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Stuttgarter NS-Täter

"Hinterfragen lohnt"

Stuttgarter NS-Täter: "Hinterfragen lohnt"
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Geschichtsforschung mit Wirkung: Die Erstveröffentlichung des "Stuttgarter NS-Täter"-Buches 2009 hatte zu teils heftigen Reaktionen geführt und unter anderem die Firma Porsche dazu gebracht, ihre Geschichte neu zu untersuchen. Nun erscheint die dritte Auflage, erweitert um zwei neue, brisante Kapitel.

Alles Wesentliche ist bekannt zum Nationalsozialismus, nichts Neues mehr zu erwarten? "Als ich angefangen habe zu forschen, ging es mir auch so, dass ich dachte: Vielleicht ist alles schon gemacht", sagt die Historikerin Io Josefine Geib. Aber: mitnichten. Die gebürtige Stuttgarterin, die in Frankfurt am Main Geschichte mit Schwerpunkt Holocaust- und Antisemitismusforschung studiert, hatte im vergangenen Jahr begonnen, zu einer Polizei-Razzia in Stuttgart im März 1946 zu forschen. Der jüdische Auschwitz-Überlebende Shmuel Dancyger (deutsch: Samuel Danziger) wurde dabei erschossen. Lange hieß es, der Todesschütze sei nie gefunden worden. 2016 erschien in Kontext ein Artikel zu diesem Fall, Autor Jürgen Bartle schrieb: "Vermutlich wurde noch nicht mal ermittelt."

Geib und ihre Co-Autorin Tina Fuchs konnten nun in der Neuauflage des "Stuttgarter NS-Täter"-Buches bestätigen, dass tatsächlich nie ernsthaft nach dem Täter gesucht worden war. Und sie rekonstruierten eine überaus plausible Indizienkette, die beim Polizeiobermeister Arthur Koch endet. "Das zeigt auch, dass es sich lohnt, Dinge zu hinterfragen, selbst dann, wenn man den Eindruck hat, es ist eigentlich schon alles erforscht", sagt Geib.

Wie wenig die NS-Zeit auf lokaler Ebene teils noch erforscht ist und welche Wellen neue Erkenntnisse auch Jahrzehnte später auslösen können, bewies vor fast genau zwölf Jahren die Veröffentlichung von "Stuttgarter NS-Täter" im Schmetterling Verlag. Herausgegeben vom Journalisten Hermann G. Abmayr, stellten darin 30 AutorInnen 45 Täter vor. Es fallen bekannte Namen wie der von Karl Strölin, von 1933 bis 1945 amtierender Oberbürgermeister. Der württembergische NSDAP-Gauleiter Wilhelm Murr war dabei, aber auch Personen, die bislang kaum mit dem NS-Regime in Verbindung gebrachten worden waren. Der Kinderarzt Karl Lempp beispielsweise, der für die Ermordung von Kindern im Rahmen der "Euthanasie" und Zwangssterilisierungen verantwortlich war, aber noch bis 1949 Leiter des städtischen Gesundheitsamts blieb.

Dessen Enkel Volker Lempp bestritt damals die Vorwürfe im Buch und forderte, die Verbreitung der damit verbundenen Textstellen einzustellen, was er mit einer einstweiligen Verfügung beim Landgericht durchsetzen wollte. Der Verlag rief die Bücher zunächst wieder aus dem Buchhandel zurück und stoppte die Auslieferung. Doch Ende 2009, kurz vor dem Prozesstermin, nahm Lempp seinen Antrag wieder zurück.

Auch die Enkelin des Sonderrichters Hermann Cuhorst, der in der NS-Zeit auch "Blutrichter" genannt wurde, protestierte gegen die Veröffentlichung. Sie versuchte schon vor Erscheinen des Buches über ihren Anwalt auf das entsprechende Kapitel Einfluss zu nehmen. Herausgeber und Verlag reagierten nicht.

