KONTEXT Extra:
Fahrverbote: Unterstützung aus Bayern

Es wird immer enger für Dieselfahrzeuge. Seit Monaten kämpft Winfried Hermann hinter den Kulissen gegen eine Aushöhlung des Konzepts zur Luftreinhaltung in der Landeshauptstadt und damit auch für Beschränkungen an Feinstaubtagen. Jetzt hat der grüne Landesverkehrsminister Unterstützung ausgerechnet aus Bayern bekommen. Eine „Karte des Grauens“ nennen nicht nur Umweltschützer das Gutachten zur Luftqualität in München. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), so der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH), hat es über drei Wochen zurückgehalten. Jetzt wurde es publik und offenbart, dass an 260 (!) Straßen im Stadtgebiet der Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wird. Darunter sind ein Viertel aller Hauptstraßen oder 123 von 511 Kilometern. An 50 Messstellen liegen die Werte sogar über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schon Anfang 2017 - nach einer Klage der DUH - ist der Freistaat nicht nur dazu verpflichtet worden, das Gutachten zu veröffentlichen, sondern auch ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung vorzulegen.

Wie sich die Bilder gleichen: Seehofer und sein Südschienen-Partner Winfried Kretschmann (Grüne) möchten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern. Die Realisten hingegen, darunter vorsichtig auch Münchens SPD-OB Dieter Reiter, halten diese Maßnahme angesichts des Ausmaßes der Luftverschmutzung ohnehin für nur noch schwer abzuwenden. Und Winfried Hermann wiederholt gebetsmühlenhaft, dass Fahrverbote nicht vom Tisch sind. Die EU weiß er an seiner Seite: Am Freitag wurde bekannt, wie die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska alle manipulierten Fahrzeuge radikal aus dem Verkehr ziehen will – nicht irgendwann, sondern schon 2018. Zugleich nimmt die Polin die nationalen Prüfbehörden ins Visier und findet klare Worte: Die hätten versagt. (21.7.2017)


Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


AfD fühlt sich durch bunte Ballons angegriffen

Eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Rektor des örtlichen Schulverbunds sorgt seit gestern erneut für Turbulenzen in Burladingen. In einem Schreiben behauptet ein anonymer Verfasser, im Namen von zwölf weiteren Eltern zu sprechen, die sich gegen eine Luftballon-Aktion der Burladinger Schulen aussprechen. "Letztlich ging es hier um eine politische Aktion, die gegen die AfD gerichtet war", so der Text, das sei ein "klarer Missbrauch der Kinder für politische Zwecke".

Was war passiert? Am 28. Juni hatten sich mehrere Schulen, Kindergärten, das Theater Lindenhof und mehrere Privatpersonen an der Aktion "Burladingen ist bunt" beteiligt. Mit bunten Luftballons warben die Burladinger für Offenheit und Toleranz in ihrer Stadt, die derzeit gegen ihr rechtes Image kämpft (Kontext berichtete), erst recht seitdem der umstrittene Bürgermeister Harry Ebert Sympathiebekundungen für die AfD verlautbaren lässt. An der Aktion beteiligt waren alle drei Rektoren des Schulverbunds. Doch nur gegen Michael Linzner richten sich die anonymen Vorwürfe.

Für den zuständigen Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß in Albstadt ein ungewöhnlicher Fall. Noch nie habe ihn eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde erreicht, so Schultheiß gegenüber Kontext: "So habe ich ja niemanden, dem ich antworten kann." Ungewöhnlich auch, dass das Schreiben an das Kultusministerium in Stuttgart ging, an die beiden Lokalzeitungen und an das Tübinger Regierungspräsidium. Dringenden Handlungsbedarf sieht Schultheiß allerdings nicht. Kein Kind sei gefährdet, auf keinem der Ballons sei gestanden, "gegen die AfD", das ganze habe in der Pause statt gefunden und keiner habe die Kinder gezwungen, einen Ballon steigen zu lassen. Im übrigen sei Linzner seit Jahrzehnten als engagierter und erfolgreicher Lehrer bekannt, der für seine Überzeugungen stehe und kein Blatt vor den Mund nehme. "Interessant ist", schreibt der Schwarzwälder Bote, "dass Michael Linzner am Wochenende bei der Schulentlassungsfeier Kritik an Bürgermeister Harry Ebert geäußert hatte, weil dieser kurzfristig abgesagt hatte."

