KONTEXT Extra:
Lindenhof kriegt eine Million vom Land

Das Theater Lindenhof ist ein Unikum in der baden-württembergischen Bühnenlandschaft, ein Regionaltheater in dem nicht einmal 1000 Seelen zählenden Dorf Melchingen, das mit Aufsehen erregenden Inszenierungen, etwa 2016 einem Stück mit syrischen Geflüchteten, immer wieder weit ins Land hinaus wirkt. Seit langem allerdings stehen in dem 1981 gegründeten Theater umfangreiche Umbauarbeiten an, um die Standards für Zuschauer und Schauspieler auf ein zeitgemäßes Niveau zu heben, unter anderem einen barrierefreien Zugang zu gewährleisten.

Für dieses Vorhaben gibt es nun eine Förderung von einer Million Euro vom Land. Am Freitag überreichte Peter Hauk (CDU), Minister für den ländlichen Raum, Lindenhof-Intendant Stefan Hallmayer den Zuschussbescheid. Eine stattliche Summe, Hallmayer ist dennoch "nicht überrascht" über die Höhe. "Wir hatten ja Anträge in bestimmten Höhen gestellt, das ist alles vorbesprochen worden." Schon bisher wird das Theater von den Landkreisen Tübingen, Reutlingen und Zollernalb, der Sitzgemeinde Burladingen und vom Land gefördert, insofern entsprächen auch der Finanzierungsmix für den Umbau dieser Konstruktion. Trotzdem ist der Intendant ungeheuer froh über die jetzt bewilligte Landesförderung, denn immerhin habe es über acht Jahre von den ersten Plänen bis jetzt gedauert, die Umbaufinanzierung sicher zu stellen. "Es hat schon viel Überzeugungsarbeit bedurft", sagt Hallmayer, und auch nach dem Wechsel vom früheren zuständigen Minister Alexander Bonde (Grüne) zu Peter Hauk nach der Landtagswahl 2016 habe man wieder neuen Anlauf nehmen müssen. "Aber wir haben gemerkt, dass von allen Fraktionen eine außergewöhnliche Wertschätzung für das Theater da war."

Nun kann sofort mit dem Bauen begonnen werden, "der Bagger ist schon da", so Hallmayer. An den auf 2,5 Millionen Euro veranschlagten Baukosten beteiligen sich auch die angrenzenden Landreise und die Gemeinde Burladingen, und mit 750 000 Euro Eigenmitteln auch die Stiftung Theater Lindenhof. "Einen Teil davon haben wir schon", sagt Hallmayer, "für einen Teil wollen wir noch Unternehmen als Partner werben." (23.7.2017)


Fahrverbote: Unterstützung aus Bayern

Es wird immer enger für Dieselfahrzeuge. Seit Monaten kämpft Winfried Hermann hinter den Kulissen gegen eine Aushöhlung des Konzepts zur Luftreinhaltung in der Landeshauptstadt und damit auch für Beschränkungen an Feinstaubtagen. Jetzt hat der grüne Landesverkehrsminister Unterstützung ausgerechnet aus Bayern bekommen. Eine „Karte des Grauens“ nennen nicht nur Umweltschützer das Gutachten zur Luftqualität in München. Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), so der Vorwurf der Deutschen Umwelthilfe (DUH), hat es über drei Wochen zurückgehalten. Jetzt wurde es publik und offenbart, dass an 260 (!) Straßen im Stadtgebiet der Stickoxid-Grenzwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter überschritten wird. Darunter sind ein Viertel aller Hauptstraßen oder 123 von 511 Kilometern. An 50 Messstellen liegen die Werte sogar über 60 Mikrogramm pro Kubikmeter. Schon Anfang 2017 - nach einer Klage der DUH - ist der Freistaat nicht nur dazu verpflichtet worden, das Gutachten zu veröffentlichen, sondern auch ein Maßnahmenpaket zur Verbesserung vorzulegen.

