KONTEXT:Wochenzeitung
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Flucht über den Genfer See 1942

Per Ruderboot ans rettende Ufer

Flucht über den Genfer See 1942: Per Ruderboot ans rettende Ufer
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Für viele jüdische Geflüchtete in Frankreich war 1942 eine Bootspassage über den Genfer See in die Schweiz die letzte Hoffnung. Mehrere Hundert Menschen, auch aus dem heutigen Baden-Württemberg, konnten so den Nazi-Häschern entkommen. Ein vergessenes Kapitel der Geschichte – mit Parallelen zur Gegenwart.

Edith Rosenfelder wurde 1928 in Karlsruhe geboren. 1938 floh sie mit ihren Eltern Käthe und Fritz vor den Nazis nach Frankreich. Nachdem das Deutsche Reich 1939 den Krieg entfesselt hatte, wurde Fritz Rosenfelder, wie viele andere geflüchtete Deutsche, von der französischen Regierung als "unerwünschter Ausländer" in wechselnde Internierungslager gesperrt, Edith und Käthe jedoch blieben davon verschont. Ab 1941 wartete die Familie bei Marseille auf Visa für die USA, die Flucht dorthin blieb jedoch ein Traum. Die Mutter wurde Opfer der Razzien Ende August 1942 und kam ins Vernichtungslager Auschwitz, niemand aus ihrem Deportationszug überlebte. Doch Edith und ihr Vater Fritz schafften es Anfang September 1942 nach Thonon am französischen Ufer des Genfer Sees. Wenige Tage später glückte die Flucht per Boot über den See mit Hilfe einheimischer Fischer. Der Vater starb noch 1945 in der Schweiz, Edith reiste 1946 zu einem Onkel in Brasilien aus. Das Nazi-Regime überlebte sie um 70 Jahre, im Mai 2015 starb sie als Edith Waitzfelder. Wie sie und mehrere hundert andere Geflüchtete den Nazi-Häschern entkommen konnten, ist ein heute kaum bekanntes Kapitel der Geschichte.

In den Jahren ab 1933, als die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht gekommen waren, wurde der westliche Nachbar das Exilland Nummer eins: Rund 100.000 größtenteils jüdische Menschen flohen bis 1939 nach Frankreich, in das Land der Menschenrechte. Doch ab Anfang August 1942 mussten sie erleben, dass die Kollaborationsregierung im südfranzösischen Vichy den Nazis half, Jagd auf jüdische Flüchtlinge aus Deutschland zu machen. Wer bei den Razzien den Greifern in die Fänge geriet, den deportierten sie über das Lager Drancy bei Paris mit Viehwaggons nach Auschwitz, bewacht von der Feldpolizei der Nazi-Wehrmacht.

Der Plan zur Vernichtung der europäischen Juden, ausgearbeitet auf der sogenannten Wannsee-Konferenz im Januar 1942 in Berlin, wurde jedoch in Frankreich durchkreuzt: Verschiedenen Organisationen der Zivilgesellschaft, Kirchen, jüdischen Organisationen, Menschenrechtsgruppen, kurz: der zivilen Résistance gelang es, fast drei Viertel der über 300.000 Bedrohten vor dem Zugriff der Mörder und ihrer französischen Helfer zu retten. Dies ist der zweithöchste Anteil in den von den Nazis beherrschten Ländern in West- und Nordeuropa. Nur in Dänemark war die Rettung noch erfolgreicher: Von den knapp 8.000 jüdischen Menschen, die hier lebten, wurden im Oktober 1943 fast alle per Fischerboote über die Ostsee in das neutrale Schweden gerettet.

Wohin vor Nazi-Verfolgung fliehen?

