Ausgabe 156
Debatte

Der Andersherum-Geher

Von Jürgen Lodemann
Datum: 26.03.2014
Thaddäus Troll – der schwäbische Schelm. Der "Entaklemmer" sein wohl bekanntestes Buch. Aber Hans Bayer, so sein bürgerlicher Name, taugt nicht zur Folklore, die zu seinem 100. Geburtstag wieder hervorgeholt wird. Sein Weggefährte Jürgen Lodemann beschreibt den politischen Troll, den Stuttgart, die "Stadt der Trolligen", dringend nötig hätte.

Hier sollte bekannt sein, was Trolle sind. Und wie sie so sind und warum. Dass sie Prüfungen sind. "Schlag nach bei": Ibsen. Peer, geh andersherum! So ein Andersherum-Geher war er, der Thaddäus. Und wahrlich notwendig wäre der – jetzt. Nicht nur im Schriftstellerverband. Dort hab ich ab 1975 viel mit ihm zu tun gehabt, mit dem Sprachmeister, dem Sprechmeister, in seinen letzten fünf Lebensjahren.

So liberal war er wie links wie konservativ, sogar mal "Parteigründer" ("Radikale Mitte"!). Er gab Anstöße, nicht nur, dass ein Schriftstellerhaus entstand in der Kanalstraße, auch fürs Urheberrecht, für Buchpreisbindung, für die Menschenrechte – für not-wendige neu-alte Sichtweisen. Fast so was wie ein Letzter war er für litérature engagée. Indignez vous! Empört euch!

Ja, für mich war er wie eine Verkörperung von Witz, Widerstand und List, der in kein Museum gehört, sondern verblüffend aktuell ist. Jedenfalls kein Dichter als Zierschleife, in unserer Verpackungsgesellschaft. Am Weltüberwachungsmarkt. Und mir wird immer klarer, was er jetzt und hier wünschen würde: Abkehr, Umkehr.

Selbst der Schnee im Musterländle konnte nicht schwarz genug sein

Wie ein barocker Bußprediger zog der durchs Ländle, hierorts schäme sich sogar der Schnee, nicht genügend schwarz zu sein – und auch: Schluss mit Waffen an Diktaturen! Kampagnen hatte der gemacht, mit Grass, Böll, Walser, für den Eintritt der Autoren in Gewerkschaften. Kampagnen für Willy Brandt, für den politischen Sprechmeister, der sie durchschaut hatte, die Gefahr der Dichter, zu enden als (Zitat Brandt) "Randfiguren der holzverarbeitenden Industrie". 

Und ich Anfänger nun vor diesem Wunderbaren, ja, scharfzüngig war er, aber – verletzend nie, nirgends Schwarzer Donnerstag. Und so was wie "Mappus-Mafia", das hätte er nie gesagt, dieser Menschenfreund. Es sei denn, die Sachlage hätte es gefordert. Zuletzt nicht mal mehr aufbrausend war er, sondern sanft sachkundig. Mit Röntgenblick, fürs Absurde.

Und just deshalb, wie hilfreich wäre der, jetzt, für Stuttgarts VerFahrenheit. Und ich höre ihn ja reden: Würde gegen alle Fakten dieser Schiefbahnhof wirklich realisiert, entstünde für Europa tatsächlich ein Verkehrs-"Knoten". Ein Infarkt. Als Lachnummer? Reflektiert hätte er über des Menschen abgründige Fehlbarkeit. Und Hörigkeit. Über des Schwaben Genialität im Wegdrängen von Realität. Hätte wohl auch leise gemurmelt: "Fortschrittsbesoffenheit. Sinnvoll nicht mal für die, die sich dran kaputtverdienen." Heilandzack, diesen Troll, jetzt benötigte ihn diese Stadt der Trolligen, diesen Meister der Meinungsfreiheit.

Was ihm nun wohl einfiele dazu, dass vom Berliner Kanzleramt zwei Milliarden durchgewinkt wurden – für zwei Millionen Mehdorn-"Möhrchen"? Oder dazu, was nun alles beim Bayern FC unter dem Teppich bleiben darf, seit der Boss dort die Verlängerung der Ermittlungen so aufrecht abwendete. Ach, Thaddäus.

In den Aufsichtsgremien der Sender – Inkompetenz

Troll wollte die Arbeit in jüngere Hände legen, Rückzug, Nachlassen der Kräfte. Ja, Depression. Und das ist meist ein Tribut ans unfassbar Reale, etwa an alles idiotische wechselseitige Gedrohe – damals mit Wett-Hochrüsten – aber auch das Zusammenlegen von Rundfunksendern, mit Rückbau der Kulturprogramme, in Stuttgart wie Baden-Baden. Und in den Aufsichtsgremien der Sender? Inkompetenz. Intendant Hans Bausch war für Troll ein Glücksfall. Dagegen mein Schwarzwaldfunk: Wenn da 1945 hoch im Wald über dem Weltbad ein Funkhaus entstand, gegründet von Franzosen und Künstlern – Heinrich Strobel, Carlo Schmid, Alfred Döblin, der erste Intendant ein Hörspielkünstler – dann sollte das doch dort hinten im Wald ein Sender sein für Kultur. Und was wurde daraus? Ein Quoten-Druck-Fehler. Unten-Haltung. 

