KONTEXT Extra:
Gleise frei für den Güterverkehr

Nein, ein konkretes Datum, bis wann Züge zwischen Rastatt und Baden-Baden wieder verkehren können, das gibt es immer noch nicht. Nachdem am Freitag (18.08.) Vertreter der Deutschen Bahn und betroffener Kommunen im Verkehrsministerium zusammenkamen, teilte dieses mit: "Alle Beteiligten haben die Hoffnung, dass bis zum Ende der Sommerferien in Baden-Württemberg die Rheintalstrecke wieder durchgängig befahren werden kann." Das sind ganz andere Töne, als der ursprüngliche Zeitplan der Deutschen Bahn, in dem der 28. August angepeilt wurde. Das kommende Schuljahr beginnt im Südwesten am 11. September. Verbindlich ist das Datum nicht, die Bahn betont weiterhin, derzeit seien keine Prognosen möglich, bis wann die Reparaturmaßnahmen abgeschlossen sind.

Das Verkerhrsministerium teilte außerdem mit, man werde der Bahn in "gewissen Grenzen" entgegenkommen. Das bedeutet eine zwischenzeitliche Einschränkung des Personenverkehrs, Schienenersatzverkehr wird ab Samstag (19.08) auf den betroffenen Strecken eingerichtet. So sollen mehr Kapazitäten für Güterzüge geschaffen werden, die aktuell auf Umleitungen angewiesen sind. Unumwunden heißt es dazu in einer Pressemitteilung: "Bis zur Wiederherstellung der Trasse zwischen Rastatt und Baden-Baden werden auf den genannten Strecken in der Nacht Lärmbeeinträchtigungen für die Anlieger durch ein erhöhtes Güterzugaufkommen die Folge sein." Die Maßnahme sei jedoch zeitlich befristet und solle spätestens zu Beginn des neuen Schuljahres aufgehoben werden. Der Regionalverkehr dürfe zudem, wie es aus dem Ministerium heißt, nicht in den Hauptverkehrszeiten beeinträchtigt werden, daher gebe es zwischen 6 und 9 Uhr sowie 15 Uhr und 19 Uhr keine Zugausfälle.

Weiterhin kritisiert das Verkehrsministerium die Kollegen auf Bundesebene. Die Zurückhaltung bei der Ertüchtigung von Nebenstrecken räche sich nun. Minister Winfried Hermann beklage das bereits seit seinem Amtsantritt.

Betroffene Fahrgäste finden hier detaillierte Informationen zum Ersatzfahrplan. (18.08.2017)


"Runder Tisch" zu Rastatt

Bis zu 200 Güterzüge donnern tagtäglich durchs Rheintal. Im Hochsommer sind es weniger, dennoch stauen sich die Transporte – in der Planung – inzwischen zurück bis Rotterdam. Die grün-schwarze Landesregierung hat zwar keine direkten Zuständigkeiten rund ums Gleisdesaster der Deutschen Bahn in Rastatt. Das Verkehrsministerium bietet der DB aber an, die Folgen abzumildern. Noch in dieser Woche findet ein "Runder Tisch" in Stuttgart statt, um über Ausweichstrecken und Umleitungsverkehre zu reden. Unter anderem werden Kommunalpolitikern in betroffenen Städten und Gemeinden über die möglichen Belastungen rund um die Uhr informiert. Es dürfte nach den bisherigen Planungen "einen 24-Stunden-Güterbetrieb auf ziemlich beschaulichen Strecken“ geben, sagt ein Sprecher. Die Bahn teilte bereits mit, "ihren Kunden 200 Umleitungstrassen mit unterschiedlichen technischen Anforderungen anbieten zu können".  

