"Kritischer Kommunist" und Stalin-Gegner: Theodor Bergmann. Fotos: Joachim E. Röttgers

"Kritischer Kommunist" und Stalin-Gegner: Theodor Bergmann. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 205
Zeitgeschehen

Ewiger Optimist

Von Hermann G. Abmayr
Datum: 04.03.2015
Er wird am 7. März 99 Jahre alt, doch bei Eröffnung der Wanderausstellung über "Deutsche Hitlergegner als Opfer des Stalinterrors" darf Theodor Bergmann nicht fehlen. Er, der "kritische Kommunist", der "nicht jüdische Jude" und der ewige Optimist.

Lange hat sich kaum jemand für die Verfolgung der Linken in der Stalin-Ära interessiert. Im Osten hat man sie auch nach Stalin teilweise gerechtfertigt und eine historische Aufarbeitung verweigert. Im Westen herrschte das Schwarz-Weiß-Denken des Kalten Krieges. Und wenn Bergmann mit Mitgliedern der Deutschen Kommunistischen Partei über die Verbrechen des Josef Wissarionowitsch Stalin sprechen wollte, wurde er meist als Renegat oder Verräter abgetan.

Doch Bergmann lässt nicht locker. Innerhalb der Partei Die Linke gehört er zu denjenigen, die schließlich durchsetzen, dass am Karl-Liebknecht-Haus in Berlin Ende 2013 eine Tafel zur Erinnerung an die Opfer des Stalinismus angebracht wird. Auch die Ausstellung über die Opfer des Stalin-Terrors geht mit auf seine Initiative zurück. Bei der Eröffnung in Stuttgart vor einigen Tagen hielt er das Einführungsreferat.

Hans Modrow, der vorletzte Ministerpräsident der DDR und heutige Vorsitzende des Ältestenrates der Linken, sowie einige andere hatten die Gedenktafel in Berlin abgelehnt. Modrow erklärte, er halte das Liebknecht-Haus, das frühere Hauptquartier der KPD, in dem heute die Parteiführung der Linken untergebracht ist, für den falschen Gedenkort.

Ständig im Kampf für eine bessere Welt

Modrow wollte auch nicht zur Enthüllung der Tafel kommen. Als Hauptredner reiste Theodor Bergmann aus Stuttgart in die Stadt, in der er aufgewachsen ist und seine ersten politischen Erfahrungen gesammelt hat. Bergmann berichtet, dass sich "unter den Opfern des Stalin'schen Terrors" auch Lehrer, Freunde und Mitschüler von ihm befänden. Doch er will nicht Resignation verbreiten. Letzter Satz seiner Ansprache: "Befreit von den Irrtümern unserer großen Bewegung fangen wir mit neuer Kraft von vorn an."

Theodor Bergmann, den seine Freunde Ted nennen, stammt aus einer liberalen Berliner Rabbinerfamilie. Beim Gespräch ist er hellwach, klagt nur darüber, dass die Sehkraft nachlasse. "Ich bin ein marxistischer Optimist", sagt er, als sei das ganz selbstverständlich. Und gerne beruft er sich auch auf Rosa Luxemburg. Man spürt noch immer ein Sendungsbewusstsein. Seinen Glauben an den Kommunismus hat der emeritierte Professor der Agrarwissenschaft, der bis 1981 an der Universität Stuttgart-Hohenheim gelehrt hat, jedenfalls nicht verloren.

Bergmann hat schon als Schüler den Kampf für eine bessere Welt begonnen. Weder er noch seine fünf Brüder wollten Rabbiner werden, keiner der Religiosität des Vaters folgen. Heute bezeichnet sich der knapp 99-Jährige als "nicht jüdischen Juden".

Bergmann in seiner Bücherwelt.
Bergmann in seiner Bücherwelt.

Ende der 20er- und Anfang der 30er-Jahre besucht Bergmann das humanistische Mommsen-Gymnasium in Berlin, das in der Nähe des KaDeWe (Kaufhaus des Westens) liegt. Ein älterer Bruder habe ihn damals zum Sozialistischen Schülerbund mitgenommen, der die Zeitung "Schulkampf" herausgibt. "Die haben wir für zehn Pfennige verkauft", erzählt Bergmann.

Als der Abiturient Wolfgang Duncker im Spätwinter 1929 in der Zeitung ein Spotgedicht über den Rektor veröffentlicht, "kommt es zum Skandal, der in etlichen Zeitungen aufgegriffen wurde", erinnert sich Bergmann. Duncker habe über die Anweisung des Rektors berichtet, bei Klausuren im Klassenzimmer einen Nachttopf aufzustellen, damit die Schüler keinen Grund hatten, auf die Toilette zu gehen, wo sie sich verbotenerweise Schulwissen hätten besorgen können. Folge der Veröffentlichung des Nachttopf-Gedichts: Die Abifeier wird abgesagt, und die Zeitungsverkäufer Theodor Bergmann und sein Bruder fliegen von der Schule.

