In der Villa Rehfus hat die Stadt Kehl ihr Heimatmuseum untergebracht. Foto: Kontext

In der Villa Rehfus hat die Stadt Kehl ihr Heimatmuseum untergebracht. Foto: Kontext

Ausgabe 197
Zeitgeschehen

Kehler Ehrung für Rassisten

Von Werner Schmitz
Datum: 07.01.2015
Sein Denkmal steht in Kehl am Rhein. Dort, wo er als Junge Enten mit dem Vorderlader geschossen hat. Mannshoch ragt der Stein im Auwald. Darauf in Bronze gegossen die Inschrift: "Deutsche Waidmänner ihrem Altmeister Oberländer." Doch wissen die Kehler überhaupt, wen sie da verehren?

Hinter dem Pseudonym Oberländer verbarg sich der Hutfabrikant Carl Rehfus aus Kehl, ein begeisterter Jäger und Vorkämpfer für den deutschen Allround-Jagdhund. Oberländer war Rehfus' Nom de Guerre, wenn er gegen seine Gegner unter den Hundeführern zu Felde zog. Jäger, die die "Bestrafung der Hunde durch den Schrotschuss", für die Rehfus schwärmte, grausam und gefährlich nannten. Giftige Fehden wurden um solche Fragen in Jägerblättern geführt. Darum der Deckname Oberländer. Man wollte schließlich weiter Hüte verkaufen.

Carl Rehfus ist vor fast 90 Jahren gestorben, aber in seiner Heimatstadt immer noch eine bekannte Größe. Der Rehfusplatz und die Oberländerstraße sind nach ihm benannt. "Carl Hans Rehfus-Oberländer, * 1855 † 1926, Gründer der Kehler Hutfabrik, Jagdschriftsteller" steht auf den Straßenschildern. In Deutsch und Französisch. Auf dem anderen Rheinufer, gleich gegenüber von Kehl, liegt Straßburg. Dann ist da noch seine Villa Rehfus, die inzwischen der Stadt Kehl gehört. Allerlei Eurokraten hocken dort. Schließlich steht im Heimatmuseum – in Horrorpose ausgestopft – der Rehfus-Bär. Oberländer schoss ihn einst in Russland.

Das ist eine Menge Rehfus für eine kleine Stadt. Ob die braven Bürger von Kehl wissen, wen sie da verehren? Hoffentlich nicht.

Die Jäger, die ihrem "Altmeister" das Denkmal am Rhein gesetzt haben, feiern Carl Rehfus als eine Art frühen Hundepapst. Oberländers Buch "Die Dressur und Führung des Gebrauchshundes", 1897 erstmals erschienen, erlebte zehn Auflagen. Lange galt "der Oberländer" als Bibel des deutschen Rüdemannss. Heute noch führen Jäger ihren Hund an der Oberländer-Leine, trainieren ihn mit dem Oberländer-Apportierbock. Es soll sogar Jäger geben, die ihrem Hund immer noch ein Oberländer-Stachelhalsband umlegen, wenn er nicht gehorcht.

Auch ein Platz ist nach dem Kehler Rassisten benannt. Foto: Kontext
Auch ein Platz ist nach dem Kehler Rassisten benannt. Foto: Kontext

Noch 2005 würdigte das Jagdmagazin "Wild und Hund" den "Rüdemann mit Pseudonym". Verfasst hatte den Beitrag kein Geringerer als Dr. Werner Petri, langjähriger Vorsitzender des Jagdgebrauchshundevereins "Oberländer" und des Weimaraner-Klubs. Veterinärdirektor Petri glorifizierte den Namensgeber seines Klubs nicht nur, weil Oberländer auf den Gebrauchshund gekommen war. Besonders bemerkenswert fand Doktor Petri Rehfus' Reisen ins Ausland, zum Beispiel nach Ostafrika.

"Über diese Jagdreisen hat er um die Jahrhundertwende hochinteressante Reiseberichte in Buchform veröffentlicht, die auch heute noch lesenswert sind. Darin sind nicht nur Jagderlebnisse aneinandergereiht; sie enthalten auch lebendige Schilderungen über Land und Leute", befand Petri. Ob der gute Doktor Petri gelesen hat, was Oberländer über Afrika schrieb? Hoffentlich nicht.