Ebenfalls eingeladen nach Stuttgart sind Vertreter der DB Netz, der DB Region und der Nahverkehrsgesellschaft. Das Verkehrsministerium mit seinen Fachleuten prüft auch, wie und an welchen Strecken der Takt des Regionalverkehrs ausgedünnt werden könnte, um vorübergehend Güter zu transportieren. Das Angebot gilt aber nur bis zum Schulbeginn im September, weil nach den Ferien das Fahrgastaufkommen deutlich steigt. Die DB selber nennt als eine Umleitungsstrecke die Neckar-Alb-Bahn über Horb–Tübingen–Reutlingen–Plochingen. "Wegen der Umleitung der Güterzüge sind Anpassungen im Regionalzugverkehr auf der Neckar-Alb-Bahn notwendig", heißt es in einer Pressemitteilung weichgespült, und dass die DB "für die auftretenden Beeinträchtigungen und die verstärkte Nutzung der Neckar-Alb-Bahn für den Güterverkehr Anwohner und Fahrgäste um Verständnis bittet". Die notwendigen Umleitungsmaßnahmen für den Güterverkehr seien zeitlich befristet, "bis die durchgehende Sperrung der Rheintalbahn wieder aufgehoben werden kann". Ein konkretes Datum dafür wird nicht (mehr) genannt. Experten rechnen mit einer Wiederinbetriebnahme frühestens in der zweiten Septemberhälfte. 

Dazu: https://www.kontextwochenzeitung.de/schaubuehne/333/der-schienen-gau-4546.html


Tunnel-Flop

Es sollte die Weltpremiere werden für die neue Stabilisierungsmethode per Eisring im Tunnelbau. Monatelang war an den Vorkehrungen getüftelt worden. Jetzt ist eine der meist befahrenen Eisenbahnstrecken Europas erst einmal bis mindestens 26. August gesperrt. In Rastatt-Niederbühl, dort, wo die Züge künftig aus dem Tunnel kommen werden, unterquert die Strecke den Bahndamm. Und die darauf liegenden Geleise sackten ab.

Die Konstruktion ist komplex, Stuttgart 21 lässt grüßen: Der Tunnel ist 4,3 Kilometer lang, führt in zwei Röhren von Ötigheim nach Niederbühl, unter der Murg, unter einer tief liegenden Straße, die ihrerseits unter der Rheintalstrecke durchführt, dann zügig wieder nach oben. Eingefroren wurde ein geschlossener Ring. Alle Beteiligen erklärten immer wieder, damit in actu auf einer Baustelle, keine Erfahrungen zu haben. Die Gewissheit, dass das Manöver gelingt, war dennoch groß. Bautechniker untersuchen bereits das Fiasko, möglicherweise ist der Regen der vergangenen Tage verantwortlich.

Das "Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21" ist "wenig überrascht von der Leichtfertigkeit, mit der die Deutsche Bahn offensichtlich Tunnelbauarbeiten unter einer der Hauptstrecke des deutschen Bahnverkehrs betrieben hat". Dass es keinen Plan B gebe, zeige die Selbstüberschätzung der DB und, auch hier, das Versagen des Aufsicht führenden Eisenbahnbundesamts, so Bündnissprecher Norbert Bongartz. Es sei im Vorfeld der Bauarbeiten in Rastatt "mit Händen zu greifen gewesen, dass ein Tunnelbau so knapp unter den bestehenden Bahngleisen und in Sandboden hoch riskant ist". Keinen Pfifferling seien die vollmundigen Beteuerungen der Bahn wert, sie habe die Tunnelbauarbeiten mitten im Stadtgebiet Stuttgarts voll im Griff. Auch wenn da die Überdeckung bei den Tunnelbaustellen zumeist deutlich höher ist: "Angesichts der besonderen geologischen Situation in Stuttgart muss auch hier über die schon bekannten Schäden hinaus mit Bauproblemen ganz anderer Größenordnung gerechnet werden." (14.8.2017)


Malen nach Zahlen

Das ist aber ein gelungener erster Platz! Die CDU habe mit sagenhaften 55 Prozent die Nase vorn beim Frauenanteil auf den Landeslisten für die Bundestagswahl. Das teilte jetzt Landeswahlleiterin Christiane Friedrich mit. Erst nach der Union kommen Grüne und Linkspartei mit je 50 Prozent und die SPD mit gut 46 Prozent. Jedoch, die schönen Zahlen sind Blendwerk.

Denn nahezu alle CDU-Abgeordneten werden auch 2017 wieder direkt in den Bundestag gewählt werden, als SiegerInnen in ihrem Wahlkreis. Davon gibt es 38 im Südwesten. Und in ihnen spiegelt sich die CDU-Wirklichkeit im Jahre 2017: in 35 wurden Kandidaten nominiert und nur in drei Kandidatinnen: Annette Widmann-Mauz, Staatssekretärin im Bundesgesundheitsministerium und Vorsitzende der Frauenunion, die Stuttgarterin Karin Maag und die bisher jüngste Volksvertreterin Ronja Kemmer.

