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Züblin-Parkhaus Stuttgart

Neue Mitte selber machen

Züblin-Parkhaus Stuttgart: Neue Mitte selber machen
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 Fotos: Julian Rettig 

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Das Züblin-Parkhaus in Stuttgart soll zur "Neuen Mitte Leonhardsvorstadt" werden. Doch das Projekt kommt nicht vom Fleck. Ein neuer Verein ergreift nun die Initiative. Bürger:innen wollen das Stadtentwicklungsprojekt selbst in die Hand nehmen.

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Die Stadt soll wieder zusammenwachsen: Seit 1962 sind die zwei Teile der einstigen Stuttgarter Leonhardsvorstadt durch ein Parkhaus getrennt. Das Grundstück neu zu bebauen oder das Züblin-Parkhaus umzubauen: Das war eines der ersten Projekte, das Stuttgart vor sieben Jahren zur Internationalen Bauausstellung IBA'27 eingereicht hat. Damit die Altstadt, wie die Stuttgarter sagen – weil nach dem Krieg sonst nicht viel Altbausubstanz erhalten ist –, eine neue Mitte bekommt. Dafür gab es ein vorbildliches Beteiligungsverfahren. Und seitdem ist nichts mehr passiert.

Nun ergreift ein neuer Verein "Dritter Raum" die Initiative. Wenn die Stadt nicht vorankommt, wollen Eberhard Schwarz, Petra Bewer und Mitstreiter:innen die Bürgerschaft animieren, das IBA-Projekt "Neue Mitte Leonhardsvorstadt" zu übernehmen. Keine kleine Aufgabe: Auf 80 Millionen Euro wird das Vorhaben veranschlagt. Eigentlich hatte die Stadt einen sozialen Träger suchen wollen, der in einer Konzeptvergabe gefunden werden sollte. Doch die Ausschreibung kam nicht zustande: wegen der Baukostenexplosion.

Eberhard Schwarz, der Vereinsvorsitzende, ist überzeugt, "dass die Stadt Stuttgart gute Ideen für die Erneuerung braucht". Schwarz war bis vor zwei Jahren Pfarrer der Hospitalkirche – und weit mehr als das: Anfangs hat er auch das evangelische Bildungszentrum Hospitalhof geleitet: nicht nur ein Ort der Kirche, sondern für die ganze Stadt. Denn die Stadt, da ist sich Schwarz sicher, braucht auch Orte, an denen Menschen, gleich welcher Herkunft, Religion oder sozialer Schicht, zusammenkommen. 

Solche Orte nennt er – in Anlehnung an den Begriff "Third Space" des indischen, in Harvard lehrenden Literaturwissenschaftlers Homi K. Bhabha – dritter Raum. Ein Raum, wo die Menschen nicht starr an ihren Überlieferungen festhalten, sondern ihre unterschiedlichen Auffassungen aushandeln. Wo sich die Gesellschaft weiterentwickelt, das Neue entsteht. Die Neue Mitte Leonhardsvorstadt könnte ein solcher Raum sein. Ein Dritter Ort zwischen Wohnen und Arbeit. 

Umsetzen, was die Stadt nicht schafft

So weit die Theorie. Und das Areal bietet hierfür die besten Voraussetzungen. "Ein Parkhaus wird zur Neuen Quartiersmitte", schreibt die Stadt Stuttgart auf ihrer Homepage, "lebendig, gemischt, urban, nachhaltig und gemeinwohlorientiert." So hat es der Gemeinderat beschlossen: "Ziel ist ein klimaneutral geplanter und gemeinwohlorientierter Raum zum Wohnen und für Begegnungen, der die Bedürfnisse eines inklusiven und vielfältigen Stadtviertels für alle widerspiegelt."

Schön und gut, aber wie soll ein Verein, wie sollen Bürger:innen das leisten, wenn es die Stadt nicht hinkriegt? Schwarz hat im Hospitalviertel gute Erfahrungen gesammelt. Der Umbau der Hospitalkirche vor rund zehn Jahren im Zuge der Erneuerung des Hospitalhofs kam aus privaten Mitteln, durch Fundraising zustande. Eine Bürgerinitiative setzte sich für das Stadtviertel ein. Ein Investor, der ein Gebäude gegenüber besaß, kam auf ihn zu und fragte: Was braucht ihr für das Quartier? Heute befindet sich dort das Renitenztheater.

