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IBA '27

Baukasten fürs Städtle

IBA '27: Baukasten fürs Städtle
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 Fotos: Joachim E. Röttgers 

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Das Leonhards- und das Bohnenviertel in Stuttgart sollen wieder zusammenwachsen. Wie das gehen soll, können die Bürger entscheiden. Mit dem Beteiligungsprojekt will die Stadt endlich einmal alles richtig machen.

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"Hier passiert was!" steht an der Schaufensterscheibe des ehemaligen Waschsalons an der Ecke Katharinen-/ Lazarettstraße. Hier ist eine Art Mitmachlabor, wo jede und jeder ihre oder seine Ideen einbringen kann, was aus dem Quartier einmal werden soll. Gegenüber das Züblin-Parkhaus, das weg soll, und ein kleiner Bolzplatz, in der anderen Richtung die Jakobschule und im Rücken das Leonhardsviertel, das einzige fast komplett erhaltene Stuttgarter Altstadtquartier.

Dass hier tatsächlich etwas passiert, hat sich überraschend schnell entwickelt. Im März erst hat das Stadtplanungsamt ein Beteiligungsverfahren ausgeschrieben, an dem sich Studio Malta beworben hat – gemeinsam mit BeL, der "Sozietät für Architektur" aus Köln, und Belius, einem Berliner Büro "spezialisiert auf inhalts-, werte- und gemeinwohlgetriebene Raumstrategien im urbanen und ländlichen Raum". Mitte Mai erhielten sie den Zuschlag: ohne Verzögerung, trotz Corona. Seit Juni ist das Quartier ein Projekt der Internationalen Bauausstellung (IBA) 2027.

Studio Malta hat sich erst Anfang 2019 gegründet. Es ist der erste große Auftrag für die fünf jungen ArchitektInnen, darunter Aaron Schirrmann, gelernter Schreiner, der auch in seinem Beruf gearbeitet hat. Doch vor zehn Jahren, beim Spontan-Architekturfestival "72 Hour Urban Action" in Bat Yam bei Tel Aviv, ging ihm auf, wie interessant Architektur sein kann. Er schrieb sich ein, an der Kunstakademie und an der Hochschule für Technik, und hat vor vier Jahren, noch vor seinem Abschluss, das Containerdorf an der Wagenhalle mit entworfen. Schirrmann redet schnell und hat viel zu erzählen.

Es ist kompliziert. Das Projekt "Zukunft Leonhardsvorstadt" hat verschiedene Ebenen, real und virtuell. Alles hängt miteinander zusammen. Dass es kompliziert ist, liegt nicht an Studio Malta. Die Sätze, die an den Wänden stehen, die Fragen einer Umfrage, sind leicht verständlich formuliert: "Warum bist du hier?", "Was gefällt dir in deinem Viertel?", "Was vermisst du hier?". Comicartige Zeichnungen von Thomas Rustemeyer visualisieren, worum es geht. Er hat unter anderen auch schon für das Reallabor für nachhaltige Mobilitätskultur und das Berliner Haus der Statistik gearbeitet.

Bohnenviertel gehört dazu

Dass es kompliziert ist, liegt an der Realität: Es geht um ein ganzes Stadtviertel mit seinen heterogenen Bewohnern und Nutzern und seiner langen Geschichte. Was die Stuttgarter Altstadt oder liebevoll Städtle nennen, war ursprünglich nur eine Stadterweiterung. Aber die Innenstadt fiel den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs zum Opfer. Nur das Leonhardsviertel und ein Großteil des Bohnenviertels blieben stehen.

Aber warum heißt es nun "Projekt Leonhardsvorstadt"? Die historische Leonhardsvorstadt war größer als das heutige Leonhardsviertel. Sie schloss das Bohnenviertel mit ein und reichte bis auf die andere Seite der Hauptstätter Straße, wo 1975 bis 1985 das Schwabenzentrum gebaut wurde. Das Quartier, um das es in der Beteiligung geht, reicht wiederum über die historische Vorstadt hinaus bis zur Olga- und Blumenstraße.