Selbst in Mannheim, Heilbronn und Böblingen sind ausscheidende CDU-Männer, darunter auch Landeschef Thomas Strobl, durch Männer ersetzt. Dabei hatte der doch zur "politischen Grundmelodie" erklärt, dass "mehr Frauen zum Tragen kommen". Doch auch in Berlin ist die baden-württembergische Landesgruppe derzeit mit nur acht weiblichen Abgeordneten vertreten und am Ende des Bundesvergleichs zu finden.

Der Männeranteil auf allen im Land antretenden Listen ist laut Landeswahlleiterin Friedrich immerhin von 71 Prozent zurückgegangen auf 66 Prozent. Spitzenreiter in der Männerstatistik für die Wahl am 24. September ist die AfD mit 87 Prozent. Gefolgt werden die Rechtspopulisten von den Liberalen, die es 2017 im Land auf nur 19 Prozent Kandidatinnen bringen. Das bedeutet sogar einen Rückschritt im Vergleich zu vor vier Jahren und gut 21 Prozent bedeutet. (9.8.2017)


Kontext-Vorstand ruft zu Flashmob auf

"Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!", sagt unser zweiter Vereinsvorsitzender Jürgen Klose. Und weil er das schier nicht glauben kann, hat er gestern am Nachmittag vor lauter Zorn kurzfristig zu einem Flashmob aufgerufen. Etwa 20 Spontandemonstrierer standen wenig später vor dem Stuttgarter Rathaus – mit Fahrradhupen und Trillerpfeifen! Hier Jürgen Kloses Rede:

"Ich habe zu diesem Protest heute aufgerufen, weil ich zornig bin über die 'Ergebnisse' des Diesel-Gipfels. Ich wollte mein Adrenalin wieder loswerden!

Papst Gregor der Große (6. Jhdt.) soll gesagt haben: 'Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.' Das ist sozusagen mein Leitmotiv. Guckt euch auf YouTube das Video mit Georg Schramm an, dann wisst ihr was ich meine!

Wir sind zornig auf das peinliche Schaulaufen von Politik und Autoindustrie auf dem gestrigen Dieselgipfel!

Wir sind zornig auf die unverantwortliche Bundeskanzlerin. Sie lässt lieber Urlaubsfotos aus Südtirol verbreiten als den Automanagern die Leviten zu lesen!

Wir sind zornig auf die Bundesregierungen gleich welcher Couleur, die sich zum Büttel der Autoindustrie degradieren ließen statt ihrer Aufsichtspflicht für Verbraucher und Umwelt nachzukommen!

Wir sind zornig auf die vom Gipfel ausgesandte Botschaft 'Wir tun was!' - nur besonders wehtun durfte es den Autokonzernen nicht!

Wir sind zornig auf den Versuch, uns mit Placebos abzuspeisen: Man sagt jetzt nicht mehr verarschen, man sagt Software-Update!

Wir sind zornig auf die jahrelange Missachtung von Grenzwerten und auf den offensichtlichen und schon länger bekannten Schwindel mit den Abgastests und der Mogelsoftware! 

Wir sind zornig auf die Täuschung der Verbraucher und den erfüllten Tatbestand des Betrugs (§263 StGB). Täuschungshandlung, Vermögensschaden, Bereicherungsabsicht - alle juristischen Tatbestände sind erfüllt! Strafen? Fehlanzeige!

Wir sind zornig auf die völlige Missachtung des Verursacherprinzips: Wer zahlt den Dieselbesitzern den Wertverlust ihrer Autos. Warum gibt es keinen Schadenersatz?

Wir sind zornig, dass die Autoindustrie anscheinend nach dem Leitmotiv handelt 'Profit vor Gesundheit' und 'Gier vor Umweltschutz'!

Wir sind zornig auf die Autokonzerne, die eine der Kernbranchen dieser Republik schwer beschädigen und damit Zehntausende von Arbeitsplätzen gefährden! Zukunftsvorsorge sieht anders aus!

