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Abriss, Neubau und Bestand

Alt ist das neue Neu

Abriss, Neubau und Bestand: Alt ist das neue Neu
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Trotz Klimakrise produziert Deutschland Unmengen an Bauschutt. Abriss und Neubau müssen zur Ausnahme werden. Also braucht es beim Umgang mit der missachteten Ressource Bestand einen Paradigmenwechsel – und der könnte zum kulturellen Gewinn werden, kommentiert unser Autor.

Manchmal scheint es, als habe sich Torschlusspanik breit gemacht. Schnell noch abreißen, bevor sich diejenigen durchsetzen, die die dafür höhere Hürden fordern – und solange man noch davon profitiert, dass Förderpolitik noch immer den Bestand gegenüber dem Neubau benachteiligt und im Neubau das gefördert wird, was ohnehin Stand der Technik ist. Zukünftig solle jeder Abriss genehmigt werden müssen, fordern etwa die Architects for Future. Denn: "Abriss ist bis dato in den meisten Fällen genehmigungsfrei. Es findet keine Prüfung statt, ob wertvolle – sanierungsfähige – Bausubstanz abgerissen wird. Unter Betrachtung des Energieaufwands und der Emissionen über den gesamten Lebenszyklus eines Gebäudes (Herstellung, Betrieb, Rückbau) sind Sanierungen im Vergleich zu Abriss und Neubau fast ausnahmslos zu bevorzugen."

Stattdessen sind wir fast täglich mit Meldungen konfrontiert, die den diskutierten, drohenden oder tatsächlichen Abriss von wertvollen Bauten zum Inhalt haben. Das Studentenheim an der Billwiese in Hamburg, Baujahr 1965, unter Denkmalschutz, von Heinz Graaf und Peter P. Schweger. Die Stadthalle Braunschweig, 1965, unter Denkmalschutz, von Heido Stumpf und Peter Voigtländer. Stuttgart macht da keine Ausnahme. Sei es die Schmitthennervilla, die trotz Protesten namhafter Persönlichkeiten gerade abgerissen wurde, oder die Gebäude an der denkmalgeschützten Calwerpassage von Kammerer und Belz, 1976, die einem mit Grün garnierten Neubau weichen musste.

Ein Umdenken ist nicht in Sicht: Kürzlich wurde der Abriss der denkmalgeschützten Universitätsbibliothek von 1961 (Architekt Hans Volkart) ins Spiel gebracht. Und bevor Ideen auf dem Tisch liegen, die zumindest zeigen könnten, dass das Züblinparkhaus nicht abgerissen werden muss und umgenutzt werden könnte, wie man das in Hamburg anstrebt, legt sich die grüne Bezirksvorsteherin Veronika Kienzle fest und unterstützt den Abriss. Zwar gibt es auch gelegentliche Erfolgsmeldungen, etwa der verhinderte Abriss der ehemaligen Gestapozentrale Hotel Silber. Aber es ist grotesk, dass selbst dies nur das Verdienst einer Reihe von Menschen war, die viel Energie darauf verwenden mussten. Ohne dafür honoriert zu werden. Ehrenamtlich.

Kreislaufwirtschaft heißt: Stehen lassen

Und dabei ist noch nicht darüber gesprochen, was sonst so abgerissen wird: jenseits von Denkmalschutz, jenseits des Verteidigens von Raum für Nutzungen, die nicht die maximalen Gewinne und Renditen versprechen. In den Jahren 2015 bis 2019 wurden, so ermittelten es die Architects for Future, "im Jahr durchschnittlich rund 1,9 Mio. Quadratmeter Wohnfläche und 7,5 Mio. Quadratmeter Nutzfläche abgerissen – ohne Prüfung, ob das Vorhandene als Gebäude insgesamt oder zumindest einzelne seiner Bauteile weiter genutzt werden können. Vorhandene Potenziale für ein Weiterbauen und Weiternutzen werden nicht ausgeschöpft." 

Es mag Hoffnung geben, dass inzwischen die ersten Neubauten unter der Flagge des kreislauffähigen Bauens segeln. Allerdings sind sie bestenfalls ein kleiner Teil einer möglichen Lösung, weil sie die Frage unberücksichtigt lassen, wie mit dem Bestand umzugehen ist: 85 Prozent der Gebäude von heute werden 2050 noch stehen. Der Glanz neuer kreislauffähiger Bauten stärkt den Glauben, es könnte genügen, irgendwann anfangen, anders zu bauen, aber neu – in diesem Fall eben zur Abwechslung kreislauffähig.

Wenn wir Kreislaufwirtschaft aber wirklich ernst nehmen, heißt das nicht in erster Linie, neue Häuser so zu bauen, dass deren Bauteile irgendwann einmal wieder verwendet werden können – sondern schlicht und ergreifend erst einmal so viel wie möglich stehen zu lassen. Denn viele der im Bau verwendeten Materialien und Produkte, allen voran Beton, lassen sich eigentlich nur dann auf der gleichen Qualitätsstufe erhalten, also ohne erneute Zufuhr von Wasser, Energie und weiteres Material wie Bindemittel, wenn das Gebäude, für das sie verwendet wurden, erhalten bleibt.