Wie sich die Bilder gleichen: Seehofer und sein Südschienen-Partner Winfried Kretschmann (Grüne) möchten Fahrverbote für Dieselfahrzeuge verhindern. Die Realisten hingegen, darunter vorsichtig auch Münchens SPD-OB Dieter Reiter, halten diese Maßnahme angesichts des Ausmaßes der Luftverschmutzung ohnehin für nur noch schwer abzuwenden. Und Winfried Hermann wiederholt gebetsmühlenhaft, dass Fahrverbote nicht vom Tisch sind. Die EU weiß er an seiner Seite: Am Freitag wurde bekannt, wie die zuständige EU-Industriekommissarin Elzbieta Bienkowska alle manipulierten Fahrzeuge radikal aus dem Verkehr ziehen will – nicht irgendwann, sondern schon 2018. Zugleich nimmt die Polin die nationalen Prüfbehörden ins Visier und findet klare Worte: Die hätten versagt. (21.7.2017)


Der doppelte Martin

Wo war Martin Schulz am Montagabend? Die "Stuttgarter Zeitung" behauptet, der Kanzlerkandidat sei bei ihr gewesen. Bei "StZ im Gespräch". Die "Stuttgarter Nachrichten" schreiben, Schulz sei bei ihnen gewesen. Beim "Treffpunkt Foyer". Recherchen von Kontext haben ergeben, dass der Spitzengenosse tatsächlich bei beiden war. Zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Besuchern. Gesagt hat er auch das Gleiche, nur die Überschriften waren anders. Bei der StZ greift Schulz die Kanzlerin scharf an, bei den StN bläst er zur Aufholjagd, und die Chefredakteure dürfen auf den Titelblättern verschieden von vorne gucken. Fritz Kuhn wiederum, der Oberbürgermeister, klatscht in beiden Zeitungen gleich. Es ist einfach immer wieder schön zu sehen, dass eine Gazette so tut als wäre sie zwei. Das ist wichtig, wegen der Presse- und Meinungsvielfalt. (18.07.2017)


Landesregierung zu Fahrverboten: Aus Ja wird Jein

Vier Tage vor dem nächsten Termin am Stuttgarter Verwaltungsgericht in Sachen Feinstaub steigt die Nervosität. "Bei der Diskussion um den Luftreinhalteplan steht der Gesundheitsschutz der Bürger im Vordergrund und das Gebot, die Luft, die wir alle atmen, sauber zu halten", sagt Andreas Schwarz, Fraktionschef der Grünen um Landtag. Und doch muss er zusehen, wie seiner Partei die schärfste Maßnahme, die Möglichkeit, Straßen an Feinstaubtagen für den Verkehr zu sperren, aus der Hand geschlagen wird. Bereits Anfang Juli hatte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) darüber informiert, dass er streckenbezogene Fahrverbote für rechtlich nicht zulässig hält, wenn durch die Kombination dieser Straßen de facto eine Fahrverbotszone gebildet wird. Dementsprechend sah der Anwalt des Landes jetzt die Notwendigkeit, dem Verwaltungsgericht im Vorfeld des Verfahrens am kommenden Mittwoch mitzuteilen, dass am Instrument der Fahrverbote nicht weiter festgehalten wird.

Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) will im Kabinett am Dienstag dagegen durchsetzen, im Luftreinhalteplan einen solchen Rückzieher nur für den Fall festzuschreiben, dass die Nachrüstung älterer Diesel-Fahrzeuge jenes Minus an Emission bringt, das auch Fahrverbote bringen würden. "Der Luftreinhalteplan, wie er von beiden Koalitionspartnern und den betroffenen grün- und CDU-geführten Ministerien vorgesehen ist", erläutert auch Schwarz, "macht noch einmal klar: Verkehrsbeschränkungen würde es dann geben, wenn die Nachrüstung verschleppt wird oder nicht die erwartete Wirkung bringt." Und der Kirchheimer Abgeordnete, der die Fraktion seit gut einem Jahr führt, spielt den Ball zurück an Dobrindt: Jetzt sei der Bund in der Pflicht, denn der müsse "dringend alle technischen und rechtlichen Fragen zur Nachrüstung für verbindlich erklären und die Blaue Plakette einzuführen, denn sie ist das beste Mittel, um allgemeine Fahrverbote zu vermeiden". (15.7.2017)


AfD fühlt sich durch bunte Ballons angegriffen

Eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde gegen den Rektor des örtlichen Schulverbunds sorgt seit gestern erneut für Turbulenzen in Burladingen. In einem Schreiben behauptet ein anonymer Verfasser, im Namen von zwölf weiteren Eltern zu sprechen, die sich gegen eine Luftballon-Aktion der Burladinger Schulen aussprechen. "Letztlich ging es hier um eine politische Aktion, die gegen die AfD gerichtet war", so der Text, das sei ein "klarer Missbrauch der Kinder für politische Zwecke".