Wir alle haben ein Recht auf saubere Luft, eine intakte Umwelt und gesunde Lebens- und Arbeitsbedingungen!

Wir alle wollen eine Abkehr vom Autowahn und die Umkehr zu einem anderen, menschen- und umweltfreundlicheren Verständnis von Mobilität!

Wir alle wollen Stuttgart vom Makel der Feinstaub- und Stauhauptstadt befreien!

Wir bleiben zornig, bis wir am Ziel sind!

Danke für eure Unterstützung!" (4.8.2017)


KONTEXT
per E-Mail:
Immer informiert:

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail.

Datenschutz-Hinweis

Gedenkstein anstatt Stolperstein in der St.-Ursula-Schule. Fotos: Joachim E. Röttgers

Gedenkstein anstatt Stolperstein in der St.-Ursula-Schule. Fotos: Joachim E. Röttgers

Ausgabe 201
Gesellschaft

Stadtgestolper im Schwarzwald

Von Stefanie Järkel
Datum: 04.02.2015
In Villingen-Schwenningen gibt es keine Stolpersteine zur Erinnerung an die von den Nazis verfolgten Juden. CDU, Freie Wähler und ein rechtskonservativer Stadtrat im Gemeinderat hatten sich 2013 ein zweites Mal dagegen ausgesprochen. Das lässt manchem in der Stadt keine Ruhe. Und jetzt findet in dem Ort auch noch die einzige Pegida-Demo im Südwesten statt.

Vier Stolpersteine, vier Namen, vier Tote – ermordet von den Nazis in Auschwitz. Vier Stolpersteine liegen im Schneematsch, die kleinen viereckigen Messingplatten auf den Pflastersteinen glänzen golden. Sie sind nur für einige Minuten auf den Boden gestellt, abgelegt für den Moment. In das Pflaster eingelassen werden dürfen sie nicht. "Louis Bikart", "Jeanette Bikart", "Ruth Bikart", "Silva Irene Bikart" – so steht es auf den Steinen. Die Namen sind wichtig. Schließlich geht es in dieser Geschichte um Namen. Jeden einzelnen Namen, jeden einzelnen Schmerz.

Familie Bikart vor den Stolpersteinen.
Familie Bikart vor den Stolpersteinen.

Pierre-Louis Bikart, Enkel und Neffe, steht vor den Steinen, an dem Grundstück, auf dem früher seine Familie gelebt hat. Er ist mit seiner Schwester, seiner Frau und Verwandten aus Straßburg nach Villingen gekommen, weil die Schule, auf die Ruth Bikart ging, an diesem Morgen eine Gedenkplatte eingeweiht hat – für Ruth Bikart und Julie Schwarz, eine entfernte Cousine. Es ist der 27. Januar 2015. Vor 70 Jahren haben die Russen Auschwitz befreit.

Die Schule hätte gern Stolpersteine für die Mädchen gesetzt. Doch vor der Schule erlaubt die Stadt nicht, in der Schule erlaubt der Erfinder der Stolpersteine nicht. Die Steine müssen im öffentlichen Raum sein, nicht versteckt. Der Gemeinderat hat 2013 das zweite Mal nach 2004 diese Form des Gedenkens auf öffentlichen Plätzen, auf den Gehwegen der Stadt abgelehnt. CDU, Freie Wähler und ein Stadtrat der Deutschen Liga für Volk und Heimat stimmten dagegen. Der Künstler Gunter Demnig hat die Steine erfunden, um an die von den Nazis im Zweiten Weltkrieg verfolgten Juden, aber auch andere Gruppen, wie Sinti und Roma, zu erinnern. Sie werden vor den ehemaligen Wohnhäusern der Opfer in den Boden eingelassen. "Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist", zitiert Demnig den hebräischen Talmud. Das Herunterbeugen zu den Steinen, um die Tafeln zu lesen, sei zugleich eine Verbeugung vor den Opfern.

Doch warum fällt manchen das Erinnern so schwer? Was machen die, die sich damit nicht zufrieden geben wollen? Und warum findet jetzt auch noch ausgerechnet in Villingen-Schwenningen die einzige Pegida-Demonstration in Baden-Württemberg statt? Die Aktion einer islamfeindlichen Bewegung, die Stimmung gegen Ausländer macht.