Die AfD-Landtagsfraktion sah sich heute zu einer Pressemitteilung herausgefordert: "Die Luftballon-Aktion, an der Michael Linzner als treibende Kraft beteiligt war, richtete sich laut anonymem Hinweis gezielt gegen die AfD". Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß sieht auch dies gelassen: "Sicher nutzen das manche nur, um auf sich aufmerksam zu machen." Initiiert hat die Aktion übrigens nicht der Rektor, sondern die Burladinger Bürgerin Tipsy Peucker. (13.7.2017)

Dazu: Rechtsabbiegen in Burladingen, Kontext-Ausgabe 323


Hunde als Soldaten

Große Natur- und Tierfilme, unvergessliche Filmbilder und spannend erzählte Geschichten: 130 Produktionen zu Natur, Tier, Umwelt und Nachhaltigkeit sind beim 16. NaturVision-Filmfestival in Ludwigsburg vom 13. bis 16. Juli (Donnerstag bis Sonntag) in Ludwigsburg zu sehen - beim größten Naturfilmfestival in Deutschland. Neben den Vorführungen im Kino Central gibt es ein Open Air auf dem Arsenalplatz. Dazu ein umfangreiches Programm auch für ganz junge Filmfans.

Schwerpunktthema in diesem Jahr: Die Stadt und das Meer. Gezeigt wird dabei auch der schockierende amerikanische Dokumentarfilm "A Plastic Ocean". Bei den Tierfilmen ist "Hundesoldaten" zu sehen, ein Film der Stuttgarter Regisseurin Lena Leonhardt über Kampfhunde bei der Bundeswehr - ausgezeichnet mit dem renommierten Grimme-Preis. "Unser Filmprogramm will für die Natur begeistern und kritisch informieren.Wir wollen aber auch zeigen, dass ein gesamtgesellschaftliches Umdenken notwendig ist, um neue Wege in Sachen Umwelt und Nachhaltigkeit zu gehen", so Festivalleiter Ralph Thoms. (12.7.2017)

Infos: www.natur-vision.de


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"Zwei Reiter am Strand" von Max Liebermann, das zweite der bisher vier als Raubkunst identifizierten Werke der Sammlung Gurlitt.

"Zwei Reiter am Strand" von Max Liebermann, das zweite der bisher vier als Raubkunst identifizierten Werke der Sammlung Gurlitt.

Ausgabe 193
Kultur

Beschlagnahmt und versteigert

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 10.12.2014
Raubkunst definiert Deutschland als "in der NS-Zeit verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter, insbesondere aus jüdischem Besitz". Haben Kunsthändler wie Hildebrand Gurlitt sich an solchen Werken gesundgestoßen, die zum Teil heute Millionen wert sind? Was, wenn ein Sammler wie Eduard Fuchs nicht Jude, sondern Kommunist war?

Es entbehrt nicht der Ironie, wenn die Kunstsammlung des Cornelius Gurlitt pauschal als Raubkunst bezeichnet wird. Gurlitt hat niemanden beraubt. Im Gegenteil, er wurde beraubt: von der Staatsanwaltschaft. Es gab dafür keinerlei rechtliche Handhabe. Soweit sich in seiner Sammlung sogenannte Raubkunst befand, sind diese Fälle längst verjährt.

Geregelt wird die Rückabwicklung von sogenannter Raubkunst durch die "Washingtoner Erklärung" von 1998: eine freiwillige Verpflichtung der Unterzeichnerstaaten, jüdische Vorbesitzer von durch die Nazis geraubten Kunstwerken, ebenfalls deren Erben trotzdem zu entschädigen. Sie betrifft jedoch nur Werke in öffentlichen Museen, nicht Privatsammler. Cornelius Gurlitt hatte sich, als 2011 bekannt wurde, dass Max Beckmanns "Löwenbändiger" dem berühmten jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim gehört hatte, mit den Erben schnell geeinigt – noch vor jedem Museum.

Aber hatte nicht sein Vater Hildebrand Gurlitt vom Handel mit Raubkunst profitiert? War er nicht, wie es neuerdings sogar in einer dpa-Meldung heißt, "Adolf Hitlers Kunsthändler"? Ganz falsch ist das nicht. Aber auch nicht ganz richtig. Denn mit der Raubkunst und dem Kunstraub ist es sehr viel komplizierter, als sich in eine Aufmerksamkeit heischende Schlagzeile packen lässt. Ohnehin bedarf es akribischer Recherchen, um herauszufinden, was Raubkunst war und was nicht, Schwammige Begrifflichkeiten machen die Sache da nicht einfacher. Außerdem: Gilt es Entschädigungen nur für Erben von jüdischen Kunstbesitzern oder auch für solche Kunstsammler, die aus anderen Gründen von den Nazis verfolgt wurden?

