"Den Mensch in Mengele entdecken." Der spätere KZ-Arzt 1939 mit Frau. Foto Sammlung Abmayr

"Den Mensch in Mengele entdecken." Der spätere KZ-Arzt 1939 mit Frau. Foto Sammlung Abmayr

Ausgabe 142
Zeitgeschehen

Der Auschwitz-Arzt, das dämonische Wesen

Von Hermann G. Abmayr
Datum: 18.12.2013
Als am 20. Dezember 1963 in Frankfurt der erste Auschwitzprozess beginnt, fehlt Josef Mengele auf der Anklagebank. Der ehemalige KZ-Arzt war nach Südamerika geflohen. Als "Todesengel" wird er in der Folgezeit zum Inbegriff des Bösen gemacht, zu einem dämonischen Wesen, über das wild spekuliert wird.

Beim Nürnberger Ärzteprozess 1946/47 vor dem Military Tribunal I fehlt der Name Josef Mengele. Obwohl er bereits 1945 auf den Kriegsverbrecherlisten geführt und bei den Amerikanern zeitweise unter falschem Namen interniert ist, kann er sich verstecken. In Oberbayern auf einem Bauernhof. Mitte der 50er-Jahre fühlt sich Mengele so sicher, dass er bei der deutschen Botschaft in seinem Fluchtort Buenos Aires einen Pass beantragt und ihn anstandslos erhält.

Erst 1958, als ihn seine Familie im schwäbischen Günzburg nach einem Hinweis der örtlichen Polizei über Ermittlungen der deutschen Behörden informiert, flüchtet der ehemalige SS-Mann nach Paraguay. Der hessische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, ein Schwabe wie Mengele, übernimmt ein halbes Jahr später alle Auschwitz-Straftaten. Der aus Stuttgart stammende Jurist will Mengele zusammen mit anderen prominenten Tätern möglichst rasch vor Gericht bringen. Und er kann sich bereits auf ein Dossier des früheren KZ-Häftlings Hermann Langbein stützen. Der Generalsekretär des Internationalen Auschwitzkomitees hatte es beim Bonner Justizministerium abgegeben – samt Wohnadresse in Argentinien. Als damaliger Lagerschreiber kannte Langbein den Mediziner, der den Doktortitel erworben hatte.

Doch als der Auschwitzprozess am 20. Dezember 1963 im Frankfurter Römer beginnt, lebt Mengele unter dem Namen Fritz Hochbichler unerkannt in Brasilien. Auch der israelische Geheimdienst Mossad, der den Organisator der Juden-Deportation, Adolf Eichmann, drei Jahre zuvor in Argentinien entführt und nach Jerusalem gebracht hatte, interessiert sich für den ehemaligen KZ-Arzt nicht mehr, obwohl man ihm angeblich dicht auf der Spur war. Doch Israel will nicht ein zweites Mal wegen einer völkerrechtswidrigen Entführung weltweit an den Pranger gestellt werden.

Im Laufe des Auschwitzprozesses wird der Name Mengele dann mehrfach genannt. Sogar ein SS-Man aus Mengeles Geburtsstadt tritt auf, der Kraftfahrer Richard Böck. Böck kam über seine Günzburger Musikkapelle, die geschlossen zur SS übergetreten war, in die "Schutzstaffel" der NSDAP. 1941 wird er in die Fahrbereitschaft nach Auschwitz versetzt. Als die Massenvernichtung beginnen, soll er die Leichen wegkarren. Er macht es einmal; dann beantragt er seine Versetzung. Mit Erfolg. Für Hermann Langbein war der schwäbische Kraftfahrer immer der Beweis dafür, dass man auch im KZ nicht alles mitmachen musste.

Als Zeuge sagt Böck im Prozess offen aus. Und er informiert die Frankfurter Staatsanwälte über einen Besuch Josef Mengeles in Günzburg. Obwohl dies jahrzehntelang bestritten wird, kann der Besuch inzwischen bewiesen werden. Er fand allerdings nicht, wie angegeben, 1959, sondern 1956 statt.

