Saliha Özcan in Ihrem Element. Zur Fotostrecke auf das Bild klicken.

Ausgabe 190
Schaubühne

Torten und Tacheles

Von Anna Hunger
Fotos: Joachim E. Röttgers
Datum: 19.11.2014
"Sallys Tortenwelt" begann vor zwei Jahren mit einem Nusszopf. Mittlerweile ist die Selfmade-Meisterbäckerin Saliha Özcan aus dem badischen Waghäusel ein Youtube-Star und ihre Tortenwelt der größte "Food-Channel" Deutschlands. Es geht um Essen und Haushalt. Und manchmal auch um Haltung.

Saliha Özcan ist Zuckermalerin, Cremekünstlerin, Teigarchitektin, Torteningenieurin. Mithilfe winziger Spritzen, Tüllen, Schaber, Löffelchen backt sie kunstvolle Weihnachtsbaum-Muffins oder Regenbogen-Torten. Sie verspachtelt in Feinstarbeit kleine Unebenheiten in Hochzeitstorten, hüfthoch, mit fruchtgefüllten Schokoladen-Spitzen-Rändchen, ritzt Hunderte Zornesfalten in grimmig dreinschauende Kürbiskuchen oder zerschneidet am Reißbrett auf den Millimeter genau einen Biskuitteig zu einem Bausatz für eine Lkw-Ladefläche samt Führerhaus. Alles in Perfektion. "Backen ist Maßarbeit", sagt sie. Manchmal wiegt sie sogar das Eigelb ab.

Sie steht in ihrer Küche vor einer rosafarbenen Küchenmaschine, schwenkt Hefe und Wasser in einem Messbecher. "Öl immer zum Schluss, weil sich die Fettpartikel um die Hefe legen, und die geht dann nicht auf." Der Arm der Maschine walkt Mehl, Ei und Hefe zu einer Masse. "Herzlich willkommen zu Sallys Tortenwelt", sagt sie mit Zauberlächeln in die Kamera.

Zwei Millionen Views im Monat, 150 000 Youtube-Kucker zwischen 13 und 55 Jahren haben ihren Kanal abonniert. Das ist bei Weitem nicht die Spitze der Youtube-Erfolgswelle rund um den Nachrichtenmacher Le Floid, den Zocker Gronkh oder den schwedischen Youtube-Weltstar Felix Kjellberg alias Pewdiepie mit mehr als sechs Milliarden Aufrufen. Aber es ist auch nicht so schlecht.

Hinter Özcans Puderzuckerwelt steckt harte Realität 

Saliha Özcan stammt aus einer siebenköpfige Familie, zwei Schwestern, zwei Brüder. Der Vater Mehmet kam vor über 40 Jahren nach Deutschland, um in einer Betonfirma zu arbeiten. "Wenn man sich einen türkischen Gastarbeiter schnitzen wollte, würde er aussehen wie mein Vater – sogar mit echtem Schnauzer", sagt Sally. Alle Familienmitglieder haben gern gebacken. Und viel! Der Bruder, die Schwestern, die Mutter, Linzer Torte, Schwarzwälder Kirsch, Zitronenkuchen. Jede Woche gab es mindestens eine Torte, wenn nicht mehr. 

Irgendwann in den Neunzigern wollte die Familie in eine Wohnung ziehen im badischen Wiesental. Der Vater hatte gespart und das neue Zuhause sogar gekauft. Aber das Haus, 22 rein deutsche Parteien, stellte sich quer. Sie sammelten Unterschriften gegen die Türken, gegen befürchtetes Rumlungern, gegen vermeintliche Vermüllung, gegen Ausländer im Allgemeinen. "Die dachten, wir sind Assis, weil wir Türken sind", sagt Sally.

Ein Jahr lang hat die Familie ihr Wohnrecht erstritten, letztlich vor Gericht. Erst dann durften sie einziehen, anfangs noch unter Protest der Nachbarn. Aber weil all die viele Kuchen und Torten auch eine siebenköpfige Familie nicht alleine essen konnte, buken sich die neuen Hausbewohner recht schnell in die einst so feindseligen Herzen der Nachbarschaft. An befürchteten Müll und Dreck wollte sich schon nach kurzer Zeit keiner mehr erinnern. 

Sally backt nicht nur, sie hat auch eine Meinung

Sally hat Hauswirtschaft/Textil studiert, Englisch und Deutsch, abgeschlossen hat sie mit einer Examensarbeit über Giftstoffe in Kindertextilien. 

