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Ausgabe 197
Schaubühne

Stuttgart hält Pegida klein

Von Johanna Henkel-Waidhofer (Text) und Joachim E. Röttgers (Fotos)
Datum: 07.01.2015
Die Entrüstung über Pegida hat auf dem Schlossplatz zusammengeführt, was im Talkessel keineswegs immer zusammengehört: Stuttgart-21-Gegner und Grüne, SPDler, GewerkschafterInnen und Linke, Menschen mit und ohne Zuwanderungsgeschichte, sehr viele Junge und viele Ältere.

In der Landeshauptstadt ist sie noch nicht angekommen, jene Welle, die von Dresden in die Republik schwappte. Gerüchte, die Retter des Abendlands würden am 5. Januar in Stuttgart auf die Straße gehen, bewahrheiteten sich nicht. Aus einer eilig aus dem Boden gestampften Gegendemo wurde eine trotz Ferien gut besuchte Kundgebung für Toleranz und "gegen Fremdenhass, Aggression, Vorurteile und Gewalt", so die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Doro Moritz.

"Es ist nie zu früh, ein solches Zeichen zu setzen", sagt eine junge Frau mit einem selbst gemalten "Willkommen"-Schild in der Hand. "Egal wie Volk ihr seid, wir sind Völker", steht auf einem großen weißen Plakat, das den anmaßenden Pegida-Slogan aus Dresden verballhornt. Nein, ruft Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn, "ihr seid nicht das Volk". Gerade hier in Stuttgart könnten "Hetzer und Rassisten" dies nicht für sich in Anspruch nehmen.

Die Stadt steht dank der Initiative der Anstifter in einer Reihe mit Berlin und Köln, mit Rostock, München oder Münster. Der Text, mit dem Geschäftsführer Fritz Mielert zur Kundgebung aufgerufen hat ("Asylheime brennen und der rechte Mob macht immer unerträglicher Stimmung gegen Flüchtlinge & MigrantInnen"), trifft die Lage in den 16 Bezirken, in denen Unterkünfte errichtet sind, allerdings nicht. Der Konsens hält.

Fast 1000 Freiwillige sind in Stuttgart für Flüchtlinge aktiv

"Stuttgarter Weg" heißt das Konzept des Miteinanders, der frühen Einbindung künftiger Nachbarn und all jener, die zur konkreten Unterstützung und Betreuung von Flüchtlingen bereit sind. Fast 1000 freiwillige Helfer und Helferinnen sind aktiv, an über 70 Grundschulen sind Vorbereitungsklassen eingerichtet, in denen Kinder und Jugendliche nach der Flucht an den Regelunterricht herangeführt werden. Immer wieder zeigt sich inzwischen, dass die fehlenden Deutschkenntnisse keineswegs das größte Problem sind. "Vor allem die Kleineren beginnen zu erzählen, wenn sie Zutrauen gefasst haben", berichtet eine Lehrerin, die aus Ostfildern auf den Schlossplatz gekommen ist. Die Geschichten gerade der syrischen Kinder, sagt sie, "sind einfach nur furchtbar".

Trotz der gut 180 Organisationen, die die Aktion unterstützen, ist der grüne Stuttgarter OB Fritz Kuhn auf eher heikler Mission unterwegs. Die Veranstalter, allen voran Mielert selber, arbeiten sich regelmäßig an den Grünen ab, wenn es um Stuttgart 21 geht. Obendrein waren im Netz Stimmen laut geworden, der OB nutze den Protest zur Selbstdarstellung ("Kuhn schleimt sich bei der Anti-Pegida ein"). Er kontert mit einer Tonlage, die seit seinem Vorvorgänger Manfred Rommel den liberalen Umgang mit Zuwanderern und Ausländern in der Stadt bestimmt. Pegida stehe nicht für "europäischen Patriotismus", sondern für "diskriminierende Hetze", so Kuhn.

Und dann nimmt er sich die AfD vor, denn wer die Pegida-Bewegung gutheiße, instrumentalisiere Flüchtlinge und mache sich zum Wegbegleiter von Faschisten, von Neonazis und von Rechtsradikalen. "Wir sind stolz darauf, eine Stadt der Integration zu sein, und in diesem Sinne werden wir uns wehren gegen alle, die dieses Klima in dieser Stadt kaputtmachen wollen." Was auch ein Seitenhieb gegen jene FDP-Vertreter ist, die anders als von der Parteispitze proklamiert in Bezirksbeiräten gegen neue Unterkünfte stimmen.