"Mengele war einer wie du und ich"

1964 erhöht Staatsanwalt Bauer die Belohnung für Hinweise, die zu Mengeles Ergreifung führen, auf 50 000 Mark. Die "Bild"-Zeitung, die sich bisher in der Berichterstattung über NS-Verbrecher zurückgehalten hatte, macht den Fall Mengele bekannt. Von nun an wird der ehemalige KZ-Arzt zu einem Markenzeichen aufgebaut, weltweit, zum "Todesengel von Auschwitz", zu einem dämonischen Wesen, das sich an fürchterlichen pseudowissenschaftlichen Menschenversuchen ergötzt. Hermann Langbein dagegen bestand darauf, dass Mengele einer wie du und ich war.

Simon Wiesenthal füttert die Medien nun immer wieder mit neuen Informationen über Mengeles Verbleib. Beispielsweise im Kapitel "Der Mann, der blaue Augen sammelte" in dem 1967 veröffentlichtem Buch "Doch die Mörder leben". Einmal schickt der "Nazijäger" einen Reporter der Zeitschrift "Quick" auf die griechische Insel Kythnos, wo er Mengele finden würde. Als sich herausstellt, dass der Hinweis falsch war, behauptet Wiesenthal, Mengele habe die Insel nur zwölf Stunden zuvor verlassen.

Die meisten Journalisten hatten die oft frei erfundenen Wiesenthal-Geschichten unhinterfragt übernommen. Dabei hätten sie bei ihren Besuchen in der Wiener Salztorgasse, wo Wiesenthal ein kleines Büro voller Karteikarten, Akten, Meldeverzeichnissen und Zeitungsausschnitten betrieb, nur in die Wiener Arbeitervorstadt Favoriten fahren müssen, in der Hermann Langbein wohnt.

Langbein war vor seiner Verhaftung durch die Nazis Widerstandkämpfer. Nach dem Krieg trägt er wesentlich dazu bei, dass NS-Verbrechen aufgeklärt werden. Von ihm hätten die Reporter schnell erfahren, was er von Wiesenthals Informationen hält. "Das sind nicht meine Methoden", sagt er jedem, der es wissen will. Er wolle aufklären und die Täter vor Gericht bringen und hat sich deshalb gelegentlich auch mit Fritz Bauer und seinen Staatsanwälten sowie den Frankfurter Richtern angelegt. Hermann Langbein hatte etliche Zeugen im Ausland aufgespürt und ermutigt, nach Frankfurt zu kommen, um vor Gericht auszusagen, auch dann, wenn es ihnen schwerfiel. 

In den 70er-Jahren und vor allem in der ersten Hälfte der 80er-Jahre wird Mengele zum weltweit meistgesuchten NS-Verbrecher. Auf Simon Wiesenthals Liste der flüchtigen SS-Männer steht er auf Platz eins. Er lebe in Paraguay, wiederholt der Wiener Nazijäger immer wieder. Auch der inzwischen zuständige Oberstaatsanwalt Hans Eberhard Klein schließt dies nicht aus. Gegen ein kleines Honorar findet man in den einschlägigen Hotels immer jemanden, der den ehemaligen KZ-Arzt gesehen haben will. Nicht selten unter Berufung auf ein falsches Bild.

Sogar das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" verbreitet es bis in die 80er-Jahre. Die vermögende Familie Mengeles, die in Günzburg eine Landmaschinenfabrik betreibt und ihren "Beppo" jahrzehntelang mit Geld versorgt hat, kann über die vielen Falschmeldungen nur lachen. Denn der Gesuchte ist längst tot. Er erlitt im Jahr 1979 beim Schwimmen einen Schlaganfall. Nicht in Paraguay, sondern im Atlantik. Er hatte in dem Badeort Bertioga Urlaub gemacht. Und Bertioga liegt in einem Land, das Wiesenthal nie als Mengeles Aufenthaltsort genannt hatte, in Brasilien.

Kein Staatsanwalt und kein Journalist hatte sich in diesen Jahren die Mühe gemacht, genauer hinzusehen. Dabei hätte ein Besuch bei der ersten Frau von Josef Mengele genügt, um dessen Aufenthaltsort zu erfahren. Als der Autor dieses Artikels die ältere Dame bei den Recherchen für die ARD-Dokumentation "Gesucht wird ... Josef Mengele" Anfang 1985 in Freiburg besucht, berichtet sie offen über den Badeunfall ihres früheren Mannes. Wenige Monate später wird Mengeles Leichnam auf dem Friedhof in der Kunsthandwerkerstadt Embú nahe São Paulo exhumiert.