Rehfus' "lebendige Schilderungen über Land und Leute" kommen dem Straftatbestand der Volksverhetzung verdächtig nahe. Kostprobe: "Etwas anderes als einen Halbaffen habe ich im Neger nie erkennen können, ganz einerlei, ob er im arabischen Hemd, mit Spazierstöckchen in der Hand, als Gigerl auftritt, oder als nackter Träger, wie ein Schimpanse auf der Erde hockend, Mtama (Negerhirse) kaut." Nachzulesen auf Seite 69 des Oberländer'schen Buches "Eine Jagdfahrt nach Ostafrika".

Man muss dieses Werk übrigens nicht als zerlesene Schwarte antiquarisch erwerben. Der Lexikus-Verlag hat alle sieben Bücher des Kehler Hutfabrikanten als Reprint neu aufgelegt. "Oberländers 'Jagdfahrt nach Ostafrika' gehört seit Jahren zu den meistgesuchten Werken der Jagdliteratur", bewirbt der Verlag das Buch, in dem eine Menge Sätze wie dieser stehen: "Ich halte die Schwarzen samt und sonders für eine moralisch und geistig minderwertige Rasse."

Eine Jagdfahrt nach Ostafrika

Nach Deutsch-Ostafrika kam Oberländer im Jahre 1900 durch den Elfenbeinjäger August Knochenhauer. Elf Jahre jagte Knochenhauer schon am Rufiji, als er den in Jägerkreisen wohlbekannten Oberländer nach Deutsch-Ostafrika einlud. Sicher versprach sich der Berufsjäger von Rehfus' allfälligem Reisebericht Ruhm und in der Folge weitere Kunden. Tatsächlich feierte Oberländer in der "Deutschen Jäger-Zeitung" August Knochenhauer nach seiner Rückkehr aus Afrika als den "afrikanischen Lederstrumpf".

Der Berufsjäger gefiel Rehfus auf den ersten Blick: "Ein breitrandiger, verwetterter Schlapphut beschattete ein scharfgeschnittenes, sonnenverbranntes Gesicht und erinnerte im Verein mit Reithosen, Sporenstiefeln und dem unvermeidlichen Kiboko (Flusspferdpeitsche) an die populäre Figur Buffalo Bills." Wozu Knochenhauer seine unvermeidliche Flusspferdpeitsche brauchte, verschwieg Oberländer in der "Jäger-Zeitung". Das erfuhren erst die Leser seines Afrikabuches. Länglich beschrieb der Kehler darin seine Anreise nach Afrika ...

Von Italien ging es per Schiff nach Ägypten, wo Oberländer das Volksleben im Hafen von Port Said studierte. "80 bis 100 schwarze Kerle" brachten ihn völlig aus der Fassung. "In meinem Leben habe ich kein verkommeneres, roheres Gesindel gesehen wie diese Kohlenträger – ein Abschaum der Menschheit, welchen die Hölle aus ihrem untersten Fach ausgespien zu haben schien. Dagegen war doch der ordinärste Pöbel einer europäischen Großstadt die reine Augenweide!"

"Etwas anderes als einen Halbaffen habe ich im Neger nie erkennen können", schrieb Rehfus. Foto: Stadtarchiv Kehl
"Etwas anderes als einen Halbaffen habe ich im Neger nie erkennen können", schrieb Rehfus. Foto: Stadtarchiv Kehl

Natürlich wusste Gebrauchshunde-Pionier Oberländer auch, wie er dieses Volkes Herr werden könnte: "Wie oft habe ich daran gedacht, welche vortreffliche Wirkung hier ein Schuss Bekassinenschrote auf 60 Gänge haben müsste. Denn zu bändigen ist das Gesindel durch kein Mittel, auch nicht durch Stockhiebe, die auf diesen mauerharten Schädeln ganz wirkungslos abprallen."

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. "Höchstens der echte, afrikanische Kiboko (Flusspferdpeitsche) – wenn er, im hohen F pfeifend, die Luft durchschwirrt, vermag sich Achtung zu verschaffen. Leider lernt man aber dieses treffliche Mittel zur Verbreitung europäischer Sitte und Disziplin erst kennen, wenn man weiter in den schwarzen Kontinent eingedrungen ist!"