Pierre-Louis Bikart.
Pierre-Louis Bikart.

Die Familie Bikart steht vor einem Autohaus in der Villinger Waldstraße. Wo Sigmund Bikart früher sein Vieh hielt, verkauft Hyundai heute seine bulligen Autos. Pierre-Louis Bikart, der den Namen seines Großvaters in seinem eigenen trägt, sagt: "Wir arbeiten seit 15 Jahren daran, dass die Steine richtig gesetzt werden, nicht nur für meine Familie, sondern für die ganze Gemeinde, die jüdischen Bewohner von damals." Die Aktion Pro Stolpersteine Villingen-Schwenningen geht von 22 Juden aus, die aus Villingen stammten und von den Nationalsozialisten ermordet wurden. "Wenn meine Generation es nicht erzwingt, wer kann es dann noch erzwingen?", sagt Bikart mit seinen schwarz-grauen Locken im weichen Elsässisch. "Was in ein paar Jahren noch daran erinnern wird, sind die Stolpersteine. Sonst wird es vergessen."

Mehr als 50 000 Stolpersteine sind mittlerweile in ganz Europa verlegt worden, wie es aus Demnigs Büro heißt. In Deutschland gibt es die Aktion in rund 1000 Städten. Nur in wenigen Fällen hat der Stadtrat gegen die Verlegung gestimmt. Prominentestes Beispiel ist München. Dort hatte sich die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, dagegen ausgesprochen. "Für mich ist der Gedanke unerträglich, dass diese Menschen und die Erinnerung an sie erneut mit Füßen getreten wird", sagte sie einmal. Es brauche ein Gedenken auf Augenhöhe. Der Gemeinderat lehnte die Stolpersteine 2004 ab.

In Villingen-Schwenningen verwiesen die Gegner auch auf die Ablehnung in München. Doch wer wann warum dagegen war, lässt sich mittlerweile nicht mehr klar sagen. Pierre-Louis Bikart hatte die Stolpersteine ursprünglich angeregt. Der Oberbürgermeister sprach sich für die Idee aus. Doch die Gegner befürchteten offenbar eine Entwertung der Immobilien, verwiesen auf München, sahen Kosten für die Stadt, warfen dem Künstler vor, mit der Erinnerung Geld zu verdienen. So erzählen es heute die Befürworter, so liest es sich mehr zwischen den Zeilen in alten Zeitungsartikeln. Neun Jahre später wagten die Kirchen einen neuen Anlauf. Doch die Ablehnung blieb.

Zum Gedenken an die ermordeten Juden.
Zum Gedenken an die ermordeten Juden.

Hauseigentümer meldeten sich in der Presse zu Wort: Sie hätten kein Problem mit Stolpersteinen vor ihrem Grundstück. Der Oberbürgermeister, Rupert Kubon (SPD), argumentierte, dass ein Künstler durchaus Geld mit seiner Kunst verdienen dürfe. Außerdem würde es die Stadt nichts kosten, weil für die Stolpersteine Patenschaften von Privatpersonen übernommen würden. 120 Euro pro Stein. Es gab den Hinweis auf andere prominente Vertreter der jüdischen Gemeinde in München, die sich für das Projekt aussprachen. Die bürgerliche Mehrheit lehnte trotzdem ab.

Mittlerweile wollen die meisten Gegner nicht mehr über das Projekt reden. "Im Moment ist alles gesagt", sagt die Fraktionsvorsitzende der CDU, Renate Breuning. Bei den Freien Wählern zeigt man sich vom Thema noch genervter: "Ich war dagegen, und ich bleibe dagegen, und da gibt es nichts weiter zu sagen", sagt der Fraktionsvorsitzende Erich Bißwurm. Die CDU hat nach der Abstimmung einen Antrag auf eine zentrale Gedenkstätte gestellt. Auf Anregung der Verwaltung gibt es nun zunächst eine historische Untersuchung, deren Ergebnis im Jahr 2017 vorliegen soll. Dann soll es wieder um die Gedenkstätte gehen – von der CDU geschätzte Kosten: 20 000 Euro. "Die Verwaltung schiebt das Thema nicht auf die lange Bank", wehrt der persönliche Referent des Oberbürgermeisters, Stefan Assfalg, eine entsprechende Frage ab. Wenn man ein solches Mahnmal errichten wolle, dann müsse man zunächst untersuchen, welche Opfer es gebe. "Auf dieser Basis wollen wir eine würdige Erinnerungskultur schaffen." 