Plötzlich kommt Heinrich-Hermann Huth ins Projektbüro: Wirt der Jakob-Stube, SPD-Bezirksbeirat und Mitbegründer des Vereins Leonhardvorstadt. Er hat mit einem aus dem Bohnenviertel gesprochen und weiß nicht, ob sich die Bewohner dort vom Namen Leonhardsvorstadt angesprochen fühlen. Das Bohnenviertel sollte Anfang der 1970er Jahre zuerst abgerissen werden, wurde dann aber saniert. Allerdings blieb nicht alles erhalten, neue Häuser kamen hinzu. Familien zogen ein, das Rotlicht-Gewerbe aus. Anders im Leonhardsviertel.

Getrennt sind die beiden Quartiere durch das Züblin-Parkhaus. Eben darum geht es in dem Beteiligungsverfahren in erster Linie, wenn auch nicht nur. Das ganze Viertel, die "Altstadt" soll wieder zusammenwachsen. Aber wie? Was soll anstelle des Parkhauses entstehen oder aus ihm werden? Es gehört zu den klaren Ergebnissen der ersten Umfrage, an der fast 200 Personen teilnahmen, dass nicht kommerzielle Zwecke, sondern kulturelle, nachbarschaftliche und flexible Räume im Mittelpunkt stehen sollen.

Beteiligung ist ernst gemeint

"Zukunft Leonhardsviertel" ist das zweitgrößte Bürgerbeteiligungsprojekt in Stuttgart nach dem Rosensteinquartier. Am Rosenstein winken schon seit vor der Jahrtausendwende große Versprechungen an einem fernen Horizont, der noch immer nicht in greifbare Nähe gerückt ist. Aber in der Leonhardsvorstadt geht es zügig voran: Die neue Mitte der "Altstadt" könnte bis 2027 fertig sein.

Für die Beteiligung ist das ein Riesenunterschied. Die künftigen Rosenstein-Anwohner wissen heute noch gar nichts von ihrem Glück. Denn diejenigen, die heute eine Wohnung suchen, können auf keinen Fall so lange warten. Die Bewohner der beiden Altstadtviertel sind dagegen schon da. Sie sind aber ein wenig misstrauisch. "Hände weg vom Leonhardsviertel" stand gleich am ersten Wochenende auf einem Zettel an einem Fenster in der ersten Etage: "Baut bloß keinen Scheiss", "Keine Gentrifizierung" und "Das Viertel bleibt dreckig".

Schirrmann versteht solche Befürchtungen. Zu oft wurde Bürgerbeteiligung eingesetzt als ein Mittel, um Widerstand aufzufangen und Mitsprache zu kanalisieren. Am Ende steht dann eine sogenannte Aufwertung: Wer nicht mithalten kann, muss weichen. Schirrmann: "Wenn die Einladung zur Gestaltung des eigenen Quartiers mehr Ängste als Hoffnungen weckt, ist eine Menge falsch gelaufen."

"Wir als Organisationsteam des Verfahrens sind Anwalt aller", betont der Architekt. Aber "alle" muss man erst mal erreichen. Es gibt hier viele Menschen, die aus anderen Ländern stammen, es gibt Sprachbarrieren und andere Hindernisse. Bei der ersten Umfrage – zwei weitere sollen folgen – wurden Fragebögen in alle Briefkästen verteilt. Ausfüllen konnte man die Bögen online, wer keinen Computer hat, konnte auch in den Waschsalon kommen. Einige haben das auch getan. Aber das setzt voraus, dass man sich auf den Weg macht und die Schwellenangst überwindet. Alle sind so nicht zu erreichen. Deshalb gibt es die aufsuchende Beteiligung: Vier SozialarbeiterInnen, freie Mitarbeiter von Studio Malta, sprechen die Menschen direkt auf der Straße an.