Was war passiert? Am 28. Juni hatten sich mehrere Schulen, Kindergärten, das Theater Lindenhof und mehrere Privatpersonen an der Aktion "Burladingen ist bunt" beteiligt. Mit bunten Luftballons warben die Burladinger für Offenheit und Toleranz in ihrer Stadt, die derzeit gegen ihr rechtes Image kämpft (Kontext berichtete), erst recht seitdem der umstrittene Bürgermeister Harry Ebert Sympathiebekundungen für die AfD verlautbaren lässt. An der Aktion beteiligt waren alle drei Rektoren des Schulverbunds. Doch nur gegen Michael Linzner richten sich die anonymen Vorwürfe.

Für den zuständigen Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß in Albstadt ein ungewöhnlicher Fall. Noch nie habe ihn eine anonyme Dienstaufsichtsbeschwerde erreicht, so Schultheiß gegenüber Kontext: "So habe ich ja niemanden, dem ich antworten kann." Ungewöhnlich auch, dass das Schreiben an das Kultusministerium in Stuttgart ging, an die beiden Lokalzeitungen und an das Tübinger Regierungspräsidium. Dringenden Handlungsbedarf sieht Schultheiß allerdings nicht. Kein Kind sei gefährdet, auf keinem der Ballons sei gestanden, "gegen die AfD", das ganze habe in der Pause statt gefunden und keiner habe die Kinder gezwungen, einen Ballon steigen zu lassen. Im übrigen sei Linzner seit Jahrzehnten als engagierter und erfolgreicher Lehrer bekannt, der für seine Überzeugungen stehe und kein Blatt vor den Mund nehme. "Interessant ist", schreibt der Schwarzwälder Bote, "dass Michael Linzner am Wochenende bei der Schulentlassungsfeier Kritik an Bürgermeister Harry Ebert geäußert hatte, weil dieser kurzfristig abgesagt hatte."

Die AfD-Landtagsfraktion sah sich heute zu einer Pressemitteilung herausgefordert: "Die Luftballon-Aktion, an der Michael Linzner als treibende Kraft beteiligt war, richtete sich laut anonymem Hinweis gezielt gegen die AfD". Schulamtsdirektor Gernot Schultheiß sieht auch dies gelassen: "Sicher nutzen das manche nur, um auf sich aufmerksam zu machen." Initiiert hat die Aktion übrigens nicht der Rektor, sondern die Burladinger Bürgerin Tipsy Peucker. (13.7.2017)

Dazu: Rechtsabbiegen in Burladingen, Kontext-Ausgabe 323


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Ernst Kunkel: SA-Überfall auf Eugen Kunkel, 1933, Aquarell/Kohle. Württembergisches Landesmuseum, Zweigstelle Waldenbuch

Ernst Kunkel: SA-Überfall auf Eugen Kunkel, 1933, Aquarell/Kohle. Württembergisches Landesmuseum, Zweigstelle Waldenbuch

Ausgabe 138
Zeitgeschehen

Versteckt und vergessen

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 20.11.2013
Während in München mit lautem Getöse ein verlorener Kunstschatz gehoben wird, schlummern in und um Stuttgart außergewöhnliche Bilder aus der Nazizeit. Sie wurden damals versteckt, sie auszustellen wäre lebensgefährlich gewesen. Weil sie vorausschauend zeigten, wohin Hitlers Gewaltherrschaft letztlich führte. Bis heute sind die Arbeiten nie einer größeren Öffentlichkeit präsentiert worden. Kontext zeigt eine Auswahl.

Auf einer dunkelgrauen Wolke schwebt die Büste Adolf Hitlers, die rechte Hand emporgereckt und zur Faust geballt. Lichtstrahlen gehen von ihr aus wie von einem Blitze schleudernden Thor. An drei Tischen verdrehen alle die Hälse, um mit offenen, geifernden Mündern dem Führer zuzujubeln.