Mit 22, als Studentin, hatte Sally einmal eine besonders hübsche Torte gebacken für den Geburtstag ihrer Tante. Käsesahne mit Mandarinen. Die Torte hat sie bei Facebook gepostet, weil sie ihr so gut gefallen hat. Und weil sie anderen so gut gefiel, postete sie mehr Fotos von Torten. Und weil die auch so gut gefielen, produzierte sie irgendwann in ihrer kleinen Küche ein Video über die Herstellung eines Nusszopfs, machte einen Youtube-Kanal auf und nannte ihn "Sallys Tortenwelt".

Heute ist sie Grundschullehrerin in Waghäusel bei Mannheim und Teil der rasant wachsenden Youtube-Sternchenwelt. Neben ihrem Backkanal hat sie einen eigenen Back-Zubehör-Shop, einen ausufernden Facebook-Account, eine Menge Instagram-Follower und demnächst eine eigene Kochsendung im badischen Regionalfernsehen. Mittlerweile fragen ihre Schüler sie nach Autogrammen. Sie wollen eines von Sally, nicht die Unterschrift von Frau Özcan unter der Klassenarbeit. Einige der Kindern sind die Enkel von denen, die sie und ihre Familie damals nicht in ihrem Haus haben wollten.

Aber Sally backt nicht nur. Sie hat auch eine Meinung. In ihren Videos warnt sie vor Lebensmittelfarben, die krebserregend sind, vor billigen Backformen, die im Ofen zu Klumpen verschmelzen, sie erklärt, wo Eier herkommen, wo Klamotten hingehen, wenn man sie nicht mehr trägt und in den Altkleidercontainer wirft. Nicht zu Bedürftigen, sondern zu großen Teilen in Secondhand-Boutiquen oder auf Basare, erklärt sie in einem Video, in dem sie anklagend vor einem DRK-Container steht. Sally empfiehlt ihren Zuschauern einen Online-Händler für Secondhand-Kinderkleidung, sie verwendet pflanzliche Agartine, weil Gelatine aus Tierknochen gewonnen wird, und erklärt schon mal in ihren Filmen, dass man für eine Küchenmaschine keine Kredite aufnehmen sollte, weil man eigentlich keine Küchenmaschine braucht, wenn man keinen Kochkanal besitzt. Saliha Özcan möchte die Welt mit ihren Mitteln ein bisschen besser machen. 

Nazis auf dem Kochkanal

Doch manchmal holt sie ihre Vergangenheit ein. Und die knallharte Realität ohne Zuckerguss und Sahnehäubchen.

Kürzlich stand ihr Onkel, auch ein Türke, vor der Haustür. Mit einer Unterschriftenliste gegen ein geplantes Flüchtlingsheim im Wohngebiet 500 Meter Luftlinie von den Özcans entfernt. Mit Asylbewerbern in der Nachbarschaft, meinte der Onkel, würde sein Haus an Wert verlieren. Ein paar Unterschriften hatte er schon zusammen. Sally kam das sehr bekannt vor. "Weißt du nicht mehr, wie das früher bei uns war?", fragte sie den Onkel entsetzt. Und weil sie sich so ärgerte, hat sie ein Video gemacht. Sie selbst als Flüchtlingsfrau mit Kopftuch, blass und grau geschminkt, ein Schauspiel. 

Das Video ist nicht besonders gut. Es müsste "Asylbewerber" heißen und nicht "Asylant", filmisch ist es kein Meisterwerk, und man kann sich darüber streiten, ob es Stil hat, sich als Flüchtlingsfrau zu verkleiden. Aber der Film ist ein Statement von einer, die inmitten ihrer bunten Herzchenstreusel nicht so aussieht, als verbreite sie politische Statements. Von einer, die weiß, dass sie Reichweite generieren kann, und die sie manchmal nutzt, um Zustände anzusprechen, die sie ärgern. "Wenn mir etwas zustoßen würde, hätte ich Tausende Fans, die mir sofort helfen würden, die spenden und sich kümmern würden. Ich wollte zeigen, dass es jeden treffen könnte", sagt Sally. Noch nie hat sie so viele erhobene Daumen für ein Video bekommen. Aber auch noch nie so viele Dislikes, sagt sie. "Sally Tortenwelt ist hübsch und bunt. Aber manchmal muss man die Leute aus dieser hübschen und bunten Welt rausholen. Denn wenn man die Tür aufmacht, stehen da die Flüchtlinge."

