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Sahra Mirow

Instagram linksrum

Sahra Mirow: Instagram linksrum
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Die Linke hat es in Baden-Württemberg schon immer schwer gehabt. Corona macht es nicht leichter. Spitzenkandidatin Sahra Mirow versucht es mit einer Mixtur aus Insta-Talks und harten Themen.

"Ich liebe Dich! Die Linke" steht auf dem Wahlplakat, das die Drehtür des Parteibüros im Stuttgarter Westen ziert. Sehr romantisch. Es gehe um die Liebe zum Menschen, um Solidarität und Gemeinschaft, erläutert Sahra Mirow, die 36-jährige Spitzenkandidatin der baden-württembergischen Linken, und räumt ein, dass sie sich an so viel Gefühl erst gewöhnen musste. Distanzierung läuft bei ihr über feine Ironie – das zeigt ihre Belustigung über dieses Wahlplakat. Ihr Humor stammt eindeutig aus Norddeutschland so wie sie.

Die gebürtige Lübeckerin wohnt in Heidelberg. Dort hat sie vor ihrer vollgestopften Bücherwand ein Roll-up-Banner aufgestellt, das sie gar nicht mehr abbaut und vor dem sie Instagram-Live-Talks oder Facebook-Livestreams absolviert. Ein junges, achtköpfiges Online-Team organisiert den Netzauftritt. Lisa Neher, die Pressefrau der Linken, sagt, die jungen Menschen sprühten vor Ideen, aber das ändere nichts am Corona-Grundsätzlichen: "Die Menschen gehen auf Abstand".

An diesem Tag hat Mirow den digitalen Wohnzimmer-Wahlkampf gegen Präsenz und Termine in der Stuttgarter Landesgeschäftsstelle eingetauscht. Gerade hat sie noch ein Video fertig gedreht, dann eilt sie zum Gespräch. Sie steht unter Strom, Multitasking pur. Während sie spricht, wirft sie Blicke aufs Handy, in den Raucherpausen telefoniert sie, selbst im Insta-Live-Talk klappt sie nebenher den Laptop auf.

Auf den Lockdown angesprochen, zeigt sie auf ihre Haare und sagt: "Ich habe auch eine Corona-Matte. Das ist aber ein kleiner Preis, den wir zahlen." Den großen tragen sie und ihre Partei weitgehend mit; für "grob fahrlässig". hält sie es, die Schutzmaßnahmen gegen Corona grundsätzlich in Frage zu stellen. Der Ordnung halber verweist sie auf die Pandemie-Position der Linken, die da lautet: flächendeckende wissenschaftliche Begleitung der Maßnahmen, um der Bevölkerung erklären zu können, welche Eingriffe funktionieren und welche nicht. Währenddessen rauscht der Viren-Luftfilter unter dem Che Guevara-Bild leise vor sich hin.

Radikale Rhetorik ist ihre Sache nicht. Sie stamme aus "nicht so betuchten Verhältnissen", sagt sie, ihre Eltern hätten viel gearbeitet und wenig verdient. Im Gymnasium sei ihr aufgefallen, dass es eine "Differenz zu Kindern aus wohlhabenderen Familien gibt". Man könnte auch von arm und reich sprechen. Auf jeden Fall quält es ihren Sinn für Gerechtigkeit.

Ganz einfach: Grüne und Rote sind ihr nicht links genug

Zum Studium der Ostasienwissenschaften und Archäologie ist sie nach Heidelberg gezogen, hat dort auch das Streiken und Demonstrieren geübt, unter anderem gegen den Irak-Krieg und Hartz IV, womit sich auch die politische Orientierung klärte: Die Grünen hatten für sie ihr friedenspolitisches Profil und die SPD das Soziale verloren. So habe sie sich für das Eindeutige entschieden, für eine Partei, die konsequent sei und nicht die Hälfte ihres Programms "über Bord" werfe, wenn's ums Mitregieren gehe.

Seit 2014 sitzt Mirow für die Linke im Stadtrat von Heidelberg und arbeitet hauptberuflich im Mannheimer Büro der Bundestagsabgeordneten Gökay Akbulut. Zuletzt hat sie sich durch scharfe Kritik an der geplanten Verlegung der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge in Heidelberg profiliert. Sie macht sich stark für einen Standort, der ein echtes Willkommenszeichen setzt. Bernd Riexinger, der scheidende Vorsitzende der Bundespartei und Antreiber der Landeslinken, gehört zu ihren Mentoren. Relativ große Fußstapfen für den Nachwuchs. Sie habe Schuhgröße 42, antwortet Mirow, also kein Problem. Nach politischen Vorbildern gefragt, bleibt sie zurückhaltend, sie sei "kein Fancharakter", eher jemand, der sich bei anderen Anregungen einhole, dann aber seinen eigenen Weg gehe.