"Wir denken schon, dass es möglich ist, die Bürgerschaft zu begeistern", meint Petra Bewer, stellvertretende Vereinsvorsitzende. Die Gründerin der Antiquariatsmesse hat 2011 den Kulturdialog organisiert, war drei Jahre im Kontext-Vorstand und vieles mehr. "Vernetzung, Kooperation und fachlich motivierter Austausch waren und sind ihr ein Anliegen, um unterschiedliche Sichtweisen zusammenzubringen und so größtmöglichen Mehrwert für alle zu generieren", resümiert Wissenschaftsministerin Petra Olschowski (Grüne) bei der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes 2022.

Sozial ist immer seltener lukrativ

"Die Stadt hat dieses Projekt extrem ernst genommen", betont IBA-Intendant Andreas Hofer. Abriss oder Sanierung? Als das Hamburger Vorbild Gröninger Hof wegen der schlechten Betonqualität auf den Erhalt der oberirdischen Teile verzichten musste, hat die Stadt Stuttgart das Parkhaus untersuchen lassen. Das Ergebnis: Die Substanz ist besser als gedacht. Doch dann kamen die Baukostensteigerungen, ausgelöst durch den Ukrainekrieg. Ein sozial orientierter Investor, so die Befürchtung, würde das Vorhaben nicht finanzieren können. "Leider müssen wir zur Kenntnis nehmen", meint Hofer, “dass dies vermutlich stimmt.”

Was dann? Auch ein kommerzieller Investor würde mit dem Areal nichts anfangen, glaubt Hofer. Die Stadt hat eine gemeinwohlorientierte Nutzung vorgeschrieben. 100 bezahlbare Wohnungen sollen entstehen, dazu soziale Einrichtungen, Kultur, ein wenig Gewerbe: eine bunte Mischung, die sich aber bei den aktuellen Bau- und Finanzierungskosten nicht rechnet. Deshalb denkt Schwarz, dass es "vermutlich neue Ideen braucht". Dazu Hofer: "Ich möchte die kühne Hypothese aufstellen, dass das Problem auch den Kern der Lösung in sich trägt."

Hofer hat es um die Jahrtausendwende in Zürich vorgemacht: In einer Immobilienkrise, als die Investoren nicht mehr weiterwussten, gründete er mit anderen zuerst einen Verein, dann eine Genossenschaft, die einen achtgeschossigen Bau mit 80 Wohnungen für 250 Menschen, Gemeinschafts- und Gewerberäumen errichtete, der weltweit Aufsehen erregte. Kostenpunkt: 50 Millionen Schweizer Franken. Dafür reichten die Genossenschaftsanteile nicht aus. Eine alte Genossenschaft und mehrere Stiftungen sprangen ein. In einem halben Jahr war die Finanzierung gesichert. Und es ging noch weiter. Der Wohnungsbau kam wieder in Gang

Stuttgart ist nicht Zürich

Lässt sich dieses Modell auf Stuttgart übertragen? Insgeheim war dies wohl die Hoffnung, als Hofer zum Intendanten der IBA gekürt wurde. Aber Stuttgart ist nicht Zürich, und inzwischen gibt es mehr wegweisende IBA-Projekte im Umland als in Baden-Württembergs Landeshauptstadt. Wenn es jedoch gelänge, bis Ende des Jahres eine Genossenschaft zu gründen und die Finanzierung zu klären – und das ist das Ziel des Vereins –, wäre die Neue Mitte Leonhardsvorstadt mehr als ein weiteres IBA-Projekt. Es wäre ein Paukenschlag.

Das umgebaute Parkhaus hätte das Zeug, nicht nur zur neuen Mitte des Viertels, sondern der ganzen Stadt zu werden. Wo denn sonst? Ohnehin ist die "Altstadt" das Quartier, in dem sich Menschen, die zum Teil von weit außerhalb kommen, gern aufhalten. Ganz im Gegensatz zum Europaviertel, das vor Jahren als neues Stadtzentrum ausgerufen wurde. Entstanden sind öde, abweisende Klötze, während im Leonhardsviertel schon heute das Leben pulsiert. "Nicht die Investoren machen Stadt", hat Architektenkammerpräsident Markus Müller einmal im Kontext-Interview gesagt. Gute Stadtentwicklung ist gemeinwohlorientiert.