Sie hat viel Feedback bekommen zu ihrem Video: Da gab es Jugendliche, die sich bedankt haben, weil sie vor ihrem Video den Unterschied zwischen Gastarbeiter und Flüchtling nicht kannten. Andere schrieben ihr, sie hätten ja nicht gewusst, dass sie auch ein "Asylant" sei und dass das nichts ausmache, sie sei ja normal. Wieder andere bedankten sich: "So habe ich das ja noch nicht gesehen." Aber auch der rechte Rand fand sich auf ihrem Kochkanal und schrieb Dinge wie "Kanakendrecksau" in die Kommentarspalte.

Und viele waren nicht einverstanden mit der Meisterbäckerin. So schrieb etwa Vanessa Mercuri: "Hier in der Schweiz ist es so, dass ein Asylant mehr Geld am Tag bekommt als ein arbeitsloser Schweizer! Und das Beste ist noch, dass sie dann dieses Geld für unnötige Sachen ausgeben, wie zum Beispiel Drogen, und das finde ich überhaupt nicht in Ordnung!" Qëndresa Sh. meinte: "Ach komm, Deutschland ist schon voll von Asylanten ...!!!" Und Dragica Kocic-Simic riet: "Sally, bleib bei deinen Torten!"

Einer mit dem Namen Nazan hat unter all die Kommentare seinen eigenen gesetzt: "Und die Moral von der Geschicht: Dumme Leute verstehen die Message nicht!" Sallys Onkel hat das Video gesehen und seine Unterschriftenliste wieder eingepackt. Das Asylbewerberheim steht jetzt im Industriegebiet.

 

Zum Youtube-Kanal Sallys Tortenwelt geht es unter diesem Link.


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5 Kommentare verfügbar

  • Michelle
    am 28.04.2015
    Die dich beschimpfen sind gottseidank die Minderheit.......hmmm nunja bin mir nicht sicher ob es bei eine Minderheit bleibt habe bei ihr so eine Tolle Kenwood bestellt und mehr als 4 Monate geduldig auf die Maschine gewartet mir wurde immer wider ein neuer Liefertermin gegeben. Bis ich es dann vor ca 3 Wochen aufgegeben habe und bei Sallystortenwelt per Email um Hilfe gebeten habe und nichts. Keine Antwort........auch auf mein Kommentar bei Youtube halten die es nicht für notwendig zu antworten. Mein Kommentar wird nicht mal veröffentlicht. Aber jede unkomplizierte Frage beantworten die. Glaube wenn die weiter so mit Ihren Kunden umgehen wird die gruppe die sie Beschimpfen immer größer. Wenn man sowas schon auf seine Seite anbietet sollte man sich doch wenigstens drum kümmern das deine Kunden den Produkt auch tatsächlich erhalten oder?
  • Lutz
    am 21.11.2014
    Ja, gaaaanz fiese Kommerztussi!

    Mensch Walter, komm mal runter. Ich finde die Einschätzung von Dir ziemlich daneben. Irgendwie deplatziert...oder mit Kanonen auf Spatzen....oder so.
    Wie unnütz diese Dinger sind,darüber gibt es freilich verschiedene Ansichten. Wer allerdings ständig in der Küche mit Nahrungsmitteln zaubert, bzw. viel kocht u d backt, der legt sich halt so ein Teil zu. Genau wie der Kiffer die langen Papierchen oder der Hifi Freak den Vorverstärker, der Radfahrer den Tacho oder der Künstler die Staffelei, bzw. zig verschiedene Pinsel. Wer auf abgefahrene Sado-Maso Spielchen steht, hat vielleicht auch Handschellen und Ledermasken... Aus meiner Sicht völlig überflüssig.
    Überlass doch den Menschen selbst die Entscheidung, was sie brauchen oder gerne hätten.
    Leg doch bitte nicht Deine Maßstäbe an andere Menschen an. Das verbittest Du Dir sicherlich andersrum genau so. Ne Bekannte von mir backt auch liebend gerne und hat sich so ein Küchenteil zugelegt. Letztlich, so sagt sie, nutzt sie es aber zu wenig. Wenn sie es allerdings mehr nutzen würde, fände sie es eigentlich suuuuper. Naja.
    Wie dem auch sei. Habe gerade geschaut. Sally berichtet ganz sachlich über Vor-und Nachteile der verschiedenen Maschinen. Sie sagte in dem einen Video, dass sie lange eine Maschine aus dem Aldi benutzte, erklärt aber noch die Unterschiede zur "kitchen aid".
    Wer Hifi als Leidenschaft hat, kauft seine Lautsprecher auch nicht bei Saturn...
    Dieses abqualifizieren, bewerten und verurteilen von Leuten, weil sie nicht ins eigene Schema passen, geht mir ziemlich auf den Zeiger. Genau das scheint Sally hingegen nicht zu tun.
    Sie scheint einfach liebend gerne in der Küche zu stehen, zu backen und das Herz noch am rechten Fleck zu haben sowie eine eigene Meinung und für ihre Themen einzustehen. So wie Du für Deine.
    Dass sie mit der - kaum vermeidbaren - Werbung (sie benutzt ja schließlich die Maschinen) jetzt noch etwas Kohle einstreicht, ist nur recht und billig. Oder darf man mit Dingen die einem Freude machen kein Geld verdienen? Soll sie die Küchenmaschinen verpixeln in ihren Videos?? So wie die- von Dir ins Feld geführte - taz es mit Werbung tut?
    Und die selbstbedruckte Schürze, die sie den küchen aids beilegt...gaaaanz fieser gaaanz hinterhältiger Kommerz.

