Ausgabe 107
Überm Kesselrand

Verbrannt

Von Ulrich Weitz
Datum: 17.04.2013
Als nationalsozialistische Studenten am 9. und 10. Mai vor 80 Jahren missliebige Bücher in Scheiterhaufen werfen, sind auch Werke von Eduard Fuchs dabei. Zum Beispiel die von ihm herausgegebenen Schriften von Franz Mehring zur deutschen Geschichte. Fuchs-Bücher wie die sechsbändige "Illustrierte Sittengeschichte" werden verboten.

Die Nazis wollten seine Bücher nicht: Eduard Fuchs 1905. Ein Porträt von Max Slevogt. Staatsgalerie Stuttgart

Schon Anfang 1933, gerade an die Macht gekommen, blasen die Nazis zur Fuchsjagd. Noch am Tag des Reichstagsbrands Ende Februar umstellt die politische Polizei das Berliner Haus des bekannten linken Autors – ein Frühwerk des Stararchitekten Mies van der Rohe. Doch Fuchs ist bereits in die Schweiz ausgeflogen. Er ist nicht mehr zugegen, als am selben Tag Mehrings Karl-Marx-Biografie erscheint ­– mit Vorwort des in Schwaben groß gewordenen Eduard Fuchs. 

In einem Großeinsatz suchen zwei Wochen später 30 Polizisten mehrere Stunden lang in der Fuchs-Villa "kommunistisches Beweismaterial", Bücher, Broschüren, Plakate und Fotografien aus der Abteilung "Sozialistika" des Fuchs'schen Archivs. Einen Teil der erotischen Blätter der mühsam zusammengesuchten Sammlung – rund 20 000 Dokumente – nehmen Bewacher mit nach Hause. Andere Blätter verbrennen sie in der Heizung. 8000 Bände der Bibliothek werden konfisziert.

Der "Rot-Fuchs" ist den Nazis aus vielen Gründen ein Dorn im Auge. Bereits 1921 hat er antisemitische Karikaturen in dem Band der "Jude in der Karikatur" dokumentiert, darunter solche, die Adolf Hitler gezeichnet hatte. In seinem Archiv für das legendäre Frankfurter Institut für Sozialforschung sammelte er Material zu den nationalen Bewegungen, über den Faschismus in Italien, die völkische Bewegung in Deutschland, das Wiederaufleben des Antisemitismus oder den Ku-Klux-Klan in den USA. Und mit Albert Einstein und anderen Intellektuellen gründete er die "Gesellschaft der Freunde des Neuen Russland".

Fuchs dokumentiert früh antisemitische Karikaturen, die Hitler zeichnete

Später spottet Fuchs über Nazideutschland: "Mein eigentliches Verbrechen, dass ich in meiner Weltanschauung Marxist bin, wurde mir bis jetzt nicht vorgehalten. Aus meinen eigenen Büchern werden es die analphabetischen Geistesriesen des dritten Reiches auch wohl kaum erkennen, wohl aber aus meinem Vorwort zu der Mehringschen Marxbiographie." 

Fuchs dokumentiert frühzeitig antisemitische Karikaturen, die Hitler gezeichnet hatte.Seine einzigartige Kunstsammlung kann der autodidaktische Kulturwissenschaftler und Historiker nicht retten. Das Zehlendorfer Finanzamt macht sich zum willfährigen Helfershelfer der braunen Bilderstürmer und beschließt einen "dinglichen Arrest zur Sicherung des Reichsfluchtsteueranspruchs", also eine Vermögenspfändung. 

Gleichzeitig rückt die Gestapo mit Lastwagen an. In einem Schreiben des preußischen Wissenschaftsministeriums an die Berliner Museen heißt es: "Das Vermögen des Schriftstellers Eduard Fuchs ist durch Verfügung des Geheimen Staatspolizeiamts vom 25. Oktober 1933 zu Gunsten des preußischen Staates eingezogen worden. Unter den eingezogenen Gegenständen befinden sich eine große Anzahl Ölgemälde, Radierungen sowie Kunstgegenstände der verschiedensten Art aus Stein, Holz, Porzellan und Ton, insbesondere japanischer und chinesischer Herkunft." Darunter waren Werke von Max Liebermann, Max Slevogt und Honoré Daumier, den er in Deutschland populär machte. Ihm ist derzeit eine Ausstellung im sonst nicht zugänglichen Liebermann Haus gewidmet, einem Palais am Brandenburger Tor.

Eduard Fuchs schreibt an seinen Londoner Anwalt 1933, "wie Aasgeier" seien die Behörden "über eines der herrlichsten Kulturbesitztümer Deutschlands" herniedergefallen. "Man pfändete nicht erst, sondern holte gleich alles ab, trotzdem unser Gesamtbesitz bereits von Staats wegen konfisziert war." 