Nach dem Gespräch eilt ein dpa-Fotograf vorbei und lichtet die Linke in verschiedenen roten Oberteilen ab, die sie aus ihrem Rucksack zieht. Blazer kann sie nicht leiden, die wurden ihr als Wahlkampfoutfit nahegelegt – sie lehnte freundlich ab. Sie bleibt lieber bei T-Shirts. Mirow trägt fast immer rot, nicht nur, weil es mit den Wahlplakaten harmoniert. Die Farbe sei ein Statement, gerade im Männergeschäft Politik. Versteht sich so von selbst, dass sie sich für Frauen stark macht.

Am Beispiel Wohnen erläutert sie, wie Soziales und Ökologisches zusammenhängen. Wenn die Mieten in den Städten steigen, schlussfolgert sie, werden die Leute rausgedrängt, pendeln zur Arbeit wieder rein, und das erzeugt exakt die toxische Verkehrssituation. Macht Heidelberg zur "Pendelhauptstadt in Deutschland." Und weil mehr Frauen als Männer fahren, glaubt sie, dass es die schlechter bezahlten Dienstleistungsberufe sind, mit denen man sich im Stadtzentrum keine Mieten mehr leisten kann. Entsprechend lautet ihre Forderung: Bildung, Gesundheit und Wohnen müssen Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge sein, dürfen nicht privater Profitmaximierung unterworfen sein. Auch das referiert sie schnell und flink im Kopf.

Die Spitzenkandidatin ist im Programm zuhause, die Themen, die auf der Tagesordnung stehen, hat sie parat: Erhöhung des Mindestlohns auf 13 Euro in der Stunde, kostenloser ÖPNV, kostenlose Bildung von der Kita bis zu Uni. Höhere Renten, höchste Zeit für eine Millionärssteuer. Mirow verweist auf den Reichtum im Land und dessen ungleicher Verteilung. Stelle man diese Verteilungsfrage, betont sie, sei vieles machbar. Wie wär’s denn mit einer Sonderabgabe von zehn bis 20 Prozent bei einem Vermögen ab zwei Millionen Euro? Was spräche gegen eine Erhöhung der Erbschaftssteuer, die die grüngeführte Landesregierung abgelehnt hat?

Ob es damit beim dritten Anlauf klappt? Derzeit liegt die Linke bei Umfragen um die drei Prozent, bei der Landtagswahl 2016 kam sie auf 2,9 Prozent. Sie will sie schaffen, die fünf Prozent, "alles andere wäre eine Enttäuschung", sagt Mirow und hofft auch auf die Jungen, die mit ihr "sozial-ökologischen Druck" machen wollen. Auf die Grünen insbesondere, denen würde eine konsequente Opposition gut tun.

Wer weiß, vielleicht hilft auch das Megathema. Um 17 Uhr ist eine halbe Stunde Insta-Live-Talk anberaumt, auf dem Plan steht ein krisenfestes Gesundheitssystem. Aus dem Smartphone schallt schnell die Diagnose: "Unser System ist nicht krisenfest". Am andern Ende sitzt Imke Pirch, Krankenpflegerin und Landtagskandidatin für den Wahlkreis Freiburg. Darauf ist die Partei stolz. Sie hat nicht nur mehr junge Mitglieder, sie hat auch Fachkräfte.

Um 19 Uhr steht als letzter Tagespunkt das wöchentliche Kandidierendentreffen der baden-württembergischen Linken auf dem Programm. Der eine Schwerpunkt ist die Klimagerechtigkeit, der andere die Antwort auf die Frage, wie sie die Menschen auf Distanz erreichen können. Da sitzt die Spitzenkandidatin wieder in ihrem persönlichen Wahlkampfbüro: in ihrem Wohnzimmer vor der Bücherwand.

Fragt man Sahra Mirow vor ihrer Abfahrt am Stuttgarter Hauptbahnhof, welches Graffiti in der Eingangshalle ihr am besten gefällt, unterscheidet sie zwischen dem, was ihr gefällt, und dem, was vermutlich anderen gefallen könnte. Die Politikerin als Projektionsfläche. Mirow hat das erkannt. Und stellt sich vor ein Wandbild mit Äffle und Pferdle.


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