In Frankreich verschwanden im Sommer 1942 viele Bedrohte, rechtzeitig von Gemeindebeamten oder Polizisten gewarnt. Sie erhielten Unterschlupf bei Familien in der Nachbarschaft, bei Bekannten, in Klöstern oder Pensionen. Und sie bekamen, organisiert von einem Netzwerk der Zivilgesellschaft, neue Identitäten, Ausweise, Geburtsurkunden, Taufscheine, Lebensmittelkarten, Bezugsscheine für Bekleidung und Tabak. Die Dokumente wurden professionell gefälscht auf offiziellen Formularen, herbeigeschafft durch Gemeindebeamte und dann beglaubigt durch Bürgermeister oder Polizisten mit deren Dienststempel.

Aus Frankreich herauszukommen wurde allerdings immer schwieriger. In der Situation der zunehmenden Gefahr für Abertausende jüdische Menschen, die in den Hafenstädten am Mittelmeer auf Rettung hofften, erteilten die USA immer weniger Einreise-Visa und schränkten die Transportkapazitäten über den Atlantik, also die Zahl der Schiffsplätze, immer weiter ein. Wie viele Menschen in Frankreich versteckt und unter dem Schutz der örtlichen Bevölkerung überlebten, ist allenfalls an der Tatsache abzulesen, dass die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem bisher über 4.200 Menschen in Frankreich als "Gerechte unter den Völkern" anerkannt hat.

Die Fluchtwege aus Frankreich heraus waren begrenzt: Die Nachbarländer im Norden waren von der Nazi-Wehrmacht besetzt, im Südwesten in Spanien regierte der Faschist Franco, im Südosten der Faschist Mussolini, und so blieb als Hoffnung auf Sicherheit die neutrale Schweiz. In dieser Situation begannen jüdische Organisationen, Kinderhilfswerke und Pfadfinder den Transfer von Bedrohten in Richtung der schweizerischen Grenze. Auch wenn es gelang, nachts über den Grenzzaun oder unter ihm hindurch auf das Gebiet der Schweiz zu kommen, waren die Menschen keinesfalls in Sicherheit, denn die Kriterien der schweizerischen Behörden zur Aufnahme von Flüchtlingen änderten sich ständig: Mal wurden Kinder bis zum Alter von 16 Jahren mit ihren Eltern aufgenommen, dann wurde das Alter auf sechs Jahre herabgesetzt, sodass es auch zu Zurückweisungen kam. Immerhin schafften es die Netzwerke in Frankreich, über 15.000 jüdische Menschen an die französisch-schweizerische Grenze vor allem in der Nähe von Genf zu bringen, aber fast 3.000 wurden von den Schweizer Grenzwächtern zurückgeschickt.

Rettungsaktionen mit hohem Risiko

Viele der Bedrohten versuchten, auf eigene Faust aus der Todeszone Frankreich herauszukommen. Dabei wurden sie oft auch unterstützt von den Rettungsketten der 1939 von protestantischen Frauen gegründeten Organisation "Cimade", die eng mit katholischen Geistlichen der grenznahen Gemeinden zusammenarbeitete. In und bei Evian und Thonon am französischen Ufer des Genfer Sees suchten und fanden sie Fischer, die sich bereit erklärten, als "Passeure" Flüchtlinge ans rettende Ufer in die Schweiz zu bringen. Das Risiko für die Fischer, wenn sie und ihre "Fracht" auf dem See erwischt wurden, war hoch: Es drohten Geld- sowie Haftstrafen – 3.000 Französische Francs, das waren zwei Facharbeiter-Monatslöhne, und mindestens zwei Monate Gefängnis – und vor allem die Beschlagnahme der Boote und damit der Verlust der Existenz. Dementsprechend hoch waren die "Preise" für die nächtlichen Überfahrten: 3.000 bis 5.000 Francs.

Das Geld, dass die humanitären Organisationen in Frankreich dafür zahlten, um Bedrohte an und über die Grenze zur Schweiz zu bringen, kam dabei aus ganz unterschiedlichen Quellen: Es stammte aus Spenden der Gewerkschaftsbewegung der Schweiz, von protestantischen Kirchengemeinden in der Schweiz und in Schweden, vom Königshaus in Schweden, vom ökumenischen Rat der Kirchen und von "Joint", einer Hilfsorganisation jüdischer Menschen in den USA.

