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Nachhaltiger bauen

Wohin mit dem Schutt?

Nachhaltiger bauen: Wohin mit dem Schutt?
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Neue Gesetze werden die öffentliche Hand bald zur Stärkung der Kreislaufwirtschaft und die Bauwirtschaft zur Transformation verpflichten. Das ist jedoch zu wenig, solange die Kommunen nicht die städtebaulichen Voraussetzungen dafür schaffen.

"Wo die Müllmänner ihre tägliche Ladung hinschaffen, das fragt sich keiner: vor die Stadt, gewiss, aber mit jedem Jahr breitet sich die Stadt weiter aus, und die Müllhalden müssen weiter weg; der Ausstoß nimmt an Mächtigkeit zu, die Halden wachsen in die Höhe, schichten sich übereinander, dehnen sich über weites Gelände aus." Italo Calvino: Die unsichtbaren Städte

Fast ohne Widerhall blieb, was das Magazin "Nature" Ende letzten Jahres vermeldete. Die Erde befinde sich an einem Wendepunkt, denn, so die Beobachtung israelischer Forscher, auf unserem Planeten befinde sich jetzt mehr Menschengemachtes als lebendige Biomasse. Das, was Italo Calvino im Jahr 1977 versucht hatte, erzählerisch zu vermessen, ist nun wissenschaftlich dokumentiert. Was hat das mit Architektur oder Stadtplanung zu tun?

Warum es so nicht weitergeht

Die Stoffströme des Bauens sind gewaltig. So trägt die Bauwirtschaft 54,7 Prozent zum gesamten bundesrepublikanischen Müllaufkommen bei. Nach dem Abriss finden nur 7 Prozent des Baumülls den Weg zurück in ein neues Gebäude. Der Rest landet als grober Schutt im Straßen- und Wegebau oder auf der Deponie. Auch wenn vermehrt im Inneren der Städte gebaut wird, müssen für die Gewinnung von mineralischen Baustoffen täglich vier Hektar Land in Anspruch genommen werden. Jährlich werden in Deutschland rund 550 Millionen Tonnen an "frischen" mineralischen Baustoffen erst über weite Strecken transportiert und dann verbaut. Kies, Sand oder Natursteine müssen aber erst mit viel Aufwand und Energie gewonnen werden. So geht es nicht mehr weiter: Die Bauwirtschaft muss sich transformieren.

Auch Stadtentwicklung kann nicht nachhaltig sein, wenn nicht der Abbau von Rohstoffen reduziert wird. Derzeit werden Gebäude zu schnell abgebrochen, es lohnt sich noch immer, neu zu bauen. Die Masse der mineralischen Baustoffe, die wegen des Abrisses auf die Deponie wandern, ist fast so hoch wie die der Rohstoffe, die für den Neubau auf den freigewordenen Flächen abgebaut werden.

Um solche Fehlentwicklungen zu vermeiden und um Baustoffe wieder zurück in den Kreislauf des Bauens zu führen, ist kommunales Handeln nötig, denn dieser städtische Kreislauf braucht Raum und Fläche. Die bisherigen planerischen Grundsätze reichen für einen solchen Wandel nicht mehr aus. Der starke Fokus auf den Bodenschutz im Siedlungsbereich und die Innenentwicklung als unumstößlicher Entwicklungsgrundsatz verhindern bislang, dass über eine Strategie nachgedacht wird, mit der ortsnahe Flächen verfügbar gemacht werden könnten.

Baubranche: Bereitschaft zum Umdenken fehlt

Die Probleme werden daher nach draußen verschoben: auf Flächen jenseits der eigenen Stadtgrenzen. Das ist aber keine Lösung. Ein Pionier der Kreislaufwirtschaft, der Unternehmer Walter Feeß aus Kirchheim/Teck, hat grob erhoben, dass in Deutschland pro Jahr für die Fahrten von Bauschutt auf die Deponie etwa 100 Millionen LKW-Kilometer zusammenkommen. Ohne einen ortsnahen Betrieb der Kreislaufwirtschaft und ein benachbartes Betonwerk wäre ein Vorhaben wie die Sanierung des Technischen Rathauses in Tübingen mit Recyclingbaustoffen gar nicht möglich gewesen.