Porsche musste seine Geschichte erforschen

Ganz andere Wirkungen hatte das Kapitel des Wirtschaftsjournalisten (und späteren Kontext-Autors) Ulrich Viehöver über Ferdinand Porsche: Viehöver wies als erster nach, dass die Nähe von Porsche zu den Nazis viel enger war, als bis dahin zugegeben. Und er wies nach, dass in dessen Werk in den letzten Kriegsjahren mehrere Hundert Zwangsarbeiter schufteten. Nichts davon war im damals noch ziemlich neuen Porsche-Museum erwähnt.

Als Folge von Viehövers Aufsatz musste sich der Autobauer vielen kritischen Fragen in den Medien stellen. Gegenüber der israelischen Tageszeitung "Haaretz" erklärte der damalige Leiter des Porsche-Archivs Dieter Landenberger schließlich, "dass das Unternehmen die neuen Erkenntnisse mit der gebotenen Ernsthaftigkeit behandeln und noch in diesem Jahr eine umfassende externe historische Studie in Auftrag geben wird".

Es dauerte fünf Jahre, bis der Stuttgarter Geschichtsprofessor Wolfram Pyta den Zuschlag bekam. 2017 erschien sein Buch "Vom Konstruktionsbüro zur Weltmarke". Pyta unterschlug darin jeglichen Verweis auf den Text aus dem Täter-Buch, der den Anstoß für seine Beauftragung gegeben hatte, und zeichnete Ferdinand Porsche und dessen Schwiegersohn Anton Piëch in mildem Licht als brave Mitläufer. Zu milde und mit zu vielen Leerstellen, wie Viehöver kurz nach Erscheinen in Kontext monierte. Auch, weil eine wichtige Quelle nicht beachtet wurde: Der in den USA liegende Nachlass von Adolf Rosenberger, der mit Porsche und Piëch zu den Firmengründern gehörte, 1935 aber aus der Firma gedrängt wurde – weil er Jude war, wie Rosenberger später erklärte, und das für Geschäfte mit dem Regime nicht opportun gewesen sei.

Ob der Vorwurf stimmt, lässt sich nicht mit letzter Gewissheit sagen. Pyta sieht in seinem Buch keinen zwingenden Zusammenhang. Die Auswertung des Rosenberger-Nachlasses hätte dem zumindest noch eine andere Sichtweise entgegengestellt. Eine Mitarbeiterin von Pyta, so hieß es später, habe zwar bei den Nachlassverwalterinnen angerufen und nach alten Dokumenten gefragt. Doch dann habe sich niemand mehr gemeldet.

Diese lückenhafte Quellenrecherche beschreibt auch Eberhard Reuß' Text "'Man muss von Arisierung sprechen': Der Fall Adolf Rosenberger", der in der neuen Auflage des NS-Täter-Buches nun den Porsche-Artikel ergänzt.

Massenmörder und Mitläufer

Während Pytas Porsche-Buch mit 300.000 Euro gesponsert wurde, waren es vor allem Kleinspenden, die die erste Auflage des Täter-Buches 2009 ermöglichten. Entstanden war das Vorhaben auf Anregung von Aktiven aus den Stuttgarter Stolperstein-Gruppen, die bei ihren Recherchen zu NS-Opfern immer wieder auch auf Namen von Stuttgartern stießen, die auf irgendeine Weise in die Verbrechen des Nazi-Regimes verstrickt waren. Das konnten Massenmörder oder Mitläufer sein, "es gab (und gibt) keinen homogen Tätertyp", schreibt Herausgeber Abmayr im Vorwort der neuen Ausgabe zum bewusst breit gewählten Täterbegriff. Die Porträtierten "haben den zwölf Jahre dauernden Terror des NS-Regimes dadurch ermöglicht, dass sie mitgemacht haben – als Verkünder rassistischer Theorien, als gläubige Partei-Mitglieder, als von den Nazis ernannte Gemeinderäte, der Karriere oder sonstiger Vorteile wegen oder, oder, oder."