Mengele-Prozess im Kino mit Götz George

Doch noch Jahre danach bezweifeln vor allem überlebende Mengele-Opfer aus den USA und Israel die Identität der Leiche. Diese Ungewissheit machen sich die amerikanischen Autoren Christopher und Kathleen Riley zu Nutze. In ihrem Drehbuch "After the Truth" beschreiben sie, dass 1979 nicht Josef Mengele starb, sondern sein Vetter. Der ehemalige KZ-Arzt dagegen will vor einem deutschen Gericht zu seinen Taten Stellung beziehen.

Die Autoren versuchen wegzukommen vom oft verbreiteten Monster-Bild des "Todesengels". Ein Außerirdischer, der ablenken kann vom Mengele in uns, der davon ablenken kann, wie viele "gewöhnliche" Männer in der NS-Zeit zu grausamen Verbrechen in der Lage waren.

Götz George nach den Dreharbeiten im Interview mit Hermann G. Abmayr. Foto: SWR
Götz George nach den Dreharbeiten im Interview mit Hermann G. Abmayr. Foto: SWR

Christopher und Kathleen Riley haben dazu einen spannenden Plot entwickelt: Für einen jungen Anwalt ist Mengele zur Obsession geworden. Der erfolgreiche Jurist recherchiert seit Jahren an einem Buch über den KZ-Arzt. Doch er findet keine Antwort auf die zentrale Frage: Warum? Warum macht ein Mensch andere Menschen zu Versuchskaninchen? Warum spritzt einer, der den hippokratischen Eid geschworen hat, Häftlingen tödliches Phenol ins Herz, um sie dann sezieren zu lassen und die Präparate ans Kaiser-Wilhelm-Institut nach Berlin zu schicken? Warum verstümmelt er Kinder? Warum schickt er Juden an der Rampe von Auschwitz ohne Gefühlsregung in die Gaskammern? Warum?

Nach einer abenteuerlichen Entführungsgeschichte kommt es dann im Drehbuch zu einem Prozess in Frankfurt. Mengele leugnet die Vorwürfe der Zeugen nicht. Er habe nur zum Wohle der Patienten und im Sinne des Fortschritts gehandelt, erklärt er. Seine Vorgehensweisen hätten zum damaligen Zeitpunkt den medizinischen und ethischen Standards genügt.

1999 kommt das Gerichtsdrama unter dem Titel "Nichts als die Wahrheit" in die Kinos (Regie: Roland Suso Richter). Kai Wiesinger spielt Mengeles Anwalt, Götz George – in einer Latexmaske – den über 80-jährigen ehemaligen SS-Mann. Dem Sohn des ins NS-Regime verstickten Schauspielers Heinrich George, war der Stoff so wichtig, dass er Koproduzent wurde und selbst Geld in das Projekt steckte, da es keine Filmförderung gab. Götz George wollte, wie er sagte, den Menschen in Mengele entdecken, die Figur menschlich spielen. Doch im Film überwiegt dann doch das Monströse.

Wissenschaft profitiert von Auschwitz

Mengele ist zur Zeit der Kinovorführung bereits 20 Jahre tot. Eine DNA-Analyse, die im Jahr der Exhumierung noch nicht möglich war, hatte 1992 letzte Zweifel ausgeräumt. Doch der Mythos lebt weiter. Während sich Hermann Langbein, aber auch Historiker wie Zdenek Zofka immer wieder um eine Entdämonisierung Mengeles bemühen, beginnt die Max-Planck-Gesellschaft, die Nachfolgerin der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, mit der Mengele zusammengearbeitet hatte, erst vor gut zehn Jahren mit der Aufarbeitung ihrer NS-Geschichte.

Die Historikerin Carola Sachse kommt dann zu dem Schluss, "dass es in dieser Eliteorganisation tatsächlich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gab, die von den medizinischen Verbrechen in Auschwitz profitieren konnten, indem sie von dort menschliche Präparate auf Bestellung bezogen". Leute wie der in der damaligen Wissenschaft gut vernetzte Mengele hätten sich des wissenschaftlichen Fortschritts wegen "möglichst wenig um die Herkunft ihrer Präparate" gekümmert, eine "auch heute keineswegs überwundene Denkweise". Hermann Langbein hätte sich über diese Erkenntnis gefreut. Für ihn war das Gefährliche an Mengele immer die Tatsache, dass er ein Mensch war.


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