Gurlitt kaufte Werke für das "Führermuseum" Linz

Hildebrand Gurlitt war sicher kein Nazi. Als Museumsdirektor in Zwickau, wo er ab 1925 eine Sammlung moderner Kunst aufgebaut hatte, wurde er auf Druck des nationalsozialistischen "Kampfbunds für deutsche Kultur" bereits 1930 entlassen. Kunsthändler wurde er erst, als er 1933 auf Druck der Nazis auch seinen Posten als Leiter des Hamburger Kunstvereins räumen musste.

Hildebrand Gurlitt gehörte zu jenen vier Galeristen in Deutschland, die sich nach der Beschlagnahmung der "entarteten" modernen Kunst aus den deutschen Museen 1937 um deren "Verwertung" bewarben. Alle vier, Ferdinand Möller, Bernhard Böhmer, Karl Buchholz und Gurlitt, handelten mit moderner Kunst. Deshalb wurden sie für geeignet befunden, Werke gegen Devisen ins Ausland zu verkaufen.

Berühmtes Raubkunst-Werk: Die Büste der Nofretete. Foto: Philip Pikart/Wikipedia
Berühmtes Raubkunst-Werk: Die Büste der Nofretete. Foto: Philip Pikart/Wikipedia

Der Sündenfall kam, als der Galerist, der sein Leben lang, wie es im Nachruf heißt, "an allen Stellen größte Aktivität" entfaltete, sich 1943 bereit erklärte, im besetzten Frankreich Werke für das geplante "Führermuseum" in Linz anzukaufen. 168 Kunstwerke erstand Gurlitt für das Museum, je älter desto teurer. 825 000 Reichsmark kostete etwa ein von Jean Fouquet gemaltes Porträt aus dem 15. Jahrhundert, eines von Ingres aus dem neunzehnten Jahrhundert dagegen nur 285 000 Mark.

Gurlitt war dabei nur Zwischenhändler. Beauftragt von Hermann Voss, dem Direktor der Dresdner Gemäldegalerie, kaufte er in der Regel bei Theo Hermsen, wie aus den nun ins Netz gestellten Geschäftsbüchern Gurlitts hervorgeht. Die Vorbesitzer sind nur in seltenen Fällen bekannt. Ganze vier Werke sind bisher, nach monatelangen Recherchen, in der mehr als 1500 Werke umfassenden Sammlung ausfindig gemacht worden, die wahrscheinlich als "Raubkunst" im Sinne der "Washingtoner Erklärung" identifiziert werden können. Kann man deshalb die ganze Sammlung als Raubkunst bezeichnen?

Kunstraub ist so alt wie die Kunst. Auf dem vierten Kreuzzug plünderten die Kreuzfahrer Konstantinopel, statt ins Heilige Land vorzustoßen. Venedig wurde zur reichsten Stadt Europas. Zur Beute gehören einige der bedeutendsten Kunstwerke der Markuskirche. Die Geburt des Museums verdankt sich dem größten Kunstraub der Geschichte: Aus ganz Europa und dem Mittelmeerraum ließ Napoleon Werke zusammentragen – die zum Teil später in ihre Herkunftsländer zurückgebracht wurden –, um sie im früheren Königsschloss Louvre auszustellen. In der kolonialen Epoche wanderten Kunstgegenstände aus aller Welt nach Europa. 

Heute gibt es Streit um die Nofretete-Büste oder die Elgin Marbles vom Athener Parthenon. Weitaus mehr geraubte Kunst lagert in den Völkerkundemuseen. Die berühmten Benin-Bronzen etwa kamen 1897 nach einer britischen "Strafexpedition" nach England und anschließend durch Auktionen überwiegend an deutsche Museen. Auch heute noch verlassen archäologische Funde zu Tausenden illegal den afrikanischen Kontinent, um in amerikanischen und europäischen Privatsammlungen zu landen. Auch in neuerer Zeit gab es Kunstraub: Zu George W. Bushs Irakkrieg gehörte ein organisierter Kunstraub aus dem Irakischen Nationalmuseum.

Wo ist die Grenze zu einer einer Notsituation?