Nach Beginn der Razzien auf jüdische Menschen ab Ende August 1942 gelang es den Organisationen der zivilen Résistance, 375 Bedrohte an den Genfer See und dann per Fischerboote an das schweizerische Ufer zu bringen. 25 fast Gerettete wurden nach Frankreich zurückgeschickt, von diesen erlebten dennoch die meisten die Befreiung – wie auch Hilde Hirsch-Becker aus Billigheim bei Mosbach (heute Neckar-Odenwald-Kreis). Nur Hildegard Landau, eine Romanistin aus Leipzig, die schon 1932 vor dem Antisemitismus nach Belgien geflohen und 1940 als "unerwünschte Ausländerin" im Lager Gurs in Südfrankreich interniert war, konnte den Häschern nicht entkommen: Zwar wurde ihr Mitte Oktober 1942 das erhoffte Visum für die USA erteilt, dies wurde jedoch von den Vichy-Behörden im Lager Rivesaltes nicht beachtet. Am 6. November 1942 wurde Landau von Drancy/Paris aus in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert.

61 Rettungsfahrten allein im September 1942

Weitaus mehr Menschen gelang die Flucht in die Freiheit. Unter den Geretteten war die 18-jährige Lotte Besag aus einer jüdischen Familie in Baden-Baden. Sie war am 22. Oktober 1940 mit ihrer Zwillingsschwester Hilde, der Mutter Martha und den Schwestern Gertrud und Ida in das Lager Gurs am Nordrand der Pyrenäen verschleppt worden. Während Gertrud 1941 noch in die USA ausreisen konnte, gelangte die Mutter mit den drei Töchtern mithilfe der 1939 gegründten Hilfsorganisation Cimade in das Heim "Coteau Fleuri" in Chambon-sur-Lignon. Als bei der Razzia der Vichy-Polizei Ende August 1942 die Schwester Ida in die Fänge der Verfolger geriet, versteckten Angehörige von Hilfsorganisationen die Mutter mit den Zwillingen und brachten sie auf den Weg Richtung Schweiz. Zwar wurden sie getrennt, aber in der Nacht des 7. September 1942 ruderten Fischer Lotte von Thonon über den Genfer See an das rettende schweizerische Ufer bei Allaman. In der Nacht des 5. Oktober 1942 konnten ihre Schwester Hilde und Mutter Martha bei Genf von Passeuren an und über die Grenze geschleust werden.

Ebenfalls aus Baden-Baden stammte Alexander Koron, dem mit seiner späteren Frau Lilly Maier-Einstein aus Laupheim zehn Tage nach Lotte Besag die Flucht gelang. Die in Karlsruhe geborene Esther Runes wurde am frühen Morgen des 8. September 1942 mit ihrer Mutter Gittel und Ernst Levy aus Breisach durch Fischer in die Schweiz gerettet. Drei Nächte später gelangte die vierköpfige Familie Thalheimer aus Weinsberg bei Heilbronn auf gleichem Weg bei Allaman ans sichere Ufer.

Auf der französischen Seite des Genfer Sees organisierten vor allem katholische Geistliche die Aufnahme von Flüchtigen und deren Vermittlung an Fischer. In der Nacht des 26. September 1942 war es der Priester Pierre Mopty selbst, der Joseph und Maximilian Strassberg eigenhändig über den See ruderte. Auf der schweizerischen Seite sorgte er mit seinem Kollegen, dem Priester Albert Gross, dafür, dass seine Schützlinge nicht zurückgeschickt wurden. Das Boot, das er sich "ausgeborgt" hatte, vertäute er nach der Aktion wieder an seinem Platz im Hafen von Evian. In den Nächten des gesamten Monats September 1942 brachten Fischer bei 61 Überfahrten 225 jüdische Menschen auf diese Weise ans rettende Ufer.

