Ausgabe 189
Kolumne

Mare nostrum

Von Peter Grohmann
Datum: 12.11.2014

Der Italiener will die Flüchtlinge, die aus dem Meer auftauchen, nicht mehr alleine retten. Denn das kostet! Die Italiener sagen: Rund zehn Millionen Euro. Monatlich! Deshalb hat der Italiener seine alliierten Christenfreunde in Europa gebeten, beim Tragen dieser zehn Millionen behilflich zu sein, und, wenn's geht, ein paar Tausend Ohne-Boots-Flüchtlinge ab- und aufzunehmen. Die EU, vorn dran unser Vorbild Jean-Claude Juncker, hat abgewinkt: zehn Millionen, das wäre zu viel des Guten. Zehn Millionen, das ist etwa die Summe, die man den europäischen Banken täglich vorn und hinten reinschiebt, systemrelevant. Mare nostrum, unser Mehr.

Mare nostrum ist, anders als ein Bahnhof, allerdings nicht alternativlos. Bisher hat man gut und gern 100 000 Flüchtlinge gerettet – künftig werden es ein paar Tausend weniger sein, hart an der Grenze eben. Europa schützt die Grenzen, aber nicht die Flüchtlinge: 1820 Menschen sind seit Jahresbeginn bei dem Versuch, ihrer Not zu entfliehen, gestorben. Der Tod auf dem Mittelmeer ist zur unheimlichen Routine geworden. Er dient aber auch der Abschreckung. Die europäische Demokratie wird immer mehr zur großen exklusiven Veranstaltung, die den Reichtum drinnen und die Not draußen behalten möchte, sagt Heribert Prantl.

Dagegen liest sich ein Interview von Joachim Gauck zur Verantwortung Deutschlands ganz anders. In den kühlen November der Menschenrechte hinaus ging es ihm ja vor allen Dingen darum, ob die Rolle Deutschlands in unserer gegenwärtigen Kraft – ("Und ich meine nicht militärisch, sondern ich meine das Demokratiewunder ... die Sicherheit der Menschen- und Bürgerrechte, die Herrschaft des Rechtes, der innere Friede im Lande ...") – also, ob das nicht ein gutes Beispiel wäre für viele Regionen dieser Welt. Denn die Leute könnten, tät meine Omi Glimbzsch in Zittau jetzt sagen, dann ja dort bleiben, wo sie hergekommen sind, in ihrer Demokratie, verstehen Sie? Und unsere Demokratie tät kein' Schaden nehmen, die Hooligans müssten nicht nach Hannover zu den Rechtsradikalen, und die Mitte der Gesellschaft hätt dann ja auch nicht mehr so viel wie jetzt gegen Fremde, egal, ob Juden, Zigeuner oder Leute mit anderen Handicaps.

 

Peter Grohmann ist Kabarettist und Initiator des Bürgerprojekts Die Anstifter.


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3 Kommentare verfügbar

  • Peter Grohmann
    am 14.11.2014
    Satire darf also offenbsr doch nicht alles.
    Die Leser nehmen meine Formeln nicht in den
    Alltag mit, denn da sind sie schon, da habe
    ich sie her. Kontext-Glossen-Leser müssen
    das einfach begreifen, - wo kommen wir
    denn sonst hin?
  • Tillupp
    am 12.11.2014
    @Juden, Zigeuner oder Leute mit "ANDEREN" Handicaps.
    Satire darf zwar alles, aber Judentum und Zigeuner als "Behinderung" (Handycap) zu betiteln ist nicht O.K.. Ohne das Wort "anderen" hätte es diesen Kommentar nicht gegeben. Aber so wie es oben geschrieben steht hat es ja Gromann gar nicht selbst gesagt, sondern seine Omi Glimbzsch (Zitat) in Zittau (weit weg) tät (Konjunktiv) das sagen. Sehr subtil, unangreifbar, feige versteckt hinter mehreren "Firewalls". Wir müssen aufpassen, denn manche Leser nehmen diese Formulierungen vielleicht in ihren Alltag mit, und da ist es dann nicht mehr Satire und Spaß, sondern plötzlich bitterer Ernst, und keiner weiß später noch wie es dazu kommen konnte. Zu sagen "Hab ich nicht gewollt" hilft dann auch nicht mehr.
  • CharlotteRath
    am 12.11.2014
    ... die Sicherheit der Menschen- und Bürgerrechte, die Herrschaft des Rechtes, der innere Friede im Lande ..."

    Drum fühlen sich hier auch EUCOM und AFRICOM so wohl, für die wir ja schließlich auch gar keine Verantwortung tragen.

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