Mit anderen Worten: Das neue Ideal der Kreislaufwirtschaft erlaubt es uns gerade nicht, unserem ständigen, künstlich angeheizten Bedarf nach Neuem weiter nachzugeben. Es entbindet uns nicht davon, dem Bestand eine sehr viel höhere Aufmerksamkeit zu schenken, als das derzeit der Fall ist. Andersherum wird ein Schuh draus: Erst beim Bauen im Bestand wird sich das Denken in Kreisläufen, durch Ergänzungen, Umbauten, Anpassungen bewähren müssen und können.

Kreativität ist gefragt

Wir sind aufgefordert, zumindest gemessen an der Praxis der vergangenen Jahrzehnte, tatsächlich Neues zu leisten: nämlich das Neue als eine stetige Aneignung und Anverwandlung der bestehenden Bausubstanz zu verstehen. Und das gilt vor allem für die Bauten, die der Hochachtung nicht würdig erscheinen: die Alltagsbauten vom Einfamilienhaus bis zum Parkhaus, vom Supermarkt bis zum Shoppingcenter, von der einfachen Lagerhalle bis zur Fabrik, vom Wohnungsbau der Nachkriegsmoderne einschließlich der Großwohnsiedlungen bis zu Kindergärten, Schulen, Gemeindehäusern.

Wie oft ist die Begründung für den Abriss die, dass der Bestand »einfach nicht mehr zeitgemäß ist«, wie das im Fall des Studentenwohnheims Billwiese zu lesen war? Dahinter stecken Denkfaulheit und mangelnde Fantasie, die neben den Kosten den Abriss forcieren. Eine Umbauordnung, eine andere Förderpolitik, einfachere Abschreibemöglichkeiten für die Sanierung, deren großzügigere Förderung – es gilt dringend umzusteuern.

Die Aufgabe, die sich stellt, ist aber auch eine nicht zu unterschätzende kulturelle Herausforderung: Das vermeintlich Belanglose wertschätzen zu lernen. Nicht mit schematischen Musterlösungen und standardisierten Modellen, die über das hinweggehen, was den Bestand und dessen sozialen Wert ausmacht. Es braucht, wie es die Architektin und Stadtforscherin Niloufar Tajeri formuliert, "präzise entwickelte Entwurfstaktiken, die mit den konstruktiven Eigenheiten des Bestands arbeiten und dessen Anpassungsfähigkeiten offenbaren – keine schematische Durchführung, sondern die Analyse des Objekts und der finanziellen Anforderungen der Bewohner im Einklang mit deren Wohnbedürfnissen." Nur so kann Sanierung mit sozial verantwortlicher Vermietungspraxis und energetische Ertüchtigung mit bezahlbarem Wohnraum in Einklang gebracht werden.

Das kulturelle Großprojekt besteht dabei darin, eine Sicht auf den Bestand und ein Verhältnis zu ihm zu gewinnen, das nicht länger mit dem Gegenüber des Alten und des Neuen arbeitet, das eine an dem anderen misst, oder auch, wie es der Philosoph Boris Groys dargestellt hat, das Neue dadurch ermöglicht, dass das Alte konserviert wird. Den Bestand als ein zu bewahrendes Zeugnis zu bewerten – das sollte weiterhin nur die wichtige Ausnahme bleiben. Wenn daran aber der gesamte Bestand gemessen wird, wird er nur abgewertet: zu leicht lässt er sich als eben nicht notwendigerweise zu bewahrendes Zeugnis einstufen.

Vielmehr gilt es, die Architektur der übergroßen Menge des Bestands nicht als eine fixierte Aussage zu verstehen, die nicht verändert werden darf, und die nur deswegen einen Wert für die Gegenwart hat, weil sie uns etwas über die Geschichte und den Weg erzählt, auf dem wir in das Heute gelangt sind. Dies blockiert den Umgang mit dem Bestand mehr, als dass es ihn kreativ befeuert.

Architektur muss verstärkt als ein offenes System mit einem Sortiment immer wieder neu arrangierbarer Elemente verstanden werden, statt als eine zu einem unveränderlichen Werk komponierte Einheit, deren nachträgliche Veränderung prinzipiell des Qualitätsverlusts verdächtig ist. Es geht nicht mehr darum zu fragen, was man haben will, sondern darum, was man mit dem machen kann, was es gibt. Mit kleinen Eingriffen. Mit präzisen Interventionen. Mit originellen Ideen. Gefragt ist echte Kreativität.

