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Die Linke Stuttgart

Keine Lifestyle-Linke

Die Linke Stuttgart: Keine Lifestyle-Linke
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Das Wahlergebnis für die Linke bei der Bundestagswahl war ein Desaster für die Partei. Auf der Bundesebene wird nun nach Ursachen gesucht. Hat man in Stuttgart schon welche gefunden? Ein Gespräch mit Katharina Lenhardt und Filippo Capezzone vom Vorstand des dortigen Kreisverbands.

Die einen machen Sahra Wagenknecht für das schlechte Abschneiden verantwortlich, die nächsten die zu viel oder zu wenig formulierte Bereitschaft mitzuregieren. Wieder andere meinen, die Linke würde strittige Fragen nicht ausdiskutieren, so dass am Ende niemand weiß, wofür sie steht. Und was ist an der Basis los?

Frau Lenhardt, Herr Capezzone, wie wird das schlechte Bundestagswahlergebnis im Kreisverband diskutiert?

FC: Wir haben Versammlungen und wir haben natürlich diskutiert, aber mit relativ kühlem Kopf. Das finde ich auch wichtig. Wir werden niemandem den Gefallen tun, uns jetzt selbst zu zerfleischen. Es gibt ja genug Konkretes zu tun.

Getan haben Sie ja viel im Wahlkampf. Ist das Wahlergebnis eine Quittung für Ihre Arbeit?

KL: Das sehe ich nicht so. Bei den Gesprächen im Wahlkampf, auch an vielen Haustüren, sind wir nahezu durchweg auf positive Resonanz gestoßen. Die Probleme, die wir thematisieren: hohe Mieten, niedrige Löhne, damit haben wir Leute erreicht.

Aber die Linke wurden auch hier kaum gewählt … Woran lag es also?

KL: Es haben viele Grüne oder SPD gewählt, weil es im Wahlkampf die Polarisierung gab: Laschet oder Scholz. Viele wollten Laschet verhindern oder wollten Scholz als Person.

FC: Diese Wahl war anders als die davor, bei der klar war, dass Merkel weiterregieren würde. Diesmal war klar, es wird eine Änderung geben und da haben viele gesagt, ich wähle das kleinere Übel. Die Wählerwanderung zu SPD und Grünen war der Wunsch nach einem Wechsel. Offensichtlich wurde die Rolle der Linken zu wenig gesehen. Da müssen wir besser werden als Partei, die die Einkommensschwachen oder Einkommenslosen vertritt.

KL: Wir hier in Stuttgart versuchen, mit einem konkreten Thema, den geplanten Mieterhöhungen bei der städtischen Wohnungsbaugesellschaft SWSG, an die Lebenswelt der Leute anzuknüpfen und ich finde, das funktioniert auch. Klar ist, die meisten SWSG-Mieter wollen keine höhere Miete zahlen, zumal der Anteil vom Einkommen für Miete eh schon hoch ist und die Leute verdienen auch nicht so viel. Bei dieser Arbeit entstehen viele Kontakte, wir informieren, machen Stadtteilfrühstücke, damit die Leute sehen: Ich bin nicht der einzige. Das sind aber länger dauernde Prozesse, die sich nicht gleich in Wählerstimmen widerspiegeln. Woran man sehen kann, dass so was funktioniert, ist ja, dass die KPÖ in Graz so gut abgeschnitten hat. Die machen das ja seit 20 Jahren. Die sind von ein paar Prozent auf jetzt 28 gekommen. Aber das hat eben 20 Jahre gedauert.

Bundesweit wird als eine Ursache für den Wahlabsturz die Rolle von Sahra Wagenknecht diskutiert. Sie hat in ihrem Buch Lifestyle-Linke, die sich zu viel um Randgruppenthemen kümmern gegen Linke gestellt, die sich um die klassische Klientel kümmern. Sind Sie Life-Style-Linke oder wo gehören Sie hin?

Jung und links

Katharina Lenhardt, 31, ist seit zweieinhalb Jahren Mitglied der Linken in Stuttgart, im Frühjahr wurde sie in den geschäftsführenden Kreisvorstand gewählt. Die Agrarwissenschaftlerin arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Hohenheim.

Filippo Capezzone, 33, hat nach einer Gärtnerlehre Agrarwissenschaft studiert, ergriff nach ständigen befristeten Uni-Stellen aber die Gelegenheit, als Referent an die Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg zu wechseln. In die Linke ist er 2013 eingetreten, seit vier Jahren sitzt er dort im Kreisvorstand.  (lee)

FC: Ich will mich da nicht einordnen lassen. Die sozialen Schichten, die es am schwersten haben in unserer Gesellschaft, sind schwer zu erreichen. Wenn man rein auf die elektorale Strategie geht, balgt man sich natürlich um die Schichten, die zu erreichen sind. Und das müssen wir auch tun, das tun wir auch. Da haben wir ja auch viele Zugänge, denn unsere Mitgliedschaft rekrutiert sich stark aus Menschen, die mittlere oder höhere Bildungsabschlüsse haben oder sie erwerben wollen. Wenn wir auch die anderen erreichen wollen, stehen wir vor der spannenden, aber herausfordernden Aufgabe, dass wir uns in die Außenbezirke der Stadt bewegen und mit einem konkreten Anknüpfungspunkt versuchen, mit den Leuten zusammen kleine Verbesserungen zu erstreiten. Zum Beispiel bei der Mietenfrage.