Endlich macht Stuttgart Schluss mit dem alten Albtraum der autogerechten Stadt und dem Ausverkauf seiner Immobilien. Die Menschen nehmen ihre Angelegenheiten in die eigenen Hände. Man könnte ins Schwärmen geraten. Und das ist es, worauf Eberhard Schwarz, Petra Bewer und Mitstreiter:innen hoffen: Die neue Mitte der "Altstadt" bietet ein hohes Identifikationspotenzial. Wer hier sein Geld anlegt, hat jedenfalls einen hohen ideellen Gewinn. 

Zivilgesellschaft begeistern

Hofer zieht den Vergleich mit dem IBA-Projekt "Leben in der Vorstadt" in Schorndorf, wo sich – wie bei vielen Baugruppen – eine Anzahl von Menschen gefunden hat, die ihre Ressourcen zusammenlegen. Angesichts der Grundstückspreise und Baukostensteigerungen ein herausforderndes Vorhaben, aber voraussichtlich realisierbar. "Dieses Vorgehen funktioniert beim Züblin-Parkhaus nicht", stellt der IBA-Intendant klar. "Das Projekt ist zu groß und sprengt den Rahmen, den eine Gruppe leisten kann."

Andererseits habe das Vorhaben "eine Bedeutung für die Stadt Stuttgart, die es erlaubt, eine breitere Zivilgesellschaft und gemeinwohlorientierte Körperschaften zu adressieren und zu begeistern". Um die Risiken zu minimieren, müsse der Verein schrittweise vorgehen: Er wirbt zunächst Mitglieder, spricht mit Stiftungen, institutionellen Finanzpartnern und der Stadt und sondiert, was diese jeweils zu investieren bereit wären. Erst wenn das Vorhaben so realisierbar erscheint, folgt als zweiter Schritt die Genossenschaftsgründung.

Um das bis Jahresende hinzukriegen – und das ist das Ziel –, benötigt der Verein professionelle Unterstützung, die wiederum eine Finanzierung voraussetzt. Hofer nennt das die Henne-und-Ei-Problematik. "Das ist alles anspruchsvoll, aber nicht sehr risikoreich", hält der IBA-Intendant möglichen Einwänden entgegen. "Wir möchten diesen Weg gehen, weil er beispielhaft dafür sein könnte, dass in wirtschaftlich schwierigen Zeiten durch Solidarität, Sorgfalt und professionelle Planung etwas realisiert werden kann, das im Moment weder private Investor:innen noch die öffentliche Hand leisten können."

Studientag will "den Boden bereiten"

Am 18. Juni soll nun ein Studientag in das Thema Dritte Räume einführen und Gelegenheit geben, den Verein und das Viertel kennenzulernen. Er beginnt mit einem Impulsvortrag von Oliver Ibert, Direktor des Leibniz-Instituts für raumbezogene Sozialforschung, gefolgt von einer Podiumsdiskussion und acht Workshops am Nachmittag. Die lokale Expertise kommt ebenso zur Sprache wie die Erfahrungen aus anderen Städten, etwa des Planungsbüros "Stattbau München".

Andreas Krüger, der die Podiumsdiskussion moderiert, kennt beide Seiten. Sein Büro Belius aus Berlin hat bereits an der Beteiligung zur Neuen Mitte Leonhardsvorstadt 2020/21 mitgewirkt. Und sein Name taucht überall auf, wo in Berlin Interessantes passiert: vom Moritzplatz in Kreuzberg bis zum Haus der Statistik, dem größten gemeinwohlorientierten Stadtentwicklungsprojekt in Deutschland, direkt am Alexanderplatz, zehnmal so groß wie das Züblin-Parkhaus.

Der Studientag, so Eberhard Schwarz, will "den Boden bereiten" für das weitere Vorgehen. Noch ist der junge Verein dabei, sich und das Vorhaben zu organisieren. Richtig spannend wird es im Herbst. Dann wird sich herausstellen, ob es gelingt, genügend Unterstützung zu finden.


Der Studientag "Über Dritte Orte und Dritte Räume" findet am 18. Juni von 10 bis 17 Uhr in der Leonhardskirche und an verschiedenen Orten im Viertel statt. Zum Programm geht es hier.

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