Ernst Kunkels Ölskizze entstand bereits in den ersten Jahren der NSDAP, womöglich noch vor dem Putschversuch im November 1923. Kunkel, Sohn eines Schriftsetzers, Gewerkschafters und zeitweiligen SPD-Landesvorstands, der das erste Haus im heutigen Stuttgarter Nobelviertel am Frauenkopf errichtete, war ein scharfer Beobachter des Zeitgeschehens. Zeichnungen und Aquarelle zeigen Stammtischler, Tänzer, seinen Vater als Redner im Stuttgarter Clara-Zetkin-Haus, eine Demonstration gegen Preiserhöhungen, einen Knaben im Sonntagsanzug oder seinen Bruder Eugen, der dem "Bund der religiösen Sozialisten" angehörte, als grünen "Kräuter-Eku". Als dieser im April 1933 einen Aufruf unterzeichnete, der den Nationalsozialismus als "antichristliche Anbetung der Gewalt" anprangerte und in der Aufforderung gipfelte: "Lehnt Hitler ab!", stürmten SA-Truppen das Haus am Frauenkopf und verschleppten ihn in das neu eingerichtete Konzentrationslager "Heuberg" auf der Schwäbischen Alb – eine Begebenheit, die sein Bruder Ernst sogleich in einem Aquarell festhielt.

Ernst Kunkel, Hitlers Redegewalt, um 1922/23, Öl/Pappe. Württembergisches Landesmuseum, Zweigstelle Waldenbuch.
Ernst Kunkel: Hitlers Redegewalt, um 1922/23, Öl/Pappe. Württembergisches Landesmuseum, Zweigstelle Waldenbuch.

Selbstverständlich hat der Künstler diese Arbeit damals nicht ausstellen können – ebenso wenig wie die kleinen "Arschlecker" (1936), die um eine dumpfe Figur mit Revolver und Patronengurt herumschleichen. Nach dem Krieg wollte Kunkel Mitglied im Künstlerbund werden, wurde aber nicht aufgenommen. Er zog sich ins Private zurück und verarbeitete ganz am Ende seines Lebens seine Erlebnisse in den Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Zu Lebzeiten hatte er eine einzige Ausstellung, 1981 im Stuttgarter Gewerkschaftshaus. Eine weitere fand aus Anlass seines 100. Geburtstags auf Schloss Waldenbuch statt, der Abteilung für "Alltagskultur" des Landesmuseums Württemberg, wo sein Werk in den volkskundlichen Sammlungen verwahrt wird. Dabei ist Kunkel alles andere als ein naiver Volkskünstler. Nach Kursen an der Kunstgewerbeschule hat er auf Anraten des "schwäbischen Impressionisten" Christian Landenberger drei Jahre an der Stuttgarter Kunstakademie studiert, die er "aus Mangel an Geldmitteln" verließ, wie dieser in seinem Abschlusszeugnis festhält. Weiterhin bescheinigt ihm Landenberger, er sei "außerordentlich begabt und besitzt ein ausgezeichnetes künstlerisches Talent. In Beziehung auf Fleiß ist Herr Kunkel als vorbildlich zu bezeichnen."

Hermann Sohn ist verglichen mit Kunkel ein bekannter Maler. Annähernd gleich alt, wie Kunkel Lithograf, hatte er etwas früher bei Landenberger zu studieren begonnen, aber auch bei Adolf Hölzel, in dessen Klasse er Willi Baumeister und Oskar Schlemmer kennenlernte, und schließlich bei Heinrich Altherr. "Unter denen, die durch Altherrs Schule gegangen sind oder doch angeregt wurden, ist der stärkste wohl Hermann Sohn", meint der Galerist Bert Schlichtenmaier. Sohn wurde gefördert von Hugo Borst, dem Kunstsammler und ehemaligen Vorstand der Robert Bosch GmbH, dessen Sammlung sich heute in der Staatsgalerie befindet. Nach dem Krieg wurde er in den Planungsausschuss zur Wiedereröffnung der Stuttgarter Akademie berufen, wo er bis 1962 eine Malklasse leitete.