Doch so paradox es klingt: "Raubkunst" ist nicht einfach das Resultat von "Kunstraub". Nach der "Washingtoner Erklärung", bezeichnet der Begriff ausschließlich von den Nationalsozialisten beschlagnahmte Kulturgüter – andernfalls ist von "Beutekunst" oder eben "Kunstraub" die Rede. Wenn aber der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg (ERR) in Frankreich Kunstwerke aus privaten und öffentlichen Sammlungen beschlagnahmte, könnte man ebensogut von Kunstraub oder Raubkunst wie von Beutekunst sprechen. 

Moderne Kunst wurde eingetauscht gegen Alte Meister. Daran beteiligt war der Galerist Gustav Rochlitz, bei dem wiederum Gurlitt gelegentlich einkaufte. Die "Sitzende Frau" von Henri Matisse, die als erstes Bild der Gurlitt'schen Sammlung als Raubkunst identifiziert wurde, soll aus der beschlagnahmten Sammlung Paul Rosenberg über Rochlitz an Gurlitt gelangt sein.

Um den Fall noch komplizierter zu machen: Während die "Washingtoner Erklärung" von beschlagnahmten Kunstwerken spricht, heißt es in der deutschen Fassung "verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter". Nicht nur wer enteignet wurde, auch wer unter dem Druck der Verfolgung seine Kunstsammlung unter Wert verkaufte, soll berücksichtigt werden. Nur öffnet dies einen breiten Interpretationsspielraum: Wo ist die Grenze zwischen freiwilligem Verkauf und einer Notsituation?

Marianne d'Hooge, Mitarbeiterin von Karl Buchholz. Foto: Godula Buchholz
Marianne d'Hooge, Mitarbeiterin von Karl Buchholz. Foto: Godula Buchholz

"1937: Jahr der Trennungen", schreibt Marianne d'Hooge, Mitarbeiterin des Buchhändlers und Galeristen Karl Buchholz, in ihrem 1969 erschienenen Buch "Mitbetroffen", über jüdische Sammler, die fliehen mussten: "Menschen kamen und verabschiedeten sich, die wir jahrelang betreut hatten, und wenn sie sich bei uns bedankten, stiegen mir oft Tränen des Zorns und der Scham in die Augen." Edith Schulz, eine andere Mitarbeiterin, stellt fest: "Wir haben viele Kunden verloren. Wir müssen neue Kunden werben, und das wird nicht leicht sein." In der Biografie ihres Vaters fügt Godula Buchholz hinzu: "Hier sind die jüdischen Kunden gemeint." Es ist ein Irrtum, zu glauben, Kunsthändler hätten hohe Gewinne gemacht, wenn jüdische Sammler ihre Kollektionen gezwungenermaßen unter Wert verkauften. Die Sammler selbst waren ihre besten Kunden.

Nicht als Raubkunst gilt dagegen die konfiszierte "entartete Kunst". 3700 Werke übernahm Hildebrand Gurlitt aus dem Depot in Schloss Niederschönhausen. Inwiefern Kunsthändler wie er von der "Verwertung" profitierten, lässt sich kaum schlüssig ausrechnen. 

Hohe Gewinnspannen auf niedrigem Niveau

Die Beschlagnahmung von mehr als 20 000 modernen Werken aus den Museen führte zu einem enormen Preisverfall. So konnte Galerist Buchholz Werke von Paul Klee über den in den USA lebenden Curt Valentin, einen früheren Mitarbeiter des berühmten jüdischen Galeristen Alfred Flechtheim, der bis 1937 seine Berliner Galerie geleitet hatte, in New York günstiger anbieten als die Konkurrenz, obwohl Valentin manchmal das Vierfache des Ankaufspreises verlangte.

Vom heutigen Preisniveau darf man sich allerdings nicht täuschen lassen. Für das 1937 aus der Stuttgarter Staatsgalerie beschlagnahmte kleine Gemälde "Rhythmus der Fenster" zahlte Buchholz seinerzeit 120 US-Dollar – in Mark etwa das Vierfache. 2007 kostete der Rückkauf die Staatsgalerie 1,9 Millionen Euro. Für Klees Druckgrafiken bezahlte Buchholz zumeist nur einen Dollar. Die Gewinnspanne war hoch, aber auf sehr niedrigem Niveau. 

Aber auch Buchholz wurde beraubt: "Hier nun muss ich mit Bedauern sagen, dass Ihr Eigentum, Ihre Kunstwerke sowie recht beträchtliche Geldsummen, die Ihnen und Ihren Künstlern in Deutschland gehören, vor längerer Zeit vom Alien Property Custodian beschlagnahmt und dass die Gemälde öffentlich versteigert wurden", schreibt ihm Valentin im September 1945 aus New York. Die Alien Property Custodian beschlagnahmte während des Ersten und Zweiten Weltkriegs Eigentum von Angehörigen feindlicher Staaten der USA.

