Ausgabe 193
Schaubühne

Stuttgart in 100 Minuten

Von Anna Hunger
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 10.12.2014
Kurz nach halb elf samstags, Schillerstraße. Exklusivblick aus vier Meter Bushöhe auf Stuttgart-City, angenehm einschläferndes Motordröhnen, rote Kopfhörer wärmen die grade noch winterkalten Ohren von rund 40 tiefenentspannten Stuttgart-Touristen. Na ja, von 20, die andere Hälfte nestelt noch und zieht gegen Ohrschmalz des Vorhörers schwarz-flauschige Wegwerfhüllen über die Hörer. Los geht's mit dem roten Doppeldeckerbus des Stuttgart-Marketing durch die Landeshauptstadt. Desch a Sach! Würd der Schwabe sagen.

Der Bus schwankt um die Ecke Schiller-/Konrad-Adenauer-Straße. "Des da links isch die Staatsgalerie, gell", fragt eine junge Stimme aus dem Hörer. "Ha ja", sagt eine alte. Links zieht ein Oskar-Schlemmer-Werbeplakat vorbei, rechts die Oper und, völlig unerwähnt, der Landtag.

Landespolitik, sagt Armin Dellnitz, Geschäftsführer der Stuttgart-Marketing GmbH, zugegeben, würde irgendwie noch fehlen. Aber man arbeite dran. Auch am Fernsehturm, der fehlt auch noch im City-Tour-Programm, weil zu weit weg und abgelegen mitten im Stuttgarter Landeshauptstadt-Nirgendwo und auf so einer Bustour müsse ja spätestens alle paar Minuten was passieren, sonst wird's langweilig. Egal, auch ohne schön, die fast nagelneue Stuttgarter City-Tour im roten Doppeldecker (rund 65 Sitzplätze, im Sommer optional auch ohne Dach!), rosa-softes Touristenprogramm mit Brezel-, Stern- und Schwabensagen, elfsprachig – von Hochdeutsch bis Chinesisch, Kindersendung auf Kanal zwei, Schwäbisch auf der Drei, Feinstaub-, Baustellen-, skandalfrei, 40 Stundenkilometer schnell, 100 Minuten Stuttgart. 

"Here to the left is Breuninger", sagt eine männliche Stimme auf Kanal vier. "Oh, Breuninger!", ruft eine verzückt-weibliche vom Band. "Oh, Breuninger!" ruft auch eine Frau in echt und Beige mit Wollmütze. "Wie gehst das denn hier", fragt eine alte Dame in Stepp und wurschtelt ein Kabel von der Kopfhörerhalterung. "... the museum with the history of Württemberg" sagt die englische Stimme gerade noch auf Kanal vier. "Stell dr mal vor, hier isch dr Herzog Karl Eigen scho vorbeikomma" erzählt Kanal drei, untermalt von herzöglichem Hufgetrappel, ein Pferd wiehert auf Kanal zwei.

Hop-on-Hop-off vom Schlossplatz zum Mercedes-Benz-Museum

Seit Juli bietet die Marketingabteilung der Landeshauptstadt eine neue Stadtrundfahrt. Seitdem die nicht mehr im Linienbus der SSB, sondern im roten Doppeldecker stattfindet, ist die Zahl der Busfahrenden rasant gestiegen. 15 Euro kostete der Spaß pro Kopf im Hop-on-Hop-off-Prinzip – an bestimmten Sehenswürdigkeiten darf ausgestiegen, besichtigt und auf den nächsten Bus gewartet werden. Start, sagt Dellnitz vom Stuttgart-Marketing, sei extra am I-Punkt ausgewählt, Königstraße 1a, damit die Gäste auch ordentlich empfangen werden – mit Äffle und Pferdle bedruckten Müsli-Schalen Marke "Hafer-Blues" und Kuckucksuhren als Kühlschrankmagnete.

"Etz", sagt die alte Stimme aus dem Kopfhörer, "etz kommet mr zom Lieblingsplatz der Stuttgardr." Mit der Galatea auf einem Brunnen, Aussichtsplattform Eugenplatz, Stuttgart-Ost. Als die enthüllt wurde, ging ein Aufschrei durch die Bevölkerung, berichtet das Band. Denn: "Galatea war ... nackich!" Königin Olga habe dann "a Machtwort gschbrocha". Gleich hinter der Nackichen gibt's beste Aussicht auf die graue Brache von Stuttgart 21, drei Baukräne ragen gelb und spitz in den Betonhimmel. "Mr sieht, da isch immer ebbes zom macha", kommentiert Kanal drei gut gelaunt, ein virtuelles Zwiegespräch zwischen Opa und Enkelin, erklärt Marketing-Mann Armin Dellnitz, denn von langweilig runtergeleierten Sehenswürdigkeiten könne sich der Mensch allerhöchstens 20 Prozent merken. Mit Hörspiel geht das besser.

"Wohohoho! I can't stop running!" kommt aus dem Kopfhörer, Pausenmusik von einem Highlight zum nächsten, links ziehen Backsteinhäuschen vorbei, "mit Türmle" und "jedem Heisle a klois Gärtle", meldet sich Opa wieder zu Wort. "That's glory!", ist Kanal vier entzückt. Grau, grau, grau ist der Himmel über Stuttgart. "I can't be what i wanna be", singt der Lautsprecher. "Give me reason to survive ..." 