Zum Beispiel, als Kamerad Knochenhauer das Kommando über Oberländers "Boy" Fikerini übernahm. Als der Bursche nicht spurte, versetzte der Elfenbeinjäger ihm eine Ohrfeige. Oberländer war begeistert. "Im nächsten Augenblick rollierte er gleich einem auf den Kopf geschossenen Hasen ... und der wuchtigen Ohrfeige folgten pfeifende Hiebe mit Knochenhauers Reitpeitsche ... und als der treue Fikerini einige Tage später im Lager noch einmal gründliche Bekanntschaft mit dem Kiboko (der schweren Nilpferdpeitsche) gemacht hatte, war auch der letzte Rest von Dickköpfigkeit verschwunden."

Von Stund an war Carl Rehfus ein Freund der Flusspferdpeitsche. "Der Neger ist nur brauchbar, solange der Kiboko über ihm schwebt! Die Furcht muss die Schwarzen regieren", postulierte er und machte sich am Ende für den weltweiten Einsatz dieser Wunderwaffe stark. "Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und bekenne mich zu der Ansicht, dass auch bei uns in Europa der Kiboko in manchen Fällen segensreich wirken würde." Obstbaumabknickern gehörten 25 Hiebe aufgezählt, Schlingenstellern 50, fand Oberländer.

Weil ihm die Gelegenheit günstig erschien, wollte der rheinische Fabrikbesitzer auch dem heimischen Klassenfeind noch einen Seitenhieb verpassen. "Man sollte mal eine Wagenladung dieser sozialdemokratischen Gleichheitsapostel nach dem Land der Schwarzen exportieren, damit sie dort ihre Lehren praktisch erproben", schlug Rehfus vor. "Ich bin überzeugt, dass sie mit abgeschnittenen Ohren zu ihren Gesinnungsgenossen zurückkehren würden und von ihrer schwarzen Bruderliebe gründlich geheilt wären!" Denn: "Der Weiße muss in Afrika als das auftreten, was er nach der Quartier- und Rangliste der Natur ist, als Herr und Herrscher."

Nomen est omen – mit Knochenhauer auf Pirsch

Gejagt hat Oberländer in Afrika auch. Für die Safari hatte er sich eigens ein neues Schussbuch zugelegt. Diese Reliquie des Hundepapstes wird im Archiv der Stadt Kehl aufbewahrt. Vom Schildraben bis zum Leoparden hat Rehfus seine Jagdbeute samt Erlegungstag und -ort eingetragen. Auch die Hartebeests, die Knochenhauer zunächst als Termitenhügel angesprochen hatte. Oberländer mochte das nicht glauben. Was dann folgte, schildert er so: "'Ach was', entgegnete ich, 'zu was haben wir unsere Repetierbüchsen eigentlich mit herübergeschleppt. Wir sind doch in keinem deutschen Wildpark sondern in der afrikanischen Buschsteppe; ein Bauer wird wohl nicht hinter dem Busch sitzen.' Ich hielt kurz entschlossen auf den 'Termitenhügel' und ließ fliegen. Auf den Knall machte das rote Ding eine mächtige Lancade und brach, wie sich später ergab, mit gutem Blattschuss in rasender Flucht durch den Busch. Heißa – jetzt kam Leben in den Buschwald – ein ganzes Rudel Wild wurde drüben füchtig! ... Im Laufschritt eilten wir auf den Wald los. 'Hartebeeste!', rief Knochenhauer; 'sie sind nicht weit geflüchtet!' Als wir den Busch erreichten, trollte das Rudel zerstreut, etwa 100 Gänge vor uns her. Ein Stück hatte ich schräg von hinten auf einer Blöße frei. Auf meinen Schuss brach es nieder, wurde aber alsbald mit zerschossener Keule wieder hoch und flüchtete quer vorüber. Eine zweite Kugel wurde nötig. Doch da drüben wird überm Unterholz in voller Flucht ein weiteres Stück sichtbar; mit krumm gezogenem Rücken zeichnet es auf meinen Schuss waidwund. Eine zweite Kugel, die ich durch den Buschwald nachsende, geht fehl, eine dritte vorbei. Bei meinen Gefährten kracht es in der gleichen Zeit sieben- bis achtmal, einzelne Geschosse heulen, wahrscheinlich an Stangen querschlagend, durch das Holz – das schönste Infanteriegefecht kann sich nicht wirkungsvoller anhören als diese afrikanische 'Hochwildjagd'".

