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Buchreihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer"

Nazi-Schergen in Bayerisch-Schwaben

Buchreihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer": Nazi-Schergen in Bayerisch-Schwaben
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Wo kamen die vielen kleinen und großen Nazis her, ohne die der NS-Staat nicht funktioniert hätte? Die Buchreihe "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer" geht seit 2010 dieser Frage nach – und wird jetzt ausgeweitet: Nach zehn Bänden für Baden-Württemberg sind die ersten beiden Ausgaben für Bayern erschienen, weitere folgen.

Zuerst waren da die Arbeitsblätter für das Abendgymnasium in Heidenheim, wo er bis 2019 Geschichtslehrer war, dann folgte gleich mehrfach die Auseinandersetzung mit dem umstrittenen Denkmal des Weltkriegs-Generals Erwin Rommel in der Kreisstadt an der Brenz: Der Sozialwissenschaftler und Historiker Wolfgang Proske hat sich in seiner Wahlheimat auf der Ostalb tief eingearbeitet in die NS-Täterforschung. Daraus entstand mit "Täter, Helfer, Trittbrettfahrer" eine deutschlandweit einzigartige Buchreihe.

Herausgegeben von Proske und ursprünglich nur für Baden-Württemberg geplant, erschien 2010 der erste Band, "NS-Belastete von der Ostalb", 2019 der zehnte, der sich der Region Stuttgart widmete und zugleich den Abschluss der Reihe für den Südwesten bildete. 209 Porträts waren bis dahin zusammengekommen, verfasst von 127 Autorinnen und Autoren, weitgehend ehrenamtlich (Kontext berichtete). Ein Engagement, das auch jenseits der Landesgrenzen Anklang findet: Die Reihe wird nun für Bayern fortgesetzt.

Proske wollte und will mit der Buchreihe hinter die Kulissen und auf die regionale Ebene schauen, den Blick explizit auf die Täter und Helfer gerichtet wissen: Auf die lokal verorteten NS-Schergen, die "vielen kleinen Nazis", ohne die der NS-Staat nicht denkbar gewesen wäre. In vielen Diskussionen mit seiner AutorInnen-Gruppe entwickelte er eine Arbeitshypothese für die NS-Täterforschung: Die in der Buchreihe als "Täter" klassifizierten Akteure sind solche, die selbstbestimmt, und in Übereinstimmung mit der NS-Ideologie Menschen schädigten oder anderen (etwa Untergebenen) entsprechend Anweisungen gaben. "Helfer" sind solche, die – fremdbestimmt – "Täter" in ihrem Handeln unterstützten. Als "Trittbrettfahrer" gelten nach dieser Definition Menschen, die versuchten, von der Schädigung anderer durch Täter und Helfer persönlich zu profitieren: klassisches Beispiel dafür sind die Aneignungen von Vermögen bei so genannten "Arisierungsmaßnahmen" – etwa bei der Enteignung von Betrieben oder dem Vertreiben von Juden aus ihren Häusern.

Belastete in Nord-Schwaben

Nun folgt unter diesen Kriterien also auch der Blick nach Bayern. Bereits erschienen ist Band 11, "NS-Belastete in Nord-Schwaben", und drei Namen sollen dabei beispielhaft herausgegriffen werden.

Dr. Albert Heißing (1899-1972), der Leiter des Gesundheitsamtes in Donauwörth war berüchtigt für Aktionen der Rassentrennung. Etwa indem er schwangeren polnischen Zwangsarbeiterinnen die Kinder entzog und "in deutschen Pflegefamilien" unterbringen ließ. Schon 1951 war er wieder als verbeamteter Gesundheitsamtsleiter für Augsburg-Land tätig, ohne dass er je groß behelligt worden war.