Der einzige der Gegner, der sich offen äußert, ist der rechtsextreme Stadtrat der Deutschen Liga für Volk und Heimat, Jürgen Schützinger. "Man muss sich zukunftsorientiert verhalten und nicht vergangenheitsorientiert", sagt der 61-Jährige bei Schnitzel und Kristallweizen im Schnitzelhaus "C'est la vie". "Die Zeit ist rum." Die Stadt habe andere Themen, um die sie sich kümmern müsse. Dem Künstler Demnig wirft er ein rein wirtschaftliches Interesse an dem Projekt vor: "Das ist doch so offensichtlich, dass es um Geldmacherei geht, alles andere ist Propaganda", sagt der ehemalige Landesvorsitzende der NPD.

Jürgen Schützinger, der ehemalige Landesvorsitzende der NPD Baden-Württemberg.
Jürgen Schützinger, der ehemalige Landesvorsitzende der NPD Baden-Württemberg.

Durch die Ablehnung der Stolpersteine erregte Villingen-Schwenningen überregionale Aufmerksamkeit. Vor kurzem schaffte es die 82 000-Einwohner-Stadt erneut in die landesweiten Schlagzeilen. Immerhin gingen die Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlands (Pegida) im Südwesten bisher nur in Villingen-Schwenningen auf die Straße. Dort meldete Anfang Januar eine junge Frau die erste Demonstration für Sbh-gida an – was für die Region Schwarzwald Baar Heuberg steht. Rund 100 Menschen folgten dem Aufruf, standen vor dem dunklen Münster und wurden von Antifa-Gegendemonstranten niedergebrüllt.

Von einem rechten Problem der Stadt will der Referent des Oberbürgermeisters allerdings nichts wissen. "Das haben wir nicht", sagt Assfalg. "Wir liegen mittendrin im Südwesten, wenn jemand eine Veranstaltung plant und wenn er will, das die Menschen aus der größeren Region kommen, dann haben wir einen günstigen Standort." Er verweist auch auf den Autobahnanschluss. Also nur praktisch gelegen? Der Verfassungsschutz sieht in Villingen-Schwenningen und Umgebung "keinen Schwerpunkt der rechtsextremistischen Szene". Auch sei die Pegida-Demonstration nicht aus der Szene angemeldet oder von ihr "beeinflusst" gewesen.

Für Stadtrat Schützinger ist es dagegen nachvollziehbar, dass Pegida in Baden-Württemberg ausgerechnet in Villingen-Schwenningen auftritt. "Das rechte Wählerpotential ist da", sagt Schützinger, der seit 1980 im Gemeinderat sitzt. Er werde im Schnitt mit rund 2000 Stimmen wiedergewählt. "Es ist naheliegend, es nicht in Tübingen, Freiburg oder Heidelberg zu versuchen." In den Universitätsstädten wählen die Menschen eben eher links als rechts der Mitte. Was die Veranstalter zu den Überlegungen sagen, ist allerdings nicht bekannt. Auf eine Anfrage über Facebook reagierte Sbh-Gida nicht. 

Doch lässt sich zwischen der Ablehnung der Stolpersteine im Gemeinderat und der örtlichen Pegida-Bewegung überhaupt ein Bogen schlagen – ist beides Ausdruck eines starken Rechtskonservatismus im Ort?

Eine konservative Idylle: die Niedere Straße in Villingen.
Eine konservative Idylle: die Niedere Straße in Villingen.

Eigentlich sollte das Stadtarchiv zu dem Thema etwas sagen können. Aber dort will man sich zu politischen Fragen nicht äußern. Dem bürgerlich geprägten Villingen in Baden sei früher ein eher von der Arbeiterschaft dominiertes Schwenningen in Württemberg gegenübergestanden, heißt es nur. 1972 wurden die Verwaltungen der beiden Städte zusammengelegt. Zugezogenen fällt der große Stolz der Villinger auf ihre historische Altstadt auf und das Leben dort sowie die stets ausgiebig gefeierte alemannische Fasnet. Also ein eher konservatives Villingen – aber sonst?