Und dann gibt es auch noch den Städtebausimulator: Bunte Bauklötze in fünf Farben für verschiedene Funktionen wie Wohnen, Arbeiten, Leben oder Einkaufen, die Menschen ohne Architekturstudium erlauben, ihre Vorstellungen von der Entwicklung des Parkhausareals zu artikulieren. Vorbild ist die Planbude am Spielbudenplatz in Hamburg-Sankt Pauli. Dort entschieden die Bewohner selbst, was der Investor bauen soll – indem sie mit Legosteinen spielten. Die Sozietät BeL gehört dort zu den Wettbewerbsgewinnern. Seit Anfang des Jahres wird gebaut. 2025 soll das Quartier, inzwischen Paloma-Viertel genannt, fertig sein. Und es wird kein Luxus-Appartementhochhaus.

Ein wichtiger Unterschied: In Hamburg gab es Zoff. Die Initiative Esso-Häuser wehrte sich gegen die Gentrifizierung. Das mobilisiert. Die Menschen im Leonhards- und Bohnenviertel haben dagegen auf den ersten Blick wenig Grund, etwas zu ändern. Wer sie davon überzeugen will, dass die Beteiligung ihnen ermöglicht, ihr Quartier in ihrem eigenen Sinne zu verändern, muss zuerst ihr Vertrauen gewinnen. "Da haben die Streetworker von Studio Malta schon ganz gute Arbeit geleistet", meint Schirrmann. "Aber letztlich liegt es an der Stadt, ob sie die Wünsche der Bewohner umsetzt."

Bolzplatz, Wohnungen oder Park

Nicht nur mit dem Städtebausimulator können die BewohnerInnen sich einbringen. Sie können auf Fragebögen persönliche Erfahrungen im Viertel notieren oder in einer Mental Map die für sie selbst wichtigen Orte und Wege aufzeichnen. Ziel ist, mehr über die Sichtweisen der Menschen auf ihr Quartier zu erfahren. Um am Ende eine Richtung, eine gemeinsame Linie zu finden, auf die sich möglichst alle einigen können.

Es ist ein großer Dialog, der aus vielen kleinen besteht: Workshops zu einzelnen Themen wie Kultur, zivilgesellschaftliches Engagement oder zur Situation von Kindern und Jugendlichen gab es bereits. Schirrmann spricht auch von "Stakeholder-Workshops", weil Akteure wie Caleidoskop, das Freiwilligenzentrum der Caritas, und Wohnprojekte beteiligt sind, die an Flächen auf dem Parkhausareal interessiert sind. Es ist aber noch nicht gesagt, inwieweit sie zum Zug kommen, denn die Jugendlichen zum Beispiel, die hinter dem Parkhaus den einzigen Bolzplatz in der Stadtmitte haben, haben andere Interessen. Die übergeordnete Frage lautet: Soll die Quartiersmitte dicht bebaut oder ein Park werden?

Von den Workshops zu unterscheiden sind die Werkstätten: drei große Quartiersversammlungen, in denen alle mitdiskutieren können. Die erste, der BürgerInnensalon, hat bereits stattgefunden: an fünf Orten zugleich sowie virtuell im Netz, wo nun auch die Ergebnisse zu sehen sind. Der zweite, Club Neue Mitte, am kommenden Freitag, soll nun die verschiedenen Akteure miteinander ins Gespräch bringen. Als dritte Werkstätte folgt am 16. Oktober online eine öffentliche Expertenrunde. Dann geht es an die Auswertung, die bis Anfang nächsten Jahres vorliegen soll.

Damit soll es aber noch nicht vorbei sein mit der Beteiligung. Denn erst dann beginnt die Quartierserneuerung. "Welche Schritte braucht es bis 2027, dass es hier andauernd kreativ und dialogorientiert zugeht" – das ist für Schirrmann die große Frage. Auch über das Viertel hinaus, denn an "Zukunft Leonhardsvorstadt" richten sich große Erwartungen: Es könnte ein Modellprojekt für die Stadtentwicklung in Stuttgart werden.


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