Einig waren wir uns, dass die Sender am Kopf faulten, und das blieb so, wo jetzt wieder Qualitäten weg sollen, die noch von Bert Brechts "Badener Lehrstücken" stammen. Ein Welt-Orchester – weg, Donaueschingen, Brutstätten von Hindemith und Eisler bis Strawinsky, Boulez, Maderna, Nono, Ligeti, Lachenmann und, und, und. Damals hörte er mir geduldig zu, resigniert nickend, was alles mein Literaten-Stammtisch "Café Größenwahn" mal wieder nicht hatte senden dürfen. Gedichte von Erich Fried, von Alfred Andersch oder dass bei einer kommenden Bundestagswahl von zehn Großdichtern keiner für einen Kanzler Helmut Schmidt war, aber alle zehn gegen Franz Josef Strauß (für Strauß ließ sich einfach kein Schriftsteller auftreiben). Auch das sollte nicht über den Sender, war "nicht ausgewogen".

Für Rundfunkrat Dr. Hans Bayer war "ausgewogen" identisch mit Langeweile. So was schoben wir uns nun ständig hin und her, Verstöße gegen die Staatsverträge der Sender. Die verlangen "Staatsferne" und fordern seit je drei Aufgaben: Information, Unterhaltung, Kultur. Doch in Stuttgarts Rundfunkrat hatte nachweislich nur einer Kulturkompetenz. Geschliffen war der seit 1945 von Werner Fincks satirischer Zeitschrift "Wespennest", dann vom "Spiegel", dann von Düsseldorfs Kom(m)ödchen – und wahrlich auch von seinen sechs Jahren als Kriegsberichter, als Opfer und als Techniker der Nazipropaganda. Was ihn traumatisiert hat. Überlebt hatte er das "in Angst", so hat er's mal kurz seiner Freundin gestanden.

SWR und HSV: Ahnungslose kämpfen um den Abstieg

Zu einem Drittel fordern also die Staatsverträge Kultur. Ergo müsste im Sender jeder dritte Aufsichtsrat Entsprechendes vorzuweisen haben, das war uns klar. Doch ebenjetzt war wieder mal 15 Jahre lang im SWR-Aufsicht kein Schriftsteller. Der Sender also staatsnah, aber sprachfern? Just das sei das Problem, sagte schon Troll und sah die SWR-Aufsicht so wie kürzlich Uwe Seeler die Aufsicht seines HSV, nach sieben Niederlagen hintereinander. Zitat Seeler: "Ahnungslose kämpfen um den Abstieg." Genial, hätte Troll frohlockt, der alte Mittelstürmer hatte ja so was von Recht: Rundfunkrat wie HSV: "Ahnungslose kämpfen um den Abstieg." (Uns Uwe meinte natürlich gegen, sagte aber um und formulierte so Wahrheit im Troll-Format.)

Trolls Scharfblick benötigen wir dringend. Gut täte der, bitter not, auch anderswo. Obenhalter statt Untenhalter. Typischer Troll-Plot wäre jetzt, dass er erzählte, wie dieser oder jener Bahnchef die eigene Bahn meidet. Zugunsten gestirnter Limousinen. Weil für diese Herren "Energiewende" eher eine Mär des Mittelalters scheint. 

Auch an diesem Montag sind sie hier wieder unterwegs, die Natur- und Stadt-Schützer, Wissenschaftler, Unternehmer, Anwälte, Theologen, Ingenieure. Eisenbahn-Liebhaber! Troll hätte gesagt: Nein, das ist keine Politik-Verdrossenheit. Das ist Politik-Sehnsucht! Höchstens Partei-Verdrossenheit. Denn es fällt schwer, mit ansehen zu müssen, wie da brav ausgelöffelt wird, was andere einbrockten. Und beim Dauergemurmel über Verträge, die einzuhalten seien (Immobilien-Verträge, Bahnverträge), da hör ich ihn fragen: Wo bleibt der Ausschuss, der dokumentiert, wie die entstanden sind!

Troll würde heute von der Lebensgefahr im Schiefbahnhof erzählen

Befreiende Geschichten wüsste der vom Verträge-Kündigen, weil das Dach unsicher ist, weil der Keller voller Wasser steht, voller Mineralwasser? Ja, auch beim Nesenbachwasser wäre er sanft sachkundig, dieser Seifensiedersohn aus Bad Cannstatt, der Genussmensch, der Wahrheit genoss, nicht Mehrheit. Nicht verletzend, sachgerecht bliebe der und würde erzählen, von der Lebensgefahr im viel zu engen Schiefbahnhof.