Regelrechtes Verschwörernest 

Verboten und konfisziert: die sechsbändige Illustrierte Sittengeschichte.Nach der Beschlagnahmung kommt es zur Diffamierungskampagne. Munitioniert von der Gestapo erscheint im Dortmunder Generalanzeiger ein Artikel über "das Ende eines Kulturbolschewisten". Zu "den anrüchigsten Gestalten des November-Deutschland", so der Schreiber, zähle Eduard Fuchs, "der jahrelang eine Doppelexistenz führen konnte, ohne dass die Behörden gegen ihn einschritten. Dieser Sohn eines schwäbischen Pfarrers hat mit seiner 'Sittengeschichte' unendliches Unheil angerichtet. In pseudowissenschaftlicher Giftmischung tarnte er seine pornographischen Erzeugnisse, die die sittlichen Perversionen der Menschheit geschäftstüchtig und skrupellos ausnutzten." Die Fuchs-Villa sei "ein regelrechtes Verschwörernest" gewesen. 

Trotz seines angeschlagenen Gesundheitszustandes, trotz des Raubs seiner Kunstsammlung und trotz der Widrigkeiten des Exils gibt sich Fuchs nicht geschlagen. Aus dem Pariser Exil kauft er die Klischees und die Rechte seines Buches "Der Jude in der Karikatur" zurück, um es – ergänzt um Nazi-Hetzzeichnungen aus dem "Stürmer" und antisemitischen Kinderbüchern – neu herauszugeben. 

An der Stanford University befindet sich das Exposé für ein neues Vorwort: "Wie eine alles erfassende Pest allgemeiner Verrohung und Vertierung zog der Antisemitismus von Deutschland aus sozusagen über die ganze Welt. Alles niedertrampelnd und jeden Widerstand tödlich erstickend ... Und keine der typischen Verleumdungs- und Greuelformen, die noch jede antisemitische Hetzkampagne begleitete, blieb aus. Nicht nur, dass der Jude erneut zum infamen Repräsentanten alles Schlechten und Gemeinen, das die menschliche Gesellschaft kennt, gestempelt wurde, nein, zügellos tobten sich an hunderten von Orten die scheußlichsten Pogrome aus."

Antisemitische Karikatur in einem Kinderbuch.Wegen Majestätsbeleidigung im Knast

Der 1870 in Göppingen geborene Schwabe Eduard Fuchs trat bereits als 16-Jähriger in Stuttgart der damals verbotenen Sozialistische Arbeiterpartei bei, der Vorgängerin der SPD. 1888 war der gelernte Buchhalter Gründungsmitglied des Vereins der Handlungsgehilfen in Stuttgart. Mehrmals saß er wegen seiner publizistischen und politischen Tätigkeit in Haft – unter anderem wegen Widerstand gegen die Staatsgewalt und Majestätsbeleidigung. Er blieb ein unabhängiger Kopf innerhalb der Linken, als Pazifist war er Gegner der sozialdemokratischen Burgfriedenspolitik. Wegen ihrer sektiererischen Bündnis- und Intellektuellenpolitik legte er sich später mit der KPD an, aus der er 1928 austrat, um dann in der KPO (Opposition) zu agieren.

Eduard Fuchs gilt als Begründer der modernen Kulturwissenschaft und war einer der erfolgreichsten Autoren in der Zeit der Weimarer Republik. Er verfasste 25 Bücher; seine "Illustrierte Sittengeschichte" macht ihn zum Millionär. Selbstbewusst weiß er um seine Pionierleistung. In seinem "Memorandum" aus dem Exil schreibt er Mitte 1933: "Ich habe verschiedene neue Gesichtspunkte in die Historie und in die Kunstpsychologie eingeführt. Als erster in Deutschland habe ich die Geschichte der Karikatur begründet." Zudem habe er "die Bedeutung des zeitgenössischen Bildes als Wahrheitsquelle für die Erforschung vergangener Zeiten erkannt und in die Buchliteratur eingeführt".

Fuchs starb 1940 im Pariser Exil – wenige Tage vor der deutschen Invasion.

 

Max Slevogt: Bildnis des Herrn E.(duard) F.(uchs). Briefzeichnung. Bild: Stuttgarter Staatsgalerie.

 

Ulrich Weitz ist promovierter Kunsthistoriker und Fuchs-Experte. Am Mittwoch, den 22. Mai 2013, hält er im Stuttgarter Rathaus einen Vortrag über Eduard Fuchs. Beginn: 18 Uhr. Das vollständige Programm der Veranstaltungen ist hier zu finden.

Ulrich Weitz bietet zudem vom 3. bis zum 5. Mai ein Kunstwochenende mit dem Titel "Honoré Daumier, Max Liebermann und der Sitten-Fuchs" in Berlin an. Höhepunkt ist die große Daumier-Ausstellung.


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