Exil in Schweden

Der in Stuttgart geborene Wolfgang Duncker, der später als Journalist und Filmkritiker arbeitet, flieht schließlich vor den Nazis nach Moskau, wo er Anstellungen als Regieassistent und Cutter findet. 1938 wird er wegen angeblicher Spionage für Deutschland zu acht Jahren Lager verurteilt. Vier Jahre später stirbt er an Entkräftung nördlich des Polarkreises im Gulag von Workuta.

Über Wolfgang Duncker und anderen Schicksale erzählt auch die Ausstellung "Ich kam als Gast in euer Land gereist ...". Von vielen Tausend deutschen Arbeitsemigranten und Linken, die in den 20er- und 30er-Jahren in die Sowjetunion gegangen sind, von konstruierten Anklagen, von Sippenhaft, Erschießungen, Hunger, Straflagern, von einer doppelten Verfolgung und vom langen Schweigen und Verschweigen.

In der Zeit, in der Wolfgang Duncker den Gulag ertragen muss, lebt Theodor Bergmann – nach Stationen in Palästina und der Tschechoslowakei – im schwedischen Exil. Über das Schicksal seines Schulfreundes Duncker erfährt er erst nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlins. Er reist damals in alle vier Besatzungszonen, um mit den überlebenden Mitgliedern der ehemaligen KPO (Kommunistische Partei Opposition) politische Diskussionen zu führen. Im Osten wird er schließlich gewarnt. Er solle vorsichtig sein, es liege ein Haftbefehl gegen ihn vor. Inzwischen weiß er, dass es eine Stasiakte über ihn gibt, die seine Kontakte dokumentiert.

Hans Becker war für Bergmann eine wichtige Bezugsperson. Er sei sein "journalistischer Lehrer" gewesen. Auch Becker, ein überzeugter Linker, hat den Stalinismus nicht überlebt. Er wurde im sowjetischen Exil 1937 wegen "konterrevolutionärer Tätigkeit" zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Die Nazis richten Bergmanns Bruder hin

Bergmanns Bruder Alfred flieht nicht nach Russland, sondern in die Schweiz, wo er als Arzt arbeitet und konspirativ seine Genossen in Frankreich und Deutschland unterstützt. Als die Gestapo dies entdeckt, verlangt sie seine Auslieferung. Alfred sucht fieberhaft ein Land, das ihn aufnimmt. Vergeblich. 1940 übergibt ihn die Schweizer Fremdenpolizei den Deutschen. Er wird in Berlin hingerichtet.

Auch die Sowjetunion liefert nach dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 viele deutsche Exilanten der Gestapo aus. Zum Beispiel Ernst Fabisch. Einige Sätze aus dem letzten Brief des Stalin-Opfers an eine Freundin in der Emigration zitiert Ted Bergmann aus dem Gedächtnis. "Was in der Sowjetunion vorgeht, ist ungeheuerlich. Alles, was nur halbwegs einen Kopf hat, sitzt (in Haft)." Auch Fabisch saß vor seiner Auslieferung mehrere Monate. In Deutschland erhält er eine längerer Zuchthausstrafe; er kommt später nach Auschwitz, wo er 1943 ermordet wird.

Ted Bergmann kennt viele derartige Schicksale, und man bekommt den Eindruck, er könnte immer weiter erzählen. Einige Fälle hat er aufgeschrieben. Er ist Autor, Herausgeber und Übersetzer von etwa 50 Büchern. Das Themenspektrum reicht von der Agrarpolitik über Israel bis zur Geschichte der KPO. Sein letztes Buch erschien 2014. Darin berichtet er über die Familie Bergmann-Rosenzweig, seine Familie. Die meisten Nachfahren leben in Israel. Und die will Bergmann nach seinem 99. Geburtstag besuchen. "Das wird meine letzte Reise dorthin sein", sagt er und lehnt sich zufrieden in seinem Sessel zurück.

 

Info: 

"Ich kam als Gast in euer Land gereist ... Deutsche Hitlergegner als Opfer des Stalinterrors. Familienschicksale 19331956" heißt die deutsch-russische Wanderausstellung. Sie wurde von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand gefördert und im Frühjahr 2013 in Moskau und Berlin eröffnet. Zurzeit wird sie in Stuttgart gezeigt in der Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg, Ludwigstraße 73 a, 70176 Stuttgart-West. Finissage ist am 7. März um 18 Uhr.


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