Willy Messerschmitt (1898-1978) galt als "Hitlers Flugzeugkonstrukteur" – mit den Nazis begann für ihn ein rasanter Aufstieg. In Augsburg fand er die gewünschten Bedingungen für den Auf- und Ausbau seiner Fabrik, in denen auch bedenkenlos Zwangsarbeiter eingesetzt waren. Die NS-Führer Hermann Göring und Rudolf Heß, beide passionierte Flieger, waren schon vor 1933 regelmäßig zu Gast in den Augsburger Werken. Messerschmidt trat bereits 1933 der NSDAP bei; ganz anders als etwa sein Konkurrent, Flugzeug-Konstrukteur Claude Dornier in Friedrichshafen, der sich auch in Kriegszeiten auffällig auf Distanz zu den NS-Größen hielt. Zu Kriegsende kam Messerschmitt für einige Monate in Internierungslager, musste auch vor das Militärtribunal in Nürnberg treten, wurde aber im September 1947 endgültig freigelassen und 1948, vor der Spruchkammer, schließlich als "Mitläufer" eingestuft. Ab 1951 kehrte er in die Flugzeugindustrie zurück, bekam mit der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik neue Aufträge für die Luftwaffe. 1969 erhielt er das Große Bundesverdienstkreuz mit Stern.

Erwähnenswert ist auch August Schmidhuber (1901-1947), der als Kommandeur der Waffen-SS-Divisionen "Prinz Eugen" und "Skanderberg" tätig war und als besonders "blutrünstiger Offizier" galt. Geboren in Augsburg in kleinbürgerlichen Verhältnissen, war er früh Mitglied eines Freikorps und Berufssoldat in der Reichswehr der Weimarer Republik. 1933 trat er in die SA ein, 1935 wurde er in Dachau SS-Kompanieführer. Berüchtigt wurde Schmidhuber in Russland und auf dem Balkan. Er war beteiligt an "wilden Exekutionen" und Massakern und hat sich vieler Kriegsverbrechen schuldig gemacht. Im Februar 1947 wurde ihm vor einem Belgrader Militärgericht der Prozess gemacht, und er wurde – wie fünf weitere SS-Generäle – zum Tode verurteilt.

Täter und Akteure aus dem Allgäu

Bei dem ebenfalls 2021 erschienenen Band 12 "NS-Belastete aus dem Allgäu" – stehen Täter und Akteure aus dem Raum von Memmingen bis Kempten im Blickpunkt. Etwa Sepp Dietrich (1892-1966), General der Waffen-SS, der ab 1944 zu "einer Führerfigur im Sinne der NS-Propaganda" wurde und in den Nachkriegsjahren eine ähnliche Art von Verklärung erfahren sollte wie Generalfeldmarschall Rommel. Geboren in einem Vorort von Memmingen, endete sein Leben 1966 in Ludwigsburg. Seine Beerdigung wurde dabei zum "politischen Spektakel" und zu einer öffentlichen Provokation. Am 27. April 1966 waren etwa 5000 Trauergäste gekommen, darunter viele ehemalige SS-Angehörige – nur wenige hundert Meter entfernt vom Friedhof der Kreisstadt befindet sich seit Jahrzehnten die "Zentrale Stelle" der Justizbehörden zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen.

Auch Dietrich war früh Mitglied eines rechten Freikorps. 1932 war er als Leiter eines SS-Begleitkommandos für den Personenschutz Adolf Hitlers zuständig und 1934 beteiligt an den Morden beim "Röhm-Putsch". Im Krieg war er für die Waffen-SS an verschiedenen Frontabschnitten, hatte unter anderem Kriegsverbrechen in der Sowjetunion begangen und war mitverantwortlich für die Ermordung von über 70 US-amerikanischen Kriegsgefangenen. 1945 wurde Dietrich von einem US-Militärgericht zu lebenslänglicher Haft verurteilt, wurde aber 1955 vorzeitig entlassen und fand in Ludwigsburg Arbeit sowie Unterstützung durch ein SS-Netzwerk.

Ein weiterer exemplarischer Fall: Der einstige Memminger Oberbürgermeister Heinrich Berndl (1887-1973) wurde bekannt für seinen rigiden Umgang mit den örtlichen Juden – und hatte jüdische Häuser und Grundstücke "unter Wert" in städtischen Besitz gebracht. Nach dem Krieg zog der promovierte Jurist erst als Kandidat der CSU, dann für die Freien Wähler wieder ins schmucke Rathaus der Kreisstadt ein. Berndl, der vor der Spruchkammer als "Entlasteter" galt, ist ein beredtes Beispiel für die heute immer wieder heftig kritisierte Kontinuität und die Wendehals-Strategie von Tätern in deutschen Amtsstuben. Erst 1966 durfte er, inzwischen 78 Jahre alt, nach Einführung einer Altersgrenze für Bürgermeister, nicht mehr antreten.