Hermann Sohn: Kristallnacht, 1938, Öl/Leinwand. Privatbesitz
Hermann Sohn: Kristallnacht, 1938, Öl/Leinwand. Privatbesitz

Als Marion Ackermann, bis 2009 Direktorin des Kunstmuseums Stuttgart und heute Direktorin der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf, "Die schwarzen Männer" im Depot des Kunstmuseums entdeckte, reservierte sie Sohns Gemälde einen Platz in der Dauerausstellung – die freilich immer wieder einmal umgehängt wird. Auch im Esslinger Landratsamt war das Bild einmal ausgestellt. Zu sehen sind vier Gestalten in Schwarz, den Hut auf dem Totenschädel, die Hakenkreuzbinde am Oberarm, mit verschiedenen Attributen: Ein Blumenstrauß bezeichnet den Schöngeist, ein Koffer den Arzt, die Tasche eines Zeitungs-Austrägers die Presse. Das 1934 entstandene Bild trägt den Untertitel: "Die Ratten verlassen das Schiff": eine scharfe Kritik an den Mitläufern, die ihre Überzeugungen in den Wind schreiben und zu willfährigen Dienern des Systems werden.

"Hier in Esslingen da gab's ein israelitisches Waisenhaus", gibt Hermann Sohn 1968 an seinem 75. Geburtstag zu Protokoll – es handelt sich um das heutige Theodor-Rothschild-Haus, heute Sitz der Esslinger Stiftung Jugendhilfe aktiv. "Und ich bin geholt worden, von einem Malermeister, wegen Farbbestimmungen, in dieser Kaserne oben, in der Becelaere-Kaserne. Und wir fahren da die Mühlbergerstraße 'nauf, die Panoramastraße, und kommen an dieses Waisenhaus hin. Da ist vorne ein großer Hof gewesen. Man ist da die Staffeln raufgegangen. Und da seh' ich, wie da die Kinder rausspringen und schreien: 'mordio!' und rennen und tun und machen. Und dann spring' ich rein in den Hof, ein großer Schulhof, spring' ich rein, und jetzt schmeißen sie oben durch die Fenster Fahnen, israelitische Fahnen, und alles mögliche zum Fenster raus, und Bücher und was weiß ich. Also da ging's drunter und drüber." "Das war die SA!", lässt sich auf der Tonbandaufzeichnung eine andere Stimme vernehmen. Sohn weiter: "Und ich steh' in dem Hof, und ich schrei', was ich aus dem Hals rausbring': 'Polizei! Polizei! Wo ist denn die Polizei! Polizei!' Und dann rennt einer von den Kerle auf mich zu und sagt: 'Kerle, wenn du jetzt net deine Gosch hältst, und gleich verschwindest, dann schlag' ich dir den Schädel ein!' Jetzt ist das die Zeit gewesen der Kristallnacht. Auf dies hin ist die Kristallnacht gekommen. Und die Kinder sind alle dem Wald zugerannt, dem Schurwald zugerannt, und auch der Leiter von diesem israelitischen Waisenhaus. Das habe ich natürlich nicht gewusst. Und ich bin heim und nehme meine Leinwand und habe dieses Bild gemalt. Das ist die 'Krystallnacht': fünfarmiger Leuchter hinten und dann der Judenstern. Das hätt' ich dürfen niemand zeigen. Das hab' ich versteckt gehabt."

Das Bild bleibt bis heute versteckt. Wie die Erben auf einer dem Künstler gewidmeten Internet-Seite schreiben, habe "die Stadt Esslingen nie Interesse am Erwerb eines solchen Zeitdokuments gezeigt".

Oskar Zügel: Sieg der Gerechtigkeit. Untergang des Unsterns Hitler. Zerstörung Stuttgarts, 1934-46, Öl/Leinwand. Oskar-Zügel-Archiv.
Oskar Zügel: Sieg der Gerechtigkeit. Untergang des Unsterns Hitler. Zerstörung Stuttgarts, 1934–46, Öl/Leinwand. Oskar-Zügel-Archiv

Oskar Zügel ist ebenfalls nahezu gleich alt wie Kunkel und Sohn, hat bei Christian Landenberger, Adolf Hölzel und Heinrich Altherr studiert und war mit Willi Baumeister befreundet. Gegen Ende der 1920er-Jahre entstand eine Reihe kubistischer Bilder, darunter ab 1930 die Serie "Genotzüchtigte Kunst" mit Untertiteln wie "Diktator" und "Joseph Goebbels". Unmittelbar nach der Machtergreifung der Nazis bekam Oskar Zügel Besuch von der SA. Bilder wurden beschlagnahmt. Sie sollten verbrannt werden, überlebten jedoch den Krieg. Eine Ausstellung im Essener Museum Folkwang, in der Zügel vertreten war, wurde 1933 geschlossen. Oskar Zügel wurde kurz danach zum Polizeipräsidium vorgeladen, um, wie seine Tochter berichtet, einen "fast bis zur Unkenntlichkeit zusammengeschlagenen jüdischen Freund" zu identifizieren.