    Also, liebe Grüße....und back Dir vielleicht mal nen Kuchen. Das entspannt!
  • walter steiger
    am 21.11.2014
    Bei allem Respekt vor Sallys klaren Ansagen - irgendwie scheint mir Anna Hungers Artikel nicht ganz zu Ende recherchiert, zumal, was den knallhart kommerziellen Hintergrund von 'sallystortenwelt' angeht. Gibt man bei YouTube statt 'Tacheles und Torten' 'Thermomix und Tupper' (oder 'Kitchen Aid und Kenwood') ein, landet man schnell bei diesem und ähnlichen anderen Videos: http://www.youtube.com/watch?v=JY6A0eKbPSE
    Diese unverhohlene Werbung für eigentlich indiskutable, weil überteuerte und völlig unnütze Apparate wie Vorwerks 'Thermomix' konterkariert dann doch ein bißchen Sallys unwidersprochene Behauptung, 'dass man für eine Küchenmaschine keine Kredite aufnehmen sollte'. Stimmt. Die 1199,- für die mattsilbern strahlende 'Grand Chef' (auf Jo Röttgers schönen Fotos drei Mal ganz diskret in Szene gesetzt) gibt's bei Sallys Küchen- und Kuchenshop auf Wunsch ja auch im Ratenkauf, die pinkfarbene Kitchen Aid, in Halbtotale, dito. Man fragt sich also, ob Frau Özcan e.K. mit ihrem politisch korrekt unterfütterten Product Placement nicht einfach eine neue Zielgruppe (im Umfeld der taz-Gemeinde) erschließen möchte, die ihr beispielsweise auch ein knallbuntes Silikon(!)-Kochlöffelset für Euro 99,- abkaufen soll - Weichmacher hin oder her.
  • sabine koné
    am 19.11.2014
    liebe sally,
    das ist doch ein wunderbarer artikel! du kannst stolz auf dich sein, du bis schön, charmant und klug und du kannst so wunderbar backen! die menschen lieben dich, diejenigen, die braunes gedankengut verbreiten und dich beschimpfen sind gottseidank die minderheit! das wird auch so bleiben, da bin ich fest von überzeugt, wir sind inzwischen so wunderbar multikulti in deutschland, da geht die nazi-ideologie unter! also, bleib wie du bist, sag deine meinung wenn es nötig ist und backe weiterhin so fantastische torten! liebe grüße, sabine
  • Bodo
    am 19.11.2014
    Toll. Danke fuer den Tipp! Ich finde es großartig, wenn jemand seinen Wirkungskreis nutzt um Dinge zu thematisieren, die wichtig sind. Auch wenn sie vielleicht nicht jeder gerne hört, gleichgültig ist oder einfach kein Bewusstsein dafür hat.
    Auch gerade in der schönen bunten Törtchenwelt, wo niemand ein politisches Statement erwartet, passt es besonders gut hin. Würden doch etwas mehr Menschen auch die politische Dimension ihres Alltags mitdenken.
    Jedenfalls wird diese Dame, die mindestens so schön wie ihre Backwerke ist, dadurch noch attraktiver.

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