KL: Mich interessiert diese Debatte nicht so sehr. Ich will Stadtteilarbeit machen, mit sozialen Bewegungen und Gewerkschaften zusammenarbeiten. Wir beschäftigen uns ja mit sozialer Gerechtigkeit und wir vertreten diese Themen. Die Behauptung, wir würden uns nicht mit sozialer Gerechtigkeit beschäftigen, ist für mich an den Haaren herbeigezogen. Ich habe Wagenknechts Buch nicht gelesen. Ich weiß nicht, wie sie sich die Arbeiterklasse vorstellt. Ich sehe bei den Haustürgesprächen, dass das sehr verschiedene Leute sind. Da sind junge Leute, die Migrationshintergrund haben und studieren. Es ist auch nicht so, dass alle Akademiker finanziell gut dastehen. Woher die Leute kommen, was sie prägt, das ist sehr plural.

Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat in einer Kurzanalyse geschrieben, der Linken fehle eine langfristige Strategie. Gehen Sie beide da mit?

KL: Strategie in dem Sinne, dass wir Schwerpunktthemen brauchen wie Miete und Pflege, an denen wir unser Profil schärfen können. Wir müssen auch das Thema Klimagerechtigkeit schärfen, in dem Sinne, dass wir Klimaschutz so machen wollen, dass niemand zurückbleibt. Unsere Strategie hier in Stuttgart ist, in den Stadtteilen präsent zu sein, Anlaufstelle zu sein für die Leute, die betroffen sind. Wir plädieren dafür, dass diese Art von Arbeit flächendeckend gemacht wird. Dass man zielorientiert auf die Leute zugeht.

FC: Den Gegensatz, den wir halt stark machen, ist der von oben und unten, also Machtverhältnisse. Unsere Arbeit ist gut, wenn wir es schaffen, Menschen aus unterschiedlichsten Zusammenhängen zusammenzubringen gegen den, der ökonomisch mächtiger ist, da gemeinsam vorzugehen und Verbesserungen rauszuschlagen oder wenigstens Verschlechterungen abzuwehren.

Also gut, anderes Thema: Haben Sie eigentlich einen oder eine Wunschvorsitzende?

KL: Nee.

FC: Ich persönlich bin mit Janine Wissler sehr zufrieden.

Am Wochenende ist Landesparteitag, Sie sind Delegierter Herr Capezzone. Was erwarten Sie von dem Parteitag? Wird man sich die Köpfe einhauen?

FC: Das befürchte ich nicht. Ich erwarte, dass wir einen guten Landesvorstand neu wählen.

Es wird nun auch darum gehen, sich auf die Kommunalwahlen 2024 vorzubereiten. Beim letzten Mal ist die Linke in Baden-Württemberg in 43 von 981 Gemeinden angetreten. Gibt es ein Ziel für 2024?

FC: Natürlich hat man das Ziel, möglichst flächendeckend anzutreten. Es geht aber nicht darum, überall anzutreten, sondern da anzutreten, wo man es auch schaffen kann und dann sinnvoll arbeiten kann.

Zum Arbeiten braucht man Menschen. Die Linke verzeichnet gerade Eintritte. Auch in Stuttgart?

KL: Ja. Schon im Wahlkampf sind viele eingetreten, seit 1. Juni um die 40. Meist junge Leute, so zwischen 20 und 30.

Konnten Sie schon mit einigen der Neuen reden, wissen Sie, warum die jetzt mitmachen wollen?

FC: Vereinzelt schon. Bei manchen klang durch, dass sie erschrocken waren über dieses Ergebnis und dass dadurch die Idee, man könnte ja mal eintreten, nun in die Tat umgesetzt worden ist. Weil man etwas tun muss. Da gibt es eine große Ernsthaftigkeit.

Was muss man tun, um die Mitglieder, auch die neuen, für aktive Parteiarbeit zu gewinnen?

FC: Es muss Spaß machen. Gerade diese Arbeit an den Haustüren jetzt im Wahlkampf hat viele Leute fasziniert. Dass man in andere Gegenden kommt, wo man noch nie war, ein Gespür dafür bekommt, wie die sozialen Verhältnisse und die Problemlagen der Leute sind. Es hat auch den Reiz der Überwindung, wenn man was macht, was man sonst nicht so macht.

KL: Wir haben im Wahlkampf zum Beispiel Lastenradtouren gemacht, waren an öffentlichen Plätzen. Da zeigt man dann Präsenz, sagt was zur politischen Haltung. Natürlich geht man danach noch was trinken, hat den persönlichen Austausch. Auch das macht Spaß.


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5 Kommentare verfügbar

  • Jue.So Jürgen Sojka
    vor 2 Tagen
    Antworten
    „Die einen machen Sahra Wagenknecht für das schlechte Abschneiden verantwortlich, die nächsten …“
    Verantwortung übernehmen bedeutet ja, dass sich vor Ort, dort wo das tatsächliche Leben stattfindet, der Lösungsansatz im "Bürger*innen-Kontakt" zu erfolgen hat – zeitnah im persönlichen Gespräch.
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