KONTEXT:Wochenzeitung
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Mensch am falschen Platz

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Samuel Danziger hatte Auschwitz überlebt, nicht aber seinen Besuch in Stuttgart, wo er Frau und Kinder wieder gefunden hat. Am 29. März 1946 lag der 35-jährige polnische Jude tot auf dem Pflaster der Reinsburgstraße im Stuttgarter Westen, in den Kopf getroffen von der Kugel aus einer Polizeipistole. 70 Jahre später ist die Schuldfrage ebenso ungeklärt wie die Identität des Schützen.

Mai 1945: Nach Zusammenbruch und Kapitulation Hitler-Deutschlands ist zwar der Krieg zu Ende, noch lange aber nicht das Chaos. Millionen Menschen hat der Krieg durch Flucht und Vertreibung zu Heimatlosen gemacht, er hat ihnen Familienangehörige geraubt, vielen alles Hab und Gut, die Arbeit und sogar das Obdach; allesamt leiden sie Not, Elend und Hunger.

Millionen Menschen sind fehl am Platze dort, wo sie sich befinden, als die Stunde null schlägt: Etwa sieben Millionen Menschen, in der großen Mehrzahl Osteuropäer, werden im Frühjahr 1945 von den Truppen der Westalliierten nach und nach aus Arbeits- und Konzentrationslagern der Nazis befreit. Sie sind als Kriegsgefangene oder als Zwangs- und Fremdarbeiter nach Deutschland verbracht worden oder haben als Gefängnis- und KZ-Insassen den Terror überlebt. Sie alle kriegen denselben Namen: Displaced Persons, kurz DP, heißen sie fortan, Menschen am falschen Platz.

Über ihr Schicksal hatten sich Roosevelt, Churchill und Stalin bereits im Februar 1945 bei der Konferenz von Jalta geeinigt: Repatriiert sollten sie werden, zurückgeführt in die Heimatländer. Das passierte auch in großem Stil; mehr als sechs Millionen DP erlebten Weihnachten 1946 dort, von wo sie einst verschleppt worden waren. Doch nicht jeder wollte wieder nach Hause, viele wollten genau das gerade nicht! Das waren vor allem ehemalige Zwangsarbeiter, die nicht in ihre von der Roten Armee besetzten Heimatländer zurückkehren wollten, jüdische Überlebende des Holocaust, die nach Palästina oder in die USA auswandern wollten, aber auch Osteuropäer und Balten, die freiwillig in der Wehrmacht gekämpft oder mit den Nazis kollaboriert hatten.

Nachkriegs-Camp überlebender Juden in der Reinsburgstraße

Rund eine Million DP galt es also zusätzlich unterzubringen und zu versorgen in größtenteils zerstörten Städten, in denen allenthalben Wohnungsnot und Hunger herrschten. Die Westalliierten übertrugen diese Aufgabe der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Agency), einer Hilfsorganisation der gerade in Gründung befindlichen Vereinten Nationen (UN). Durch sie wurden in allen größeren Städten der englischen, amerikanischen und französischen Besatzungszonen Lager eingerichtet, in denen Betroffene unterkommen konnten. In Stuttgart gab es ab Herbst 1945 zwei solche Zentren. Ein kleineres in Degerloch, in einer ehemaligen Sportschule der Nazis, und ein großes im Stuttgarter Westen, in der oberen Reinsburgstraße.

September 1945: Dwight D. Eisenhower, der Oberkommandierende der US-Streitkräfte in Europa und spätere Präsident der USA, besucht das kurz zuvor eröffnete DP-Lager Reinsburgstraße, lässt sich zeigen, was innerhalb weniger Wochen dort entstanden ist. Und ist beeindruckt: Links und rechts der Straße sind insgesamt 39 mehrstöckige Wohnhäuser, von der Nummer 189 bis zur 224, von der Bismarckstaffel hinauf bis zur Kreuzung mit der Rotenwaldstraße, beschlagnahmt und frei gemacht worden für die neuen Nutzer. 200 polnische Juden, die in der KZ-Außenstelle Vaihingen/Enz am 7. April 1945 von den Franzosen befreit worden waren, sind die ersten Bewohner.