Zwei besonders grausame Täter seien noch erwähnt: Der in Martinszell bei Kempten geborene Franz Hößler (1906-1945) wurde in den Konzentrationslagern Auschwitz und Stutthof zum Inbegriff des ruchlosen und bestialischen NS-Verbrechers. Sein Handwerk gelernt hatte er im KZ Dachau – wohin auch Gegner des NS-Systems aus Württemberg eingeliefert und inhaftiert wurden. Ab Juni 1940 war er, wie auch SS-Führer Rudolf Höß, in Auschwitz eingesetzt: Der ursprünglich aus Baden-Baden stammende und in Mannheim aufgewachsene Höß als Kommandant, der fünf Jahre jüngere Hößler als Schutzhaftlagerführer. Im Lager galt Hößler als "Mord-Spezialist", vor einem britischen Militärtribunal wurde er 1945 in Lüneburg zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Ähnlich grausam erschien, allerdings im Dienste der Wehrmacht, der Hauptmann Fritz Aberle, 1915 geboren in Hornberg im Schwarzwald. Er hinterließ in den letzten Kriegsmonaten eine blutige Spur in Oberschwaben und im Allgäu – und war berüchtigt für Todesurteile seines Standgerichts. Etwa in Hergatz und Wigratzbad bei Wangen im Allgäu - und in Wolpertswende, in Baienfurt und in Leutkirch, nördlich von Ravensburg. Mindestens 14 derartige Morde gingen auf sein Konto. Sein Verbleib nach dem Krieg ist unklar, vermutet wird eine Flucht unter geändertem Namen nach Brasilien.

"NS-Täter-Forscher gelten oft als Nestbeschmutzer"

Wolfgang Proske hatte 2019 bei Erscheinen von Band 10 auch ein etwas resignatives Resümee gezogen: Offiziell existiere nach all den Naziverbrechen zwar bis heute "ein grundsätzlicher antifaschistischer Konsens, und das ist gut so". Doch mit dem zeitlichen Abstand zum "Dritten Reich" und unter den Bedingungen einer zunehmend nach rechts tendierenden Mitte der Gesellschaft bröckle diese Einigkeit. NS-Täter-Forscher würden, das bleibe als Erfahrung nach der Beendigung der Buchreihe für das Bundesland Baden-Württemberg als Erkenntnis, "trotz allem mancherorts auch im 21. Jahrhundert als Nestbeschmutzer gelten", so Proske. Und dies gerade dann, wenn sie vor Ort bekannt seien, sich in ihrer Arbeit bewusst demokratisch positionieren und dann auch noch mit neuen, bisher kaum bekannten Ergebnissen aufwarten könnten. "Vorhaltungen liegen offenbar umso näher, je massiver die bisherigen Versäumnisse in der Aufarbeitung sind", resümiert der Herausgeber.

Deswegen fand Proske 2019 ausdrücklich lobende Worte für seine AutorInnen: "Wer sich an diesem Projekt beteiligte, zeigte damit Haltung und Wagemut." Er selbst wurde im August 2021 von Landeswissenschaftsministerin Theresia Bauer (Grüne) für seinen Einsatz zur Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit im Südwesten mit der Staufermedaille des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet. Doch das scheint ihm – zum Glück – noch nicht genug. Die von ihm initiierte Buchreihe wächst jedenfalls weiter: Band 13 (Niederbayern) und Band 14 (Mittelfranken) sollen im Frühjahr und Sommer 2022 erscheinen.


"Täter, Helfer, Trittbrettfahrer Band 11: NS-Belastete aus Nord-Schwaben", hrsg. von Wolfgang Proske, Kugelberg-Verlag, Gerstetten 2021, 375 Seiten, 23,99 Euro; zu bestellen unter www.kugelbergverlag.de oder im Buchhandel.

"Täter, Helfer, Trittbrettfahrer Band 12: NS-Belastete aus dem Allgäu", hrsg. von Wolfgang Proske, Kugelberg-Verlag, Gerstetten 2021, 391 Seiten, 23,99 Euro; zu bestellen unter www.kugelbergverlag.de oder im Buchhandel.

Weitere Infos zur Buchreihe, Register von Tätern, Orten und AutorInnen finden Sie hier. https://kugelbergverlag.de/taeter-helfer-trittbrettfahrer


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