Nach Erstveröffentlichung 2009 entstanden einige ähnliche Projekte, etwa ein vergleichbares Täter-Buch in Dresden 2012 oder die Reihe "Täter, Helfer. Trittbrettfahrer" (Kontext berichtete). Die Idee, nun eine nicht nur neue, sondern auch erweiterte dritte Auflage herauszugeben, sei vom Schmetterling Verlag gekommen, erzählt Hermann G. Abmayr. "Ich war eher zögerlich", sagt Abmayr, hält die Entscheidung heute aber aus politischen Gründen für richtig: "Im Gegensatz zum Zeitpunkt des Erscheinens der ersten und zweiten Auflage haben wir heute viel stärkere rassistische, antisemitische und nationalistische Strömungen in der Bevölkerung. Deshalb sind der Blick auf die Geschichte und die Lehren aus der Geschichte umso wichtiger."

Vergessenes Camp in der Nachbarschaft

Und diese Lehren lassen sich immer wieder auch in der direkten Nachbarschaft finden, wie der Text von Io Josefine Geib und Tina Fuchs über Samuel Danziger und seinen mutmaßlichen Todesschützen Arthur Koch zeigt, neben Reuß' Porsche-Text der zweite Neuzugang in der Neuauflage. Geib ist in der Reinsburgstraße aufgewachsen, wo sich nach dem Krieg in Privatwohnungen, die von der US-Militärregierung beschlagnahmt worden waren, ein "Camp" für so genannte "Displaced Persons" (DP) befand – so wurden ehemalige KZ-Häftlinge, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene bezeichnet, die infolge des Kriegs heimatlos geworden waren.

Bis 1949 lebten hier im Durchschnitt 1.200 bis 1.400 meist polnische Jüdinnen und Juden. "Ich wusste sehr lange nichts von dem DP-Camp, es gab nur ein diffuses Wissen darüber", sagt Geib. Durch Artikel in der Presse sei sie vor einigen Jahren auf die Polizei-Razzia im DP-Camp am 29. März 1946 gekommen, und den letzten Anstoß, sich intensiver damit zu beschäftigen, habe die 2018 aufgestellte Erinnerungsstele zu Danzigers Tod gegeben. "Zentrale Fragen waren immer noch offen: Wie konnte es etwa sein, dass Danziger durch Kopfschüsse ums Leben kam, obwohl angeblich nur Warnschüsse abgegeben worden waren?", sagt Geib.

Geib machte die Tat zum Thema ihrer Masterarbeit, begann zu recherchieren. "Ich habe in der Straße ein kleines Schreiben über mein Forschungsvorhaben in den Briefkästen verteilt", erzählt sie, "gemeldet hat sich von den Anwohnern niemand". Aber dafür meldeten sich Nachfahren von DPs aus den USA – wer sie benachrichtigte, weiß Geib noch nicht – und die SWR-Journalistin Tina Fuchs. Ohne voneinander zu wissen, hatten die Frauen zum gleichen Thema recherchiert, hatten mit den gleichen Leuten gesprochen. Bei Fuchs waren es teils ähnliche Motive: "Ich hatte mich schon viele Jahre gefragt, was aus den Überlebenden der Konzentrationslager geworden war – was macht man, wenn man gar nichts mehr hat? Durch Zufall bin ich darauf gekommen, dass in Stuttgart ein DP-Lager war, und dachte mir: Das darf doch nicht wahr sein, warum weißt du das nicht?"