Viele von ihnen stammen aus der etwa 100 Kilometer südlich von Warschau gelegenen Stadt Radom, mindestens aber hatten sie in dem dortigen Konzentrationslager eingesessen, ehe sie 2187 Mann hoch 1942 nach Vaihingen/Enz verbracht wurden. In einem ehemaligen Steinbruch 25 Kilometer nördlich von Stuttgart sollte ein unterirdischer Rüstungsbetrieb entstehen, zum Bau von Düsenjägern.

Aus 200 Radomern wurden 1600 bis zum Sommer 1946, als das Camp in der Reinsburgstraße seine höchste Einwohnerzahl erreichte. So funktionierten viele dieser Lager: Eine meist durch Zufall dorthin verschlagene Landsmannschaft bildete die Keimzelle, über Suchdienste wurde quer durch Europa kommuniziert und informiert, und überall setzten sich Landsleute, die überlebt hatten, in Bewegung.

Getto, Auschwitz und Todesmarsch hat der Familienvater überlebt

Solch ein Radomer Jude ist auch Samuel Danziger (in anderen Quellen: Szmuel Dancyger oder Danzygier). Zwei Selektionen hat der kräftige und gut aussehende Familienvater überlebt, die erste 1942 bei der Auflösung des Radomer Gettos, die andere 1944 in Auschwitz-Birkenau; beide Male wird er nicht in die Gaskammer geschickt, weil er noch Kraft hat zum Arbeiten. Und auch den Todesmarsch im Januar 1945 von Auschwitz ins österreichische Mauthausen überlebt der Lehrersohn und gelernte Verkäufer. Er hat sich nach Frankreich durchgeschlagen, als ihn im März 1946 in Paris die Nachricht erreicht, dass es in Stuttgart ein Lager mit Radomer Juden gibt. Danziger macht sich sofort auf den Weg. Vielleicht findet er dort seine Frau und die beiden Töchter?

Zu der Zeit gilt die Reinsburgstraße als ein musterhaftes DP-Camp. Auch die Präsidentenwitwe Eleonore Roosevelt stattet dem Lager einen Besuch ab und stellt zufrieden fest, dass sowohl die Versorgungssituation durch die UNRRA als auch die jüdische Selbstverwaltung aller Lagerinterna hervorragend funktionieren. Was gab es da nicht alles: eine Volks- und eine Berufsschule, eine Theaterbühne, eine Bibliothek und einen Sportklub, eine Talmudschule, eine Synagoge und ein Ritualbad, eine koschere Küche, eine Klinik mit zehn Betten und im Kulturhaus das "Café Tel Aviv".

Doch die Radomer Juden, die Marek Gutman zu ihrem Chef gewählt haben, wollen sich hier keineswegs auf Dauer einrichten. Sie bereiten sich vor auf ihre Emigration, einige wollen in die USA, die meisten wollen nach Palästina. Beides ist schwierig bis unmöglich in diesen Jahren. Amerika stellt Bedingungen, die kaum einer der polnischen Juden erfüllt. Sie haben kein Geld und keine vernünftigen Papiere, sie sprechen kein Englisch, und sie haben die Berufe nicht gelernt, die in USA gefragt sind. Deshalb pauken sie Englisch auf ihrer Berufsschule und bilden dort Techniker und Handwerker aus.

Und Palästina, das kommende Israel? Schon im Oktober 1945 besucht David Ben Gurion, der den neuen Staat 1948 gründen und Weltgeschichte schreiben wird, die Reinsburgstraße und macht Werbung für das künftige Land, das eigene Land der Juden. Doch noch haben die Engländer das Sagen in Palästina, und sie halten die Schotten dicht. Nach der Staatsgründung Israels geht es dann umso schneller: Schon im Sommer 1949 sind alle Radomer weg, und das DP-Camp in der Reinsburgstraße ist Geschichte.

Bis dahin aber ist es ein sehr lebendiges, gut organisiertes jüdisches Dorf inmitten einer deutschen Stadt, die noch immer weitgehend in Trümmern liegt. Und in der die Menschen hungern.