Unter dem Pseudonym Oberländer haben die Kehler Refus sogar ein Denkmal gesetzt. Foto: Kontext
Unter dem Pseudonym Oberländer haben die Kehler Refus sogar ein Denkmal gesetzt. Foto: Kontext

Die Nachsuche auf die krankgeschossenen Kuhantilopen überließ man den Hyänen. Gefallen habe ihm dieses Gemetzel nicht, schrieb Oberländer. Er sei schließlich kein "englischer Wildvertilger". Und deutsche Waidmänner tun so was nicht. "So zieht ein Gefühl tiefer Scham durch ihre Brust! Kein Waidmannsheil – kein deutscher Jägergruß wird ausgetauscht! Fühlt doch jeder, dass die ehrwürdigen deutschen Jagdgebräuche, welche das deutsche Waidwerk zum ersten der Welt machten, nichts gemein haben mit dieser grauenhaften Wildschlächterei!"

Afrikanisches Maultier versus preußischen Ulanen

Oberländer schoss noch drei Rappenantilopen, fing zwei Leoparden mit dem Tellereisen, hisste die schwarz-weiß-rote Fahne auf dem Safarizelt und sah beim Auspeitschen der Afrikaner zu. Keinen Büffel konnte Rehfus in sein Schussbuch eintragen, keinen Löwen und keinen Elefanten – weil er vom Maultier fiel und sich das Knie verrenkte. Für den ehemaligen preußischen Ulanen Carl Rehfus war das mehr als peinlich. Eine wilde Geschichte um gelockerte Sattelgurte, schleichende Löwen und durchgehende Maultiere, die der Dichter zu seiner Entschuldigung erzählte, machte die Sache nicht viel besser.

Mit geschwollenem Knie musste Oberländer die Safari abbrechen und nach Daressalam zurückkehren. Unterwegs überfiel ihn das Fieber. Mit Malaria wurde er ins Krankenhaus eingeliefert und kehrte schließlich per Schiff nach Deutschland zurück. Nicht ohne sich über die "Halunkengesichter" afrikanischer Seeleute, Frühstücksgewohnheiten der Engländer und die französischen Offiziere an Bord zu erregen. "Die Manieren und das Exterieur dieser Herren blieben, nach meinem Ermessen, hinter den Lebensgewohnheiten der meisten deutschen Unteroffiziere zurück." Seinen Jagdführer, den Peitschenschwinger Knochenhauer, sah er nie wieder.

Knochenhauer starb kurz nach Oberländers Abreise an dem, was man damals Schwarzwasserfieber nannte, einer besonders schweren Form der Malaria. August Knochenhauer hinterließ ein Manuskript, das er "Aus dem Tagebuch eines Elefantenjägers" genannt hatte. Über Knochenhauers Bruder gelangte der Text in Oberländers Hände. Der nahm das ganze Manuskript in sein Afrikabuch auf. So konnte er seine spärlichen Jagderlebnisse mit den Erfahrungen des Berufsjägers anreichern.

Nach Afrika ist Carl Rehfus nie zurückgekehrt. Er starb 1926 in seiner Heimatstadt Kehl, sieben Jahre, bevor ein Rassist seines Schlages in Deutschland an die Macht kam. Kein Wunder, dass der Jagdgebrauchshundeverein "Oberländer" während der folgenden 100 Jahre gegründet wurde. Seine Mitglieder waren es auch, die "ihrem Altmeister Oberländer" 1955 zum 100. Geburtstag in Kehl das Denkmal setzten. 

 

Foto: privat
Foto: privat

Von 1989 bis 2007 arbeitete Werner Schmitz als Reporter im Inlandsressort des "Sterns". 1994 wurde sein Bericht über den gewaltsamen Tod eines deutschen Juden für den Egon-Erwin-Kisch-Preis nominiert. Heute lebt der 66-Jährige als Schriftsteller in Bochum. Dass die Kehler Bürger die Ehrungen eines rassistischen Mitbürgers heute noch so gleichgültig hinnehmen und sich nicht wehren gegen Straßen und Plätze, die seinen Namen tragen, empört den Bochumer Journalisten.

 

 

Der Artikel enstammt dem Buch "Auf Safari. Legendäre Afrikajäger von Alvensleben bis Zwilling" von Rolf D. Baldus und Werner Schmitz, 2014.


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