Solche Zusammenhänge werden in den aktuellen Diskussionen wenig reflektiert. Bauen mit wiedergewonnenem oder ungenutztem Material ist bislang in Deutschland nur eine Randerscheinung. Die Unternehmen, die sich auf Bauteilvermittlung spezialisiert haben, müssen durch EU, Bund oder Land gefördert werden. Anderen Kreislaufunternehmern fehlt die Nachfrage nach Recyclingmaterial. Auch die Städte und Gemeinden meiden den Einsatz von recycelten Bauteilen. In der Branche, in die Jahr für Jahr circa zehn Prozent des deutschen Bruttoinlandproduktes fließen, fehlt es an Bereitschaft zur Baustoffinnovation und zu einem Umdenken im Umgang mit dem baulichen Bestand.

Auch die öffentlichen Auftraggeber sind auf den Übergang in die zirkuläre Bauwirtschaft nicht vorbereitet. Dabei müssten sie mit einem jährlichen Auftragsvolumen von 122 Milliarden Euro hierbei eine entscheidende Rolle spielen. Bisher hat nämlich nur deswegen niemand Flächen für die Kreislaufwirtschaft vermisst, weil es den Bedarf an recyceltem Material nicht gibt. Julius Schäufele, ein junger Recyclingunternehmer, erinnert aber daran, dass "spätestens, wenn es verbindliche Vorgaben gibt, solche ortsnahen Flächen der Verwertung nötig werden, insbesondere wenn die Regulierung kommt, dass rückgebautes Material nicht mehr einfach deponiert werden darf". Spätestens dann müssen die Kommunen aktiv werden. Besser wäre, sie täten es früher.

Versäumnisse und neue Gesetze

Von der Fachöffentlichkeit fast unbemerkt und kaum kommentiert wurde Ende letzten Jahres das neue Bundesgesetz zur Förderung der Kreislaufwirtschaft und zur Sicherung der umweltverträglichen Bewirtschaftung von Abfällen beschlossen. Es hätte ein starker gesetzlicher Impuls für eine klimafreundliche Transformation des Bauens sein können. Doch eine wesentliche Forderung sei nicht übernommen worden, moniert die Bundesvereinigung Recycling-Baustoffe e.V. in einer Stellungnahme: Anders als vorgeschlagen, gilt für Länder und Kommunen beim Einsatz von wiederverwendbaren Materialien nach wie vor das Prinzip der Freiwilligkeit. Allein die Behörden des Bundes sind nun verpflichtet, "die Kreislaufwirtschaft zur Schonung der natürlichen Ressourcen zu fördern": Wenn keine unzumutbaren Mehrkosten entstehen, so schreibt es das Gesetz vor, sind bei Bauvorhaben dieser Behörden bevorzugt Erzeugnisse zu nutzen, die umweltfreundlich produziert werden oder reparaturfreundlich sind.

Auch in den Ländern steht die Kreislaufwirtschaft auf der politischen Agenda: Die Landesregierung in Baden-Württemberg erneuert gerade das Landes-Kreislaufwirtschaftsgesetz (LKrWG) und will die öffentliche Hand beim Einsatz von Recyclingbaustoffen stärker in die Pflicht nehmen. In Zukunft müssen das Land und die Kommunen beim Planen und Bauen so ausschreiben, dass wiedergewonnene Baustoffe gleichberechtigt angeboten werden können. Aber auch hier fehlt die Pflicht zur Umsetzung. Die Gründe für den Verzicht auf Recyclingbaustoffe sind lediglich "zu dokumentieren".

Neu geregelt werden soll mit dem Gesetz auch der sogenannte Erdmassenausgleich. Die Deponien haben keinen Platz mehr für den anfallenden Erdaushub von Kellern oder Tiefgaragen; der Erdmüll soll im Gebiet bleiben. Diese Regel reduziert den CO2-Ausstoß deutlich, denn die Erdmassen müssen nicht mehr mit Lastern abtransportiert werden. Es ist aber zu befürchten, dass eine solche Regel zu städtebaulichen Missgriffen führen kann und landschaftlich unglückliche Verformungen entstehen. Auch dieses Thema sollte daher als Teil einer Strategie in eine gesamtstädtische Perspektive integriert und durch eine gute Planung und ein kommunales oder regionales Erdmassenmanagement ergänzt werden.

