Rudi Dutschke (Mitte) auf einer Demonstration für die Humanistische Union in Baden-Baden, 1968. Foto: picture alliance / akg-images

Rudi Dutschke (Mitte) auf einer Demonstration für die Humanistische Union in Baden-Baden, 1968. Foto: picture alliance / akg-images

Ausgabe 228
Zeitgeschehen

Dutschke im Weltbad

Von Jürgen Lodemann
Datum: 12.08.2015
Literarische Landeskunde als kleine Sommerlektüre: Kontext hat Texte ausgegraben, die bleiben (sollten), weil sie viel über die schwäbischen und badischen Regionen, ihre Menschen und ihre Mentalitäten sagen. Der Schriftsteller Jürgen Lodemann fängt an, mit Rudi Dutschke in Baden-Baden.

Die betagte faltenreiche Dame Baden-Baden hatte, wie jede Lady, auch ihre wilderen Zeiten und selbst die Belle-Epoque-Witwe mit dem eleganten Äußeren des romantischen Jahrhunderts hatte 1968 eine Studentenbewegung, ja, die APO tummelte sich auch zwischen Kolonnaden und Spielcasino, freilich, die einen haben es verdrängt und die anderen haben es erst gar nicht bemerkt.

1968 gab es dort einen Buchhändler, der dafür sorgte, dass Jugendliche, sofern sie den Ort noch nicht geflohen hatten, abends nicht grübeln mussten, wo an der Oos was los sei - allabendlich gab es "Teach-Ins" und die Lehrer hießen Günter Amendt oder Rudi Dutschke oder Ulrike Meinhof. Ich weiß nicht, wie es der so liebenswürdige, der hochgewachsene blonde Buchhändler Bernhard W. Wette geschafft hat, nahezu jeden Unruhegeist aus Berlin oder Frankfurt in das Städtchen zu locken, in dem man sonst eher das Geruhsame suchte und fand.

Nein, nicht der böse Rotfunk "auf der Funkhöhe" oder gar das Fernsehen dort oben mischten unten im Tal auf, all diese sonderbaren Gäste hatte allein dieser Bücherfreund herbeigezaubert, etwa zu Veranstaltungen im "Löwen" in Lichtenthal, wo von Brahms oder Stolz (Robert) keine Rede war und kein Ton, statt dessen etwa von diesem bürgerschrecklichen Günter Amendt und seiner "Sexfront". Dem Amendt ging es nicht nur um Befreiung von Schul-Fron, Eltern-Druck und übler Adenauer-Last, sondern an anderen Tagen ging es im "Löwen" auch um Berliner Kommunarden wie Teufel, Kunzelmann und das schöne Fräulein Obermeier und dann auch um Beate Klarsfeld, jene "Watschen-Beate", die den Kanzler der Großen Koalition öffentlich und schlagartig an seine Nazi-Vergangenheit im Reichs-Außenministerium erinnert hatte.

Stammlokal war freilich "Da Pietro", wo man selten Gefahr lief, von allzu viel Eleganz erdrückt zu werden. Wer Glück hat, trifft dort noch heute diesen oder jenen roten Großvater und der beginnt zu erzählen aus Zeiten, in denen das älteste Stadtoberhaupt der Republik Baden-Baden regierte, was hieß, dass er vieles verbot, zum Beispiel ein Stück von Brecht (der in den Zwanzigern hier Uraufführungen hatte inszenieren können). Weil Oberhaupt Schlapper Linkes und Gottloses sehr dicht beieinander sah, verbot er dann auch eine Versammlung mit Rudi Dutschke. Da war es regnerisch gewesen und kühler November, im Kurhaus hatte Rudi den vielen jungen Leuten erklären wollen, was ihn so zornig machte und umtrieb, aber die Jungen und der Dutschke durften nicht hinein in das feine Haus des wunderbaren Weltbads, statt dessen tagte in dieser Eins-A-Adresse die rechtsradikale, die altneue Nazipartei.

Bei dieser Wetterlage zögerte der rote Rudi aus Berlin keine Sekunde, der bestieg vor dem Kurhaus die Konzertmuschel, nutzte eine Flüstertüte und erklärte den im Regen Versammelten, was diese Bevorzugung und dieses Verbot bedeute, er sprach von "faschistoid", dies Wort hörte ich damals zum erstenmal, auch Wörter wie "Charaktermasken" liebte der Redner und das Wort "Großkapital", nie waren so raue Töne aus der edlen Hohlform gedrungen, in der sonst Stolz (Robert) und anderes Süßes erklang. Im Regen hielten die Zuhörer lange aus und bewunderten, wie Dutschke aus der "frustrierenden" Situation das Beste machte, nämlich eine Lehr- und Beweisstunde für seine aufregenden Meinungen.

Im Regen sehe ich noch einen neben mir stehen, der hatte den grauen Hut tief ins Gesicht gezogen und war unter so viel Jugend offenbar der Älteste. Der wich nicht, der johlte aber auch nicht, denn das war der Fernsehdirektor des Senders: Günter Gaus. Wenig später präsentierte der in seiner Reihe "Zur Person" einen ungewöhnlichen Gast, einen, der einen dicken, einen quergestreiften Pullover trug: Rudi Dutschke.

Aber an jenem nassen November-Abend, als Schranken und Polizei dem, der bei Gaus Fernsehgast wurde, das Kurhaus versperrten, da war der Theologie-Student doch noch losgezogen, wie ein Rattenfänger zu Baden ging der voran, hinter ihm drein der lange Zug der jungen Begeisterten, zweifellos verführt von diesem gewitzten und beredten Menschen, den wenig später die am Ende tödlichen Schüsse trafen von einem, der nach ausführlicher Bildzeitungslektüre diesen Dutschke ebenfalls für eine Art Teufel hielt.

Damals jedenfalls zog der die Menge vom Kurhaus in die Villenstraßen hinauf, da marschierte Rudi in der ersten Reihe, und dazu wurde gesungen, ja, man sang schlicht den Namen des Stadtoberhauptes und fügte im Chor hinzu, dass man nunmehr zu kommen gedenke. Auch Süverkrüp, Degenhardt, Moßmann und viele andere solcher Sangesgesellen waren um 1968 ebenfalls "Kurgäste" gewesen, die sangen ihre Lieder im alten Kaiser-Bahnhof, der heute den Eingang bildet zum Festspielhaus. Der muntere Musikzug im Unterwanderstiefelschritt jedenfalls, der geriet dann schon in der unteren Bismarckstraße vor eine endgültige Polizeisperre, da ging nichts mehr, da konnte der Mann aus Berlin nur noch eine der Gartenmauern besteigen und den Jugendlichen ein letztes Mal mitteilen, was von all dem zu halten und zu lernen sei. Und der Buchhändler hat auf solche Weise, ich bin sicher, einiges erreicht.


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