Deutschlands bislang bestfunktionierender Bahnhof vor dem Rückbau zum Nadelöhr? Von 16 auf acht Gleise? Mit 60 Tunnelkilometern und nicht unter Straßen, sondern unter mehr als tausend bebauten Grundstücken der Trolle! Die Bahnsteige nicht nur zu eng, sondern auch die Neigungswinkel lebensgefährlich. Die Bahn rühmt bekanntlich als "West-Ost-Achse der Zukunft" die schnelle Reise von Paris nach Bratislawa. Bislang bringt zum Glück den rasenden Reisenden immer noch ein wohltätiger Kopfbahnhof kurz zur Besinnung.

Ach, wer fürs Kleinliche und Enge ein so geniales Bildwort gewusst hat wie das vom "Entaklemmer" (der also, ehe ihm auch nur ein Entenei entgeht, seine Tierchen in den Hintern kneift), was wohl wüsste der nun fürs Gegenteil, fürs Vergeuden! Auch dafür, dass auf dieser grandiosen West-Ost-Bahn schier nichts mehr zu sehen sein soll von der wahrlich einzigartigen Stutengarten-Stadt. Nicht Fernsehturm, Weinberge, Hochbauten, Riesen-Bäume, sondern ausschließlich Tunnelschwärze. Tja, wenn jetzt tatsächlich keine Umkehr käme, dann gäbe er ihm vollends recht, dem aufrechten Seeler: Ahnungslose kämpfen um den Abstieg.

Ich hör ihn auch fragen, warum kein Regierender die Warnungen des Hermann Scheer nutzt, des Trägers des alternativen Nobelpreises für Wirtschaft, die Warnung, dass Atomkraft nicht nur die gefährlichste von allen Kräften ist, sondern auch die bei weitem teuerste Energie. Fatal unwirtschaftlich. Weil seit je die Folgekosten weggerechnet wurden. Weggelogen. 

Ach, Thaddäus, dein letzter Herbst, Herbst 79, das war dein letzter Literaturpreis, drei Monate in Soltau bei Lüneburg. King Lear auf der Heide? Auch ich war mehrere Wochen in Soltau. Vom Kampfgelände Fallingbostel dröhnten Panzerschüsse herüber. Auch das kanntest du. Damals konnte der Osten den Westen 30-mal vernichten, der Westen den Osten 40-mal.

Der Käs ist gegessen – da hör ich dich ächzen

Und du kanntest auch: "Volks-Ab-Stimmungen". Wo, so hör ich dich, bleibt auch da der Ausschuss, der klärt, was denn dem Volk gesagt worden war. Heftig würdest du Freund Peter Conradi zustimmen: Volksabstimmungen setzen kein Recht außer Kraft, kein Strafrecht, kein Planungsrecht, kein Haushaltsrecht. Auch keine Brandschutzregeln. Aber wie sagte es der Landesvater Winfried Kretschmann? Der Käs sei gegessen. Da hör ich dich ächzen. Derart missratenen Käs, den schluckt man einfach nicht. Als Wirkstoff ist der verheerend – auch im Leib der Stadt! So etwa hätte er's gesagt, der Genussfreund, der Menschenfreund. 

Und die Bilanz? Erfolgsschriftsteller, aber wirkungslos. Noch mehr Mordwaffen an Diktaturen, auch aus dem Ländle. Nirgends Umdenken, sondern Verdrängungsgesellschaft. Thaddäus, Du Andersherum-Geher, du standest ganz oben auf meiner Gästeliste fürs "Literatur-Café Größenwahn", für litérature engagée, für die warst du einer der letzten fabelhaften Vertreter.

"Empört Euch!" hat kürzlich noch mal einer mit über 90 gerufen, ein Deutschfranzose. Doch du? Warst plötzlich weg. Wie dein Vorbild? Wie Tucholsky? Aber so einen wie dich, den brauchen wir! Dringend. Oder aber: Könnte es sein, dass du hier, wenigstens in dieser Stadt, doch noch lebst?

 

Jürgen Lodemann, Jahrgang 1936, hat diesen Text bei der Troll-Feier am 17. März im Stuttgarter Rathaus vorgetragen. Finanzminister Nils Schmid (SPD) und Oberbürgermeister Fritz Kuhn (Grüne) seien dabei "etwas bleich" geworden, sagt der Freiburger Schriftsteller. Empört war der Historiker Eberhard Jäckel, der Lodemann vorwarf, Thaddäus Troll für seine S-21-Ansichten zu missbrauchen. Hans Bayer ist am 18. März 1914 in Cannstatt geboren und am 5. Juli 1980 aus dem Leben geschieden.

Weitere Veranstaltungen zum 100. Geburtstag sind unter diesem Link zu finden. 


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1 Kommentar verfügbar

  • Tillupp
    am 27.03.2014
    Was soll må då no drzu sagæ. Recht hotter.

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