Beide neuen Gesetze zur Regelung der Kreislaufwirtschaft haben blinde Flecken: Es fehlt das klare Bekenntnis zum Vorrang des Erhalts. Die Gesetze legen den Fokus auf neue "Produktgestaltung und Produktion". Der Anreiz, Gebautes zu erhalten, muss aber dringend erhöht werden. Eine weitere Leerstelle ist, dass der Aufbau von Bauteilbörsen oder digitale Bauteilvermittlung nicht gefördert werden sollen. Der Gesetzgeber blickt lieber in eine Zukunft, in der alles schon irgendwie zur Wiederverwertung konstruiert und am Ende sogar kompostierbar sein wird. Die Realität von heute bleibt weitestgehend unberücksichtigt.

Das führt aber auch zur Frage, warum die zeitgenössische Architektur nicht mehr Fortschritte gemacht hat. Im Jahr 2009 hatten Architekten, Stadtplaner und Ingenieure das Klimamanifest "Vernunft für die Welt" als eine Selbstverpflichtung formuliert. Gemeinsam mit der Bauindustrie sollte ein ökologischer Wandel im Planen und Bauen eingeleitet werden. Zehn Jahre später musste der Bund Deutscher Architekten aber "milde zerknirscht und besorgt um den eigenen Status und mangelnden Mut für eine radikale Änderung ihrer Lebenswirklichkeit" feststellen, dass "sie mehr tun müssen, um der Verantwortung ihrer Profession und der Relevanz von Architektur angesichts der Klimakrise gerecht zu werden." Im Positionspapier "Das Haus der Erde. Für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land" von 2019 soll der Architektenschaft die Dringlichkeit zu handeln beigebracht werden. Es soll gar ziviler Ungehorsam geprobt werden, um den Vorrang von Neubauten in Frage zu stellen.

Gute Beispiele

Concular ist ein junges Startup, das einen ökologisch orientieren Verbund für die zirkuläre Bauwirtschaft etablieren will. Bereits Teil des Verbunds ist Restado, eine Internetplattform, auf der Baumaterial vermittelt wird, das noch im Gebäude ist und erst bei einer Sanierung oder einem Rückbau frei wird. Einer der Geschäftsführer von Concular, Julius Schäufele, schlägt vor, dass dieser Verbund um Lagerflächen und -räume herum entsteht. In diesem Umfeld könnten Recyclinginnovationen, Reparaturbetriebe und Startups entstehen. Vorbild sind die in den USA bereits existierenden Reuse-Center. Sie sind eine Mischung aus Wertstoffhof, Baumarkt und alternativer Oase. In Berlin gibt es schon Überlegungen, in Baumärkten temporäre Lager- und Verkaufsflächen bereitzustellen oder das Haus der Materialität in Berlin-Mitte dafür auszubauen. Schäufele regt an, dass es deutlich mehr Bauteilbörsen geben sollte, mindestens eine in jeder großen Stadt, die alle über eine einheitliche Vermittlungssoftware betrieben werden könnten.

Walter Feeß ist leidenschaftlicher Zirkulärunternehmer. Er hat mit seiner Firma direkt an der A8 bei Kirchheim/Teck erleben müssen, wie schwierig es ist, einen großen Betrieb der Kreislaufwirtschaft genehmigt zu bekommen. Die Verminderung des Ausstoßes von Treibhausgasen durch Transportvermeidung, der Schutz von exterritorialen Rohstoffvorkommen oder der Verzicht auf Deponien werden in die lokale Abwägung der Schutzgüter nicht einbezogen – all diese guten Argumente können sich daher fast nicht gegen solche für die örtliche Flora und Fauna durchsetzen.

