Ausgabe 144
Kultur

Stuttgart: Hauptstadt des Verdrängens

Von Dietrich Heißenbüttel
Datum: 01.01.2014
Der Maler Oskar Zügel hat schon früh die Schreckensherrschaft der Nazis illustriert. Zur Erinnerung an die nationalsozialistische Machtergreifung vor 80 Jahren wurde sein bedeutendstes Werk im vergangenen Jahr in Berlin gezeigt. Seiner Heimatstadt Stuttgart war der Künstler bislang keine Ausstellung wert.

Der "Ikarus" von Oskar Zügel, 1936 entstanden, stand Anfang 2013 im Mittelpunkt einer Ausstellung im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestags: eine abstrahierte stürzende Figur, in der man die Form eines Hakenkreuzes erkennen kann, sinnbildlich für den unvermeidlichen Niedergang des NS-Systems. Wie ein Detail aus Zügels größerem "Schicksalsbild", das er 1934 in Stuttgart begonnen und bis 1936 im Exil in Spanien fertiggestellt hatte.

Zwischen drei Titeln konnte sich der Maler nicht entscheiden: "Sieg der Gerechtigkeit", "Untergang des Unsterns Hitler" und "Zerstörung Stuttgarts". Die Ausstellung im Paul-Löbe-Haus fand statt zur Erinnerung an die nationalsozialistische Machtergreifung vor 80 Jahren. In Stuttgart hat es keine solche Ausstellung gegeben. Zügels Schicksalsbild war hier nur einmal 1992 zu sehen, gut versteckt in der zweiten Etage der Stadtbücherei.

Stuttgart ist dabei, München den Rang als "Hauptstadt der Verdrängung" abzulaufen. Als letzte Großstadt richtet die Schwabenmetropole nun im ehemaligen württembergischen Gestapo-Quartier "Hotel Silber" einen Lern- und Gedenkort ein. Einen Spar-Gedenkort: Haushaltskonsolidierung geht vor. Werke von Ernst Ludwig Kirchner - der sich nach der Entfernung seiner Gemälde aus deutschen Museen 1938 umbrachte - erzielen heute zweistellige Millionenbeträge. Werke von Zügel oder Hermann Sohn - zwei der wichtigsten Künstler, die um 1920 in Stuttgart zu studieren begannen - gelten nichts. Mit der künstlerischen Qualität lässt sich dieser extreme Unterschied nicht rechtfertigen.

Dass Werke, die hellsichtig früh auf die Gefahren des Nationalsozialismus hinwiesen, bis heute fast unbekannt geblieben sind, zeugt von einer auch 80 Jahre danach immer noch anhaltenden Verdrängung. Der Artikel stieß auf großes Interesse, auch die Erben haben kommentiert. 

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Ausgabe 139, 27. 11.2013

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