Für den Artikel im Täter-Buch arbeiteten die beiden fortan zusammen. Und stießen auf immer mehr Haarsträubendes. Zwar hatte die US-Militärregierung unmittelbar nach der tödlichen Razzia Ermittlungen eingeleitet, auch weil der Fall für sie ungemein peinlich war – sie hatte die Aktion genehmigt, davor war deutschen Polizeibeamten untersagt gewesen, das Camp zu betreten. Der Täter interessierte sie trotzdem wenig; obwohl es mehrere Augenzeugen gab, die ihn hätten identifizieren können, verzichtete sie auf eine Gegenüberstellung. Auch die Camp-Bewohner hätten noch mehr Hinweise auf die Identität des Schützen liefern können: In einer Extraausgabe der DP-Zeitung "Ojf der Fraj (Free Again)" vom 8. April 1946 – vorher in diesem Zusammenhang nie ausgewertet – ist die Rede von einem "Oberwachtmeister Hoch – der Mörder von Dancyger". Dabei musste es sich um einen Schreibfehler handeln, wie Geib und Fuchs anhand von Polizeiakten recherchierten: In der gesamten Stuttgarter Polizei gab es damals keinen "Hoch", wohl aber einen Polizeiobermeister Arthur Koch, der bei der Razzia dabei gewesen war. Auf ihn passen noch viele andere Beschreibungen der DPs und diverse überlieferte Details, wie die Autorinnen sehr schlüssig nachweisen.

Ideologische Kontinuitäten

Ob Koch nun tatsächlich der Schütze war, und wenn, ob er mit Absicht oder versehentlich schoss, konnten Geib und Fuchs nicht endgültig klären. War der 1900 geborene Koch davor als strammer Nazi aufgefallen? NSDAP-Mitglied war er nicht, aber die ganzen Jahre des NS-Regimes im Polizeidienst, meist in verantwortlicher Position, unter anderem im polizeilichen Ausbildungsdienst im ukrainischen Mariupol. Ob er dort an Deportationen beteiligt war, konnte ein Spruchkammerverfahren nach dem Krieg nicht ermitteln, Koch wurde als "nicht belastet" eingestuft. Zwar habe es, so Geib, in der frühen Nachkriegspolizei auch ehemalige politische Verfolgte gegeben, "repräsentativ sind aber Leute wie Koch, die den ganzen Nationalsozialismus über im Polizeidienst waren."

Zur personellen Kontinuität kommt eine weltanschauliche, und deren Dokumentation in Geibs und Fuchs Text ist fast noch erschreckender als die Versäumnisse bei der Aufklärung: Im Vorfeld der Razzia baute die Stuttgarter Polizei in ihren Berichten systematisch ein Bedrohungsszenario durch die DPs auf, durchsetzt von rassistischen und antisemitischen Stereotypen: Geklagt wurde über eine "zunehmende Überflutung der Stadt durch minderwertige ausländische Elemente", die "Hauptakteure des Schwarzen Marktes" seien, über "ausländische Elemente zweifelhafter Herkunft, darunter auch wohl Kriminelle".

"Die ideologischen Kontinuitäten der Polizeiarbeit spiegeln sich im Fall der Razzia exemplarisch wider", resümieren Geib und Fuchs am Ende ihrer Studie. Dass das nationalsozialistische Denken nicht mit dem Ende des NS-Regimes aufhörte, dass es nicht nur einer überschaubaren Zahl dämonischer Großtäter in die Schuhe geschoben werden kann, das ist im Prinzip keine neue Erkenntnis. Doch daran zu erinnern, ist heute wichtiger denn je.


Hermann G. Abmayr (Hrsg.): Stuttgarter NS-Täter. Vom Mitläufer bis zum Massenmörder. 3., erweiterte Auflage, Schmetterling Verlag, Stuttgart 2021, 384 Seiten, 24,80 Euro.

Buchvorstellung am Sonntag, dem 17. Oktober, 11 Uhr im Hotel Silber, Dorotheenstraße 10, Stuttgart. Walter Sittler liest Ausschnitte aus den neuen Kapiteln. Im Anschluss Diskussionsrunde mit den AutorInnen Josefine Geib, Tina Fuchs und Eberhard Reuß sowie dem Herausgeber Hermann G. Abmayr. Anmeldung unter info--nospam@schmetterling-verlag.de.


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