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Schoettle-Areal in Stuttgart

Neue Mitte Heslach

Schoettle-Areal in Stuttgart: Neue Mitte Heslach
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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So funktioniert Stadtplanung von unten: Ein Areal wird frei und noch bevor die Stadt konkrete Vorhaben entwickelt, hat sich bereits eine Initiative gegründet, die im Stadtteil bestens vernetzt ist. Was in Berlin und Zürich geht, sollte auch in Stuttgart möglich sein.

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In Berlin soll das Haus der Statistik beim Alexanderplatz zum Modellprojekt einer neuen, gemeinwohlorientierten Stadtentwicklung werden. Nach einer Künstler-Aktion 2015 erwarb die Stadt den leer stehenden, bis dahin zum Abriss vorgesehenen Gebäudekomplex vom Bund. Fünf Akteure, darunter eine neu gegründete Genossenschaft, planen nun auf mehr als 110.000 Quadratmetern das neue Bezirksrathaus, Ämter und Wohnungen ebenso wie Räume für Kunst und Kultur, Bildung und soziale Aktivitäten.

Auch Stuttgart könnte sein Haus der Statistik haben: Das Statistische Landesamt, im Zentrum des Stadtteils Heslach, zieht Ende 2023 nach Fellbach. Dort spendiert sich die Süddeutsche Krankenkasse einen Neubau und vermietet ihre bisherigen Räume ans Land. In Heslach werden damit mehr als 6.000 Quadratmeter Flächen frei; weitere 8.000 könnten längerfristig in den benachbarten, von der Universität genutzten Altbauten der ehemaligen Trikotagenfabrik Benger & Söhne dazukommen.

Sabine Vogel hat bereits vor zwei Jahren, damals noch für die Linke im Bezirksbeirat, von der Sache Wind bekommen und den Architekten Kai Lanziner informiert. Sie wollen nicht, "dass das Areal an renditeorientierte Investoren verkauft wird", und gründeten eine Initiative. Die nennt sich "Solidarische Nachbarschaft Schoettle-Areal". Ihr Ziel: "Ein gemeinsam entwickeltes Areal zum Wohnen, Leben, Arbeiten, für Kunst und Kultur, für ein selbstbestimmtes und solidarisches Miteinander, bezahlbar, unverkäuflich und mit dauerhafter Perspektive."

Verhandlungen hinter verschlossenen Türen

"Räume erobern!" forderte eine Tagung im Generationenhaus im Oktober 2020, gefördert von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. In einem "Podium positive Beispiele" stellte eine Berlinerin das Haus der Statistik vor. Die Initiative Neustart Tübingen, seit Kurzem Genossenschaft, präsentierte ihr Vorhaben, nach Vorbildern aus Zürich eine Siedlung für 500 Menschen zu bauen. Auch das Mietshäuser Syndikat kam zu Wort, das in Freiburg zwanzig, in Tübingen sechs Häuser besitzt, in Stuttgart dagegen erst zwei – weil es in der Landeshauptstadt schier unmöglich ist, geeignete Objekte zu finden.

Die Idee stieß auf große Resonanz. Etwa 50 Menschen kamen, obwohl wegen Corona die Teilnehmerzahl begrenzt war. Das hat auch dem Bezirksbeirat imponiert, der prompt eine Projektgruppe ins Leben rief. Bezirksvorsteher Raiko Grieb (SPD) schlug den Namen "Erwin 1" vor: nach Erwin Schoettle, dem SPD-Landesvorsitzenden der Nachkriegszeit, nach dem der benachbarte Platz im Zentrum des Viertels benannt ist. "Erwin 2" wäre dann die ehemalige Trikotagenfabrik. Dazu Sabine Vogel: "Wir sind eher für Helene" – die Frau Erwin Schoettles, unter anderem Gründerin der Lebenshilfe und 24 Jahre lang sozialdemokratische Gemeinderätin.

Nun gehört das Grundstück dem Land, das nicht unbedingt verkaufen will, vielmehr selbst Flächen braucht. Daher hat das Land einen Tausch angeboten. Nur ist ein geeignetes Objekt noch nicht gefunden. Auch eine Vergabe in Erbpacht wäre möglich. Die Verhandlungen finden hinter verschlossenen Türen statt. Das zieht sich, und das Projekt kommt nicht in Gang. Ende nächsten Jahres droht Leerstand. Grieb befürchtet ein "Downgrading" der ganzen Umgebung, wenn die 630 Mitarbeiter des Amts als KonsumentInnen ersatzlos entfallen.