Herzstück des Betriebes ist eine Nassklassierungsanlage. Hier werden die Gesteine gewaschen und sortiert. Für Feeß sind Abbruchgebäude die Rohstoffvorkommen der Zukunft. Die Firma baut zurück und kann bis zu 40 Recyclingbaustoffe aus mineralischen Abfällen herstellen. Und die Qualität stimmt – es ist Feeß besonders wichtig, dass das wiedergewonnene Material ein vollwertiges Substitut für die Stoffe ist, die aus dem offenen Boden genommen werden müssen. Auf die Struktur der Kreislaufwirtschaftsbetriebe im Großraum Stuttgart angesprochen, regt er an, dass in jeder Großstadt vier bis fünf Hektar für die Baustoffaufbereitung zur Verfügung gestellt werden, verteilt auf mehrere Standorte und Betriebe – idealerweise so gelegen, dass die Wege dorthin aus allen Stadtteilen so kurz wie möglich sind. Es fehle bisher nur die Nachfrage.

Kommunen können Motor der Transformation werden

Eine Kreislaufwirtschaft im Bauen umzusetzen, ist eine Aufgabe für alle am Bau beteiligten Disziplinen. Die Gesellschaft muss dafür sensibilisiert werden, dass der Erhalt und die Neuinterpretation von baulichen Strukturen, also die Vermeidung von Baumüll, aus kulturellen und energetischen Gründen immer Vorrang hat.

Es ist offensichtlich, dass die kommunale Planung, dass Stadtentwicklung und Stadtplanung eine Schlüsselrolle bei der Transformation einnehmen. Mit angepassten und fortgeschriebenen Programmen und Planungsinstrumenten auch für moderne Architektur- und Siedlungsformen kann die Städtebauförderung Vorbild für eine Förderkulisse zur Stärkung der städtischen Kreislaufwirtschaft sein. Es wäre falsch, auf verschärfte Gesetze zu warten.

Städte und Gemeinden können die räumlichen Vorrausetzungen schon jetzt schaffen und bereits jetzt handeln – durch Beschlüsse zum Umgang mit dem baulichen Bestand, zu öffentlichen Bauvorhaben oder bei der Ausschreibung städtischer Grundstücke. Sie können Gründer und Innovation fördern und experimentelles Bauen unterstützen. Durch Vorgaben bei öffentlichen Bauaufgaben kann "graue Energie" erhalten oder die Wiederverwendung von Baumaterial vorgegeben werden. Die Ausweisung von Flächen für die Kreislaufwirtschaft kann die ortsnahe Ansiedlung von Recyclingunternehmen fördern.

All das geht nicht von heute auf morgen. Die Umstellung zu einer neuen kommunalen Planungspraxis braucht Zeit und den Raum für Debatten, aber der Anteil an Recyclingmaterial kann jährlich stufenweise gesteigert werden. Ohne die räumlichen Voraussetzungen für ein reformiertes Bauen, für Nassklassierungsanlagen, Bauteilbörsen oder Lagerflächen wird die Transformation der Bauwirtschaft aber nicht gelingen können.


Der vorliegende Text erschien erstmals am 19. Januar im Internetmagazin Marlowes, das sich vor allem den Themen Architektur und Stadt widmet. Für Kontext wurde er leicht gekürzt.

Philipp Schwarz hat Architektur in Berlin und Weimar studiert und in Freiburg das Städtebauliche Referendariat absolviert. Nach beruflichen Stationen bei der Gruppe Planwerk in Berlin, an der TU Darmstadt und im Weinstädter Stadtbauamt leitet er seit 2015 das Planungsamt der Stadt Leinfelden-Echterdingen.


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1 Kommentar verfügbar

  • Thomas Kölschbach
    vor 3 Wochen
    Antworten
    Die Bundesarchitektenkammer hat die Phase Nachhaltigkeit im letzten Jahr ausgerufen. 18 konkrete Handlungsempfehlungen sind darin aufgelistet, u.a. zur "Circular Economy" und samt einer Deklaration für die Planerzunft. Einfach unterschreiben und wieder ein Stück Nachhaltigkeit mehr im eigenen…
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