Geldstrafen, Haft oder KZ für Fluchthelfer:innen

Die damaligen Reaktionen in der Schweiz erinnern an die heutigen in Europa auf Bootsflüchtlinge, die übers Mittelmeer kommen. So beklagten die Behörden, dass in Evian und Thonon nichts gegen den Zustrom von Flüchtenden und die florierende Schleuser-"Industrie" unternommen werde. "Die französischen Behörden schließen die Augen", hieß es. Die Route über den See wurde von schweizerischer Seite aus nun auch mittels Motorbooten schärfer überwacht: Fischer, die in schweizerischen Hoheitsgewässern gefasst wurden, erhielten Haftstrafen zwischen 45 und 60 Tagen und wurden dann nach Frankreich abgeschoben.

Am 11. September 1942 half der 17-jährige Léon Moille seinem Onkel, dem Fischer Noel Moille, bei der nächtlichen Überfahrt mit Flüchtlingen. Am schweizerischen Ufer bei Rolle wurde er unter ungeklärten Umständen von Grenzwächtern erschossen. Als dies bekannt wurde, stockten die nächtlichen Rettungsfahrten und dann stiegen die "Preise" weiter bis auf 25.000 Francs pro Person. Manch ein Fischer verkaufte den verzweifelten Flüchtlingen sein Boot, um bei der nächtlichen Überfahrt sein Leben nicht aufs Spiel zu setzen.

Ab Ende November 1942 übernahm der deutsche Zollgrenzschutz die Überwachung der Häfen. Die Zahl der Überfahrten ging weiter zurück und endete praktisch mit der Übernahme der Kontrolle der Häfen auf der französischen Seite durch italienische Grenzschützer ab Januar 1943. Im September 1943 wurden der Fischer Léon Ducret, zwei Helfer und ihre "Passagiere" vom deutschen Zollgrenzschutz verhaftet. Ducret kam nach kurzer Festungshaft wieder in Freiheit, aber seine beiden Helfer François Giroud und Robert Barbero verschleppten die Nazis in das Konzentrationslager Buchenwald. Giroud überlebte, Barbero überlebte die Haft im Außenlager Ellrich nicht.

Auch heute brauchen Menschen auf der Flucht Hilfe

Über 80 Jahre später sind die Zahlen der Menschen, die einen sicheren Hafen suchen, verschieden von denen 1942. Die Fluchtursachen sind andere, die Herkunftsländer, die Fluchtrouten und Transportmittel haben sich verändert, ebenso die Mittel, Flüchtende daran zu hindern, in Sicherheit zu gelangen. Die Abschottung der "Festung Europa" mittels der illegalen Zurückweisungen durch die EU-Grenzschutzagentur "Frontex" im Verein mit der sogenannten "libyschen Küstenwache" und den auf dem Mittelmeer operierenden Milizen des libyschen Militär-Regimes "sorgten" dafür, dass im Jahr 2025 rund 26.000 Menschen nicht den sicheren Hafen Europa erreichen konnten, rund 2.200 Menschen ertranken oder gelten als vermisst – so die Angaben der zu den UN gehörenden Internationalen Organisation für Migration und der zivilen Seenotrettungs-Organisation "SOS Humanity".

Nichts hat sich an der Not der Menschen geändert, die – warum auch immer – unfreiwillig ihre Heimat verlassen. Deswegen hat sich auch nichts geändert an der Notwendigkeit, ihnen ihre Flucht zu ermöglichen, ihnen sichere Häfen auch hier bei uns zu schaffen. Also hat sich auch nichts daran geändert, dass es dazu Geld braucht. So wie die humanitären Organisationen in Frankreich 1942 sind auch heute Initiativen und NGOs wie "Aktion Seebrücke", "Sea-Watch" oder "SOS Mediterranée" auf Spenden angewiesen. Und einige, die bei den Rettungsaktionen 1942 aktiv waren, sind es noch heute: So engagiert sich die Organisation Cimade heute auch in der Rettungsorganisation "boats4people".


Die Autor:innen danken Dr. Ruth Fivaz-Silbermann für ihre akribischen Recherchen und unermüdliche Hilfe.

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