Die Resonanz aus dem Stadtviertel ist positiv

Die von Grieb angeregte Projektgruppe hat seither allerdings erst zweimal getagt. Die Initiative ist deutlich aktiver. Sie hat PolitikerInnen in Stadt und Land angeschrieben, eine Kundgebung am Erwin-Schoettle-Platz organisiert, Kontakt zu Sozialeinrichtungen, Institutionen und Gruppen im Viertel aufgenommen und Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) eine Petition mit mehr als 2.000 Unterschriften überreicht. Sie trifft sich einmal im Monat, jeweils am ersten Donnerstag, und versucht, das Thema warmzuhalten.

Die Resonanz aus dem Stadtviertel ist positiv. Viele suchen Räume – etwa die Junge Pflege, Flüchtlingshelfer brauchen Büros, ein Theater Proberäume, die benachbarte Kita Außenflächen. "Wir sind gut vernetzt", erklärt Dorothee Schulze, die mit Kai Lanziner und Sabine Vogel zum Ortstermin gekommen ist, ebenso wie Kurt Laurenz Theinert und Katja Bürmann vom Wohnprojekt Neuer Norden und Claudius Lüdeking, der in Berlin vor Kurzem sein Architekturstudium abgeschlossen hat und sich nun interessiert, was in Stuttgart passiert.

Diese Mischung ist genau das, was die Initiative anstrebt: Nicht nur Wohnungen sollen auf dem Areal entstehen, auch nicht nur für Studierende mit Co-Working-Spaces, wie es sich der Bezirksvorsteher vorstellt, sondern auch Begegnungsräume für das ganze Quartier. Denn das Areal befindet sich in einer zentralen Lage zwischen Erwin-Schoettle-Platz und dem Hallenbad Heslach aus den 1920er-Jahren, zwischen dem Generationenhaus mit seinen Sozialeinrichtungen und zwei Schulen.

Es soll ein Freiraum für alle werden

Aus der Kantine des Statistischen Landesamts könnte eine Stadtteilkantine werden, die auch den Schulen, der Kita und den Studierenden zugutekommt. Das geschlossene Areal soll durchlässig werden, ein Freiraum für alle. Denn der Platz nebenan reicht nicht aus. Immer wieder kommt es zu Konflikten, so Schulze, etwa wenn die Erwachsene Boccia und die Kinder Fußball spielen wollen. "Was wir anstreben", sagt Lanziner, "ist nicht nur eine Gemeinschaft, die energieneutral wohnt, sondern ein Lebensmodell, ein Stadtmodell."

Auch zur Uni hat die Initiative Kontakt geknüpft – unter anderem zu den Architekten vom Institut für Landschaftsplanung und Ökologie (ILPÖ), das interessiert daran ist, das Vorhaben zu begleiten. Studierende haben bereits ein Modell des Areals angefertigt. Fachwissen ist auch in der Initiative selbst vorhanden: Lanziner ist keineswegs der einzige Architekt. "Mit den Aufgaben kommen die Leute", stellt Schulze fest. So wie kürzlich zur Vereinsgründung zwei Juristen dazustießen.

Auf den ersten Blick fällt es schwer, sich den massiven Stahlbetonskelettbau mit seiner etwas düsteren Vorhangfassade als Wohnhaus vorzustellen. Aber die Fassade muss ohnehin ausgetauscht werden, schon allein wegen der Wärmedämmung. Sie könnte ganz anders aussehen: etwa mit Balkonen oder Wintergärten und Pflanzen. Die Stahlbetonkonstruktion aber kann bleiben, standfest bleibt sie noch lange. Beton ist ein Klimakiller, für acht Prozent der weltweiten CO2-Äquivalente verantwortlich. Bestandsbauten sollten dagegen am besten stehen bleiben, so entstehen keine neuen Emissionen und der Beton absorbiert mit der Zeit sogar wieder einen Teil des Kohlendioxids.

Lanziner und seine Frau Evelyn Neureuther haben bereits angefangen zu planen. Ihre Entwürfe sind dazu da, zunächst einmal eine Vorstellung davon zu gewinnen, wie sich das Statistische Landesamt, ein 1974 fertiggestellter Bürobau, umbauen ließe. Denn sie wollen den Bau nicht abreißen. Graue Energie heißt das Stichwort: Es geht um die CO2-Emissionen, die bei Herstellung, Transport und Abriss der Gebäude entstehen und die zunehmend ins Bewusstsein geraten.

Erhalten, nicht neu bauen

"Bauen muss vermehrt ohne Neubau auskommen", predigt der Bund Deutscher Architekten (BDA) seit zwei Jahren. "Priorität kommt dem Erhalt und dem materiellen wie konstruktiven Weiterbauen des Bestehenden zu und nicht dessen leichtfertigem Abriss." Für seine Pionierarbeit beim Erhalt und kostengünstigen Umbau von Großwohnsiedlungen hat das französische Büro Lacaton & Vassal jüngst den Pritzker-Preis erhalten, den renommiertesten Architekturpreis der Welt.
 