Karl Buchholz (Mitte rechts) bei der Eröffnung seiner Buchhandlung in Lissabon 1943. Foto: Godula Buchholz
Karl Buchholz (Mitte rechts) bei der Eröffnung seiner Buchhandlung in Lissabon 1943. Foto: Godula Buchholz

Buchholz hatte die Galerie in New York eben deshalb an Valentin überschrieben, weil deutscher Besitz dort eingezogen wurde. Werke, die ihm gehörten, und Kommissionsware waren nicht geschützt. Mitten im Krieg eröffnete Buchholz Filialen in Bukarest, Lissabon und Madrid, Der Berliner Laden wurde 1943 von Bomben getroffen. Nach dem Krieg fand er seine Villa in Berlin ausgeplündert vor. Der Verdacht fiel auf Gerd Rosen, einen jüdischen Kunstsammler, der im Nachkriegsberlin die erste Galerie eröffnete und dort dezidiert modernde Kunst ausstellte, von zuvor als "entartet" verfemten Künstlern ebenso wie von jungen Künstlern der Nazizeit.

Eduard Fuchs: Sammler und Kommunist

In der deutschen Version der "Washingtoner Prinzipien" folgt auf "verfolgungsbedingt entzogene Kulturgüter" der Zusatz "insbesondere aus jüdischem Besitz." Ironischerweise ist auf der Website lostart.de, einer Datenbank, die durch die Nazis geraubte Kunst und Kulturgüter auflistet, unter "Jüdische Sammler und Kunsthändler" auch Eduard Fuchs aufgeführt.

Doch Fuchs war kein Jude. Er war Kommunist. Wie werden nun Kommunisten, die aufgrund ihrer politischen Einstellung Deutschland und ihre Kunstsammlungen verließen, entschädigt?

Max Slevogt: Porträt Eduard Fuchs. Bild: Staatsgalerie Stuttgart
Max Slevogt: Porträt Eduard Fuchs. Bild: Staatsgalerie Stuttgart

1870 in Göppingen geboren, wuchs Fuchs in Stuttgart auf, arbeitete nach einer Kaufmannslehre in einer Druckerei und kam wegen Verstoßes gegen die Sozialistengesetze fünf Monate ins Gefängnis. Er ging nach München und entdeckte als Redakteur des sozialdemokratischen "Süddeutschen Postillon" sein Interesse an der Karikatur, zu deren Geschichte er später ein Standardwerk verfasste. Es folgten eine Geschichte der erotischen Kunst und sein erfolgreichstes Werk, die "Illustrierte Sittengeschichte".

Während Fuchs sich politisch immer mehr radikalisiert, von der SPD zur KPD und zur Kommunistischen Partei-Opposition (KPO) wechselt, wird er zugleich zum bedeutendsten Sammler der Werke von Honoré Daumier. Staatsgalerie-Direktor Otto Fischer versucht die Kollektion 1924 für Stuttgart zu erwerben. Doch Fuchs plant inzwischen in Berlin ein privates Museum.

Als er 1933 das Land verlässt, wird die Sammlung beschlagnahmt und versteigert: darunter 40 Gemälde sowie 50 bis 60 Aquarelle und Zeichnungen von Max Slevogt, 25 Gemälde und Hunderte Lithografien von Daumier, Werke von Max Liebermann, Gustave Courbet, Théodor Géricault und George Grosz, zahlreiche Ostasiatica sowie weit mehr als 20 000 Druckgrafiken und eine 8000 Bände umfassende Bibliothek.

Seine Villa in Berlin-Zehlendorf war ein frühes Werk des Architekten Ludwig Mies van der Rohe. Einen Restitutionswunsch der Erben lehnte der damalige Besitzer, die Stiftung Deutsche Klassenlotterie, im Jahr 2000 ab. Heute beherbergt die Villa die Parzival-Schule für behinderte Kinder.

Noch im Februar 2014 kam im Auktionshaus Sotheby's ein Daumier-Gemälde aus der Sammlung Fuchs für 43 750 britische Pfund unter den Hammer.


Info:

Mehr zu Eduard Fuchs in der soeben erschienenen Biografie des promovierten Kunsthistorikers und Fuchs-Experten Ulrich Weitz. Das Buch ist hier zu erwerben.

 


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Ausgabe 327 / Post an den MP / Monika Kremmer / vor 1 Tag 21 Stunden
Großartig ironischer Brief. Danke!



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