In der Reinsburgstraße hungert indessen niemand, eher im Gegenteil. Die Kalorienrationen, die von der UNRRA pro Mann zugeteilt werden, liegen weit über dem, was Bedürftige andernorts erhalten. Und für Juden, die Konzentrationslager überlebt haben, liegen sie noch einmal höher. Für sie gibt es überdies Genussmittel wie amerikanische Zigaretten und Kaffee frei Haus. Das ist Gold wert, bares Gold: "Ich sehe noch ihre 'Lifts' mit Aufschriften wie 'Tel Aviv' und 'Haifa' vor den Häusern stehen, in denen vor der Währungsreform für einen Zentimeter Gold, der von einer Uhrkette abgeknipst worden war, ein Pfund Butter oder ein halbes Pfund Kaffee erstanden werden konnte", schreibt der Schriftsteller Hermann Lenz (1913–1998) in seinem 1975 erschienenen Buch "Stuttgart deine Straßen" über das Camp in der Reinsburgstraße.

Der Schwarzmarkt blüht, der Neid der Deutschen auch

Tatsächlich blüht in der unmittelbaren Nachbarschaft des Camps, am Westbahnhof, der Schwarzmarkt wie nur an zwei, drei anderen Stellen in der Stadt. Das schürt den Neid der deutschen Bevölkerung, die ja keineswegs von heute auf morgen in inniger Liebe zum Judentum entbrannt ist. Zum anderen ruft es die Stuttgarter Polizei auf den Plan, die den Schwarzmarkt zu bekämpfen hat und der die Reinsburgstraße schon lang ein Dorn im Auge ist. Ein Dorn, den sie nicht rausziehen darf, denn DP-Camps sind – rechtlich und polizeilich – exterritoriales Gebiet. Die Ordnung dort hält die jüdische Lagerpolizei aufrecht, darüber hinaus ist die amerikanische Militärpolizei und -rechtsprechung zuständig. Jeder Stuttgarter darf die Reinsburgstraße betreten oder durchfahren – nur die Stuttgarter Polizei nicht.

Das ist auch noch so am 28. März 1946. Da trifft, aus Paris kommend, Samuel Danziger in der Reinsburgstraße ein und – das Wunder geschieht. Nach vier Jahren und unsagbarem Leiden nimmt er dort im Camp seine Frau und die beiden Töchter in die Arme. Es ist, seit sie getrennt wurden 1942, wahrscheinlich der erste Tag, an dem er glücklich ist. Und es ist der letzte.

Freitag, 29. März, 6.15 Uhr: 130 Mann der Stuttgarter Schutzpolizei und 80 Kriminalbeamten riegeln mit Fahrzeugen die Reinsburgstraße oben und unten ab, dringen großteils bewaffnet, uniformiert und von Schäferhunden begleitet ins Camp ein, beschlagnahmen die fünf Pistolen der Lagerpolizei und erklären mit Lautsprecherdurchsagen das Geschehen: Es bestehe der Verdacht, dass Schwarzmarktwaren im Camp gehortet würden, und im Zuge der Razzia würden nunmehr sämtliche Wohnungen und Räumlichkeiten durchsucht.

Bei einer Razzia im Camp durch Kopfschuss getötet

Den Durchsuchungsbefehl hat die Stuttgarter Polizei bei den Amerikanern beantragt. Die haben die Razzia genehmigt und acht Mann Militärpolizei mitgeschickt zum Aufpassen. Die greifen auch ein und beenden die Razzia umgehend, als die Lage in Minutenschnelle eskaliert und Schüsse fallen. Aber da ist es bereits zu spät: Drei Radomer Juden werden verletzt, und auf dem Kopfsteinpflaster der Reinsburgstraße liegt ein Mann in seinem eigenen Blut. Samuel Danziger, getötet durch einen Kopfschuss aus einer Polizeipistole.

