Sinn, der das Freie liebt und auch die Trübsal noch an der günstigsten Stelle überspringt in eine letzte Heiterkeit". [...]

Das Beschreiten des Feldweges ist ein quasi liturgischer Akt. Der Feldweg selbst wird sakralisiert, eine Art Pilgerweg, Prozessionsstraße, Lebensweg und Lebenslauf. Nicht umsonst landen wir, wenn wir den Denker auf seinem Feldweg begleiten, schließlich, wenn auch nicht in, so doch bei der Martinskirche. Und am Ende hört man sogar die Glocken. "Die Glocken von St. Martin" ...

Katholische Umzüge und Prozessionen, kirchliche Aufmärsche und Abläufe, die bis auf den heutigen Tag besser funktionieren als bei jedem Militär (das sich manches von Rom abgeguckt hat): Heidegger ist damit aufgewachsen. Von Kindesbeinen an marschierte er bei irgendwelchen Prozessionen und Wallfahrten mit, trug eine der Fahnen, den Weihwasserkessel oder das Rauchfass, die Uniform des Ministranten, Seminaristen, Soldaten, Rektors, Festredners. Nach Konstanz kam er, um von kirchlichen Händen erzogen zu werden (ziemlich hart). Es ist erstaunlich, was dennoch aus ihm wurde, einmal in die Hände der katholischen Kirche gegeben und dazu noch einem sogenannten Landsmann, Konrad Gröber, der als Erzbischof von Freiburg mit Freisler freundliche Briefe wechselte und dem Schlächter seiner anbefohlenen Schafe Gottes Segen wünschte.

Groß im Kleinen, klein im Großen

In einer Zeit, die von "Sündigen" spricht und damit auch den zu hohen Kalorienverbrauch "Ich habe gesündigt, ich habe zuviel Schokolade gegessen" meint, liest sich der Feldweg sonderbar. Damals, als Heidegger ihn schrieb, hätte er – im Gründungsjahr der Bundesrepublik – als Aufruf zu Besinnung und Warnung vor einer globalen Zerstörung gelesen werden können. So könnte er auch heute gelesen werden. Aber Heidegger gilt weithin als, theologisch gesagt, unbußfertig. Man vermißt ein "Sündenbekenntnis". Seine Äußerungen werden als Rechtfertigungen gelesen. Ist am Ende auch der Feldweg ein Stück Rechthaberei, eine Auslassung? (...).

Feldweg – wo soll das sein?

Und dies in einer Zeit, "überflogen von Sternen, die Menschenwerk sind" (Celan). Das gewöhnliche Auge unterscheidet einen Sputnik von einem Stern nicht. "Heimat" in der Nähe, aus der Nähe des Feldweges, vom "Hofgartentor zum Ehnried" laufend?

Heimat, deine Sterne! Auch über den Feldweg ziehen jetzt Sputniks und andere hinaufgeschossene Sterne ihre Bahn.

Die Erinnerung ist so brüchig wie die "roh gezimmerten Eichenbank", auf der sie sich niederlässt. Vor wie vielen Jahrzehnten schwankte hier zum letzten Mal ein Erntewagen "heim" (vgl. Feldweg)? Die Eiche allerdings "grüßt" noch. Kommen Gäste aus Japan, dann zeigen sie mit dem Finger auf den Feldweg. Halb so schlimm, sie wissen ohnehin nicht, was ein Feldweg war. Wären sie ein paar Jahrzehnte früher gekommen, hätte sie Heidegger auf ihm herumgeführt, hinter seiner Nase her. Er hätte auf die "roh gezimmerte Bank" gezeigt, auf der "bisweilen die eine oder die andere Schrift der großen Denker" lag.

Doch Japaner haben oft kurze Beine. Der Feldweg ist, so gesehen, eine Lüge. Eine gut asphaltierte Wohnstraße, deren Anlieger anscheinend Angst vor der Bepflanzung ihrer kleinen Vorgärten haben heutzutag, kein Baum weit und breit. Und die Eiche am Feldweg mit der Bank, auf der jene Schriften lagen, die "eine junge Unbeholfenheit" einst zu entziffern versuchte, ist eine der letzten.

Auch der Feldweg gehört zu den Holzwegen. Nicht umsonst kehrt der Denker mitten auf dem Weg wieder um. Oder ist es der Umstand, dass ein Weitergehen schließlich nur in den traurigen Ort Bichtlingen geführt hätte? Ein Holzweg im guten Sinn. "Holz lautet ein alter Name für Wald", sagt Heidegger. Ein Holzweg sei ein Weg, der nirgendwohin führe und doch begangen sein müsse, um den Reichtum des Waldes zu bergen, sagt er.

Die Feldweg-Metaphorik scheint im Erntemonat 1989 hoffnungslos veraltet. Damals gab es wenigstens noch den "heimwärtsschwankenden Erntewagen" und das "Reisigbündel". "Zunachten" ist auch heute noch ein Begriff. Und Mostfässer sind sogar wieder Mode. Der Rest ist von jener "Technik", deren Gefahren Heidegger sah, vor denen er im Feldweg warnt, eingeholt und beseitigt. Archaische Bilder werden mit dem Atomzeitalter konfrontiert. Widerpart? Bilder, vor allem die Bilder der Erinnerung sind nicht alles. Die Eiche am Weg "grüßt" noch. Und auch noch ihre Warnung vor unmäßigem Wachsen gilt nach wie vor, mehr als je.

Das Reisigbündel gibt es nicht mehr, aber die "Riesenkräfte der Atomenergie", die gibt es noch. Und es gibt auch noch, wenn schon nicht mehr den "Feldweg", so doch seinen Zuspruch. Der Mensch soll auf ihn hören. Er soll nicht die Erde "untertan" machen, sie nicht ausbeuten, wie die Bibel will, sondern bewahren. Hier kommt der Feldweg auch im Erntemonat 1989 zur rechten Zeit. Ist er am Ende ein grüner Gedanke, aus dem Leben sprießt?

Arnold Stadler ist 1954 in Meßkirch geboren, auf einem Bauernhof aufgewachsen, studierter Theologe (katholisch) und Büchnerpreis-Träger. Die Bücher des hochdekorierten "Heimatlosigkeitsschriftstellers" spielen häufig in der Gegend seiner Herkunft. Martin Heidegger, 1889 in Meßkirch geboren, war Sohn des örtlichen Mesners.

Der hier gekürzte Text "Letzte Heiterkeit. Gehversuche auf Heideggers 'Feldweg'" erschien in: Erbarmen mit dem Seziermesser. Über Literatur, Menschen und Orte (2000, DuMont Buchverlag). Wir haben ihn dem Buch "Geschichten aus Oberschwaben" (Hg. Elmar L. Kuhn und Peter Renz) entnommen, mit freundlicher Genehmigung des Tübinger Verlags Klöpfer & Meyer.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT!
KONTEXT unterstützen!

Verbreiten Sie unseren Artikel
Artikel drucken


1 Kommentar verfügbar

  • Insider
    am 09.09.2015
    Antworten
    in der badischen "Genieecke" Meßkirch ist auch heute noch Martin Heidegger ein Thema. Doch den Rang läuft dem nicht unumstrittenen Heimatsohn die Klosterbaustelle "Campus Galli" ab, Über dieses, mit enormen Summen "angeschobene" Projekt, könnte Arnold Stadler wohl ebenfalls ein Buch schreiben?
Kommentare anzeigen  

Neuen Kommentar schreiben

KONTEXT per E-Mail

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochvormittags unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Letzte Kommentare:






Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!