"Next Exit Pig-Miusiem"

Vier Mal fährt der Touribus am Tag an Wochenenden, ein Mal täglich unter der Woche, oben gibt es 53 Plätze, unten 12. Die linke Seite ist besser "wegen der Aussicht", sagt Tolo Mladenko, der Busfahrer, ein gut gelaunter, knuffiger Kroate, 40 Jahre und zwei gescheiterte Ehen lang fährt er schon Bus, in London, Paris, auf Rhodos, in Split, Dubrownik und jetzt eben in Stuttgart. "Next Exit Pig-Miusiem", sagt der Kopfhörer, weltgrößtes Schweinemuseum, 45 000 Borstenviecher aller Couleur samt Schweinshaxe im Erdgeschoss. Eine Handvoll Bustouristen steigt aus. Die Größe der Stadt sei beeindruckend, sagt eine ältere Dame ehrfurchtsvoll.

Weiter geht's. Links – Kanal fünf – "La Khannstattör Whasön", geradeaus die Porsche-Arena, der Bus schnürt rechts am neuen VfB-Motto vorbei – "Furchtlos und treu" hängt stolz über dem Eingang des Stadions. 1974, erzählt Tolo Mladenko, war er mal im Stadion beim VfB, einmal und nie wieder! Viel zu laut sei's gewesen. 1973 war der VfB noch Bundesliga-Neunter und Uefa-Cup-Halbfinalist, 1974 spielte der Verein in der zweiten Liga. Später am Tag wird der VfB gegen Schalke 0:4 verloren haben. Tabellenplatz 18, knapp vor Absturz.

"Exit Mersidis Bens Miusiem." Im Sommer stand der rote Doppeldecker hier auf dem Vorplatz zu Presse-Präsentation. Normalerweise ist die Firma MAN zuständig für die roten Touristenbusse, die durch Deutschlands Städte fahren. Aber weil ein Daimler-Benz-Museum nicht mit einem MAN-Bus angefahren werden sollte, hat Daimler lieber selbst einen Doppeldecker-Prototyp gebaut. Das Ganze eingefädelt von Armin Dellnitz, der sich sehr stolz anhört. 

Nächster Viewpoint: Bad Cannstatt, Stuttgarts ältester Stadtteil, da waren schon die Römer. "Mineral water! Liquid gold!", jubelt der Englisch-Kanal. Busfahrer Mladenko kurvt um ein Postauto, dann um einen silbernen Wagen, den einer im Wochenendsuff mitten auf der Straße geparkt hat. An einem Schild auf Doppelstock-Augenhöhe klebt ein Anti-S-21 Aufkleber, der daran erinnert, das die Mineralquellen demnächst vielleicht Geschichte sein könnten in der – Kanal vier – "Great Spa-Town Stuttgart".

Stuttgart – hübsch und sauber

"Links dr Neckar!", ruft Opa. Man sieht Betonhimmel, graue Wolken quellen aus den EnBW-Schornsteinen. Zwei junge Spanier machen ein Selfie mit erahntem Neckar und deutlichem Schornstein. Sie kommen aus Barcelona, da sei alles so dreckig und riesig. Stuttgart dagegen sei so schön sauber, die Häuser klein und hübsch. Und die U-Bahnen! "Die riechen so gut", sagt der höfliche Junge. In Barcelona würde in den Stationen immer der Boden kleben. Opa im Kopfhörer erzählt von Frieder, dem Hofbäcker von Eberhard im Barte, der einmal Teig wie die Arme seiner Frau formte. "Heraus kam – die Brezel!" 

"US-Hoheitsgebiet, das kannst du auch an den Zäunen erkennen." Sagt der Kinderkanal. "Toll!", sagt das Kind, "die Weinberge direkt vor der Tür! Total schön." Rechts zieht Stacheldraht vorbei. Um die Amerikaner rum: "Niedrigenergiesiedlung", sagt Opa stolz im Kopfhörer. 

"Tatütata" kommt aus dem Lautsprecher am Robert-Bosch-Krankenhaus. Der Bosch habe mal eine Büroklammer auf dem Boden in seinem Büro gefunden, sie mit "spetza Fenger" in die Luft gehoben und gesagt: "So gehen die mit meinem Vermögen um." Dann: rechts Killesberg ("The view is phenomenal!"), links Weißenhofsiedlung ("Kuck amol!"), wieder links Ausblick auf den Fernsehturm ("D' Betonadl").

­Um kurz vor zwölf biegt der Rote Doppeldeckerbus mit dem Mercedes-Stern um die Kurve zum Hauptbahnhof ein. Ein letzter Blick aus vier Metern Bushöhe. Busfahrer Mladenko spurtet zu McDonald's, die Spanier in die nicht klebende U-Bahn-Station. Die Dame in beigem Stepp klettert aus dem zweiten Stock die Stufen hinunter. "Ganz schön hügelig hier", sagt sie. Stuttgart in 100 Minuten. "Desch a Sach."


Gefällt Ihnen dieser Artikel?
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!
botMessage_toctoc_comments_9210
KONTEXT per E-Mail:  

Durch diese Anmeldung erhalten Sie regelmäßig immer mittwochs um 9 Uhr unsere neueste Ausgabe unkompliziert per E-Mail. Datenschutz-Hinweis

Letzte Kommentare:
















Die KONTEXT:Wochenzeitung lebt vor allem von den kleinen und großen Spenden ihrer Leserinnen und Leser.
Unterstützen Sie KONTEXT jetzt!