Gute Stimmung zu traurigem Anlass

8000 Menschen hat Mielerts Hauruck-Aktion auf die Straße gebracht. Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD) ist unter den Zuhörern, Verdi-Landesbezirksleiterin Leni Breymaier, JES-Intendantin Brigitte Dethier mit ihrem gesamten Ensemble. Eric Gauthier berichtet von seinen Ängsten als junger Tänzer in Kanada, mit dem Angebot in der Tasche, ins ferne, fremde Europa zu wechseln, und vom Zusammenhalt in internationalen Tanzkompagnien. Anstifter-Gründer Peter Grohmann darf sich über "die gute Stimmung bei einem traurigen Anlass freuen" und darüber, dass es "keine Störungen gegeben hat". Er will erreichen, dass das "Irrationale in der Mitte der Gesellschaft" weiter problematisiert und bekämpft wird.

Passgenau zu den vielen Gegendemos dieses 5. Januar präsentierten Wissenschaftler am Montag eine Studie, wonach Städte wie Stuttgart ordentliche Chancen haben, Pegida kleinzuhalten. Denn vor allem Ahnungslosigkeit und Nichterleben nähren Ressentiments und die Angst vor Überfremdung: Flüchtlinge und Zuwanderer stoßen gerade dort auf Misstrauen und Ablehnung, wo sie selten oder gar nicht zu finden sind – siehe Dresden mit seinem kaum messbaren Anteil an Menschen muslimischen Glaubens und 98 Prozent Inländern.


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6 Kommentare verfügbar

  • Andi
    am 14.01.2015
    Sehr geerhter Herr Brück,

    ich teile Ihre Gedanken und möchte ihn noch ein wenig weiter denken: Seit NSU wissen wir, das wir unserem Verfassungsschutz nicht mehr trauen können und sind nicht mehr sicher, ob es noch die Politik ist, welche ihn kontrolliert oder ob der Verfassungsschutz uns allen (und damit auch der Politik) die Welt so erklärt, wie er es gerne hätte. Und so kann der Verfassungsschutz ständig die Öffentlichkeit manipulieren, durch sein Netz an V-Leuten kann irgendwelchen Irren jederzeit eingeredet werden wie toll es doch wäre nun dies oder das zu tun. Und schon fokusiert sich die ganze Öffentlichkeit auf einen einzigen Punkt, während dessen im Verborgenen andere Dinge voran getrieben werden können.

    Nun fordert zum Beispiel die Bildzeitung mit Hinweis auf Paris, die NSA möge uns weiter flächendeckend überwachen. Einen besseren Gefallen hätten die Attentäter von Paris der USA also gar nicht machen können.

    Hierzu ein paar Stichworte: Gladio, der tiefe Staat, false-flag-Aktionen, Ukraine, ISIS, Charlie Hebdo, ...
  • Thomas Brück
    am 12.01.2015
    Guten Tag,

    Ich hatte mir vorgenommen, zur Anti- PEGIDA (SAARGIDA) Demo (Bunt statt braun) zu kommen. Diese Zusage werde ich auch einhalten, werde aber zukünftig allen Veranstaltungen dieser Art fern bleiben. Meine Gründe sind:

    1. Es wird zunehmend ein Zusammenhang zu den Terroranschlägen in Paris (Charlie Hebdo) konstruiert. Dieser existiert, wenn überhaupt, nur spekulativ. Leider wurden die unterschiedlichen Ereignisse aufgrund weniger Schnittmengen immer mehr vermischt.

    2. In Saarbrücken scheint es augenscheinlich nicht auszureichen, dass sich ein Bündnis gegen SAARGIDA formiert. Die Antifa organsiert quasi parallel ihre eigene Gegen- Demonstration. Offensichtlich gibt es schon unterschiedliche Blickwinkel, vermutlich politisch zu verorten, gleichzeitig 2 Gegen- Demos zu veranstalten. Das irritiert mich durchaus, zumal ich die Beweggründe nicht kenne.

    3. Die Ereignisse werden zusehends für parteipolitische Interessen missbraucht. Während die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) noch in ihrer Neujahrsansprache auffallend relativierend sowohl PEGIDA sowie die Gegen- Demo erwähnte, fühlt sie sich nun doch motiviert, einen Redebeitrag bei der Kundgebung beisteuern zu müssen. Eigentlich hatte sie ihre Chance gehabt, sich zu positionieren. Es erweckt den Eindruck, einen politischen Rohrkreppierer, mit neuer Munition ins richtige Ziel zu bringen.

    4. Anstatt dass man endlich normalen Leuten aus dem Volk das Mikrofon in die Hand gibt, bevorzugt man die Prominenz aus Politik und Gewerkschaften. (Es gab Anfragen, die abgelehnt wurden, weil man sich angeblich auf 10 Redner beschränken wollte, welche schon fest standen. Die saarländische Ministerpräsidentin war zu diesem Zeitpunkt noch nicht dabei.)
    Die etablierten Parteipolitiker hatten ausreichend die Gelegenheit, ihre polarisierenden Phrasen zu dreschen, ohne sinnvolle Lösungsansätze zu bieten. Das Gefühl einer leichten politischen Instrumentalisierung will nicht schwinden.