Es gibt viel zu gewinnen

Das ist eine Herausforderung für das Selbstbild der ArchitektInnen und kann genauso wenig wie die Modernisierungspraxis im Wohnungsbau mit schematischen Modellen bewältigt werden. Wenn ArchitektInnen nicht mehr vermeintlich zeitlose Werke meinen schaffen zu müssen, die keiner Veränderung bedürfen, ist das aber auch eine ungeheure Chance. Sie erlaubt es, die Fülle des Bestehenden als Ausdrucksmittel zu nutzen, daraus Ornamente zu entwickeln, neue Kombinationen zu wagen, die sich die Entwerfenden wegen des Zwangs, zeitlos sein zu müssen, versagen, weil sie zu modisch sein könnten. Es "braucht den Architekten vom Typus des Konventionen perforierenden Bastlers", wie der Schriftsteller Gerrit Confurius formuliert. Mit dem Schwerpunkt auf dem Bestand könnte die Architektur lebendiger werden, an Ausdrucksmöglichkeiten gewinnen und ArchitektInnen müssten die Veränderungen durch NutzerInnen nicht als Beschädigung verstehen, sondern als das Fortführen des Potenzials, das ihnen die Architektur eröffnet.

Letztlich hieße das aber nichts anderes, als dass man die enge Verknüpfung von Form und Qualität aufgeben müsste, die die Diskussionen von Architektur und Städtebau schon seit Langem so quälend und ermüdend macht. Die Entweder-Oder-Diskussionen, in denen bestimmten Architekturformen prinzipiell Wertschätzung verweigert und sie anderen ebenso vorurteilsvoll zugestanden wird, geht an der Herausforderung des Bestands kilometerweit vorbei. In welchem Stil und mit welcher formalen Präferenz ein Gebäude errichtet wurde, welcher Stadtvorstellung ein Quartier folgt, kann keine Basis für die Frage sein, wie man seine Qualität beurteilt. Eine vorurteilslose Akzeptanz alles Gebauten, die eine neugierige und erfindungsreiche Reise anstößt, wie bestehende Qualitäten gesichert und neue mit möglichst wenig Materialeinsatz gewonnen werden können, ist die Basis dafür, den Bestand in all seinen Facetten zur Leitlinie auch zukünftiger Gestaltung zu machen.

Die Chance besteht hingegen darin, neue Qualitäten zu entdecken. Aus dem Bestehenden etwas zu entwickeln, bedarf einer Zusammenarbeit vieler, es wird das handwerkliche Geschick fordern. Das Resultat ergibt sich in einem Prozess und aus dem, was verfügbar ist. Den Bestand zu erhalten, heißt auch zu akzeptieren, wie er im Laufe der Jahre angeeignet wurde. Auch Anbauten und Erweiterungen sind Bestand. Es wird unmöglich werden, die saubere Einheitlichkeit von Bauten herzustellen, die so oft als das Wünschenswerte dargestellt wird – und so oft so langweilig ist.

Mit Neubauten ist die Kontrolle dessen, was in ihnen und um sie herum passiert, vermeintlich einfacher: Es sind Bauten und Areale, die auf eine Nutzung optimiert sind, die in ihnen zunächst auch stattfindet. Sie ordnet den Menschen einer durch die Architektur strukturierten Handlungs- und Bewegungsvorstellung unter (die von den NutzerInnen zu Beginn in den meisten Fällen auch so gewollt ist) – bis die Bauten Patina ansetzen, sich die Rahmenbedingungen, die Prämissen ändern, unter denen die Häuser gebaut worden sind und sich – und genau das ist die Qualität des Bestands – über die ursprüngliche Nutzung und Bauabsicht eine neue Nutzung oder eine neue Funktion legt, die jene produktiven Leerräume erzeugt, die die Planenden nicht vorsehen konnten. Dies als Qualität zu verstehen und darauf zu reagieren, ist nicht zuletzt eine Chance für ArchitektInnen: Sie könnten sich mehr als es ihnen bei funktions- und nutzungsoptimierten Neubauten gestattet wird, darauf konzentrieren, den Raum als eine eigene Qualität zu entwickeln, die Sensibilität für ihn zu fördern. Wenn das kein Gewinn ist.


Der vorliegende Text erschien am zuerst im Internetmagazin Marlowes, das sich vor allem den Themen Architektur und Stadt widmet. Für Kontext wurde der Text leicht überarbeitet.

Christian Holl ist Mitherausgeber von Marlowes. Er studierte zunächst Kunst, dann Architektur in Aachen, Florenz und Stuttgart. Ab 1997 war er Redakteur der db Deutsche Bauzeitung und gründete 2004 mit Ursula Baus und Claudia Siegele "frei04 publizistik". Seit 2008 ist Holl, der in Stuttgart und Frankfurt lebt, Kurator und Mitglied im Ausstellungsausschuss der Architekturgalerie am Weißenhof und seit 2010 Geschäftsführer des BDA Hessen.


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2 Kommentare verfügbar

  • Wolfgang Jaworek
    am 25.03.2022
    Antworten
    Kann nur das Buch „Verbietet das Bauen“ von Daniel Fuhrhop empfehlen!
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