Schützinger lobt Pegida, Freie-Wähler-Chef Bißwurm will sich auch dazu nicht äußern, zumindest die CDU lehnt die Bewegung klar ab. Breuning sagt über die politische Lage in der Stadt: "Wir hatten Zeiten, in denen die Rechtsradikalen sehr viel stärker waren. Gott sei Dank ist Villingen-Schwenningen da nicht mehr an vorderster Front." Anfang der 90er-Jahre saßen noch zwei Republikaner und mit ihm drei NPDler im Stadtrat, erzählt Schützinger. Mittlerweile sieht er den rechten Flügel im Gemeinderat von zwei Stadträten der Alternative für Deutschland gestärkt.

Der Vorsitzende der Aktion Pro Stolpersteine Villingen-Schwenningen, Friedrich Engelke, tut sich eher schwer mit einer Verbindung beider Themen. Der kleine Mann mit Hut und weißem Schnauzer sagt über die Ablehnung der Stolpersteine: "Das ist eine politische Entscheidung. Ich glaube nicht einmal, dass die Stadträte mit dem Herzen hinter der Entscheidung stehen." Vielmehr sei es darum gegangen, die vom SPD-Oberbürgermeister befürwortete Idee zu torpedieren. Engelke lehrte früher Physik und Mathematik an der Hochschule Furtwangen. In den vergangenen Monaten hat er gemeinsam mit seinen Mitstreitern jeden Sonntag Mahnwachen für die Opfer der Nationalsozialisten vor dem Rathaus abgehalten.

Friedrich Engelke kämpft für die Stolpersteine in seiner Stadt.
Friedrich Engelke kämpft für die Stolpersteine in seiner Stadt.

Der Schulleiter der St.-Ursula-Schulen, Johannes Kaiser, sagt: "Die Gegner wollen nicht, dass das Thema immer wieder präsent ist." Schüler seiner Schule haben ein alternative Form des Gedenkens gefunden: virtuelle Stolpersteine. Im Internet sind die Geschichten aller Villinger Juden zu lesen, Familienbilder in Schwarz-Weiß zeugen von glücklichen Zeiten. In der Stadt gibt es nun an sieben Orten Aufkleber mit dem roten Adler des Stadtwappens, einem Davidstern – und einem QR-Code. Wer die Codes mit seinem Handy und einer entsprechenden App einliest, landet auf der jeweiligen Internetseite zu der Familie, die an dieser Stelle gelebt hatte. Die Aufkleber müssen regelmäßig ausgetauscht werden, weil die Davidsterne zerkratzt wurden.

Aber die Hoffnung aufgeben wollen sie in Villingen-Schwenningen noch nicht. Immerhin könnte man doch noch ein drittes Mal über die Stolpersteine abstimmen. In München wollen die Stadträte nun auch erneut über das Projekt beraten. Wenn es sich die bayrische Landeshauptstadt anders überlegt, vielleicht schwenken dann auch in Villingen-Schwenningen noch einige um. Die Grünen kündigen schon an, dass sie vielleicht zum Jahresende noch einmal einen Anlauf wagen wollen.

Der Davidstern wird ständig weggekratzt.
Der Davidstern wird ständig weggekratzt.

"Ich halte es durchaus für möglich, dass man noch einmal zu einer anderen Entscheidung kommt", sagt die Grünen-Stadträtin Cornelia Kunkis-Becker. Engelke sagt: "Diese Stadt hat sich zu bekennen zu einer Erinnerung." Der 72-Jährige sieht es als seine Verantwortung gegenüber den nachfolgenden Generationen an, die Erinnerung wachzuhalten. "Es ist eine Pflicht, aber auch ein Vermächtnis."

Vier Stolpersteine im Schnee, vier Namen, vier Tote – nur ein Stein fehlt noch, ein Name: Sigmund Bikart, Pierre-Louis' Vater. Er war der einzige der Bikarts, der Auschwitz überlebt hat. 35 Kilogramm wog er, als die Russen kamen. Er starb vor 15 Jahren im Elsass.


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!