    5. Es gäbe so viele heftige Probleme (TTIP, Lohndumping, Sozialabbau u.v.m.), um dafür auf der Strasse wirkungsvoll zu demonstrieren. Aber man sucht sich ein fiktives Problem (Islamisierung), nutzt die Medienmacht geschickt aus, um ein Thema wochenlang in der öffentlichen Diskussion zu halten und bietet damit Populisten jeglicher Gesinnung eine Plattform. Da man auf emotionaler Ebene deutlich mehr Menschen mobilisieren kann, bilden sich vorhersehbar unterschiedliche Fronten. Die rational existierenden Probleme, die Muslime, Christen, Juden und auch Atheisten gleichermaßen betreffen und sie eigentlich vereinen sollten, rücken in den Hintergrund. Wenn später dann eine Demo gegen echte Probleme (siehe oben) organisiert wird, fehlt es den Leuten an Motivation, sich für die wirklich elementaren Dinge auf die Strasse zu begeben.
    In diesem Sinne,
  • Peter Schey
    am 09.01.2015
    Wo stehen wir ? Gerade lese ich einen Artikel in der "Stuttgarter Zeitung": Da vergleicht jemand allen Ernstes den Koran mit Hitlers "Mein Kampf" ! Und der, der das tut, ist Stuttgarter Stadtrat !!!

    Sorry, manches DARF einfach nicht sein !

    http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.afd-stadtrat-fiechtner-mein-kampf-mit-koran-verglichen.852bd9e9-228d-4cfa-a44f-13ef67ab6f9c.html
  • Peter Grohmann
    am 08.01.2015
    Dass sich die Veranstalter regelmässig an den Grünen abarbeiten, ist viel zu kurz gegriffen - wir haben anderes zu tun und arbeiten kaum mehr oder weniger am Thema S2 wie etwa Kontext. Auf dem Schloßplatz zusammengeführt hat uns
    mehr als Pegida die NSU und der skandalöse Umgang der Regierung mit den Aufklärern, zusammengeführt haben uns
    die fortwährenden Übergriffe auf Flüchtlinge, Sinti und Roma, Juden, Linke - und eine wachsende Stimmung in der Mitte der Gesellschaft, die kurz gesagt Demokratie Scheisse findet
    und sich einen Führer wünscht. Es lohtn sich (ich wiederhole mich), die aktuellen Forschungen zu diesem Komplex mal unter die Lupe zu nehmen.
  • Leselotte
    am 07.01.2015
    Wegen Pegida:
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=24465#more-24465
    >...Der durchschnittliche Erwachsene dieser Kultur ist ein Produkt von Wunschvernichtung und verinnerlichter Repression. Immer, wenn ihm außerhalb seiner etwas begegnet, das auf ein Mehr an Freiheit und Glück hindeutet oder das einfach nur anders ist, „geht ihm das Messer in der Tasche auf“. Der autoritär erzogene Mensch wird eine Neigung davontragen, das, was er selbst unter Schmerzen in sich abtöten und begraben musste, aus sich herauszusetzen und dort am Anderen zu bekämpfen und zu vernichten. Auf der Basis eines an seiner Entfaltung gehinderten, durch pädagogische Dressur partiell getöteten Lebens entwickelt sich eine konformistische Bösartigkeit, ein Zugleich von Anpassung und Aggression. Ihr wohnt eine Tendenz inne, sich am Anderen schadlos zu halten und zu verfolgen, was einem lebendiger vorkommt: „Der da, der reißt sich nicht so zusammen wie ich!“ Ressentiments und Feindseligkeit schlagen dem um sein Glück Betrogenem aus allen Poren. „Gleiches Unrecht für alle!“, avanciert zur unausgesprochenen Maxime seines ungelebten Lebens. Dieser Faschismus der Gefühle oder der Gefühllosigkeit ist zu verstehen als eine Parteinahme für das Abgestorbene und Tote in der eigenen Person...<

    Mir begegneten diese Gedankengänge das 1.x in Arno Grüns Buch >Hass in der Seele< .

    Sehr anschauenswert:
    https://www.youtube.com/watch?v=0J-lJTengYA
    (4 Minuten 23)
    Hier entnommen:
    http://www.nachdenkseiten.de/?p=24468#h01
  • Peter Schey
    am 07.01.2015
    Da rennt eine Horde wildgewordener Kleinkinder seit Wochen durch Dresden, geführt von einem Vorbestraften, blökt "Wir sind das Volk", verweigert sich jedem Dialog und faselt von Lügenpresse...

    Sie gehören seit 25 Jahren dazu, aber in der Familie sind sie noch nicht angekommen...

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