KONTEXT:Wochenzeitung
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Folklore

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Thüringen, du schönes Land
Deutschlands grünes Herz genannt
Hilfst mit Köpfen und mit Händen
Den Fünfjahrplan zu vollenden ...

Damals, als euereins noch der Schulpflicht unterlag, musste der Schreiber dieser Zeilen in Tambach-Dietharz, im Herzen des Unrechtsstaats, solche klassenkämpferischen Texte nicht nur auswendig lernen, sondern auch der Klasse vortragen: mit Gewalt. Erst im freien Westen, jenseits des Stacheldrahts, durfte er dann vor dem Abendessen im Lehrlingsheim gewaltfrei beten – auch für die Freiheit seiner Omi Glimbzsch, die in Zittau im sogenannten Sozialismus vor sich hinvegetierte und in den Abfalleimern des Konsums wühlte – nein, nicht nach Westware, das kam erst später. Bückware der anderen Art – bis sie sagte: Ich hab's satt.

Und jetzt? Da wächst zusammen, was zusammengehört. Folklore rot, rot und grün. Diesmal beten auch die Atheisten, damit das Experiment gelingt. CDU/CSU mauscheln zwischenzeitlich in den Schmuddelecken der Nation mit echten und falschen Faschos und warten auf den Tag X. Wer gegen Gewalt und Vergessen auf die schiefe Bahn der Straße gerät, weiß aus alter Erfahrung: Ein echter Stasi-Spitzel arbeitet heute vermutlich für den Thüringer Verfassungsschutz und hat Zugang zu allen geheimen Akten. Dort steht, wer die Steigbügelhalter der SED waren: die alten CDU-Kader des demokratischen Zentralismus. Das waren Pfeifer vor dem Herrn, gewissermaßen Whistleblower von Walter Ulbricht.

Was Wunder, dass nach der Wiedereingliederung der DDR ins wahre Deutschland geschreddert wurde – solange, bis die Blockflöten den richtigem Ton fanden. Zugegeben: Die meisten anderen sind auch nicht viel besser.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die Anstifter.


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