Edith Rosenfelder wurde 1928 in Karlsruhe geboren. 1938 floh sie mit ihren Eltern Käthe und Fritz vor den Nazis nach Frankreich. Nachdem das Deutsche Reich 1939 den Krieg entfesselt hatte, wurde Fritz Rosenfelder, wie viele andere geflüchtete Deutsche, von der französischen Regierung als "unerwünschter Ausländer" in wechselnde Internierungslager gesperrt, Edith und Käthe jedoch blieben davon verschont. Ab 1941 wartete die Familie bei Marseille auf Visa für die USA, die Flucht dorthin blieb jedoch ein Traum. Die Mutter wurde Opfer der Razzien Ende August 1942 und kam ins Vernichtungslager Auschwitz, niemand aus ihrem Deportationszug überlebte. Doch Edith und ihr Vater Fritz schafften es Anfang September 1942 nach Thonon am französischen Ufer des Genfer Sees. Wenige Tage später glückte die Flucht per Boot über den See mit Hilfe einheimischer Fischer. Der Vater starb noch 1945 in der Schweiz, Edith reiste 1946 zu einem Onkel in Brasilien aus. Das Nazi-Regime überlebte sie um 70 Jahre, im Mai 2015 starb sie als Edith Waitzfelder. Wie sie und mehrere hundert andere Geflüchtete den Nazi-Häschern entkommen konnten, ist ein heute kaum bekanntes Kapitel der Geschichte.
Edith Rosenfelder (Bild vermutlich von Ende 1945) gelang 1942 die Flucht in die Schweiz. Foto: Geni.com/Einwanderungsbehörde Brasilien
In den Jahren ab 1933, als die Nationalsozialisten in Deutschland an die Macht gekommen waren, wurde der westliche Nachbar das Exilland Nummer eins: Rund 100.000 größtenteils jüdische Menschen flohen bis 1939 nach Frankreich, in das Land der Menschenrechte. Doch ab Anfang August 1942 mussten sie erleben, dass die Kollaborationsregierung im südfranzösischen Vichy den Nazis half, Jagd auf jüdische Flüchtlinge aus Deutschland zu machen. Wer bei den Razzien den Greifern in die Fänge geriet, den deportierten sie über das Lager Drancy bei Paris mit Viehwaggons nach Auschwitz, bewacht von der Feldpolizei der Nazi-Wehrmacht.
Der Plan zur Vernichtung der europäischen Juden, ausgearbeitet auf der sogenannten Wannsee-Konferenz im Januar 1942 in Berlin, wurde jedoch in Frankreich durchkreuzt: Verschiedenen Organisationen der Zivilgesellschaft, Kirchen, jüdischen Organisationen, Menschenrechtsgruppen, kurz: der zivilen Résistance gelang es, fast drei Viertel der über 300.000 Bedrohten vor dem Zugriff der Mörder und ihrer französischen Helfer zu retten. Dies ist der zweithöchste Anteil in den von den Nazis beherrschten Ländern in West- und Nordeuropa. Nur in Dänemark war die Rettung noch erfolgreicher: Von den knapp 8.000 jüdischen Menschen, die hier lebten, wurden im Oktober 1943 fast alle per Fischerboote über die Ostsee in das neutrale Schweden gerettet.
Wohin vor Nazi-Verfolgung fliehen?
In Frankreich verschwanden im Sommer 1942 viele Bedrohte, rechtzeitig von Gemeindebeamten oder Polizisten gewarnt. Sie erhielten Unterschlupf bei Familien in der Nachbarschaft, bei Bekannten, in Klöstern oder Pensionen. Und sie bekamen, organisiert von einem Netzwerk der Zivilgesellschaft, neue Identitäten, Ausweise, Geburtsurkunden, Taufscheine, Lebensmittelkarten, Bezugsscheine für Bekleidung und Tabak. Die Dokumente wurden professionell gefälscht auf offiziellen Formularen, herbeigeschafft durch Gemeindebeamte und dann beglaubigt durch Bürgermeister oder Polizisten mit deren Dienststempel.
Aus Frankreich herauszukommen wurde allerdings immer schwieriger. In der Situation der zunehmenden Gefahr für Abertausende jüdische Menschen, die in den Hafenstädten am Mittelmeer auf Rettung hofften, erteilten die USA immer weniger Einreise-Visa und schränkten die Transportkapazitäten über den Atlantik, also die Zahl der Schiffsplätze, immer weiter ein. Wie viele Menschen in Frankreich versteckt und unter dem Schutz der örtlichen Bevölkerung überlebten, ist allenfalls an der Tatsache abzulesen, dass die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem bisher über 4.200 Menschen in Frankreich als "Gerechte unter den Völkern" anerkannt hat.




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