Es mehren sich die Anzeichen, dass auch Stuttgart die Signale zu hören beginnt. Das EnBW-Areal am Stöckach soll im Bestand umgebaut werden, ebenso das Marstall-Areal mit dem Hotel am Schlossgarten an der unteren Königstraße, im Besitz der LBBW Immobilien, was im Gemeinderat mit Zustimmung und Erleichterung aufgenommen wurde. Selbst das Züblin-Parkhaus, das die beiden Altstadtquartiere Leonhards- und Bohnenviertel trennt, könnte in seiner tragenden Struktur ganz oder in Teilen erhalten bleiben.

Schoettle-Areal soll ins IBA’27-Netz

Aber einen vierzig Meter tiefen Bürobau in Wohnungen umwandeln: Geht das überhaupt? Normalerweise gelten im Wohnungsbau 15 Meter als Obergrenze. Einige neuere Genossenschaftsgebäude in Zürich sind allerdings bis zu 30 Meter tief – mit Lichthöfen im Inneren oder zweigeschossigen Räumen mit hohen Fenstern. Tatsächlich sehen auch Lanziner und Neureuther zwei Lichthöfe vor. Der größere wäre etwa 14 Meter breit, was bei einem sechsgeschossigen Bau noch kein helles Tageslicht erwarten lässt. Aber der zentrale Bereich soll auch kein Wohnraum, sondern Begegnungsraum sein.

Die Idee scheint prädestiniert für die IBA 2027, deren Intendant Andreas Hofer einige der Bauten in Zürich auf den Weg gebracht hat. Auch das EnBW-Areal am Stöckach und die Leonhardsvorstadt sind IBA-Projekte. Auf Nachfrage antwortet Hofer: "Wir sind im guten Kontakt mit der Initiative und sie passt in unsere Themenwelt, Bestände neu und groß zu denken und sich auch mit schwierigen Strukturen aus den sechziger und siebziger Jahren auseinanderzusetzen."

Nur bleibt bis zur IBA 2027 nicht mehr allzu viel Zeit. Hofer befürchtet, dass entscheidende Flächen erst ab 2025 zur Verfügung stehen. Deshalb habe das Areal "vermutlich nicht das Potential, dass wir es zu unserer Ausstellung 2027 als gelungenes Beispiel einer Um- und Neunutzung präsentieren können." Aber: "Genau für solche Prozesse haben wir das IBA’27-Netz geschaffen. Hier finden solche Initiativen Platz. Wir besprechen noch Details, planen aber, das Schoettle-Areal ins IBA’27-Netz aufzunehmen."
 

Kooperative Stadtentwicklung

Mit dem Haus der Statistik gehört Berlin-Mitte zu den 13 Kommunen in der Republik, die in diesem Mai mit dem erstmals vergebenen Bundespreis kooperative Stadt ausgezeichnet wurden. 80 Kommunen hatten sich beworben, Auslober ist die Neue Stadtentwicklung, eine gemeinsame Initiative von Bund, Ländern und den kommunalen Spitzenverbänden, die sich 2007 im Zusammenhang mit der "Leipzig Charta" zur nachhaltigen europäischen Stadt gegründet hat.

Im November 2020 haben die zuständigen EU-Minister nun eine "Neue Leipzig Charta" verabschiedet, die einen besonderen Akzent auf Gemeinwohl und Beteiligung legt. Beide Erklärungen zielen darauf, die Grundsätze der 1933 verabschiedeten Charta von Athen zu ersetzen, die mit der Trennung von Wohn- und Arbeitsgebieten und der Priorisierung des Autoverkehrs jahrzehntelang die Stadtentwicklung dominiert hat.

Ausgezeichnet wurde auch die Stadt Tübingen, weil sie "kommunale Grundstücke ausschließlich im Rahmen von Konzeptverfahren ohne Preiskomponente" vergibt, zum Beispiel "zur Deckung von Wohnbedarfen geflüchteter Menschen. In aufwendigen Quartiersdialogen", heißt es in der Jury-Begründung, "werden die Konzepte dann mit der Stadtgesellschaft diskutiert. Durch ihre Erfahrungen ist die Stadt ein Pionier der kooperativen Stadt." (dh)


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2 Kommentare verfügbar

  • Jupp
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Spannendes Projekt. Ich wünsche viel Erfolg!
    Das Areal um den Schoettle-Platz hat in der Tat viel Potential.
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