Zügel begann dann an einem Gemälde zu arbeiten, das er später sein "Schicksalsbild" nennen wird und dem er drei Titel gibt: "Sieg der Gerechtigkeit", "Untergang des Unsterns Hitler" und "Zerstörung Stuttgarts". Eine rote Kanonenkugel mit Hakenkreuz löst einen Höllensturz in eine braune, zerstörte Stadtlandschaft aus. 1934 verließ Zügel Deutschland; das unfertige Werk nahm er zusammengerollt mit ins Exil nach Spanien. Drei Jahre später flüchtete er weiter nach Argentinien und ließ das inzwischen fertige Gemälde zurück, das, wie sich bei seiner Rückkehr 1950 herausstellte, die Zeit unbeschadet überstanden hatte.

Als Zügel 1981 zum bisher einzigen Mal in Stuttgart mit einer Einzelausstellung gewürdigt wird, ist das Bild nicht vertreten. Nur in einer kleinen Ausstellung zur Erinnerung an den jüdischen Anwalt Manfred Uhlmann in der zweiten Etage des Wilhelmspalais war es 1992 zu sehen. Wie Esslingen im Fall Sohns, so hat auch Stuttgart bisher keinerlei Interesse gezeigt, dieses für die Geschichte der Stadt so bedeutsame Gemälde zu erwerben.

Oskar Zügel: Genotzüchtigte Kunst III – Joseph Goebbels, 1930, Öl/Leinwand. Oskar-Zügel-Archiv
Oskar Zügel: Genotzüchtigte Kunst III – Joseph Goebbels, 1930, Öl/Leinwand. Oskar-Zügel-Archiv

Kunkel, Sohn und Zügel gehören zu den Künstlern der "verschollenen Generation", wie sie der Kunsthistoriker Rainer Zimmermann genannt hat: Zur falschen Zeit geboren, fanden sie auch nach dem Krieg nur wenig Beachtung. Abstrakte Kunst war gefragt, das war einfacher, als sich mit unbequemen Dingen konfrontieren zu müssen. Künstler, die ins Exil gegangen waren, hatten es schwer, wieder Fuß zu fassen, wie auch der Schriftsteller Alfred Döblin feststellen musste: Die Daheimgebliebenen, von Angst und schlechtem Gewissen geplagt, wollten von ihnen nichts wissen. Heute hat sich diese Situation noch immer nicht grundlegend geändert. Die meisten Werke von Sohn und Zügel befinden sich weiterhin im Besitz der Erben, die Museen zeigen wenig Interesse. An der künstlerischen Qualität liegt es nicht: Beide gehören zu den herausragenden Malern, die in den 1920er-Jahren in Stuttgart zu arbeiten begannen.

Ähnliches gilt für eine ganze Anzahl weiterer Künstler, die dem Nationalsozialismus ablehnend gegenüberstanden, wie etwa Heinrich Altherr, Bernhard Pankok oder Rudolf Rochga. Doch auch Fritz von Graevenitz, 1938 bis 1946 Direktor der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, der anfangs große Hoffnungen auf Hitler setzte, übte später Kritik an der Kunstauffassung der Nationalsozialisten. Er nahm Wilhelm Lehmbruck in Schutz, als dieser in der Ausstellung "Entartete Kunst" in München gezeigt wurde, und sprach den Ministerpräsidenten Christian Mergenthaler auf die Morde an Behinderten auf Schloss Grafeneck an, wie Julia Müller in ihrer kenntnisreichen Dissertation herausgearbeitet hat. Die Geschichte vieler anderer Künstler ist siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs immer noch nicht aufgearbeitet. In Depots der Museen und in Privatsammlungen dürften noch einige Werke lagern, die zeigen, wie Künstler das "Dritte Reich" erlebt haben: keineswegs alle Anhänger der Nazis, unabhängig von der Kunstrichtung.


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