Als sich die Frage stellt, wer da geschossen hat und warum, ist die Stuttgarter Polizei längst abgezogen, vom Platz gestellt von den Amerikanern. Die erkennen ihren Fehler und setzen durch, dass nie wieder ein deutscher Uniformierter ein DP-Camp betritt, jedenfalls nicht in Stuttgart. Aber sie klären den Fall auch nicht auf und bringen ihn nicht vor Gericht, obwohl die Weltpresse darüber berichtet, dass in Deutschland schon wieder Juden auf offener Straße erschossen werden. Vor Gericht hätte Aussage gegen Aussage gestanden. Während Bewohner wie auch UNRRA-Mitarbeiter zu Protokoll gaben, die Gewalt sei von der Stuttgarter Polizei ausgegangen, erstattet deren Chef Karl Weber dem Oberbürgermeister Arnulf Klett dahingehend Bericht, dass der Schusswaffengebrauch erst freigegeben worden sei, nachdem aus den Gebäuden auf Polizisten geschossen worden sei.

Man hatte also, gegen Polen, mal wieder nur zurückgeschossen

Heute findet sich nichts mehr in den Akten darüber, wer Samuel Danziger das Leben genommen hat. Gerade deshalb ist anzunehmen, dass demjenigen keine Nachteile daraus entstanden sind. Vermutlich wurde noch nicht mal ermittelt. Lieber wurde verdrängt und vergessen. So heißt es in der 1971 erschienenen offiziellen "Chronik der Stadt Stuttgart", Band 25 für die Jahre 1945 bis 1948, im Kapitel 14, "Polizei" über das Jahr 1946:

"Die Schutzpolizei als sichtbarer, weil uniformierter Teil der Polizeiapparats konnte ihre Hauptaufgabe, die Gewährleistung der öffentlichen Ruhe, Ordnung und Sicherheit, unter den zeitbedingten Umständen erfüllen. Nachteilig und erschwerend wirkte sich aus, daß sie gegenüber Ausländern, auf die ein erheblicher Anteil der schweren Straftaten entfiel, keine Befugnisse hatte. Zahlreiche polizeiliche Unternehmungen wurden gemeinsam mit der Kriminalpolizei, mit der Militärpolizei und der Constabulary der Besatzungsmacht durchgeführt. Drei Großrazzien in Verschlepptenlagern, drei ebensolche auf dem Hauptbahnhof und zwei Großrazzien auf dem Schlossplatz [...] wurden durchgeführt."

Zu Samuel Danziger fiel dem Autor, Stadtarchivdirektor Hermann Vietzen, kein Wort ein. 45 Jahre später sind die Historiker zumindest klüger. Auf der vom baden-württembergischen Haus der Geschichte betreuten Website des "virtuellen Geschichtsorts" Hotel Silber, also des Gestapo-Gefängnisses und späteren Stuttgarter Polizeipräsidiums in der Dorotheenstraße, werden nicht nur dazu deutliche Worte gewählt:

"Der ganze Einsatz war durch völlige Unverhältnismäßigkeit gekennzeichnet. Die Polizei suchte in der Reinsburgstraße keine Gewaltverbrecher, sondern Konservendosen. Dafür nahm sie wissend und billigend in Kauf, dass bei den Bewohnern, bei denen es sich fast ausschließlich um Überlebende der Konzentrations- und Vernichtungslager handelte, Erinnerungen wach wurden, die sie geradezu zum Widerstand verpflichteten. Dass diese Menschen es kaum widerstandslos hinnehmen würden, wenn erneut uniformierte, bewaffnete und von Hunden begleitete deutsche Polizisten ihre Straßen absperrten und sie aus ihren Wohnungen holten, hätte man bereits bei der Planung der Razzia wissen können und müssen."

Bis heute erinnert kein Stein, kein Schild, keine Tafel in der Reinsburgstraße an die Menschen von damals, an die Radomer Juden und an den Schwarzmarkt, an Eisenhower und an Ben Gurion. Oder an Samuel Danziger, an den Menschen am falschen Platz.


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4 Kommentare verfügbar

  • Veit
    am 04.05.2016
    Antworten
    @Schwabe: Nicht alles was hinkt, ist ein Vergleich. Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Es macht eigentlich nicht schlauer, krampfhaft jede deutsche Geschichte mit einem Nahost-Vergleich zu relativieren (oder jedes israelische Ereignis mit einem Nazi-Vergleich zu dämonisieren). Finde ich völlig…
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